24.07.2006

GESUNDHEIT

Im Lobbyland

Von Hardinghaus, Barbara

Ein Diabetes-Medikament wird zum Testfall: Kann sich der Gesetzgeber gegen die Pharma-Industrie durchsetzen? Ab Herbst sollen teure Kunst-Insuline nicht mehr von Krankenkassen bezahlt werden - ein Durchbruch, von der Pharma-Lobby erbittert bekämpft. Von Barbara Hardinghaus

Es ist kurz nach Mittag, als Erich Dambacher das Rednerpult besteigt. Er spricht in die Dunkelheit, hinter ihm verhängen Baumwollschals die Fenster, das Licht. Er spricht zu etwa 40 Frauen und Männern, die mitschreiben, was Dambacher sagt. Er ist gut vorbereitet. Er zeigt Zeitungsartikel, Statistiken, Schaubilder. Er ist 1,60 Meter groß, er trägt Schnauzer und eine gelbgetönte Brille. Er ist Gesundheitspolitikbeauftragter bei der Firma Sanofi-Aventis, dem drittgrößten Pharma-Konzern der Welt. Erich Dambacher hat 1967 bei Hoechst in Frankfurt am Main zu arbeiten begonnen, er war später im Marketing und fing an, Experte zu werden für Gesundheitspolitik. 40 Jahre später sitzt er bei Sanofi-Aventis in der Chefetage als Leiter einer Abteilung, die Public & Market Relations heißt. Er kann das gut, reden. Er muss im Moment auch viel reden.

Es gibt Experten, die sagen, dass eines der Insuline, die sein Konzern herstellt, teurer sei als andere, aber nicht besser. Und alles, was teurer ist, aber nicht besser, sollen die Krankenkassen nicht mehr bezahlen, sagen Politiker. Also auch Dambachers

Insulin nicht mehr und das von zwei weiteren Firmen, Lilly und Novo Nordisk, die dieses Insulin ebenfalls produzieren.

Deswegen ist Erich Dambacher an diesem Tag im Frühsommer nach Köln-Deutz gekommen, um auf einem Insulin-Seminar zu Medizinern, zu Pharma- und Kassenvertretern zu sprechen, er hat 35 Minuten zum Reden, er muss sie nutzen. Es ist nicht mehr viel Zeit, bis über das Insulin entschieden wird.

Dambacher ist nicht der Einzige, der diese Zeit zum Kämpfen nutzt, aber seine 35 Minuten in diesem Tagungsraum in Köln-Deutz, kurz nach Mittag, gehören zu den seltenen Momenten, in denen Lobbyismus greifbar wird, sichtbar wird.

"Es geht um das Wohl des Patienten", sagt Dambacher. Er sagt das kühl, trocken, aber in Reihe drei sitzt ein Mann von einer Krankenkasse, der lacht, als er das hört.

Das Podium neben Dambacher ist mit grünem Stoff umhängt, es trägt die Namen der Referenten, auf einem der Schilder steht "Hess", der Name des Vorsitzenden des Gemeinsamen Bundesausschusses. Dieser Ausschuss, Dambacher weiß das, wird am 18. Juli über das Insulin entscheiden. Deshalb redet er, eigentlich nur für Hess.

Rainer Hess ist groß und grau und der höchste Mensch im höchsten Gremium des deutschen Gesundheitswesens. Sein Ausschuss hat 21 Mitglieder, zehn Kassenvertreter, zehn Ärzte, ein Vorsitzender, der entscheidet, wenn beide Parteien sich nicht einigen können. Hess ist Jurist, 65 Jahre alt, er arbeitet seit 30 Jahren im deutschen Gesundheitswesen. Er ist derjenige, auf den die Lobbyisten ihre Arbeit ausrichten.

Menschen wie Hess sind selten. In Zeiten, in denen alle davon sprechen, wie teuer Gesundheit ist, will er den Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenkassen stutzen. "Scheininnovationen" sollen bekämpft werden, Präparate, die neu sind, aber überflüssig. "Die Industrie ist aufgeschreckt", sagt Hess.

