17.07.2006

„Exhibitionismus - leichtgemacht“

Der Kommunikationswissenschaftler Norbert Bolz über die alltägliche Selbstentblößung im Internet, wegfallende Schamgrenzen und das Ende der Expertokratie
Bolz, 53, ist studierter Philosoph, Professor für Medienwissenschaft an der Technischen Universität Berlin und Verfasser zahlreicher Bücher ("Weltkommunikation", "Das konsumistische Manifest"). ------------------------------------------------------
SPIEGEL: Herr Professor, Millionen Menschen schreiben ihr Tagebuch als sogenanntes Blog im Internet und zeigen private Fotos oder Videos online wildfremden Leuten. Warum machen die das?
Bolz: Ganz einfach: Sie können so die ganze Welt über ihre Existenz informieren. Früher war Identitätsbildung - vor allem bei Jugendlichen - ja meist auf die Mode beschränkt. Man hat mit Outfits, mit Piercings oder blauen Haaren, um Aufmerksamkeit gekämpft. In der U-Bahn sieht man in fünf Minuten alles, was es an Selbstdarstellung geben kann. Wir alle sind da längst unendlich abgestumpft. Die jungen Medien bieten ein neues Forum: Exhibitionismus - leichtgemacht. Sie können über die körperliche Beschränktheit hinaus Selbstdarstellung betreiben, ein ganz anderes Ich aufbauen.
SPIEGEL: Das Private wird dabei öffentlich wie nie zuvor. Ab jetzt wird durch-kommuniziert - ist das der neue Imperativ?
Bolz: Zumindest fallen nun die Schamgrenzen der Selbstdarstellung weg. Man hat das schon beim Aufkommen der E-Mail-Kommunikation gemerkt. Leute, die bei mir im Seminar nie den Mund aufkriegten, haben auf einmal fleißig E-Mails geschickt. Der Ton wird schärfer, man wird selbstbewusster, man ist geschützt durch die mediale Distanz. Das ermöglicht Leuten die Selbstdarstellung, die früher viel zu schüchtern gewesen wären, um in die Öffentlichkeit zu treten.
SPIEGEL: Aus Konsumenten werden Produzenten?
Bolz: Sie sind Journalist und schreiben Artikel. Ich bin Universitätsprofessor und kann wenigstens meine Studenten zum Zuhören zwingen. Das Bedürfnis nach Aufmerksamkeit, nach Publizität, ist aber in allen Menschen sehr stark. Doch die meisten haben keinen genuinen Zugang dazu. Für die sind die neuen Medien eine große Verlockung ...
SPIEGEL: ... und Befreiung?
Bolz: Auf jeden Fall. Die Folgelasten für Medien, Gesellschaft, die Zukunft der Bürgerlichkeit - das ist ein anderes Thema. Aber sozialpsychologisch ist es eine große Befreiung.
SPIEGEL: In der Schule haben wir ein einfaches Kommunikationsmodell gelernt. Es gibt Sender, Botschaft und Empfänger.
Bolz: Das können Sie vergessen! Im Internet läuft alles anders. Es sind zwar Massen wie nie zuvor beteiligt, aber es ist kein Massenmedium, weil die Grundstruktur nicht mehr vorhanden ist. Das Web existiert in Ihrem Computer - aber Sie haben nur jeweils eine Seite von Abermillionen auf Ihrem Bildschirm. In der unendlichen Fülle der Möglichkeiten müssen Sie eine Auswahl treffen. Nichts wird Ihnen aufgedrängt.
SPIEGEL: Haben Sie schon einen Begriff für dieses Phänomen?
Bolz: Das ist eine unheimlich schwierige Frage. In meinem Seminar zur Mediengeschichte unterscheide ich drei Etappen: den Übergang von mündlicher zu schriftlicher Kommunikation, die Massenmedien, das Internet. Aber zum Web fällt mir noch keine Strukturbeschreibung ein. Man sieht nur, es ist eine "many-to- many-communication". Also: Viele kommunizieren mit vielen. Wir beobachten die Selbstorganisation großer Gemeinschaften. Wir brauchen eine neue Kommunikationstheorie, aber weil diese Strukturen so neu sind, tasten wir noch nach ihr.
SPIEGEL: Erleben wir eine Demokratisierung der Massenkommunikation?
Bolz: Mich erinnert das an Bertolt Brechts Radiotheorie, die er von 1927 an verfasste. Wir haben jetzt dieses phantastische Medium, schreibt er sinngemäß darin, wo jeder Empfänger gleichzeitig auch Sender sein könnte. Dahinter stand die richtige technische Einsicht, dass die Struktur "ein Sender, viele Empfänger" beim Radio künstlich hergestellt wird. Brecht also sagte, wir haben diese wunderbaren Möglichkeiten, aber wir wissen nicht, was wir kommunizieren wollen.
SPIEGEL: Stimmen Sie ihm zu, gibt es auch im Internet nur großes Rauschen und wenig Relevanz?
Bolz: Das Medium sucht noch nach den besten Anwendungsmöglichkeiten. Das ist ganz normal. Man erfindet technische Medien, und dann überlegt man, was man damit machen kann. Das galt fürs Fernsehen wie fürs Radio. Beim Telefon dachte man, man überträgt damit vielleicht Konzerte. Von wenig Relevanz kann jedenfalls keine Rede sein, wenn Sie neue Gemeinschaften wie die der Online-Enzyklopädie Wikipedia betrachten. Da entsteht ein weltweites Laienwissen, das in Konkurrenz zum Expertenwissen tritt. Für mich ist das Stichwort deshalb nicht Demokratisierung, sondern Doxa.
