17.07.2006

„Humor entsteht durch Schmerz“

Der ehemalige US-Vizepräsident Al Gore über seinen Kampf gegen die Klimakatastrophe, seinen neuen Dokumentarfilm „Eine unbequeme Wahrheit“ und ein mögliches Comeback beim Kampf ums Weiße Haus 2008
Albert ("Al") Arnold Gore, 58, war von 1993 bis Januar 2001 Vizepräsident Bill Clintons. Im November 2000 trat Gore selbst als Spitzenkandidat der Demokraten an - und verlor unter umstrittenen Umständen gegen den Republikaner George W. Bush. Danach gründete Gore einen TV-Sender, er arbeitet als Universitätsdozent und Finanzmanager. Vor allem aber wirbt er für den Klimaschutz, neuerdings sogar im Kino: Der Dokumentarfilm "Eine unbequeme Wahrheit", der Gore als unermüdlichen, überraschend charismatischen Mahner zeigt, begeistert derzeit in den USA Kritiker und Publikum. Die Deutschland-Premiere findet diese Woche beim Filmfest München statt.
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SPIEGEL: Mr Gore, was für ein Auto fahren Sie?
Gore: Wir haben seit ungefähr einem Jahr ein Hybrid-Fahrzeug, aber ich fahre nicht viel. Wir haben unser ganzes Leben umgestellt und uns für einen CO2-armen Lebensstil entschieden. Sogar der Dokumentarfilm "Eine unbequeme Wahrheit" wurde teilweise mit alternativen Energien produziert. Das Studio Paramount will dafür sorgen, dass auch die Werbung und die PR-Tournee für den Film auf CO2-sparende Art und Weise gemacht werden.
SPIEGEL: Ihr ehrenwerter Einsatz wirkt wie ein Tropfen auf einen sehr heißen Stein. Immerhin stellen Sie selbst in Ihrem Film die These auf, dass wir nur noch zehn Jah-
re Zeit haben, bis die Klimakatastrophe die Menschheit zu zerstören beginnt.
Gore: Ja, schon. Ich denke aber, dass wir die Krise bewältigen werden. Aber dazu sind viele Veränderungen in sehr kurzer Zeit notwendig.
SPIEGEL: "Eine unbequeme Wahrheit" wird präsentiert als "der bei weitem furchterregendste Film, den Sie je sehen werden". Als Europäer findet man es eher erschreckend, wie wenig sich offenbar Ihre Landsleute der Gefahren der globalen Erderwärmung bewusst sind. Wie erklären Sie sich diese Ignoranz?
Gore: Das Ziel meines Films ist es ja, genau das zu ändern. Es liegt daran, dass die Ölgesellschaften und die Kohleindustrie zu viel Einfluss haben.
SPIEGEL: Hat das wiederum damit zu tun, dass diese Konzerne eng mit der US-Regierung verbunden sind? Ihr Amtsnachfolger, Vizepräsident Richard Cheney, war schließlich Chef der Ölfirma Halliburton.
Gore: Ja, der Führungsstil einer Regierung hat viel Einfluss auf die Art und Weise, wie die Leute denken. Bush und Cheney haben uns in die falsche Richtung geführt. Wahr ist aber auch, dass viele meiner Parteifreunde sich weigern, etwas an den Verhältnissen zu ändern. Das hat mit unserer politischen Geschichte und Kultur zu tun, mit der Eroberermentalität, zu der es gehört, immer wieder zu neuen Horizonten aufzubrechen, lange Strecken mit dem Auto zu fahren.
SPIEGEL: Das ist genau jener Lebensstil, der als typisch amerikanisch gilt: spritfressende Geländewagen, riesige Häuser, Klimaanlagen. Wollen Sie den ganzen American Way of Life ändern?
Gore: Wenn sich die Vereinigten Staaten dazu entschließen, das Kyoto-Protokoll oder ein anderes, strengeres Abkommen zu ratifizieren, dann werden andere Völker, die sich jetzt ganz wohl fühlen mit ihrer Klimapolitik, weil sie bei weitem nicht so schlimm ist wie das, was Amerika macht, ihren Standpunkt überprüfen müssen. Und dann müssen sich alle wieder neu überlegen, ob sie genug tun. Das ist der andere Grund, warum es so wichtig ist, dass gerade die USA sich der Weltgemeinschaft anschließen, denn dann kann die Welt einen Schritt weitergehen und die nächsten, größeren Veränderungen einleiten.
SPIEGEL: Ihr Optimismus in Ehren, aber wird nicht gerade im Irak Krieg geführt, um den Ölnachschub der USA zu sichern?
