03.07.2006

Apatsche in der Patsche

Von Wolf, Martin

Nach der Wende wurde DDR-Chef-Indianer Gojko Mitic gesamtdeutscher Winnetou. Jetzt reitet er in die ewigen Jagdgründe.

Viele Monde sind vergangen, seit Winnetou zum ersten Mal ins Präriegras biss: Karl Mays Roman "Winnetou III", in dem der edle Häuptling der Apatschen tödlich verwundet wird, erschien 1893. Aber Winnetou darf nicht sterben, selbst wenn er wollte.

Gojko Mitic, 66, stapft in die Sägemehl-Arena von Bad Segeberg, Norddeutschlands Indianerreservat, zur Probe von "Winnetou III". Er versucht Würde auszustrahlen, auch ohne Kostüm. Statt der üblichen Wildlederkluft trägt er heute ein Fußballtrikot, das deutsche, ein Geschenk von Fans. Auf der Rückseite, über der Nummer 1, steht allerdings nicht "Winnetou", sondern "Mitic". Doch das ist fast das Gleiche.

Seit über 40 Jahren ist Gojko Mitic hauptberuflich Indianer: 1964 begann der gebürtige Serbe als Apatschen-Statist im westdeutschen Kinofilm "Old Shatterhand". Dann warb ihn die DDR an und beförderte ihn sofort zur Chef-Rothaut. "Ich war neugierig auf die Zone", sagt Mitic, und das Zonen-Publikum war neugierig auf Mitic. Gleich der erste DDR-Western mit ihm in der Hauptrolle, "Die Söhne der großen Bärin" (1966), wurde in ganz Osteuropa ein Riesenerfolg. "Weiter so, weiter so", lobte SED-Chef Walter Ulbricht. 1968 zog Mitic nach Ost-Berlin. Er drehte einen Indianerfilm nach dem anderen, in der Mongolei, im Kaukasus, auf Kuba; er verkörperte für viele DDR-Bürger Freiheit und Abenteuer, ein Held im Kollektiv.

Seit 1992 spielt Mitic jeden Sommer den Winnetou bei den Segeberger Karl-May-Spielen; tausendmal die Silberbüchse laden, Friedenspfeifen rauchen und, ohne zu lachen, deklamieren. "Deine Stimme ist kalt wie ein zugefrorener See im Winter." So heißt es auch dieses Jahr, wenn Mitic endgültig Abschied nehmen wird von Bad Segeberg.

"Die Indianer lassen mich nicht los", sagt Mitic, den Bühnentod vor Augen. 72-mal wird Winnetou in diesem Sommer sterben, donnerstags, freitags und samstags sogar zweimal pro Tag. Ob dann wirklich Schluss ist? In diesen Tagen wurde im brandenburgischen Templin, der Heimat von Angela Merkel, das "Eldorado" neu eröffnet, eine Westernstadt für Touristen. Die Betreiber denken auch über Indianerfestspiele wie in Bad Segeberg nach. Gojko Mitic war auch schon dort. "Der Saloon ist echt", schwärmt er. Aber dort auftreten? "Ich glaube nicht", sagt Mitic.

Dementis klingen anders. Winnetou will weiterleben. Was soll er auch sonst tun? MARTIN WOLF


DER SPIEGEL 27/2006
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