10.07.2006

KATAR

Wie Dubai, nur exklusiver

Von Follath, Erich

Anlaufstation für Osama Bin Laden und Heimat der größten US-Militärbasis am Persischen Golf, Handelspartner Israels und Hamas-Finanzier - die Katarer können sich alles leisten: Riesige Erdgasvorkommen machen sie zu einem der reichsten Völker der Welt. Von Erich Follath

Ganz ehrlich und ohne die Katarer kränken zu wollen: Ihr Staat ist kaum mehr als eine große Büchse Sand; Sand, der sich in die Augen brennt, Sand, der zwischen den Zähnen knirscht, Sand, der in den Sandalen schmirgelt. Hitzeflirrende 175 Kilometer lange, 75 Kilometer breite Wüste, ein paar Dünen, ein paar Datteln. Selbst Falken scheinen um diesen Glutofen große Bögen zu fliegen, extrem genügsame Antilopen verlieren sich im Niemandsland. Es ist, als hätte sich Gott eine Auszeit genommen bei der Schöpfung dieser Landschaft, als hätte Er sich die Augen gerieben vor Müdigkeit, und auf die Erde gefallen wären nichts als winzige, unfruchtbare Körnchen.

Katar - eine Plage für die Menschen, die hier leben müssen.

Aber der Allmächtige hat, vielleicht als Ausgleich und als Zeichen der Barmherzigkeit, dem Land einen ungeheuren Schatz mitgegeben: eine riesige Blase aus Erdgas. Allein das North Field, im Persischen Golf gelegen, ist ein Exploratorentraum, es gilt neben dem saudi-arabischen Ghawar-Erdölfeld als die größte fossile Energiequelle der Welt. Und Erdgas, lange als die hässliche Schwester des schwarzen Goldes abgetan, dürfte dank neuer Verarbeitungsmethoden zur wichtigsten Ressource werden, schon heute deckt es über ein Fünftel des weltweiten Energieverbrauchs - mit dem Gemisch aus der Tiefe lässt sich heizen, Benzin herstellen, ein Kraftwerk betreiben. Alles erstaunlich umweltfreundlich.

Die Weltwirtschaft dürstet nach diesem Stoff, der die Zukunft revolutioniert. Fieberhaft wird nach neuen Quellen gefahndet, an vorhandenen experimentiert - mit am erfolgreichsten in Katar. Das winzige Königreich, halb so groß wie Hessen, verfügt über fast 15 Prozent der weltweiten Erdgasreserven, nur Russland und Iran haben noch mehr. Doch Katar begnügt sich nicht mit einer Rolle als Nummer drei: Die Scheichs investieren Milliarden in neue Techniken zur Ausbeutung und Weiterverarbeitung der Vorkommen und auch in den Kauf von Supertankern. Tausende ausländische Experten und Gastarbeiter haben mit ihrer fieberhaften 24-Stunden-365-Tag-und-Nacht-Arbeit aus Ras Laffan, 70 Kilometer nördlich der Hauptstadt Doha, eine der größten Baustellen der Welt gemacht. Innerhalb der nächsten fünf Jahre will sich der Wüstenstaat zum Weltmarktführer von leicht transportierbarem Flüssiggas aufschwingen.

Katar - eine Verheißung für die Menschen, die hier leben dürfen.

Weniger für die über 600 000 Arbeiter aus Pakistan, Sri Lanka und Nepal sowie die Hausmädchen von den Philippinen, die in der Regel zwar ordentlich bezahlt werden, aber kaum Rechte genießen. Aber auf

jeden Fall für die knapp 200 000 einheimischen Staatsbürger. Katars Wirtschaft wuchs im vergangenen Jahr um nominal 29 Prozent, Tendenz steigend. Und Katars Pro-Kopf-Einkommen erreicht kein westlicher Industriestaat auch nur annähernd; es dürfte in diesem Jahr 53 000 Dollar übertreffen und damit locker das der Schweiz, der USA oder der Niederlande hinter sich lassen.

Die Gasgeber vom Golf werden für die Energiezukunft Europas, Japans und der USA schon bald eine bedeutende Rolle spielen. Aber das strategisch bedeutende Emirat in unmittelbarer Nähe von Saudi-Arabien und Iran ist auch aus anderen Gründen faszinierend. Seine aufgeklärten Stammesherrscher versuchen einen Spagat zwischen allen politischen, ökonomischen und sozialen Fronten. Katar ist ein Exerzierfeld gewagter und - jedenfalls auf den ersten Blick - widersprüchlicher Experimente.