Rainer Hess hat ein Büro in Siegburg und ein Büro in Berlin an der Albrechtstraße 9. Die Albrechtstraße liegt in Berlin-Mitte. Er trifft ständig auf Menschen wie Dambacher, Lobbyisten. Sie belagern ihn.

5000 sitzen allein in Berlin-Mitte. Im Jahr 1973, in Bonn, waren es noch 600. Sie sitzen auf einem Quadratkilometer zwischen Reinhardstraße im Norden, Friedrichstraße im Osten, Leipziger Straße im Süden, Willy-Brandt-Straße im Westen.

An der Straße Unter den Linden sind die Abgeordnetenbüros, 40 PR-Agenturen, 40 Kanzleien, spezialisiert auf Gesetzestexte, Botschaften, Unternehmen, Verbände. Am Ende der Straße liegen der Pariser Platz, das Brandenburger Tor, am Pariser Platz Nummer 3 die Bayer AG, in den Nachbarstraßen der Bundesverband Deutscher Apothekerverbände, der Hartmannbund, die AOK, der Verein Pro Generika.

433 von knapp 2000 Verbänden, die im Bundestag registriert sind, umkreisen nur das Gesundheitsministerium. Sie beschäftigen Experten wie Dambacher, die ihre Interessen dort vertreten, wo Entscheidungen fallen. Im Gesundheitswesen werden im Jahr 250 Milliarden Euro umgesetzt. Das ist so viel wie der komplette Bundeshaushalt.

Auch Sanofi-Aventis hat einen Sitz in Mitte, am Potsdamer Platz 8. Vom Potsdamer Platz 8 bis zum Gemeinsamen Bundesausschuss in der Albrechtstraße 9 sind es eigentlich nur ein paar hundert Meter oder zwei Stationen mit der S-Bahn. Erich Dambacher könnte rübergehen und sagen, dass er das nicht gut findet mit den Insulinen. Aber Lobbyisten arbeiten nicht so. Sie arbeiten leiser oder lauter, je nachdem.

Im Café Einstein, Unter den Linden 42, treffen sich viele von ihnen. Das Einstein öffnet am Morgen um sieben, es ist wie ein Großraumbüro, das man als Wohnzimmer eingerichtet hat, mit Steinboden und Lederstühlen, an den Wänden hängen schwarzweiße Fotografien, die Romy Schneider zeigen, mal mit Bluse, mal ohne.

"Es geht um allgemeine Beeinflussung", sagt Franz Knieps, er sitzt auf einem der Stühle, trinkt eine Cola light. Knieps leitet die Abteilung zwei im Ministerium von Ulla Schmidt, Gesundheitsversorgung, Krankenversicherung, Pflegeversicherung.

Er hatte viel zu tun in den vergangenen Monaten. Die Abteilung zwei arbeitete an der Gesundheitsreform mit, die zum Ziel hatte, Geld zu sparen. Ohne Reform, hieß es, drohe der gesetzlichen Krankenversicherung im Jahr 2007 ein Finanzloch von fünf bis sieben Milliarden Euro. Auch, weil die Kosten für Arzneimittel ständig steigen, um 16 Prozent im Jahr 2005.

Seit drei Wochen liegt die Reform auf dem Tisch. Sie soll eine Lösung sein. Ab 2007 steigen die Kassenbeiträge um 0,5 Prozentpunkte, das bringt fünf Milliarden

Euro. Ab 2008 sollen auch Steuergelder die Kassen mitfinanzieren.

Und die Arzneimittel? Werden die Kosten weiter steigen?

Wenn die umstrittenen Insuline von der Liste der Kassenmedikamente gestrichen werden, sparen die Kassen daran 50 Millionen Euro im Jahr. Das ist ein Anfang, den die Industrie nicht möchte.

Knieps sagt, es gebe Personen, Verbände, Firmenvertreter, die auch wegen der Insuline mit ihm sprechen möchten. Er bekommt körbeweise Briefe. "Wir antworten ganz formal", sagt er. Sie antworten, dass nicht das Ministerium zuständig sei, sondern der Bundesausschuss. Wenn der entschieden habe, prüfe das Ministerium.

Franz Knieps und Rainer Hess kennen sich gut. Sie beraten sich manchmal.

