DER SPIEGEL



Das gezeichnete Ich

Von Matussek, Matthias

SPIEGEL-Redakteur Matthias Matussek über Gottfried Benn

Dieser Sound war tatsächlich unverwechselbar, und er mischte sich in das, was man so hörte damals, Soft Machine oder das "Weiße Album" der Beatles, doch das hier war eindeutig ungemütlicher. Es begann mit Schlagzeug, ein paar Synkopen, Bassläufen, dann die Stimme, schräg hinausbellend: "Ein ersoffener Bierfahrer wurde auf den Tisch gestemmt. Irgendeiner hatte ihm eine dunkelhellila Aster zwischen die Zähne geklemmt ..."

Die Platte hieß "Gottfried Benn - Lyrik + Jazz", Hans-Dieter Zeidler sprach die Bennschen Verse, dazu dann Jazz von Colosseum und Oscar Peterson. Da wurde Benn zum ersten Mal wiederentdeckt, für die Nachkriegsgeneration.

Die Stunde gehörte eigentlich dem anderen großen B damals, in den sechziger Jahren, sie gehörte dem Kommunisten Bertolt Brecht, der doch das Gesangbuch zum todsicheren Sieg der Revolution geschrieben hatte, aber das klang so furchtbar konventionell und rechthaberisch. Womöglich lag es daran, dass er in der anderen Hälfte Deutschlands bereits zum Staatsakt geworden war.

Mit Benn war erst mal kein Staat zu machen. Was hatte der alles ausprobiert, dieser Mensch mit den verhangenen Augen, dieser Gigant im weißen Arztkittel, der tagsüber den Tripper bekämpfte und nachts "Bronzelicht" und "Mänadenklang" beschwor,

der den politischen Rausch genauso kannte wie die Kokain-Ekstase: "Den Ich-Zerfall, den süßen, tiefersehnten, / den gibst du mir: schon ist die Kehle rauh, / schon ist der fremde Klang an unerwähnten / Gebilden meines Ichs am Unterbau".

Sie waren von gleichen Voraussetzungen ausgegangen. Die bürgerliche Welt: ein Dreckshaufen aus Lügen. Die Aufgabe: sie zertrümmern. Der Künstler singt die neue Welt, den neuen Menschen, er erträumt sich die Maschinen und die Menschenparks, Weltgeistkommandeur, der stets aufs Ganze dichtete. In dem Sinne waren die Künstler totalitär und Hitler ein Bruder, wie Thomas Mann schrieb, der fürchterlichste Bohemien der Geschichte.

Die hochmütigen Benn und Brecht witterten ihre gegenseitige Größe aus der Ferne. Brecht konnte zart und anarchistisch sein in seinen Gedichten, doch im Tagesgebrauch war das Hammerwerk seiner Lehrstücke und Parabeln. Der kommunistische Katechismus. Die Schulgedichte. Hinter seinen amerikanischen Maskeraden und chinesischen Sinnsprüchen klang er nervtötend wie aller Weisheit letzter Schluss.

Dagegen Benn: Ist nicht "Fürst Kraft" in seinem lächelnden Hohn viel wirkungsvoller und subversiver als alle revolutionären Gesangsvereine zusammen? "So ruft ihm über die Bahre / neben der Industrie / alles Schöne, Gute, Wahre / ein letztes Halali".

Dass Benn nun, 50 Jahre nach seinem Tod in einigen bemerkenswerten Büchern neu wiederentdeckt wird, ist schön* - nun wäre es an der Zeit, auch die oben erwähnte Platte wieder zugänglich zu machen.

Benn verachtete die Betriebsnudeln aus Politik und Literatur. "Innerhalb des Abendlandes diskutiert seit vier Jahrzehnten dieselbe Gruppe von Köpfen über dieselbe Gruppe von Problemen mit derselben Gruppe von Argumenten". Das stimmt immer noch ein halbes Jahrhundert später.

Und auch die Schlussfolgerung ist die gleiche: "Ein Volk oder das Abendland, das sich erneuern möchte ... ist mit dieser Methode nicht zu regenerieren." In anderen Worten: In dieser Situation, in der sich unser Land neu zusammensucht und in neuen Stürmen steht, kommt man mit der Alterna-

tive Christiansen oder Jauch nicht weiter. Er selbst hat keine Lösungen in petto. Lösungen hat der andere. Er bietet eine unwiderstehliche Haltung: Hochmut, Artistentum.