Staatsoberhaupt Hamad Ibn Chalifa al-Thani, 56, und sein Bruder Abdullah, 46, der Regierungschef, sind im Anti-Terror-Kampf voll auf der Seite Washingtons und haben dem Weißen Haus erlaubt, den Luftwaffenstützpunkt Udeid zur wichtigsten Air Base außerhalb der USA auszubauen; die Amerikaner führten praktisch den gesamten Irak-Krieg von den auf keiner Katar-Karte verzeichneten Anlagen aus.

Gleichzeitig finanziert das Herrscherhaus zu einem Großteil den Fernsehsender al-Dschasira ("Die Insel"), der nicht nur mit den arabischen Feudalregierungen kritisch umgeht, sondern vor allem die Bush-Regierung in scharfer Form anprangert. Wohl deshalb ist al-Dschasira Anlaufstation für Osama Bin Laden & Co., deren Videobänder regelmäßig in Doha landen und von dort aus zum großen Ärger Washingtons in alle Welt gesendet werden.

Israel darf in Katar eine offizielle Handelsvertretung unterhalten, deren Chefs meist hochrangige Ex-Generäle im Ruhestand sind. Dohas Herrscherfamilie findet aber gleichzeitig nichts dabei, die Hamas mitzufinanzieren, die dem Terror bisher nicht abgeschworen hat. Katar übergab den Palästinensern erst kürzlich 50 Millionen Dollar - ohne an die Vergabe des Geldes irgendwelche Bedingungen zu knüpfen. Gleichzeitig spendierten die Scheichs ein Fußballstadion in der Nähe von Haifa.

Auch innenpolitisch will der Emir, dessen Familie schon in der Protektoratszeit vor der Staatsgründung 1971 die zentrale Rolle spielte, der aber selbst erst durch einen Putsch gegen seinen Vater 1995 an die Macht kam, revolutionäre Wege gehen. Der Herrscher, im britischen Sandhurst zum Offizier ausgebildet, möchte sein vom sunnitischen Islam tief geprägtes Land zu einem "demokratischen Vorreiter an der Globalisierungsfront" machen, ohne "den besonderen Beduinen-Charakter des Volkes" zu gefährden.

Mit anderen Worten: wirtschaftlich und politisch liberal sein, in den Moralvorstellungen konservativ - die Transformation einer Stammesgesellschaft. Katars Katharsis. Etwas, das in der arabischen Welt wegen des exemplarischen Charakters mit Spannung beobachtet wird.

Geht das: den Medien praktisch alle Freiheiten gewähren - außer der direkten Kritik am Herrscherhaus? Den Frauen das Wahlrecht sowie sämtliche Karrierechancen einräumen, aber gleichzeitig die traditionelle Rollenverteilung in Ehe und Familie beibehalten? Alkohol ausschenken, aber die Lizenz strikt auf internationale Hotels begrenzen?

Doha dröhnt und vibriert. Eine rastlose, vorwärtstreibende Fortschrittssymphonie wird gegeben, Allegro con fuoco, von und für tausend Baukräne, gespielt von Presslufthämmern, Schweißgeräten und Zementmischern. An der Corniche und in den Straßen dahinter entstehen Hotelglaspaläste, Luxusappartements, noble Einkaufszentren, eines neben dem anderen, Dutzende Wolkenkratzer in allen erdenkbaren Formen: pyramidenartig, Ufo-rund, bleistiftschlank.

Katars neuer Zweieinhalb-Milliarden-Dollar-Flughafen wird so gebaut, dass auch der Riesen-Airbus A380 hier landen kann, Qatar Airways verdoppelt gerade ihre Flotte und hat sich mit ihrem Superservice unter die Top Drei der beliebtesten Fluglinien weltweit katapultiert. Die Chancen, dass hier bald ein deutscher Transrapid fährt,

stehen gut - geplant ist die Strecke der Magnetschwebebahn über eine Brücke hinüber in den Nachbarstaat Bahrein.