Knieps und seine Kollegen aus den Ministerien könnten jeden Abend essen gehen, eine Fachtagung besuchen, ein Sommerfest mit Rotwein, Fingerfood, asiatischen Snacks, und alles ist kostenlos. Es gibt immer eine Krankenhaus- oder Kassengesellschaft, die einlädt.

Knieps gefällt das System nicht. Ihm gefällt nicht, wie die Lobbyisten ihn belagern.

140 Interessenverbände hatten in der Anhörung zur letzten Gesundheitsreform 2003 am Tisch gesessen, jeder wollte etwas anderes. Sie forderten Gutachten, Gegengutachten. Am Ende war es doch wieder so, dass die Kassen die Beiträge erhöhten. Es sollte sich etwas ändern.

Die rot-grüne Bundesregierung richtete vor zwei Jahren ein Institut ein, das ihr helfen sollte zu erkennen, was gut und was verzichtbar ist. Es heißt "Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen" und hat seinen Sitz in einem vierstöckigen Mietshaus in Köln-Kalk. Es ist weit weg von Berlin-Mitte, 471 Kilometer entfernt, und ist der Versuch einer lobbyfreien Zone im Gesundheitswesen.

Eigentlich ist das Institut ein Institut für den Beitragszahler. Es hat 60 Mitarbeiter, und wer dort arbeiten will, muss beweisen, dass er in keinem Gremium sitzt, nicht Teil einer Lobby ist.

Der Auftrag, die Insuline zu bewerten, kam am 22. Februar 2005, schriftlich, an einem Dienstag. Es war ein Generalauftrag, 55 Medikamente und Therapien zu überprüfen, um sie nach und nach vielleicht von der Erstattungsfähigkeit auszunehmen. Insulin gehörte zu den ersten Medikamenten, mit denen das Institut sich befasste, und zwar speziell mit Insulinanaloga für den Diabetes mellitus Typ-2. Man hätte ein anderes Medikament wählen können, ein Mittel gegen Asthma vielleicht oder gegen Alzheimer. Aber es waren die Insuline.

Wenn die Pharma-Industrie den Kampf um das Insulin verliert, verliert sie mehr als den Kampf um ein Medikament. Es geht um Politik und um den Versuch, an Gesetzen und Richtlinien mitzuschreiben, ums Prinzip. Deswegen ist die Aufregung so groß.

An einem Donnerstag, am 15. Dezember 2005, war das Kölner Ergebnis aufgeschrieben. Acht Wochen später stand es im Internet: Insulinanaloga sind nicht schlechter als normale Insuline, aber auch nicht besser, und sie sind teurer, um rund 30 Prozent.

Die Hersteller, Sanofi-Aventis, Lilly und Novo Nordisk, hatten sechs Wochen Zeit, sich beim Gemeinsamen Bundesausschuss zu beschweren und Argumente zu bringen. Sanofi-Aventis gab seine Stellungnahme am 30. März 2006 ab und kündigte an zu klagen, falls der Bundesausschuss die Streichung beschließen sollte.

Die Stellungnahme des Konzerns hat 32 Seiten, aber die beweisen nicht, dass kurzwirksame Insulinanaloga besser sind. Das ist Dambachers Problem.

Also schrieb Sanofi-Aventis an den Ausschuss, dass das Institut in Köln-Kalk schlecht gearbeitet habe, einseitig. Dass es um das Wohl des Patienten gehen müsse. Dass der Konzern, es klingt wie eine Drohung, am Standort Frankfurt am Main 8000 Mitarbeiter beschäftige, in den Bereichen der Forschung, Entwicklung, Produktion, Fertigung.

Sie schickten auch Briefe an Politiker.

Am 16. März 2006 empfing Daniel Bahr, gesundheitspolitischer Sprecher der FDP-Fraktion, eine Mail, Absender: Erich Dambacher, Betreff: Internationaler Vergleich kurzwirksamer Insuline. Dambacher und Bahr verabredeten sich für den 17. Mai, am 1. Juni sollte Bahr zu einem "Parlamentarischen Abend" kommen, Sanofi-Aventis lud ein. Daniel Bahr bekommt öfter solche Anfragen und Einladungen. Er hat mit dem Gemeinsamen Bundesausschuss eigentlich nichts zu tun, aber er ist Politiker, er tritt vor Fernsehkameras, und

er kann Öffentlichkeit schaffen. Er kennt auch Rainer Hess und trifft ihn ab und zu.