Das Biografische hat Benn immer abgetan als peripher. In seinem autobiografischen Essay "Doppelleben" fallen die lakonischen Sätze: "Herkunft, Lebensablauf - Unsinn! Aus Jüterborg oder Königsberg stammen die meisten, und in irgendeinem Schwarzwald endet man seit je." In seinem Fall war es Mansfeld in Brandenburg. Geboren wurde er dort 1886 als zweites von acht Kindern eines Pfarrers, und er hasste den Protestantismus.

Er hasste ihn schon aus einem Kunstvorbehalt heraus. Die Reformation ist ihm ein "Niederziehn des fünfzehnten Jahrhunderts, dieses riesigen Ansatzes von Genialität in Malerei und Plastik zugunsten düsterer Tölpelvisionen". Außerdem eine Sammlung "konfessioneller Quälereien, Lümmelaufsässigkeiten, sexueller Dränge". Alles in allem: ein Kaffeekränzchen, "von Luther bis Löns".

Das ist die Art Bennscher Prosa, die expressionistische Methode: Urteile so auf die Spitze zu treiben, dass sie nicht mehr relativierbar sind. In Berlin studiert er Philosophie und später dann Medizin, sorgt für Aufruhr mit seinen "Morgue"-Gedichten aus der Pathologie, dient als Militärarzt während des Ersten Weltkriegs in Brüssel, lässt sich in Berlin nieder.

Er ist der Lyriker der Entgrenzungen und gleichzeitig der kälteste aller Beobachter.

Er ist der Stratege des "Doppellebens". Tagsüber Arzt, nachts Artist. Das Doppelleben oszilliert zwischen "Geschäft" und "Halluzinationen".

Doppelleben, physiologisch: Er sieht aus wie ein Kassierer, und zwar auf der korpulenten Seite, doch seine Dichtung klingt wie ein einziges Abenteurertum, so kühn, dass ihn seine frühe Geliebte, die dunkle ältere Poetin Else Lasker-Schüler, in ihren Liebesgedichten und Briefen als Giselheer und Tiger umschwärmt.

Er ist zukunftsgläubig, vernarrt ins neue Medium Radio. Dass eine Idee, in dieses Spinnennetz mit dem Mikrofon gerufen, zeitgleich in Millionen Köpfe gesenkt werden kann, fasziniert ihn genauso wie Brecht. Seine Rundfunkansprachen sind Kampferklärungen mit allem Ballyhoo. Sein Disput mit Johannes R. Becher und Egon Erwin Kisch sichtet Frontverläufe, die auch heute noch gültig sind. Becher und Kisch fordern das soziale Engagement des Künstlers, Benn legt geduldig auseinander: "Die Armen wollten immer hoch, und die Reichen wollten nicht herunter. Schaurige Welt, kapitalistische Welt, seit Ägypten den Weihrauchhandel monopolisierte ..."

Cool, überlegen, illusionslos. Doch dann schnappt die Falle auch bei ihm zu. Er, der Arzt, erliegt den Biologismen der Zeit, den Rassedummheiten vom "Neuen Menschen", er schreibt von Züchtung und Aufbau, er verschreibt sich der neuen Bewegung, und ganz sicher sieht er sich in schwachen Stunden als Staatsdichter, wie es Marinetti für Mussolini war.

Seine Subversion ist Vergangenheit, Benn sagt "ja". Als Leiter der Sektion Dichtung an der Preußischen Akademie der Künste verlangt er Loyalitätserklärungen dem neuen Staat gegenüber.

Viele unterschreiben, noch mehr gehen außer Landes, auch der Kommunist Brecht und seine jüdische Frau Helene Weigel. Und Benn ruft ihnen allen hinterher: "Wie stellen Sie sich denn nun eigentlich vor, daß die Geschichte sich bewegt? Meinen Sie, sie sei in französischen Badeorten besonders tätig?" Eine Katastrophe dieser Satz, moralisch und intellektuell.

Kurz darauf muss er sich selber vor mediokren Stützen der "Bewegung" verantworten als entartet, womöglich jüdisch, und dann steht er in seiner Praxis in der Belle-Alliance-Straße am Fenster, schaut auf die braunen Horden hinab, angewidert, und notiert: "Darwinismus nach unten".