An der Wand der Firma United Development Company, zwei Stockwerke über der Ferrari-Niederlassung in Doha, prangt ein Satellitenfoto des neuesten Katar-Prestigeprojekts: "The Pearl". An die drei Milliarden US-Dollar wird die schon im Bau befindliche künstliche Insel wohl verschlingen; Fünfsternehotels, Shopping-Arkaden, exklusive Wohngebiete für 30 000 Menschen wachsen auf 400 aufgeschütteten Hektar aus dem Meer. Für Marokko-Liebhaber gibt es ein Mini-Marrakesch, für Italien-Fans ein Klein-Venedig, New-York-Freunde können über einen Ersatz-Broadway flanieren. "Außerdem werden wir Beach Clubs einrichten, wie man sie sonst nur aus Südfrankreich kennt", heißt es im Pearl-Prospekt.

Ein Stadion zum Schlittschuhlaufen darf nicht fehlen, Katars Eislaufbahn Nummer zwei; schon heute können im City Center Kufenkünstler ihre Runden drehen und Eishockeyspieler den Puck schlenzen - während draußen in der Sommerhitze das Thermometer auf über 45 Grad steigt.

Es sieht so aus, als wolle Doha Dubai Konkurrenz machen. In der Vorzeigestadt der Vereinigten Arabischen Emirate, eine halbe Flugstunde von Katar entfernt, sammeln die Herrscher derzeit Superlative, als wären sie auf Speed. Da wird der höchste Wolkenkratzer gebaut, das größte menschengeschaffene Wohnprojekt aus dem Meer gestampft, sogar aus dem Weltraum erkennbar: "The World". Der Sunny Mountain Ski Dome soll eine Skiabfahrt von einem artifiziellen Steilhang herunter ermöglichen, der Berg dreht sich permanent um die eigene Achse. In Dubai ist selbst zu viel nie genug.

"Genau diese Gigantomanie wollen wir vermeiden", sagt Jan De Boer, Chef des Katarer Touristenbüros und Vertrauter des Emirs. "Natürlich wirkt hier durch die Schnelligkeit der Entwicklung vieles wie in Dubai. Aber wir haben ein anderes Konzept - wir wollen exklusiver sein."

In Katar gilt Dubai als vulgär, als protzig, als neureich, als vermasst. In Katar will man nicht Benidorm spielen, sondern Portofino. Dubai oder nicht Dubai, das ist gar nicht mehr die Frage.

Um die anspruchsvollen Touristen anzulocken, haben die Doha-Verantwortlichen "die Fab Four der internationalen Architektenszene" ("New York Times") zur Gestaltung neuer öffentlicher Gebäude gewonnen. Der Chinese I. M. Pei hat sein Museum der Islamischen Künste schon fast fertiggestellt, weiße Quader, zu einer eindrucksvollen Burg getürmt, schimmern an der Corniche. Der Spanier Santiago Calatrava hat das Fotomuseum entworfen, das die von Katars Regierung zusammengekaufte spektakuläre Sammlung beherbergen wird. Der Franzose Jean Nouvel konstruiert einen Anbau für das Nationalmuseum. Und der Japaner Arata Isozaki gestaltet die Nationalbibliothek - in Form eines schwebenden Raumschiffs, von drei fast unsichtbaren Säulen getragen.

Neben den Kunstinteressierten will Doha auch die Sportbegeisterten mit neuen Anlagen und großen Turnieren gewinnen. Im Dezember werden hier die Asian Games stattfinden, Top-Tennis- und Golfturniere gibt es schon. Besondere Attraktion: Roger Federer und Vijay Singh sind kostenlos zu sehen, Eintrittsgelder hält man in Katar für kleinkariert.

Die "Qatar Foundation" möchte den winzigen Nahoststaat im Auftrag der Herrscherfamilie auf die Landkarte der weltbesten Bildungseinrichtungen setzen. In einer "Erziehungsstadt" haben sich amerikanische Think-Tanks wie die Rand Corporation niedergelassen, Elite-Universitäten wie Cornell und Georgetown unterhalten auf dem Gelände eigene Fakultäten, in denen hochbegabte Katarer - Studentinnen und Studenten gemeinsam in den Hörsälen - US-Diplome in Medizin, Design oder Sozialwissenschaften erwerben können, ohne ihr Land zu verlassen. In Kongresszentren soll ein offener Dialog zwischen West und (Nah-)Ost stattfinden. Bevorzugtes Thema: die "Demokratisierung" der islamischen Welt und die Chancen, sie durchzusetzen.

