17.07.2006

VERBRECHENSeltsame Neigungen

Nach dem neunten Mord an ausländischen Kleinunternehmern glaubte sich die Polizei vor dem Durchbruch: Sie nahm vorübergehend einen hessischen Verfassungsschützer fest.
Ismael Yozgat, 51, betritt den Raum, in dem er seinen toten Sohn fand. Er legt sich mit angewinkelten Armen bäuchlings auf den staubigen Boden und dreht dann seinen Kopf nach rechts. So, sagt er weinend, habe Halit dagelegen am 6. April, als er ihn um 17.10 Uhr in seinem Internet-Café in Kassel ablösen wollte.
Der Mord an dem 21-Jährigen markiert das vorläufige Ende einer einzigartigen Mordserie, die Deutschlands Polizei nun schon seit fast sechs Jahren ratlos macht: Acht Deutsch-Türken und ein Grieche in Nürnberg, Hamburg, München, Rostock, Dortmund und Kassel fielen ihr zum Opfer, allesamt erschossen mit derselben Waffe, einer Pistole der Marke Ceska, Typ 83, Kaliber 7,65 Millimeter. Vom Täter keine Spur, kein Fingerabdruck, keine Faser. Nicht einmal ein Motiv konnten die rund hundert Beamten verschiedener Sonderkommissionen bislang finden (SPIEGEL 16/2006).
Doch als wäre die Mordserie nicht schon rätselhaft genug, stießen die Ermittler in Kassel auch noch auf eine abstruse Geschichte, die sich zu einer Polit-Affäre ausweiten könnte: Eine Woche nach den Schüssen auf Halit wurde die Mordkommission "Café" auf einen Mann aufmerksam, der zur Tatzeit im Internet-Café gewesen sein soll und sich trotz mehrfacher Aufrufe nicht bei der Polizei gemeldet hatte.
Laut Personenbeschreibung handelte es sich um einen "vermutlich Deutschen, ca. 30 bis 35 Jahre alt, auffällig groß und kräftig", mit "sehr kurzen, hellen Haaren". Zeugen sagten, der mysteriöse Besucher, der eine "Brille mit dünnem Gestell" und eine grüne Stoffjacke getragen haben soll, habe eine Plastiktüte mit sich geführt, die offenbar einen schweren Gegenstand barg.
Die Fahnder waren elektrisiert - entsprach es nicht der Methode des Ceska-Mörders, durch eine solche Tüte zu schießen, um zu verhindern, dass verräterische Patronenhülsen am Tatort zurückblieben? Eine erste heiße Spur?
Mit Hochdruck suchten die Kriminalisten nach Fingerabdrücken und DNA-Fragmenten des gesuchten Netz-Surfers und werteten Spuren aus, die er auf den Computerfestplatten hinterlassen hatte.
Nach 15 Tagen hatten sie ihn eingekreist: Es handelte sich um einen gewissen Herrn R.* aus Nordhessen, einen offenbar guten Kunden von Halit. Doch statt Freude über den Erfolg ergriff die Ermittler blankes Entsetzen - denn der Verdächtige entpuppte sich als hauptamtlicher Außendienstmitarbeiter des hessischen Landesamtes für Verfassungsschutz (LfV).
Ein deutscher Geheimdienstbeamter im Strudel eines Serienmordes mit neun Opfern? Bedrohlich huschte der Schatten einer politischen Katastrophe mit kaum absehbaren internationalen Folgen über die hessische Provinz. Unter strengster Geheimhaltung wurde Innenminister Volker Bouffier (CDU) informiert, während die Staatsanwaltschaft diskret ermittelte.
Laut Sicherheitskreisen ist R. seit mehr als zehn Jahren Mitarbeiter des Nachrichtendienstes; er habe eine "blitzsaubere Personalakte". Zuletzt sei R., der sich "von unten hochgearbeitet" habe, im Sachgebiet "Ausländerextremismus" tätig gewesen.
Anfangs sprach tatsächlich manches gegen den Beschuldigten. Bei Hausdurchsuchungen, berichten Ermittler, sei bei R. unter anderem ein Fachbuch über Serienmorde, herausgegeben von einem Polizei-Verlag, sichergestellt worden. Zudem habe sich der LfV-Mann bei ersten Vernehmungen durch einen "merkwürdigen Hang zur Geheimnistuerei" ausgezeichnet.
Nachdem R. etwa Angaben über den Grund seines Besuchs im Internet-Café verweigert habe, sei er vom Status eines Zeugen in den Status eines Beschuldigten gerückt und am 21. April für mehrere Stunden festgenommen worden. An jenem Freitag, wenige Stunden vor Dienstschluss, erreichte die Hiobsbotschaft auch Hessens Verfassungsschutz-Chef Lutz
Irrgang (CDU). Der ließ disziplinarrechtliche Vorermittlungen gegen R. einleiten und ihm einige Tage später "die Führung seiner Dienstgeschäfte" verbieten.
Am folgenden Wochenende herrschte Großalarm in der Behörde, Verfassungsschützer durchforsteten in Sonderschichten R.s Dienstakten und überprüften anhand von Urlaubs- und Abwesenheitslisten, ob ihr Kollege auch als Täter für die anderen Morde in Frage kommen könnte.