Gore: Das System funktioniert eher so, dass sich die USA in China Geld leihen, um Öl am Persischen Golf zu kaufen und es dann daheim zu verbrennen - mit dem Ergebnis, dass unser Planet zerstört wird. Wir müssen alle diese Dinge ändern.
SPIEGEL: Öl und Gas werden als Druckmittel im globalen Machtpoker eingesetzt. Gerade hat Cheney Russland beschuldigt, die von russischen Erdgaslieferungen abhängige Ukraine zu erpressen.
Gore: Damit hat er recht, aber ich glaube nicht, dass er wirklich besorgt war, bis einige amerikanische Ölfirmen anfingen, ihre Verträge in Russland zu verlieren.
SPIEGEL: Handelt Cheney noch immer wie ein Ölmanager?
Gore: Ich muss Sie warnen: Ich fürchte, ich habe angefangen, bei Bush und Cheney meine Objektivität zu verlieren.
SPIEGEL: Wären die Probleme nicht viel einfacher zu lösen, wenn der Mann an der Spitze der US-Regierung ein Umweltaktivist wie Sie wäre?
Gore: Worauf wollen Sie hinaus?
SPIEGEL: Sie ahnen es: Ob Sie 2008 erneut für das Weiße Haus kandidieren?
Gore: Ich bin Politiker auf Entwöhnung. Ich habe vier nationale Wahlkampagnen geführt. Ich habe das alles erlebt und muss es nicht mehr haben. Ich habe herausgefunden, dass es andere Wege gibt, meinem Land zu dienen, und diese Aufgaben machen mir auch noch Spaß. Wenn ich meine Diashow zur Klimakrise vorführe, sehe ich verständnisvolle Blicke im Publikum und höre hinterher, dass sich Leute dazu entschieden haben, ihr Leben zu ändern, nachdem sie die Show oder den Film gesehen haben. Das erfüllt mich mit Befriedigung. Und ich fühle mich noch besser, wenn ich merke, dass ich Fortschritte mache.
SPIEGEL: Wo sehen Sie diese Fortschritte?
Gore: Ich glaube, die Veränderung kommt. 85 konservative evangelische Pfarrer, die lange Bush unterstützten, haben gerade angekündigt, dass sie seine Politik zur Klimakrise nicht mehr mittragen werden. Sie haben ihre Gemeinden dazu aufgerufen, mitzuhelfen, die Krise zu lösen. Viele Konzernchefs, die in der Vergangenheit für Bush waren, darunter der Boss von General Electric, haben jetzt mit Bush und seiner Politik gebrochen. 230 Städte in den USA, viele davon mit republikanischen Bürgermeistern, haben unabhängig von der Regierung das Kyoto-Protokoll ratifi-
ziert. In jedem Bundesstaat gibt es mittlerweile Bürgerinitiativen, die Unterschriften sammeln. All diese Dinge zusammengenommen bringen mich zu der Überzeugung, dass unsere Botschaft eine Wirkung hat. Und nicht zuletzt gibt es jetzt noch eine weitere Stimme in der Debatte: Mutter Natur hat gesprochen.
SPIEGEL: Sie spielen auf Naturkatastrophen wie den Hurrikan "Katrina" an?
Gore: Das war ein Weckruf für Millionen US-Bürger.
SPIEGEL: Hätten Sie nicht schon während Ihrer Zeit im Weißen Haus mehr für den Klimaschutz tun können?
Gore: Ich habe es sehr genossen, gemeinsam mit Bill Clinton an der Regierung zu sein. Ich bin stolz auf die Arbeit, die ich geleistet habe. Ich habe dazu beigetragen, dem Kyoto-Protokoll zum Durchbruch zu verhelfen, und habe hart daran gearbeitet, die amerikanische Umweltpolitik zu verändern. Aber letztlich war es nicht meine Präsidentschaft. Ich war ein Teil von ihr. Ich habe dabei gelernt, dass es das dringlichste Problem ist, das Denken der amerikanischen Bürger zu verändern. Denn die Politiker, egal welcher Partei, werden nur so viel oder so wenig tun, wie die Menschen von ihnen verlangen.
SPIEGEL: Wollen Sie das Klimaproblem von der politischen auf die moralische Ebene hieven?
Gore: Ja, genau! Die Bürgerrechtsbewegung in den USA begann erst dann Fortschritte zu machen, als sie in ein moralisches Anliegen umdefiniert wurde. Die Klimakrise sollte als moralische Aufgabe und ethische Verantwortung betrachtet werden, weil das Überleben der menschlichen Zivilisation auf dem Spiel steht. Wir haben nur diesen einen Planeten, wir haben nur eine Zukunft, und die ist weder republikanisch noch demokratisch oder liberal.
