Von Deckstein, Dinah und Tuma, Thomas
SPIEGEL: Mister Haji-Ioannou, die britische Königin will Sie demnächst zum Ritter schlagen. Wie spricht man Sie dann korrekt an?
Haji-Ioannou: (lacht) Sie werden mich immer Stelios nennen können, schon weil mein Nachname schier unaussprechlich ist. Ich war jedenfalls überrascht. Diese Auszeichnung ist doch ein ziemlich britisches Ding. Und es gibt wohl nicht so viele griechische Zyprioten, die bislang von der Queen geadelt wurden.
SPIEGEL: Wofür verdienen Sie den Titel?
Haji-Ioannou: Es gäbe sicher Manager, die größere finanzielle Erfolge vorweisen können. Aber meine Unternehmen wie Easyjet haben das Leben vieler Menschen verändert. Wir haben ja nicht nur Flugreisen für viele erst erschwinglich gemacht.
SPIEGEL: Nach der Ankündigung der Auszeichnung meinten Sie, wir Europäer müssten lernen, nicht nur geschäftlichen Erfolg zu feiern, sondern auch unternehmerische Misserfolge zu tolerieren. Fehlt es der Pleite an gesellschaftlicher Akzeptanz?
Haji-Ioannou: Schauen Sie sich die USA an. Dort feierte Donald Trump mit der Show "The Apprentice" Erfolge, als sein Hotel- und Casino-Unternehmen gerade Insolvenz angemeldet hatte. Amerika wurzelt in der Tradition risikofreudiger Pioniere. Wenn Sie im doch eher konservativen Europa einen geschäftlichen Misserfolg hinlegen oder gar dafür in den Knast müssen, sind Sie als Geschäftsmann für alle Zeit erledigt.
SPIEGEL: Klingt, als wollten Sie schon mal vorbeugen für den Fall eigenen Scheiterns. Was hat Sie selbst weitergebracht - Ihre Erfolge oder die Abstürze?
Haji-Ioannou: Ehrlich gesagt waren es die Flops. Erfolge sind immer einzigartig und kaum kopierbar. Dass Easyjet ein Erfolg wurde, verdanke ich einer Mischung aus Talent, aber auch Glück: Ich hatte einen reichen Vater, der mir half, meine ersten beiden Flugzeuge zu finanzieren. Ich war zur richtigen Zeit am richtigen Ort - in London, als das europäische Luftfahrtgeschäft liberalisiert wurde. Misserfolge sind lehrreicher, sie haben etwas Grundsätzliches.
SPIEGEL: Easyjet war die erste europäische Billig-Airline und ist neben Ryanair immer noch die erfolgreichste. Inzwischen hat die Easy-Tiefpreisidee 14 Ableger - vom Pizzadienst über Kredite bis zu Internet-Cafés und Kreuzfahrten. Außer der Airline scheint aber nichts richtig zu laufen.
Haji-Ioannou: Moment! Meine erste eigene Firma war nicht Easyjet, sondern 1992 die Reederei Stelmar. Die wurde 2005 für einen Gesamtpreis von 1,3 Milliarden Dollar verkauft. Ich bin also durchaus in der Lage, selbst Geld zu machen, und habe bereits zwei milliardenschwere Unternehmen aufgebaut. Nach Easyjet fing ich damit an, die Marke Easy auszubauen. Die Probleme dort sind inzwischen beherrschbar. Und ich habe noch nie eine Firma dichtmachen müssen. Schauen Sie sich mal anonyme Risikokapitalfirmen an, die keinerlei Rücksichten nehmen müssen: Wenn bei denen von zehn Geschäften ein Deal funktioniert, sind die zufrieden.
SPIEGEL: Wenn bei Ihnen was nicht klappt ...
Haji-Ioannou: ... muss der Kurs geändert, das Geschäftsmodell überdacht oder das Management ausgetauscht werden. Was den Namen Easy trägt, hat auch das Anrecht, von mir beschützt zu werden, solange es nur geht. Dazu stehe ich, auch wenn solche Moral nicht sonderlich beliebt ist in manchen Teilen der Geschäftswelt ...