Das ist der Grund, warum er Dambacher zuhören soll. "Ich entscheide das nach meinem inneren Kompass", sagt Bahr und dass es oft wichtig sei, Gespräche zu führen. Nur vieles gehe zu weit. Wenn jemand Fotos von kranken Kindern schickt oder Massenbriefe direkt zu ihm nach Hause. Manchmal, sagt er, habe er Mühe, Veranstaltungen zu verlassen, weil er auf dem Weg zur Tür ständig angesprochen werde.

Lobbyisten versuchen, Lager zu bauen, sie versuchen, einflussreiche Menschen zu überzeugen und so in ihr Camp zu holen.

Die Wirtschaftsminister der Bundesländer, in denen die Hersteller sitzen, versuchen das auch. "Die wenden sich direkt an den Gemeinsamen Bundesausschuss und weisen auf die Notwendigkeit der Erhaltung des Wirtschaftsstandorts hin", sagt Hess.

Rainer Hess findet das ganz normal. Bevor er Vorsitzender des Gemeinsamen Bundesausschusses wurde, war er der Hauptgeschäftsführer der Kassenärztlichen Bundesvereinigung. "Da habe ich es ähnlich gemacht und mich mit Bitten direkt an die Schnittstellen gewandt", sagt Hess. Briefe zu schreiben, sagt er, sei in Ordnung. Um Gespräche zu bitten, ebenfalls. Nicht in Ordnung findet er, wenn Mitglieder vom Bundesausschuss von Marketingfirmen Geld geboten bekommen oder Einzelne persönlich angegriffen werden, wie Peter Sawicki, der Institutsleiter in Köln. Das gehe gegen den Kodex. Den gibt es auch im Lobbyismus.

Lobbyismus in Deutschland ist professionell geworden, es gibt inzwischen viele, die ihr Geld damit verdienen, viele Anwaltskanzleien, Agenturen. Sie sind auf die Schnittstellen spezialisiert, die Hess meint. Sie wissen, wo diese Stellen liegen.

Axel Wallrabenstein arbeitet in so einer Agentur. Sein Büro befindet sich in Etage fünf, Chausseestraße 8, Berlin-Mitte, im zweiten Hinterhof. Die Agentur "Publicis" ist 1000 Quadratmeter groß, sie hat einen Ableger, der "Publicis Consultants" heißt und Abteilungen, die sich "Krisenkommunikation", "Image-Marken-PR", "Publishing", "Public Affairs/Lobbying" nennen.

Axel Wallrabenstein ist "Managing Partner", geschäftsführender Teilhaber, früher war er Bundesgeschäftsführer der Jungen Union. Er ist 42, er trägt ein violettes Oberhemd, das faltenfrei auf ihm liegt. Sein Haar ist auf einen Millimeter runterrasiert.

Auf dem Flur hängen die Logos der Firmen, für die Publicis arbeitet oder gearbeitet hat, wie Trophäen in Wechselrahmen. Siemens, Telekom, Arcelor. Zu den Kunden gehört auch Sanofi-Aventis. Wallrabenstein sagt das aber nicht. "Wir sprechen nicht über alle", sagt er. Ein Lobbyist, der über alle spricht, ist ein schlechter Lobbyist.

Er möchte die Dinge allgemeiner beschreiben, wie es so läuft. Wie im "Fitnessstudio", sagt Wallrabenstein. Die Unternehmen buchen, weil sie besser aussehen wollen. Zu seinen 25 Angestellten gehören Leute, die aus der Politik kommen oder dem Journalismus. Er hat gerade einen Juniorberater eingestellt, der vorher im Büro von Fritz Kuhn, dem Fraktionsvorsitzenden der Grünen, gearbeitet hat. Ziel ist es, einzelne Personen zu platzieren, am Ohr des Ministers, auf dem Sessel einer Politiksendung. Garantien hierfür gibt es aber keine.