SPIEGEL: Das müssen Sie erklären!
Bolz: Die Griechen haben in der Antike die Weichen gestellt. Sie haben gesagt, bisher gab es doxa - also reines Meinungswissen. Ab jetzt bringen wir nur noch echtes, wissenschaftlich fundiertes Wissen, die sogenannte episteme. Jetzt, 2500 Jahre später, kommt plötzlich die Doxa wieder zurück, im Internet, als Meinungswissen aller möglichen Leute, die überhaupt keine Experten sind. Aber in ihrer Massierung fördern sie offenbar interessantere Ergebnisse zutage als hochspezialisierte Wissenschaftler. Das ist das Faszinierende an Wikipedia. Es ist der erste systematische Versuch, dieses diffuse, weltweit verstreute Meinungswissen in Prozessen der Selbstorganisation zu einer der akademischen Arbeit mindestens ebenbürtigen Alternative zu machen.
SPIEGEL: Ist die Weisheit der Massen dem Expertenwissen überlegen?
Bolz: Ja, und zwar in sehr vielen Dimensionen: in der Aktualität, der Anwendungsbreite, der Eindringungstiefe und dem Verweisungsreichtum. Dagegen kriegen Sie natürlich niemals so wunderbar hoch abstrahierte Beiträge wie etwa im Historischen Wörterbuch der Philosophie. Dessen Artikel sind mitunter 25 Jahre alt, aber sie sind durchreflektiert und stimmig. Wikipedia ist Doxa fürs Volk. Als Profi müssen Sie mit Profis kommunizieren.
SPIEGEL: Dahinter stehen aber auch mächtige wirtschaftliche Entwicklungen. Ein Projekt wie Wikipedia bedroht bildungsbürgerliche Tempel wie den Brockhaus oder die Encyclopædia Britannica in ihrer Existenz. Überkommt Sie manchmal so eine Art Untergangsstimmung?
Bolz: Untergangsstimmung nicht. Aber auf jeden Fall verschiebt sich etwas in der öffentlichen Relevanz. Die Expertokratie verliert an Boden, an Legitimität. Es ist realistisch, von Empowerment der Massen zu sprechen. Die Menschen werden immer mehr zu - wie man im Mittelalter sagte - idiotae: also zu eigensinnig Wissenden. Für Nikolaus von Kues waren das Eigensinnige, die selbst was wissen und sich von den Gelehrten nichts mehr sagen lassen. Eine riesige Herausforderung für die Scholastik im Spätmittelalter und der beginnenden Renaissance ist das gewesen.
SPIEGEL: Sie wollen Milliarden Surfer als Idioten abstempeln?
Bolz: Ich meine das nicht böse. Die neuen Idiotae lassen sich ihr Wissen, ihre Interessen und Leidenschaften nicht mehr ausreden. Sie organisieren sich zu einer wunderbaren Gegenmacht.
SPIEGEL: Wie verändern sich durch Surfen und Klicken am Computer unsere Denkgewohnheiten? Ist die abendländische Vernunft mit ihren These-Antithese-Synthese-Konstrukten in unserer sprunghaften "Link"-Kultur noch funktionsfähig?
Bolz: Bei Kant jedenfalls gab es diese Begrenztheit der Vernunft durch Zeit nicht. Während wir auch bei Habermas noch endlos Diskussionszeit hatten, wird dies nun zunehmend unrealistisch. Heute geht es darum, in kurzer Zeit möglichst viel Material zu durchforsten. In einem Satz: Die klassische Vernunft war zeitunabhängig, heute fehlt uns die Ruhe für sequenzielle Informationsverarbeitung. In wenigen Sekunden das Wichtige erkennen können ist bedeutender als Deduktionen zu beherrschen.
SPIEGEL: Und was bedeutet das alles für das Gemeinwesen, für den gesellschaftlichen und politischen Diskurs?
Bolz: Die einfache Orientierung an klassischen Autoritäten bricht zusammen. Man nimmt Politikern ihr Besser-Wissen nicht länger ab. Auch bei Anwälten und Medizinern ist die Erosion ihrer Autorität unendlich weit fortgeschritten. Für Ärzte ist das eine Katastrophe: Ihre Patienten sind auf einmal bestens informiert, fragen und fordern. Überhaupt sind alle, die mit Wissen umgehen, diesem Erosionsprozess ausgesetzt. An die Stelle von Autorität tritt dieses eigentümliche, breitgestreute, selbstkontrollierte Netzwerkwissen.
SPIEGEL: Wie bereitet ein Kommunikationsprofessor seine Kinder auf diese Lebenswelt vor?
Bolz: Sie meinen, wie ich denen das Hirn wasche? Ich versuche ihnen immer wieder einzubläuen, sie sollen Bücher lesen. Alles andere lasse ich laufen. Ich sage immer nur, lest Bücher, sonst gehört ihr zu den Losern. Das ist der einzige Erziehungsauftrag, den ich mir erteilt habe - mit bescheidenem Erfolg. Allerdings: Wenn ich dagegen meine eigenen Studenten sehe: Die schaffen es tatsächlich, Bücher nur noch am Rand wahrzunehmen. Bei denen habe ich es aufgegeben. Ich weise darauf hin, dass man sich bestimmte Dinge nur mit Hilfe von Büchern erarbeiten kann. Aber dabei belasse ich es. Bei meinen Kindern versuche ich noch, einen gewissen Zwang auszuüben.

DER SPIEGEL 29/2006
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