SPIEGEL: ... wo es nur noch zwei Strategien zu geben scheint im Fall schlechter Zahlen: verkaufen oder dichtmachen.
Haji-Ioannou: Ich würde das großen Konzernen wie DaimlerChrysler oder Siemens aber auch nicht vorwerfen. Sie reagieren, wenn was schiefläuft. Das ist doch okay.
SPIEGEL: Ihre Easy-Gruppe scheint jedenfalls viel zu schnell gewachsen zu sein.
Haji-Ioannou: Ich denke, wir haben das inzwischen unter Kontrolle. Aber ein Beispiel: Mein erstes Internet-Café startete ich 1999, noch vor dem Höhepunkt der Börsen-Blase. Wir dachten, das würde das McDonald's der Internet-Ära. Damals standen die Leute noch Schlange, um reinzukommen, nicht nur Kunden, sondern auch Investoren. Dann kamen Börsen-Crash, Firmenpleiten, Flatrates. Wir wuchsen sehr schnell und bezahlten den Preis dafür. Jetzt wachsen wir langsamer - und es klappt.
SPIEGEL: Täuschen wir uns, oder finanzieren Sie mit den Easyjet-Gewinnen Ihre anderen Firmenabenteuer?
Haji-Ioannou: Das wäre sicher nur die halbe Wahrheit; denn die Zukunft der Easy-Gruppe gehört dem Franchise-Prinzip.
SPIEGEL: Das heißt, Sie liefern künftig nur noch die Ideen - andere das Geld?
Haji-Ioannou: Das wäre doch der beste Beleg für das Vertrauen in eine Marke, oder? So ähnlich läuft es zum Beispiel bei unseren Easy-Hotels ...
SPIEGEL: ... von denen es bislang nur zwei gibt, in London und Basel.
Haji-Ioannou: Inzwischen haben wir unter anderem einen Vertrag mit einem Investor in Dubai, der mit uns ab dem kommenden Jahr 38 Häuser im Mittleren Osten einrichten will.
SPIEGEL: Sie sind der große Visionär, die Mühen des Tagesgeschäfts überlassen Sie lieber anderen?
Haji-Ioannou: Korrekt. Ich muss die Marke führen und beschützen. Das ist mein Job heute. Für die Details kann ich immer Leute einstellen, die sich da viel besser reinknien können. Dafür muss ich Leute haben, die anders sind als ich selbst, Leute, die meine eigenen Schwächen ausgleichen.
SPIEGEL: Auf Ihrer Visitenkarte nennen Sie sich "Serien-Unternehmer". Was genau bedeutet das?
Haji-Ioannou: Es gibt ja auch Serienmörder. Die tun dasselbe wieder und wieder. Es ist wie ein Zwang. Sie können es nicht aufhalten. Ich bin auch ein Getriebener und muss immer neue Firmen gründen. Allerdings ist mein Job als Unternehmer gesellschaftlich zumindest anerkannter als der des Serienkillers.
SPIEGEL: Apropos: Aus welchem Grund haben Sie eigentlich die Idee begraben, es auch mit Easy-Beerdigungen zu versuchen?
Haji-Ioannou: Nett, wie Sie das Wort "begraben" einsetzen. Das Projekt hatte sogar schon einen Namen: Easy Death.
SPIEGEL: Nicht Ihr Ernst!?
Haji-Ioannou: Doch! Aber wir machen Dinge ja vor allem deshalb billiger, um mehr Kunden anzulocken. Eine Beerdigung haben wir alle nur einmal. Schon deshalb wurde daraus nichts.
SPIEGEL: Das Easy-Orange wäre auch nicht allzu passend als Dekor. Warum mussten Sie eigentlich so eine Kreischfarbe nehmen?
Haji-Ioannou: Dahinter steckte kein großer Plan. Anfangs brauchten wir einfach eine Farbe, die auf der Heckflosse anderer Jets noch nicht vertreten war und zu so einer Art fliegender Werbefläche taugte, inklusive Web-Adresse und Telefonnummer auf dem Rumpf. Den Passagieren drinnen ist ja egal, wie das Flugzeug außen angemalt ist.