Auf einer Internet-Seite stehen Bilder vom "Politischen Salon", zu dem Wallrabenstein regelmäßig ins Restaurant "Das Speisezimmer" einlädt. Industrievertreter trinken Rotwein mit Politikern. Auf einem der Bilder spricht Ulla Schmidt. Es ist ihr Ministerium, das noch ein Veto gegen den Bundesausschuss einlegen könnte.

Es geht um Öffentlichkeit, und die ist mit einer Menge Methoden herzustellen.

Ein Mainzer Institut verbreitet seit ein paar Wochen, das Institut in Köln habe schlecht gearbeitet. Der Leiter des Instituts schreibt Artikel darüber. Unter den Artikeln fehlen aber die Namen der Unternehmen, von denen sein Institut Aufträge erhält. Es sind rund 40 Pharma-Unternehmen, darunter Fournier, Lilly, Novo Nordisk, Sanofi-Aventis.

Der Chef des Instituts heißt Andreas Pfützner, ist 46 Jahre alt, Arzt und Chemiker mit Professoren- und Doktortitel und gründete das Institut 1998. Bis 2000 arbeitete Pfützner acht Jahre lang in der Pharma-Industrie, war Geschäftsführer bei MiniMed, einer Firma für Insulinpumpen, er war Abteilungsleiter bei Fournier Pharma und Lilly Deutschland.

"Ziel des Instituts ist, die klinische Forschung im Diabetes-Bereich auf höchster Qualitätsstufe durchzuführen", sagt Pfützner.

Pfützner sitzt auf einem Ledersofa in Etage sieben des Instituts, es liegt an der Parcusstraße am Hauptbahnhof zwischen Bürohäusern und Imbissen. Er sagt, ihm sei sehr unwohl mit der Bewertung der Insuline. Deshalb schreibe er kritische Artikel.

Sieben Seiten lang ist sein letzter Artikel im Magazin "Diabetes, Stoffwechsel und Herz", einem Fachblatt für Ärzte, Ausgabe 3/2006. Sawicki, dem Leiter des Instituts in Köln, wirft er vor, methodische Fehler gemacht zu haben und nur mit Weggefährten gearbeitet zu haben. Jetzt, sagt Pfützner, fürchte er die Konsequenzen. Es gehe um die Patienten, um die Freiheit der Ärzte. Er sagt, man müsse sehen, welche Qualität vom Institut noch zu erwarten sei.

Pfützners Institut hätte sich in Köln selbst darum bewerben können, die Insuline wissenschaftlich zu bewerten. Sawickis Institut schreibt die Aufträge aus. "Sie hätten uns eh nicht genommen", sagt er. Die Mainzer hätten offenlegen müssen, mit wem sie arbeiten, ob sie unabhängig sind.

Und trotzdem sagt Pfützner ihn wieder und wieder, diesen Satz: "Mir ist sehr unwohl."

So ist das im Lobbyismus. Jeder vertritt seine Interessen. Es gibt die Lobbyisten der Hersteller, der Ärzte, der Patientenorganisationen. Jeder hat seinen Auftrag, jeder folgt seiner Logik. Es ist, als trage der Lobbyist ein unsichtbares Trikot, das seines Vereins, mit dem er hinausrennt auf den Platz, kämpft und gewinnen will, nur wie sein Verein heißt, sagt er nicht.

Auf Pfützners Referenzenliste steht auch "Kirchheim-Verlag". Der Verlag bringt sechs Zeitschriften zum Thema Diabetes heraus, auch das "Diabetes-Journal", die Mitgliederzeitschrift des Deutschen Diabetes

Bunds, und "Diabetes, Stoffwechsel und Herz". Pfützner ist zweiter Chefredakteur. Er schreibt aber auch im "Diabetes-Journal". 40 000 Mitglieder bekommen es jeden Monat nach Hause. Eines geht nach Nordhessen, nahe Kassel, nach Melsungen, in die Straße Zum Pfieffrain, zu Frau Wetterau.

Frau Wetterau glaubt, was in den Heften steht.

