03.07.2006

PILLEN AUF REISEN

WARUM DEUTSCHE PATIENTEN UND KASSEN FÜR IDENTISCHE MEDIKAMENTE MEHR BEZAHLEN MÜSSEN ALS IN ANDEREN LÄNDERN
Das deutsche Gesundheitswesen gebiert merkwürdige Geschäftsmodelle. So lebt Jörg Tessmer, Chef der Firma Emra-Med in Trittau bei Hamburg, gut davon, dass Pillen und Tropfen in kaum einem Land so teuer verkauft werden dürfen wie in Deutschland: Tessmer importiert Originalpräparate der Pharmahersteller aus günstigen Ländern wie Griechenland oder Italien.
Die Firma Sanofi-Aventis zum Beispiel stellt das Antithrombosemittel Plavix (Platz vier der umsatzstärksten Medikamente in Deutschland) in Werken in Frankreich und Großbritannien her und lässt es an die Großhändler in den verschiedenen europäischen Ländern ausliefern. 28 Tabletten des Medikaments kosten Tessmer im deutschen Großhandel 53,25 Euro, im griechischen aber nur 43,06. Also kauft Tessmer möglichst viel beim griechischen Großhändler, was meistens nicht viel ist, weil die Hersteller nur knapp bemessene Mengen nach Griechenland liefern, um Leute wie Tessmer auszumanövrieren. Den Rest bezieht er aus Ländern, in denen der Stoff nicht ganz so billig ist, wie Großbritannien, Schweden und den Niederlanden. 30-Tonner bringen die Pillen dann palettenweise ins Emra-Med-Umpackwerk Osterburg in Sachsen-Anhalt. "Oft fährt genau derselbe Lkw, der im Auftrag von Sanofi-Aventis die Arzneien nach Athen gebracht hat, sie in unserem Auftrag wieder zurück nach Sachsen-Anhalt", sagt Tessmer. Dort beschäftigt er 350 Mitarbeiter, die den Beipackzettel austauschen und einen deutschen Aufkleber auf die Packung pappen. Danach liefert er die Ware an den deutschen Großhandel.
Die weitgereisten Tabletten kosten nun 74,53 Euro, nachdem Großhändler, Spediteure und Importeure daran verdient haben - immer noch billiger als das direkt nach Deutschland gelieferte Produkt.
Bei den Arzneipreisen zeigt sich besonders deutlich der Irrsinn des deutschen Gesundheitssystems. Alles wird bis ins Allerkleinste festgelegt - wirklich entscheidende Punkte wie die Regulierung der Abgabepreise der Industrie werden aber in weiten Teilen ausgespart. "In der Mehrzahl der Industrieländer ist sowohl die Erstattungsfähigkeit durch die Kassen als auch die Preisbildung von Arzneimitteln wesentlich stärker durch staatliche Eingriffe geprägt als in Deutschland", sagt Professor Reinhard Busse, Leiter des Fachgebiets Management im Gesundheitswesen an der Technischen Universität Berlin.
In vielen Ländern von Griechenland bis Spanien gibt es staatliche Mechanismen zur Preisfestsetzung. In Großbritannien gibt es eine staatliche Gewinnkontrolle der Unternehmen, in Schweden und Frankreich erstatten die Kassen nur Medikamente, die auf einer Positivliste stehen. Einige Länder haben dazu niedrigere Steuersätze und Handelsspannen. "Deutschland ist das einzige größere Land in Europa, in dem die Pharmaindustrie völlig frei über den Preis entscheidet", sagt der Bremer Pharmaexperte Gerd Glaeske. Festbeträge, die es für eine Reihe Wirkstoffe gibt, reichten nicht. Fakt jedenfalls ist: In der italienischen Apotheke kosten 30 Milliliter des Schizophrenie-Medikaments Risperdal 33 Euro, in Deutschland ist für das vielverschriebene Neuroleptikum fast das Doppelte fällig, 61,29 Euro.
Offenbar vertrauen auch deutsche Verbraucher besonders gläubig der Pharmaindustrie - und zahlen selbst für ein Allerweltsmittel wie Aspirin Mondpreise. Das Methusalem-Produkt, immer noch Umsatzrenner beim Leverkusener Pharmakonzern Bayer, wird für den europäischen Markt in Bitterfeld hergestellt. 20 Tabletten Aspirin aus Bitterfeld kosten in Griechenland dank staatlicher Preisfestsetzungen 50 Cent, in Deutschland aber 4,64 Euro.

DER SPIEGEL 27/2006
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