10.07.2006

SERBIEN„Absturz in die Hölle“

Es ist kein gutes Jahr für Belgrad: Montenegro verloren, das Kosovo drängt in die Unabhängigkeit. Und nun auch noch die Fußballkatastrophe in Deutschland.
Ein Geschenk für Ihre Bundeskanzlerin. Bitte schön, es kostet nichts." Der struwwelköpfige Händler im Belgrader "Pionierpark" wickelt eine gelbe Porzellantasse aus und stellt sie vor sich auf einen Karton. Darauf steht: "Das Leben unserer Helden könnt ihr nehmen, aber nicht unser Land."
Was soll unsere Bundeskanzlerin mit der patriotischen Kaffeetasse?
"Sie soll begreifen, dass sich ein großes Volk nicht nach Belieben herumstoßen lässt."
Ein Satz wie aus dem Ei gepellt. Aber die Prämisse ist falsch. Das serbische Volk ist blindwütig ins Abseits gestürmt. Jetzt
hockt es am Rande Europas und nimmt übel.
Richtig ist: 2006 war bislang kein gutes Jahr für Serbien. Selten, dass ein Volk in Friedenszeiten so viele Nackenschläge und Blamagen in so kurzer Zeit einstecken muss.
Anfang März schlug die Europäische Union die Tür vor den Serben zu. Die Gespräche über eine Annäherung an die EU wurden fristlos verschoben. Das ist die Strafe dafür, dass die Regierung von Ministerpräsident Vojislav Kostunica die Auslieferung von Ex-General Ratko Mladic hintertreibt, der für den Massenmord an fast 8000 Muslimen im bosnischen Srebrenica verantwortlich gemacht wird.
Am 20. März liefen die hässlichen Fernsehbilder von der Trauerfeier für den verstorbenen Despoten Slobodan Milosevic um den Globus. Im Mai sagte sich Montenegro von Serbien los.
Dann noch die serbische Fußballkatastrophe in Deutschland: 0:1 gegen Holland, 0:6 gegen Argentinien, 1:2 gegen die Elfenbeinküste. Die Belgrader Zeitung "Politika" fasste nach dem Argentinien-Spiel ihre Trauer über das Fiasko in einer bitterbösen Karikatur zusammen: ein leeres Fußballtor und davor sechs Grabsteine. Das Massenblatt "Blic" schrieb: Was man derzeit erlebe, das sei "ein Absturz in die Hölle". Tiefer könne ein Team nicht fallen.
Die Saison 2006 ist noch nicht zu Ende. Und auch nicht Serbiens Selbstauflösung. Als Nächstes steht die Entscheidung über die Zukunft der Provinz Kosovo auf dem Spielplan. Sie wird wohl auch mit einem Austritt aus der Republik Serbien enden. Und dann kommt noch die autonome Provinz Vojvodina. Sie ist ebenfalls von Separatismus bedroht. Kein Zweifel, die Balkanisierung hat den Balkan wieder.
Doch auch die Europäische Union, die sich als Ordnungsmacht auf dem Balkan versteht, hat sich tüchtig verstolpert. Javier Solana, der Chefdiplomat der EU, hat jetzt genau den sezessionistischen Dominoeffekt, den er vermeiden wollte. Und mit Montenegro nun noch einen Kleinstaat mehr, der in die EU drängt.
Serbien, so hat der österreichische Dichter Peter Handke geschrieben, sei "das verlorenste Land Europas". Handke liegt mit seinen politischen Urteilen fast immer neben der Wirklichkeit. Aber wo er recht hat, hat er recht, der "Serbenpitter", wie ihn Spötter nennen.
Kein Licht am Ende des Tunnels? Der letzte Politiker, dem man es zugetraut hätte, Serbien aus der Finsternis herauszuführen, war der Pro-Europäer Zoran Djindjic. Er bekämpfte den Filz und ließ Milosevic an das Haager Kriegsverbrecher-Tribunal ausliefern. 2003 wurde er mit mehreren Schüssen ermordet. Der Mordbefehl kam aus dem Sumpf, den er hatte trockenlegen wollen.
Der pensionierte Universitätsprofessor mit dem KP-Abzeichen am Revers, der im Schriftstellerclub an der Franzuska 7 seine Melancholie im Rotwein ertränkt, glaubt, dass ein Ereignis vom Format der Schlacht auf dem Amselfeld kommen muss, um Serbien die nationale Würde zurückzugeben. Was auch immer er damit meint.
Die Schlacht auf dem Amselfeld hat in der vaterländischen Mythologie der Serben ein höheres Ranking als in der deutschen die Schlacht im Teutoburger Wald. Fürst Lazar führte dort am 28. Juni 1389 ein Heer von 30 000 Rittern und Soldaten gegen 70 000 Türken. Und verlor.
Von nationalistischen Schwärmern wird die serbische Pathogenese bis zur Unkenntlichkeit aufgeschäumt. Kein größer
Leid in dieser Zeit. Sie nehmen für sich in Anspruch, dass sie mit ihrem heroischen Kampf gegen die Türken genug Vorleistungen für die europäische Idee erbracht haben, und nun kommen Rumänien und Bulgarien eher in die EU als Serbien.
Im Haus des Schriftstellerclubs fabuliert die emeritierte Belgrader Geisteselite bei rotem Vranac gern über ihre Visionen und über die gute alte Zeit. Man kann sich hier auch auf gebildete Weise über die serbischen Miserabilien und ihre vermuteten Ursachen belehren lassen. Und über den serbischen Opfergang als Folge der Verschwörung, mit der die Europäer das Opfer Serbien schon vor dem Zweiten Weltkrieg drangsaliert hätten, wie man hier meint.