SPIEGEL: Hier auf Ihrem ersten Billig-Kreuzfahrtschiff ...
Haji-Ioannou: ... funktioniert das auch noch. Die Werbewirkung eines orangefarbenen Schiffes im Hafen von Cannes, Nizza oder St. Tropez kann man kaum überschätzen. Aber in den Kabinen versuchen wir das mittlerweile abzuschwächen. Wir wissen es nicht so genau, aber die Farbe mag manche doch abschrecken.
SPIEGEL: Wo jeder Kaffee extra bezahlt werden muss, wird der Kreuzfahrtspaß schnell teuer. Zudem ähneln die Kabinen Särgen. Es gibt ja nicht mal Fenster.
Haji-Ioannou: Das war ein Fehler. Das kann man in einer teuren Stadt wie London machen, wo wir winzige, aber eben auch sehr preiswerte Hotelzimmer anbieten. Hier auf dem Schiff machen die Leute aber mehrere Tage Urlaub. Da bin ich zu weit gegangen. Geschäfte sind eben immer auch eine Sache von "Trial and Error". Wir werden das peu à peu ändern.
SPIEGEL: Was bedeutet Ihnen Geld?
Haji-Ioannou: Sind Sie Ärzte in einer Klapsmühle? Oder Psychologen? Unglücklicherweise kann ich Ihnen keine Tellerwäscher-Geschichte erzählen. Geld hat für mich nie eine Rolle gespielt. Meine Eltern hatten es nun mal. Aber ich denke, mein ursprünglicher Antrieb als Unternehmer war genau dieser Wunsch, von dem Image des reichen Reedersohns wegzukommen. Selbst wenn jemand kompetent ist, kann man ihn doch verdammt leicht fertigmachen, solange er nur auf Rechnung seines Vaters arbeitet. Am Anfang wollte ich mich also sicher meinem Vater und dem Rest der Gesellschaft beweisen. Daraus wurde schnell eine größere Herausforderung. Mein Lifestyle hat sich dabei nicht verändert.
SPIEGEL: Zum 18. Geburtstag schenkte Ihr Vater Ihnen noch einen Porsche 928 ...
Haji-Ioannou: ... den ich verkaufte, als ich 1995 Easyjet gründete.
SPIEGEL: Weil der Sportwagen nicht zum Image der Firma gepasst hätte?
Haji-Ioannou: Ich wollte vermeiden, dass es heißt: Stelios macht beruflich auf billig und
lebt privat im Luxus. Das bin ich nicht. Ich brauche keine Statussymbole. Ich brauche auch keinen Privatjet, wenn ich mit Easy doch überall hinkomme.
SPIEGEL: Sie werden oft mit dem Viel-Firmen-Gründer und Virgin-Erfinder Richard Branson verglichen. Ist er Ihr Vorbild?
Haji-Ioannou: Er hat mich sicher zu vielem inspiriert und mit dem Luftfahrt-Virus infiziert. Und manches kann er unbestritten besser als ich. Was Markenpflege angeht, macht ihm niemand was vor. Am Ende geht aber jeder seinen eigenen Weg.
SPIEGEL: Branson erzählte uns mal den Gag, wie man Millionär wird: Man muss Milliardär sein und sich eine Airline zulegen.
Haji-Ioannou: (lacht) Der ist gut. Aber wir haben ja beide bewiesen, dass man mit Luftfahrt sogar Geld verdienen kann.
SPIEGEL: Wie hart wird der Konkurrenzkampf mit anderen Billig-Fliegern?
Haji-Ioannou: Sie können die heutigen Airlines in zwei Lager aufteilen: teure und billige. Ich glaube aber, dass wir in Zukunft nur noch zwischen Langstrecken- und Kurzstreckenanbietern unterscheiden werden. Wer sich innerhalb Europas bewegt, kommt in rund drei Stunden überall hin und ist mit Easyjet oder Ryanair zweifellos besser bedient. Wer acht Stunden fliegen muss, ist bei der Lufthansa womöglich sogar gut aufgehoben. Deren Strategie, alles über wenige Flughafen-Drehscheiben abzuwickeln, ist aber nichts für uns.
