03.07.2006

WOHLTÄTERMilde Gabe

Zwei Selfmade-Milliardäre werfen ihr Vermögen zusammen - nun kann die Gates-Stiftung noch mehr Gutes tun.
Es war die Mutter von Bill Gates, die im Jahr 1991 die beiden Männer zusammenbrachte. Ihr Sohn hatte eigentlich nicht die geringste Lust, "den ganzen Tag mit einem Typen zu verbringen, der sich bloß um Aktien kümmert", erinnerte sich der Microsoft-Gründer später: "Worüber sollten wir denn reden - etwa über Preis-Gewinn-Verhältnisse?"
Es kam anders, Gates und Warren Buffett verstanden sich auf Anhieb und wurden über die Jahre gute Freunde. Das Software-Genie und der Investment-Guru traten zum Beispiel gemeinsam bei einem Bridge-Turnier in Omaha an, die beiden Kartenspieler am Tisch sahen aus wie ein freundlicher Rentner und ein mittelalter High-School-Lehrer.
15 Jahre nach dem ersten Treffen führt die ungewöhnliche Freundschaft zu einem der erstaunlichsten und wertvollsten Geschenke nicht nur in der amerikanischen Geschichte:
Mit seiner 32-Milliarden-Dollar-Gabe an die Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung - und weiteren Milliarden für karitative Projekte seiner Familie - wird Buffett vom Vorzeige-Kapitalisten zum wahrscheinlich größten Wohltäter der Welt.
Schon in seinen Zwanzigern, als er seine ersten kleinen Investments tätigte, habe er geplant, sein künftiges Vermögen später an die Gesellschaft zurückzugeben, erzählte Buffett, 75: "Meine Frau hat mich für verrückt gehalten."
Mit dem Geld hätte er in seiner Heimatstadt Omaha eine Buffett-Universität eröffnen können, die besser als Harvard ausgestattet wäre. Er hätte eine eigene Stiftung gründen können, um dann mit Gates um den Titel des größten Philanthropen zu konkurrieren, so wie einst Öl-Tycoon John D. Rockefeller, der seine Rockefeller-Foundation bewusst mit 450 Millionen Dollar ausstattete - 100 Millionen mehr als Stahlbaron Andrew Carnegie, der bis dahin als großzügigster unter Amerikas Tycoonen gegolten hatte ("Wer reich stirbt, stirbt in Schande").
Buffett hätte sein Vermögen auch einfach seinen Kindern vermachen können. Doch dieser Milliardär ist ein Anhänger der Chancengleichheit, er findet die Idee unerträglich, dass viele Generationen einer Familie nichts mehr leisten müssen, "bloß weil sie glückliche Mitglieder des richtigen Spermaclubs sind".
800 Millionen Dollar jährlich gibt die Gates-Stiftung schon heute für die Bekämpfung von Plagen wie Aids, Malaria und Tuberkulose aus - das entspricht in etwa dem Jahresbudget der Weltgesundheitsorganisation oder den Ausgaben der USA zur Eindämmung von Infektionskrankheiten. Buffetts Spende verdoppelt das seit Mitte der neunziger Jahre angesammelte Stiftungsvolumen und macht Gates endgültig zu einem der wichtigsten Akteure in der Dritten Welt - ein Wohltäter, der seine Entscheidungen vor niemandem rechtfertigen muss: "Wir können 100 Millionen Dollar in ein Projekt investieren, und wenn es scheitert, wird keiner gefeuert", sagt der Microsoft-Chef.
Er erwartet, dass Buffetts Milliardenspende zum Ansporn für Amerikas Superreiche wird: "Ich hoffe, dass wir in Sachen Wohltätigkeit einen Anstieg erleben und dass die Leute ihren Reichtum zurückgeben", meinte er. Die Chancen in Amerikas rasch wachsender Milliardärsklasse stehen nicht so schlecht. Gründer von Dell bis Ebay und Google haben bereits beachtliche Stiftungen eingerichtet. "Spenden ist das, was inzwischen von einem erwartet wird", sagt der Chef der Carnegie-Foundation, Vartan Gregorian.
Als bürokratisch und wenig wirksam wurde zuletzt die staatliche Entwicklungshilfe kritisiert. Aber können Unternehmer mit businessähnlichen, ergebnisorientierten Methoden am Ende mehr erreichen?
Längst gibt es auch etliche Einwände gegen die Philanthropen. Die Gates-Foundation habe zu viel Geld in die Erforschung von Impfstoffen gesteckt und zu wenig in schon heute lebensrettende Maßnahmen wie Moskitonetze, beklagen etwa Entwicklungshelfer. Gates hält den Streit für einen "gesunden Dialog" und hat begonnen, seine Projekte zu variieren: Seit 18 Monaten gibt es zum Beispiel ein Programm für Kleinkredite, dessen Nutznießer sich für 50 Dollar einen Webstuhl kaufen und damit eine Existenz aufbauen können.
Gates und Buffett: Zwei ungleiche Partner haben sich da gefunden, Männer, die eigentlich nichts eint, außer dass sie Selfmade-Milliardäre sind. Der eine, Buffett, wohnt noch immer im selben grauverputzten Haus, das er 1957 als 27-Jähriger für gut 30 000 Dollar in seinem Geburtsort Omaha, Nebraska, kaufte. Der andere, Gates, legte sich ein 3700 Quadratmeter großes Gebäude-Ensemble bei Seattle zu, das mit 125 Millionen Dollar bewertet wird - eine futuristische Villa Kunterbunt, in der 82 Kilometer Kabel liegen und sich die Badewanne automatisch füllt, wenn der Hausherr auf dem Heimweg ist.
Hier ein Tüftler und Programmierer kompliziertester Software, dort ein Mann mit simpler Investmentstrategie. "Frag niemals den Friseur, ob du einen Haarschnitt brauchst", ist eine der Weisheiten Buffetts.
Das "Orakel von Omaha" ist mit solchen Sprüchen, vor allem aber mit dem rasanten Wertzuwachs seiner Finanzgesellschaft Berkshire Hathaway zum wohl erfolgreichsten und vielleicht auch beliebtesten Investor der Welt geworden. Er ist Großaktionär etwa bei Coca-Cola und American Express. "Man sollte nur in Unternehmen investieren, die auch ein Verrückter leiten kann", sagt Buffett, "denn eines Tages wird genau das eintreten."
Auch künftig will er lieber nach günstigen Investitionsmöglichkeiten als nach Impfstoffen suchen. Die Entscheidung, wofür seine Spende genutzt wird, überlässt er Gates und dessen Frau. Denn seine Firma Berkshire Hathaway zu verlassen, das wäre ungefähr so, "als würde ich Cherry Coke und Hamburger aufgeben", sagt Buffett, "und das wird auf keinen Fall passieren". FRANK HORNIG
Von Frank Hornig

DER SPIEGEL 27/2006
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