In der Tito-Zeit war der Schriftstellerclub das Epizentrum der politischen Ketzerei. Inzwischen hat er seinen rebellischen Charme weitgehend verloren. Politisch ist ja heute fast alles erlaubt in Serbien.
Der Kammerton in den Parolen der drei krakeelenden jungen Männer vor dem Brautkleidverleih gegenüber ist der gleiche wie in der Konversation im Schriftstellerclub. Nur dass die Diktion auf der Straße handfester ist. Die Juden seien an dem Elend schuld, sagt der Anführer. Aber auch die Zigeuner, Kroaten und Muslime. Sie schürten den Hass der EU gegen Serbien. Einer hat sich die Fahne des Fußballclubs Roter Stern Belgrad um den Bauch gewickelt. Roter Stern ist der einzige Lichtblick in dieser trüben Fußballwelt. Am Schaufenster daneben lehnt ein Kriegsinvalide. Er teilt auf einem Pappschild mit, dass er im Bosnien-Krieg seine Arme verloren hat und dass er Geld für Brot braucht.
Die Belgrader Tristesse würgt alle Hoffnungen im Ansatz ab. Jeder zweite Jugendliche ist arbeitslos. Das Durchschnittseinkommen liegt bei 200 Euro. Beim Nachbarn Kroatien ist es gut viermal so hoch. Im Gegensatz zu den Serben haben die Kroaten beste wirtschaftliche Beziehungen zu Resteuropa. Sogar Bulgarien scheint attraktiver als Serbien zu sein, immer mehr deutsche Firmen verlegen ihren Sitz aus Belgrad dorthin, sagt Berlins Botschafter.
Der verpanzerte Nationalismus zeigt überall im Stadtbild sein hässliches Gesicht. Souvenirhändler haben T-Shirts mit dem Porträt des Schlächters Mladic im Angebot. An dem vierstöckigen Bürohaus gegenüber der HVB Bank hängt hoch oben am First ein riesiges, durch Eierwürfe besudeltes Milosevic-Porträt.
Der Tod in der Gefängniszelle hat Milosevic bei vielen zum Märtyrer gemacht. Handke sagt, das Haager Kriegsverbrecher-Tribunal habe seinen Tod billigend in Kauf genommen. Die meisten Serben sehen das wohl auch so, Kostunica eingeschlossen. Trotzdem sind sie froh, dass sie ihn los sind.
Junge Leute organisieren sich in Parteien und Aktionsgruppen vom rechten Rand der Politik: "Marschkolonne", "Blut und Ehre", "Serbien jetzt". Ihre Helden sind der heiliggesprochene Bischof Nikolaj Velimirovic, der in Adolf Hitler den "Erlöser Europas" sah, und Ratko Mladic.
Keine Frage, dass Premier Kostunica weiß, wo Mladic von seinem Old-boys-Network versteckt wird. Er muss aber Rücksicht auf die Rechtsradikalen nehmen, die seine Regierung tolerieren, und auf deren Führer, Vojislav Seselj, der in Den Haag ebenfalls auf seinen Prozess wartet. Sie würden eine Auslieferung von Mladic an Den Haag als Landesverrat werten.
Wenn Kostunica stürzt und wenn morgen Wahlen wären, könnten die Ultras von links und rechts mit einer gemeinsamen Mehrheit im Parlament rechnen.
Das sagt weniger über die politischen Präferenzen der Nation aus als über ihre desperate Seelenlage. Nach anderthalb Jahrzehnten wollen die Serben auf Biegen und Brechen nur noch raus aus der Krise.
Die EU muss ein Interesse daran haben, dass Kostunica nicht stürzt. Deshalb hat sie bislang auch gezögert, ihn zur finalen Hetzjagd auf General Mladic und zur formellen Trennung vom Kosovo zu zwingen.
Vor den Erbfolgekriegen war Jugoslawien fast so groß wie die alte Bundesrepublik Deutschland. Serbien ohne Montenegro ist nur noch so groß wie Bayern und Rheinland-Pfalz. Immerhin hoffe er, dass der nationale Zerfall mit dem Referendum von Montenegro nun auch beendet sei, sagte Außenminister Vuk Draskovic dem SPIEGEL. Um Zweifel an dieser Hoffnung zu zerstreuen, besuchte Regierungschef Kostunica dieser Tage demonstrativ das Serben-Kloster Gracanica mitten im Kosovo.
Draskovic rechnet nicht mit weiteren Amputationen. Gegen allen Augenschein zählt er das Kosovo mit seiner albanischen Bevölkerungsmehrheit, das seit dem Bombenkrieg der Nato im Sommer 1999 unter dem Protektorat der Uno steht, noch zum serbischen Bestand. Die Ausrufung eines unabhängigen Staates "werden wir nicht anerkennen", sagt er und droht mit einem Serbenstaat in Bosnien als mögliche Vergeltung. Er verdrängt auch die Autonomieforderungen der starken ungarischen Minderheit in der Vojvodina.
Die US-Regierung hat für diese Woche Premier Kostunica nach Washington bestellt, um ihn auf eine gemeinsame Reformpolitik mit Präsident Boris Tadic einzuschwören und Serbien wirtschaftliche Hilfe zu versprechen. Das wird ein schweres Stück Arbeit: die zwei Serben-Führer, die einander spinnefeind sind, zusammenzuspannen, damit sie gemeinsam den Karren aus dem Dreck ziehen.
ERICH WIEDEMANN, RENATE FLOTTAU
* Beim Besuch des Klosters Gracanica im Kosovo.
Von Erich Wiedemann und Renate Flottau

DER SPIEGEL 28/2006
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