SPIEGEL: Weil Sie an Punkt-zu-Punkt-Verbindungen glauben?
Haji-Ioannou: Das ist die Easyjet-Philosophie, und die passt auch zu Europa, ja. Passagiere wechseln ungern das Flugzeug; das bedeutet Wartezeiten, Stress, Lauferei. Es gibt den Witz, dass das Drehscheibenprinzip von Frachtfirmen erfunden worden sein soll. Dem Gepäck ist es nämlich egal, wo und wie es rumgeschubst wird.
SPIEGEL: Ihr Easyjet-Chef Andrew Harrison drohte kürzlich an, die Lufthansa zu verklagen, weil die ihren Billig-Ableger Germanwings quersubventioniere.
Haji-Ioannou: Klingt nach einer vernünftigen Idee - ich meine die Klage, nicht die Subventionierung.
SPIEGEL: Sie und Ihre beiden Geschwister halten rund 40 Prozent der Easyjet-Aktien und sind damit noch immer Hauptaktionär. Der Börsenkurs kann Sie nicht glücklich machen.
Haji-Ioannou: Man muss den Wert der Aktie im Kontext sehen. Als Easyjet im Jahr 2000 an die Börse ging, hatte es weniger als 20 Maschinen, heute sind es rund 120. Wenn man bedenkt, was seither geschehen ist - die Anschläge vom 11. September 2001, die Rezession in der Branche -, geht es dem Unternehmen sehr gut. Und die Aktie zieht wieder an.
SPIEGEL: Kann es nicht sein, dass die Billig-Ära sich langsam ihrem Ende nähert? Dass die Leute wieder bereit sind, für Qualität und Service mehr Geld auszugeben?
Haji-Ioannou: Ich denke eher, dass das Geschäft gerade erst losgeht. Wissen Sie, womit wir Konzernriesen wie British Airways oder Lufthansa am härtesten und nachhaltigsten beschädigt haben? Wir zeigten den Leuten, dass man für 50 Euro durch ganz Europa fliegen kann. Das werden die nie mehr zurückdrehen können. Die Leute fühlen sich doch betrogen, wenn sie 300 Euro für ein Ticket zahlen müssen. Deutschland ist für mich ein prima Beispiel dafür, dass die Niedrigpreisrevolution gerade erst begonnen hat.
SPIEGEL: Weil Geiz in Deutschland als geil gilt?
Haji-Ioannou: Sie leben in einem Land, das zu Recht für seine Ingenieure, seine Technik und Qualität gerühmt wird. Aber zwei der europaweit erfolgreichsten Discounterketten sind Aldi und Lidl.
SPIEGEL: Das fehlte noch - ein Easy-Discountmarkt.
Haji-Ioannou: Warum nicht? In fünf Jahren möchte ich etwa 20 bis 25 Firmen haben. Etwa ein Drittel davon wird gut laufen. Ein Drittel wird okay sein, das letzte Drittel wird mich als Feuerwehrmann brauchen.
SPIEGEL: Dieser Nervenkitzel treibt Sie an?
Haji-Ioannou: Es ist doch spannend. Und eines kann ich schon jetzt sagen: Ich war der Erste, der es wagte, ein orangefarbenes Kreuzfahrtschiff mit fensterlosen Kabinen in See stechen zu lassen. Vielleicht war ich auch der Letzte.
SPIEGEL: Stelios, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Stelios Haji-Ioannou
wuchs als Spross einer schwerreichen griechisch-zypriotischen Reedersfamilie auf, begann aber schnell, eigene Firmen zu gründen. Bekannt wurde er vor allem durch die Gründung von Europas erster Billig-Airline, Easyjet, im Jahr 1995. Die Fluggesellschaft hat vergangene Woche wieder einen kräftigen Gewinnanstieg angekündigt und ist bis heute Kern von Haji-Ioannous schnell wuchernder Firmenkette geblieben. Mit der Marke Easy versucht der selbsternannte "Serien-Unternehmer" inzwischen, alles Mögliche billig zu machen - Hotelzimmer, Kredite, aber auch Kreuzfahrten. Der 39-Jährige lebt heute im Steuerparadies Monaco.
DER SPIEGEL 29/2006
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