Für einen Haftbefehl der Staatsanwaltschaft reichten die Indizien nicht aus, denn es fanden sich Fakten, die R. entlasteten. So passe der Verdächtige "nicht ins Raster" der übrigen Fälle: Zeugen hatten wiederholt von zwei dunkelhaarigen Tätern gesprochen, von denen auch Phantombilder existieren. Für einen der Morde verfüge R. außerdem über ein "wasserdichtes Alibi" - er habe zum Tatzeitpunkt an einer Dienstbesprechung teilgenommen.
Zudem hätten die Kripo-Recherchen ergeben, dass R. für sein anfängliches Schweigen ein "nachvollziehbares Motiv" hatte: Der so bieder wirkende Beamte habe "seltsame sexuelle Neigungen" bisweilen "anonym im Internet ausgelebt".
So äußern die Fahnder mittlerweile "erhebliche Zweifel" daran, dass der geheime Außendienstler etwas mit den Morden zu tun habe. Ein hoher Verfassungsschützer spricht von "einer verhängnisvollen Verkettung unglücklicher Umstände"; der Mitarbeiter sei wohl "zur falschen Zeit am falschen Ort" gewesen, und das "rein privat, in seiner Freizeit".
Ob Täter oder nicht - R., der weiterhin formell als Beschuldigter geführt wird, hat in jedem Fall für erheblichen Ärger zwischen Polizei und Geheimdienst gesorgt. Ermittler beklagen, dass sich das LfV "sehr bedeckt" halte, wenn es um Details aus dem Arbeitsleben seines Beamten gehe. So wisse man bis heute nicht genau, woran R. überhaupt gearbeitet habe. Das LfV wiederum behauptet, der Polizei quasi "jeden Wunsch erfüllt" und "ein Höchstmaß an Kooperation" an den Tag gelegt zu haben.
Ein merkwürdiger Ruch wird wohl dennoch anhalten, solange manche Frage offenbleibt: Wird sich beweisen lassen, dass R. wirklich nicht dienstlich im Internet-Café war? Ist die Kripo womöglich in eine geheime Operation gerauscht und die Geschichte von R.s seltsamem Doppelleben bloß ein Ablenkungsmanöver?
Nachdem die Festnahme des Verfassungsschützers am Freitag voriger Woche via "Bild" publik geworden war, gerieten die Mitglieder der Parlamentarischen Kontrollkommission Verfassungsschutz (PKV) im hessischen Landtag in helle Aufregung. Geheimdienst-Aufseher Jörg-Uwe Hahn (FDP) nannte es "unerträglich, dass die Mitglieder des Innenausschusses und der PKV aus der Zeitung von diesem unglaublichen Vorgang erfahren mussten", Kommissionsvorsitzender Günter Rudolph (SPD) sprach "von einer ungeheuerlichen Missachtung des Parlaments".
Währenddessen traf sich um 11 Uhr im Wiesbadener Innenministerium eine diskrete Runde: Es ging um die Ausweitung der dienstrechtlichen Vorermittlungen gegen R. Der Beschuldigte selbst wollte sich gegenüber dem SPIEGEL bis Redaktionsschluss nicht zu den Vorwürfen äußern.
Bei der Aufklärung der Mordserie treten Dutzende Polizeibeamte und Staatsanwälte, zusammengefasst in der "Besonderen Aufbauorganisation Bosporus" (BAO), weiterhin auf der Stelle. Während der Dortmunder Staatsanwalt Heiko Artkämper vermutet, dass "ein Durchgeknallter, der Migranten hasst", der Täter sein könnte, äußern andere Ermittler den Verdacht, dass eine mafiaähnliche Organisation hinter den Morden stehe, die entweder Schutzgelder abkassiert oder Schulden für Kredite eintreibt - eine These, der Halits Vater nichts abgewinnen kann.
"Warum ausgerechnet Halit, dieser Engel, der niemals dunkle Geschäfte gemacht hat?", fragt er. Warum dieser Junge, der das Abendgymnasium besuchte, lauter Einsen bekam und schon bald Informatik studieren wollte? "Halit", sagt der Vater, "war ein Zufallsopfer."
"Wir wissen sehr wenig", räumt BAO-Chef Wolfgang Geier ein. Vom bislang größten Datenabgleich in der deutschen Kriminalgeschichte erhofft er sich allerdings neue Erkenntnisse: 25 Millionen Datensätze aus Handy-Netzen rund um die Tatorte laufen derzeit durch einen Rechner, anschließend sollen Millionen von Bankdaten analysiert werden.
Allerdings sei es, klagt Geier, nicht immer einfach, an die Daten von Banken und Providern zu gelangen: "Wir haben hier Neuland betreten und böse Erfahrungen gemacht." GUIDO KLEINHUBBERT,
CONNY NEUMANN, SVEN RÖBEL
* Anfangsbuchstabe geändert.
Von Guido Kleinhubbert, Conny Neumann und Sven Röbel

DER SPIEGEL 29/2006
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