Doch womöglich ist die regierende Thani-Familie mit ihren Modernisierungskonzepten viel weiter als die konservative Mehrheit des Volkes. Bei der ersten freien Abstimmung in der Geschichte des Landes, der Kommunalwahl im Jahr 1999, schaffte es keine der vom Emir und seiner besonders progressiven Lieblingsfrau Musa ermutigten Kandidatinnen. 2003 stimmte zwar eine überwältigende Mehrheit für eine Verfassung mit einer parlamentarischen Komponente - 30 von 45 Abgeordneten sollen frei vom Volk bestimmt werden -, aber landesweite Wahlen scheiterten bis jetzt auch an der Apathie und dem Beharrungswillen der Katarer.

Veränderung und Bewahrung schaffen in Katar Parallelgesellschaften. Bars wie das "Habanos" im Hotel Ritz-Carlton und Discotheken wie der "Pearl Lounge Club" im Marriott sind ultraschicke Treffpunkte der jungen westlich orientierten Elite.

Und dann dieses andere Katar, mit zurückgedrehten Uhren: Im alten Fischerort Chaur nördlich der Hauptstadt schaukeln die traditionellen Dhaus mittags im Hafen wie zu Zeiten der Kalifen, Männer in weißen Ghutras ziehen an Wasserpfeifen, knabbern am Manakisch, einem pizzaartigen Brot, und kosten vom Tabuleh-Salat aus Tomaten und Zwiebeln, mit Minze belegt. Frauen in schwarzen Abajas huschen wie Schattenwesen zwischen den Häusern, kein Platz für sie in der Öffentlichkeit.

Wo die Welten von Moderne und Tradition aufeinanderprallen, wie in dem gerade "auf alt" restaurierten, mit modernsten Effekten ausgestatteten Suk Wakif, liegt häufig Spannung in der Luft. Denn innerhalb der katarischen Stammesgesellschaft ist die Öffnung des Königreichs für Ideen aus dem Westen, vor allem aber der politische Schulterschluss mit den USA, eher

unpopulär. Steuerfreiheit, Subventionen und die zahlreichen Möglichkeiten, schnell reich zu werden, überdecken mögliches Konfliktpotential.

Nichts spricht dafür, dass es hier bedeutende Qaida-Zellen gibt. Aber der Terror macht auch vor Katar nicht Halt. Im vergangenen Jahr verübte ein ägyptischer Islamist auf eine gastierende britische Theatergruppe einen Anschlag, ein Mensch starb.

Dass Doha nicht mehr der "langweiligste Platz der Erde" ist, wie die Experten vom "Lonely Planet"-Reiseführer noch vor wenigen Jahren schrieben, hat Vor- und Nachteile. Beim TV-Sender al-Dschasira findet man, dass die Vorteile klar überwiegen. Die CNN-Konkurrenz hat ihr Hauptquartier mitten in der Hauptstadt, in der Nähe eines alten Basars und einer neuen Burger-King-Schnellgaststätte. Hier sind Profis am Werk, das verrät schon die effiziente PR-Arbeit. Der smarte Iss al-Din Abd al-Mula ist einer von einem halben Dutzend "Medienberatern", die abwechselnd Gäste durch den Sender führen.

Ist al-Dschasira zu Qaida-freundlich, zu Amerika-feindlich? "Etwa fünf Stunden Original-Bin-Laden stehen 500 Stunden gegenüber, in denen George W. Bush direkt zu Wort kam." Anti-israelisch? "Wir verurteilen die Besatzungspolitik und die begangenen Grausamkeiten. Aber wir lassen die aus Tel Aviv ausführlich zu Wort kommen: In keinem anderen arabischen Sender können israelische Minister in Live-Interviews ihren Standpunkt darstellen." Frauenfeindlich? "Chadidscha Benguenna" - er zeigt auf die Dame, die gerade die Nachrichten verliest - "ist die einzige unserer Ansagerinnen, die ihre Haare bedeckt, entsprechend ihrem Wunsch."

Nur bei der Frage nach kritischen Berichten über den Emir von Katar zögert der Dschasira-Sprecher. "Doha ist selten nachrichtenwürdig", sagt er und besinnt sich dann. "Aber als vor ein paar Jahren die Verantwortlichen für den mit saudischer Hilfe inszenierten Putschversuch verurteilt wurden, haben wir deren Verteidiger live interviewt."