SPIEGEL: Politische Gegner könnten Sie trotzdem als abgehobenen Öko-Freak diffamieren, dem die Probleme der amerikanischen Mittelklasse fremd sind.
Gore: Zunächst mal ist es ein Mythos, wenn gesagt wird, dass man sich zwischen der Ökologie und der Ökonomie entscheiden müsse. Es werden Milliarden Dollar von Unternehmen verdient, die Lösungen für die Klimakrise entwickeln. Die alten Muster sind doch ohnehin nicht mehr attraktiv: Man steckt im Stau, atmet Smog. Ich hätte gern ein Stadtbahnsystem und komfortable öffentliche Verkehrsmittel. Wir können die Lebensqualität verbessern, mehr Jobs schaffen und die Gehälter anheben, während wir die Umwelt säubern. Sehen Sie sich doch die Automobilindustrie an: Die Republikaner und andere haben argumentiert, dass wir in den USA die weltweit
schlechtesten Standards in der Treibstoffeffizienz hinnehmen sollten, um General Motors und Ford zu helfen. Und wo stehen GM und Ford heute?
SPIEGEL: Sie verlieren rapide an Marktanteilen.
Gore: Genau, und die Firmen, denen es gutgeht, sind Konzerne wie Toyota, bei denen neue Fahrzeuge, die den aktuellen Emissionsstandards entsprechen, so begehrt sind, dass es lange Wartelisten gibt.
SPIEGEL: Selbst bei großen Umweltverschmutzern scheint es eine Trendwende zu geben: Der Ölkonzern Exxon wirbt massiv mit Umweltthemen.
Gore: Exxon gibt lediglich vor, etwas Positives über die Umwelt zu sagen. Sie nennen das "grün waschen". In Wahrheit sind sie die größten Widersacher, wenn es darum geht, diese Krise zu bewältigen. Sie geben Millionen Dollar aus, um falsche Informationen über die globale Erwärmung zu verbreiten. Es ist wirklich erschreckend! Das ist das Gleiche, was die Tabakkonzerne getan haben, um die Leute in die Irre zu führen, als es um den Zusammenhang zwischen Lungenkrankheiten und Rauchen ging. Diese Firmen sollten sich wirklich schämen.
SPIEGEL: Wer wird die Demokraten in den Präsidentschaftswahlkampf 2008 führen, da Sie nicht zur Verfügung stehen? Hillary Clinton?
Gore: Ich weiß es nicht. Es ist noch zu früh, das zu sagen.
SPIEGEL: Das Magazin "Vanity Fair" jedenfalls nennt "Eine unbequeme Wahrheit" den "vielleicht wichtigsten Film des Jahres" und setzte Sie aufs Titelbild ...
Gore: ... zusammen mit Julia Roberts und George Clooney.
SPIEGEL: Der "New Yorker" druckt eine Lobeshymne auf Sie, der britische "Economist" erklärt Sie zum möglichen Rivalen von Hillary Clinton. Sind Sie wenigstens stolz auf so viel späte Anerkennung?
Gore: Sicher, ich bin auch nur ein Mensch. Aber ich bin mittlerweile alt genug und habe in der Politik genug durchgemacht, um das nicht allzu ernst zu nehmen. Ich bin zwar an einer Kampagne beteiligt, aber es ist keine Kampagne für eine Kandidatur, sondern für ein Anliegen. Und dieses Anliegen besteht darin, etwas im Bewusstsein der Menschen zu ändern, vor allem in den USA: Wenn wir das nicht schaffen, ist alles andere völlig egal. Es ist völlig gleichgültig, wie man in den Geschichtsbüchern steht, wenn es keine Geschichtsbücher mehr gibt - und niemanden mehr, der sie liest! (lacht)
SPIEGEL: Haben Sie Ihren Sinn für schwarzen Humor nach der verlorenen Präsidentschaftswahl 2000 entdeckt?
Gore: Es heißt, der schärfste Humor entstehe durch Schmerz. In meinem Fall kommt hinzu, dass ich immer von niedrigen Erwartungen profitiert habe.
SPIEGEL: Mr Gore, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
* Giftwolken über dem kalifornischen Long Beach nach dem Brand in einer Ölraffinerie, 2001.
* Andreas Borcholte, Martin Wolf in Cannes.
Von Borcholte, Andreas, Wolf, Martin

DER SPIEGEL 29/2006
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