10.07.2006

SATIRE„Unheimlich geärgert“

Eine missratene Polemik in der „taz“ schlägt hohe Wellen. Polens Präsident Lech Kaczy'nski ist beleidigt, seine Regierung spricht von Hetze in Nazi-Manier.
Zu Wochenanfang ging es Lech Kaczynski (Kaczyński), 57, gar nicht gut. Etwas in ihm rebellierte, der Magen-Darm-Trakt, wie es hieß.
In diesem Zustand konnte der polnische Staatspräsident unmöglich Angela Merkel und Jacques Chirac wie geplant am 3. Juli treffen. Die sechste Runde des "Weimarer Dreiecks", das Deutschland, Polen und Frankreich für gemeinsame Konsultationen geschaffen haben, wurde abgeblasen. "In drei bis acht Wochen", verlautete aus Warschau, sei Kaczynski wieder bereit.
Die Gesundheitsprobleme des obersten Polen erwiesen sich jedoch eher als diplomatische Verstimmung. Kaczynski war nur mental übersäuert, und zwar gründlich. Eine Satire in Deutschlands kleinster überregionaler Zeitung "taz" hatte ihn gekränkt, und sein Sprecher erklärte denn auch unumwunden, der Chef habe sich über den am 26. Juni veröffentlichten "beleidigenden" Text "unheimlich geärgert".
"Ekelhaft und gemein" sei der gewesen, legte Kaczynski höchstpersönlich nach, als er vergangenen Freitag plötzlich quicklebendig wieder auftauchte - kurz bevor auch Ministerpräsident Kazimierz Marcinkiewicz sich meldete und für eine noch größere Überraschung sorgte.
Der Premier kündigte, ohne Angabe von Gründen, seinen Rücktritt an. Die Chemie im Kabinett habe nicht mehr gestimmt, vermuteten Beobachter; ein Zusammenhang mit dem "taz"-Scharmützel jedenfalls sei auszuschließen. Als Nachfolger einigte sich die Regierungspartei PiS sogleich auf Kaczynskis (Kaczyńskis) Zwillingsbruder Jaroslaw, dessen wahrscheinliche Berufung die Machtfülle der Familie nun komplettieren dürfte.
Die Demission lenkte vom Skandal der Woche ab, der auf einem hämischen Artikel der "taz"-Satireabteilung "Die Wahrheit" beruhte. Dieses Ressort für Nonsens, Parodien und ironische Stilübungen rempelt oft und gern Prominenz an, mal elegant, mal grobschlächtig wie im Fall des nationalkonservativen Kaczynski. Den sortierte die Redaktion ein in ihre Rubrik "Schurken, die die Welt beherrschen wollen", und der Verfasser holte den Schlagbohrer raus.
Von Kaczynskis "schwarzem Weltbild" schrieb er, "in dem seit dem Mittelalter jeder Deutsche auf vollen Pferden gen Osten sprengt". Der Juraprofessor habe im Gefängnis gesessen "bei verdünntem Wasser und mit Reißnägeln gebackenem Brot" und "moppelte" sich durch zum Justizminister, "der mit allen Gesetzen gewaschen war".
Fazit, in Anspielung auf Vorbehalte der Kaczynskis gegen Homosexuelle: "Dass die zwei vorn wie hinten sauber sind, haben sie bewiesen: Lech, der öffentliche Hinterteile an Warschaus Männern mehrmals verbot, mehr noch Jaroslaw, der mit der eigenen Mutter zusammenlebt - aber wenigstens ohne Trauschein."
Die plattfüßige Polemik wirkte erst, nachdem sie im Pressespiegel des polnischen Außenministeriums erschienen war. Der zuständige Referent wurde gefeuert, Außenministerin Anna Fotyga warf der linksliberalen "taz" Methoden des Nazi-Organs "Der Stürmer" vor.
Manche Passagen seien in der Tat "besonders geschmacklos", gestand Chefredakteurin Bascha Mika. Dennoch kam die Aufregung gelegen: Immerhin echauffierte sich da der Chef von 39 Millionen Polen - und brachte die "tageszeitung" gratis ins Gespräch.
Der Vorfall knüpft an den Aufruhr um die Mohammed-Karikaturen im dänischen "Jyllands-Posten" an, die Anfang des Jahres Muslime zur Weißglut brachten: Auch die polnische Reaktion zeigt gravierende Unterschiede im Verständnis von Pressefreiheit
- und die Empfindlichkeiten jener, die zu Zielscheiben all dessen werden, was gelegentlich unter der Rubrik Humor läuft.
Die "taz" hat die Kaczynskis schon länger auf dem Kieker. Ihre Warschauer Korrespondentin Gabriele Lesser hatte im September 2005 deren Nationalismus gegeißelt, und die Berliner Zentrale hatte leichtfertig das Wort "Antisemit" in die Textankündigung gefügt. Damals schäumte vor allem Polens Presse, denn der Antisemitismusvorwurf ist barer Unsinn.