In der biografischen Erklärung "Doppelleben" legt er 1950 seine Karten offen. Als die meisten damit beschäftigt sind, an ihren Legenden zu stricken, schreibt er über die kurzen anderthalb Jahre seines Irrtums, und er tut es unbeugsam, melancholisch, weltverachtend.

Man wünschte sich, das nur nebenbei, einen solchen Essay von Brecht über seine stalinistische Irrfahrt. Korrekturen. Irgendetwas, nicht nur diese hauchzarten Kassiber in den späten Buckower Elegien, sondern die randscharfe Bloßlegung der inneren Entwicklung, die Ausleuchtung wie bei Benn.

Wer die Deutschen des 20. Jahrhunderts verstehen will, muss "Doppelleben" lesen. Benn zitiert aus Briefen, auch aus jenem wunderbaren, scharfsinnigen Klaus Manns von 1933.

Hat Benn wirklich "ja" zu den Nazis gesagt? Oder war es nicht eher ein "Nein" der Szene gegenüber? Ist er nach rechts gerückt, weil er von den Linken so angewidert war? Ist er also in eine der ältesten Fallen überhaupt gestolpert?

Klaus Mann scheint diese Deutung anzubieten. Als er sein Idol Benn zu überzeugen versucht, versichert er ihm zunächst die eigene "Erbitterung" gegen den Betrieb und seine Besserwisser. Aber, mahnt er, man dürfe sich doch aus Protest gegen "aufgeblasene Flachköpfe nicht in einen immer grimmigeren IRRATIONALISMUS retten."

Warum blieb Benn? Es ist das große Schisma der deutschen Literatur: Die einen gingen, die anderen blieben.

Auch Gunnar Decker scheint in seiner überaus lesenswerten Biografie Benns Sündenfall psychodynamisch mit dem Widerwillen gegen den Herdentrieb der Szene in Verbindung zu setzen. Und diese Falle steht nach wie vor. Handke hat sie gerade getestet. Allerdings hatte Benn, im Unterschied zu Handke, die Größe, sich zu korrigieren. Im Nachhinein nennt er Klaus Mann "klarerdenkend", seine eigene Antwort "pathetisch".

Er bleibt nun als Einzelner im zerstörten Deutschland, als Ptolemäer. Es ist die Rolle seines Lebens, die Rolle, die er dem Künstler ohnehin vorschreibt. "Der Ptolemäer": allein, mit Maschinengewehr zwischen Kinderwiegen und Trümmerresten, philosophierend über die Weltreiche, das Leben, die Leere. Der Ptolemäer ist der Held des illusionslosen Aushaltens.

Benn, "von den Nazis als Schwein, von den Kommunisten als Trottel, von den Demokraten als geistig Prostituierter" (wie er selbst in einem Brief von 1948 schreibt) bezeichnet, hat sein Comeback nach dem Krieg. Die exemplarische Katastrophenkarriere. Da "ist man nicht so scharf darauf, wieder in diese Öffentlichkeit einzudringen".

Doch die Öffentlichkeit überhäuft ihn mit Preisen und Anerkennung, sein Sound lebt in Verwandlungen weiter, bei Rühmkorff und anderen. Benn macht Schule, so wie es Brecht im Osten tat.

Zu Recht. Das Prinzip Benn ist das der unbedingten Autonomie: Sein berühmtestes Gedicht schließt mit den Worten: "Es gibt zur zwei Dinge: die Leere / und das gezeichnete Ich."

Dieses gezeichnete Ich bleibt, zum 50. Todestag und darüber hinaus.

* Helmut Lethen: "Der Sound der Väter". Rowohlt Berlin; 316 Seiten; 22,90 Euro.Gunnar Decker: "Gottfried Benn. Genie und Barbar". Aufbau-Verlag, Berlin; 548 Seiten; 26,90 Euro.Wolfgang Emmerich: "Gottfried Benn". Rowohlt tb, Reinbek; 156 Seiten; 8,50 Euro.

DER SPIEGEL 28/2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://corporate.spiegel.de finden Sie Angebote für die Nutzung von SPIEGEL-Content zur Informationsversorgung von Firmen, Organisationen, Bibliotheken und Journalisten.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

DER SPIEGEL 28/2006

Titelbild

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!


Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Bei Spodats erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF

Artikel als PDF ansehen

Das gezeichnete Ich

TOP



TOP