Aus dem Irak, aus Saudi-Arabien und Iran wurden alle Dschasira-Korrespondenten verbannt. "Das zeigt, welche Vorstellungen von Pressefreiheit die Amerika-Freunde in Bagdad, die Mullahs in Teheran und die Erzkonservativen in Riad haben", meint Abd al-Mula. Aber auch in diesen Ländern sei al-Dschasira der meistgesehene TV-Sender - und der einflussreichste. Noch in diesem Jahr wird er auch in Englisch senden.

Eine der besonders populären Sendungen gestaltet der feurige Fernsehprediger Jussuf al-Kardawi. In seinem wöchentlichen Ratgeber "Das islamische Recht und der Alltag" wettert er gegen Homosexuelle und nennt die Tsunami-Katastrophe in Südostasien eine "Strafe Allahs für den Sextourismus". Kardawi lehnt zwar den Terror gegen Zivilisten ab, aber palästinensische Selbstmordattentate im "Kampf gegen die Besatzer" gelten ihm als legitim, die Ausführenden als "Märtyrer".

PR-Mann Abd al-Mula kennt die Drohung, die US-Präsident George W. Bush laut einem von der Presse kolportierten Gesprächsprotokoll gegenüber dem britischen Premier Tony Blair ausgesprochen hat: "Wir sollten al-Dschasiras Hauptquartier bombardieren."

Der Sprecher des Katar-Senders sieht diese Gefahr als gering an, obwohl doch neue Recherchen darauf hinweisen, dass die von Washington als "Unfall" deklarierten US-Bombardements auf Dschasira-Büros in Kabul und Bagdad mit voller Absicht durchgeführt worden sein könnten. "Die amerikanischen Jagdbomber von der Basis Udeid sind in der Startphase, wenn sie uns nach einer Minute überfliegen. Da funktionieren die Lenkwaffen noch nicht", sagt er lachend. Und fügt dann fast beschwörend hinzu: "Washington wird doch nicht wichtige Energieressourcen aufs Spiel setzen und die Beziehungen zu einem befreundeten Staat torpedieren."

In seinem holzgetäfelten Büro, dekoriert mit vergoldeten Miniaturausgaben von Erdöl- und Erdgasplattformen, beurteilt Katars Energieminister Abdullah Ibn Hamad al-Attija die Lage ganz ähnlich: "Wir sind an Stabilität interessiert, wie Washington auch. Wir wollen die Welt in großem Stil mit erschwinglichem Kraftstoff versorgen."

Katar ist das unbedeutendste Mitglied der Organisation Erdöl exportierender Länder (Opec), seine Ölreserven dürften in wenigen Jahren auch erschöpft sein. In der Opec hat Katar nie eine große Rolle gespielt, bei der Gründung des Forums der Erdgasexporteure aber war Doha jetzt eine führende Kraft. Will das Emirat - gemeinsam mit Partnern wie Venezuela und Indonesien - den Markt kontrollieren, den Stoff verknappen und nach früherer Opec-Manier so die Preise in die Höhe treiben?

"Nein, nein", sagt der Minister. "Das Forum ist nur zum Meinungsaustausch gedacht. Wir glauben nicht an eine Konfrontation mit unseren Kunden."

Draußen auf der Mega-Baustelle Ras Laffan schrauben die schweißnassen Arbeiter ein gewundenes kilometerlanges Labyrinth von Röhren zusammen, dazwischen türmen sich einige Tanks und haushohe Stahlzylinder. Aus der Ferne sieht das Werk mit seinen Bausteinen und Schläuchen mal aus wie ein gigantisches Legoland, mal wie eine überdimensionale Intensivstation. Die Technologie ist raffiniertes Hightech: Das Erdgas wird nach mehreren Verarbeitungsschritten Kobalt ausgesetzt, verändert seine Molekülstruktur und wandelt sich dann unter hohem Druck zu Dieselkraftstoff. GtL heißt das Verfahren: Gas-to-Liquids.

"Katar ist dabei, für das internationale Erdgasgeschäft das zu werden, was Saudi-Arabien gegenwärtig im Erdöl-Business ist", sagt Wayne Harms, Katar-Chef des amerikanischen Multis ExxonMobil, der auf der Halbinsel größter ausländischer Investor ist. Alex Dodds, schottischer Direktor der von Dohas Regierung kontrollierten Firma RasGas, ergänzt: "Katar verfügt über den Brennstoff des 21. Jahrhunderts - schauen Sie auf diesen Staat, er ist die neue Front der Globalisierung, ein Zukunftsland der Weltwirtschaft."


DER SPIEGEL 28/2006
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