Auch diesmal führten Boulevardblätter stramme Gegenattacken ("Die Satire stammt von einer Horde vielrassiger Pinscher"), während die renommierte "Gazeta Wyborcza" vor allem mehr Souveränität anmahnte: "Ein Staatsoberhaupt sollte sich nicht mit solchen Lappalien abgeben!"
Dem aber mangelt es offenbar an Gelassenheit. Allerdings reagieren auch hiesige Parteispitzen dünnhäutig auf Satiren, wenn die Gürtellinie unterschritten scheint. Wo Meinungsfreiheit endet, ist bis heute strittig; klar ist nur, dass Grenzen existieren. Fallweise entscheiden die Gerichte.
Erst vergangene Woche leitete SPD-Chef Kurt Beck Schritte gegen das Satiremagazin "Titanic" ein, weil auf dem Titelblatt sein Foto prangte mit der Überschrift: "Problembär außer Rand und Band! Knallt die Bestie ab!" Letztlich kann sich die "Titanic" bei Beck bedanken: Die juristische Intervention machte den strittigen Titel landesweit zum Thema.
Auch bei der seit Jahren mit Lesermangel und vor allem Bedeutungsschwund kämpfenden "taz" ergriff man Kaczynskis aufgeregte Steilvorlage nur zu gern: "'taz'-Satire wird Staatsaffäre" titelte das Blatt sogleich stolz am vorigen Mittwoch, um dann den Rest der Woche Honig zu saugen aus den "Verstimmungen", die eigene bedeutsame Rolle herausstreichend.
Die Zeitungsmacher waren offenbar nicht sonderlich interessiert, die Situation zu entschärfen. Lieber legten sie eine Schippe nach, mit schuljungenhafter Anmache ("Liebe Kartoffel") und mit einem bierernsten Kommentar: Das Verhalten der polnischen Führung, dozierte Mika da, zeige ein "antimodernes, autoritäres Staatsverständnis" und "totalitäres Denken".
Natürlich sei dies keine Eskalationsstrategie gewesen, um den Streit am Leben zu halten, beteuert die in Polen geborene Chefredakteurin. Nur, es gehe jetzt nicht mehr um die Frage, was Satire dürfe, sondern um noch Grundsätzlicheres: "Wer als Person des öffentlichen Lebens keinerlei Kritik zulassen will, der hat die Pressefreiheit nicht verstanden." Solch ein Fehlverhalten müsse "einfach hart angegangen werden".
Die "taz"-Leute sind nicht die Ersten, die für Empörung unter Nachbarn sorgen. Monatelang provozierte Entertainer Harald Schmidt in den neunziger Jahren mit plumpen Polen-Witzen. Hierzulande sorgte im Frühjahr die britische Boulevard-Tröte "Sun" für Aufregung, als sie Paparazzo-Fotos der halbnackten Kanzlerin Merkel druckte. Manche hielten das für eine späte Rache: Der SPIEGEL hatte im Mai 2002 die bröckelnde britische Monarchie in einem Titel beschrieben, der auf der Insel für ähnliche Entrüstung sorgte.
Lech Kaczynski ist auf hiesige Medien ohnehin schlecht zu sprechen. "Ich verfolge mit Interesse, was die deutsche Presse schreibt. Das dient allem, nur nicht der deutsch-polnischen Aussöhnung", leitete er sein SPIEGEL-Gespräch Anfang März ein. Hinzu kommen aktuelle politische Juckpunkte, die auf alte Ängste verweisen - auf bittere Erfahrungen einer Nation, die sich als ewige Reibefläche zwischen den übermächtigen Russen und Deutschen fühlt und, oft genug, auch deren Opfer war. Die geplante deutsch-russische GasPipeline etwa, die durch die Ostsee um Polen herumführen soll, wurde sogar schon mit dem "Hitler-Stalin-Pakt" verglichen.
Ähnlich überdreht reagiert auch Polens Presse gelegentlich. Nachdem von deutscher Seite ein "Zentrum gegen Vertreibungen" angeregt worden war, das nach Ansicht von Kritikern die deutsche Opferrolle fragwürdig betonen könnte, druckte das Magazin "Wprost" 2003 eine reichlich derbe Fotomontage.
Sie zeigte Kanzler Gerhard Schröder auf allen Vieren, geritten von Erika Steinbach, der Präsidentin des Bundes der Vertriebenen - als Domina in Nazi-Uniform.
RÜDIGER FALKSOHN, THOMAS SCHULZ
Von Rüdiger Falksohn und Thomas Schulz

DER SPIEGEL 28/2006
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