Frau Wetterau ist 62, seit 38 Jahren Diabetes-Patientin, seit 25 Jahren Mitglied im Diabetiker-Bund. Morgens um sieben und abends zwischen zehn und elf Uhr spritzt sie langwirksames Humaninsulin, "Insuman Basal". Mit einem kurzwirksamen Humaninsulin, "Insuman Rapid", reguliert sie tagsüber nach, je nachdem, was sie isst, Torte oder nicht. Beide Schachteln liegen zwischen Rätselheften auf ihrem Wohnzimmertisch und sind von Sanofi-Aventis.

Sie sagt, wenn sie das "Insuman Rapid" nicht mehr hätte, ginge es ihr wieder wie vor 20 Jahren. Früher sei sie in der Stadt manchmal umgekippt, weil ihr Körper überzuckert oder unterzuckert war.

Sie glaubt, bei den Insulinen gehe es auch um ihr Medikament. Dabei wird sie ihre Insuline behalten dürfen, im Ausschuss geht es nur um die teuren Insulinanaloga, die in ihrer Struktur künstlich verändert sind und die Frau Wetterau nicht verwendet, aber mehr als 200 000 andere der rund 1,3 Millionen Insulinpflichtigen im Land.

Trotzdem schimpft Frau Wetterau.

Ihr Mann steht am Fenster und sieht auf die Straße. Vor seinem Herzinfarkt fuhr er 40 Jahre lang Blumen aus. Als seine Frau sagt, dass man ihnen jetzt wieder etwas streichen wolle und dass das eine Frechheit sei, nickt er und sagt "ja".

Ihr Mann und sie fühlen sich gut informiert.

Sie lesen zusammen im "Diabetes-Journal". Sie besuchen zusammen den "Diabetiker Tag". Sie gaben zusammen ihre Unterschriften gegen die Streichung der Insulinanaloga. Das taten die Wetteraus aus Protest und auch aus Angst.

Die Unterschriftenaktion wurde vom Deutschen Diabetiker Bund initiiert. Förderer des Bundes sind auch das Institut für Klinische Forschung und Entwicklung, der Kirchheim-Verlag, Lilly, Novo Nordisk und Sanofi-Aventis. Sanofi-Aventis spendete 8000 Euro im vergangenen Jahr. Es gibt schon 180 000 Unterschriften. Der Bund will sie, falls es nötig wird, im August mit dem Auto nach Berlin-Mitte bringen.

Manfred Wölfert ist derjenige, der sie selbst nach Berlin-Mitte fahren will. Er ist der Chef des Diabetiker-Bundes, der größten Patientenvereinigung für Diabetiker. Wölfert war es, der den Einfall hatte, Unterschriften zu sammeln. Er ist 67, vor seiner Pensionierung arbeitete er als Sparkassendirektor in Kassel.

Im Internet lassen sich der Protestbrief und die Unterschriftenliste ausdrucken, sie liegen in Apotheken aus, bei Ärzten, auf Info-Ständen, das "Diabetes-Journal" titelte: "Insulinanaloga: das Aus? Jetzt zählt Ihre Stimme!" In jeder Ausgabe liegen zwei Postkarten. Die Patienten werden aufgefordert, sich zu wehren. Sie müssen nur das Absenderfeld ausfüllen, unterschreiben und 45 Cent Porto zahlen, aber nur, falls eine Briefmarke zur Hand ist.

Die Ordner mit den Unterschriften stehen zwischen Zimmerpflanzen auf dem Boden im Konferenzraum der Geschäftsstelle. Sie sind doppelt kopiert. "Die sind alle für Frau Merkel", sagt Wölfert.

Frau Merkel hat jede Woche einen Brief von ihm bekommen, in dem stand, wie viele Unterschriften es schon gab. Er hat alle Fraktionen angeschrieben, er setzt sich oft in den Zug und fährt nach Berlin, um Gespräche zu führen, auf Tagungen zu referieren, er ist Botschafter der Diabetiker.

Sie wollen das Insulin, weil sie sich seit zehn Jahren daran gewöhnt haben. Das Institut in Köln sagt nicht, dass Insulinanaloga schlechter sind, es kann nur nicht beweisen, dass sie besser sind. Ihnen fehlen Studien, die das belegen könnten. Damit fehlen die Fakten - und wenn die Fakten fehlen, schafft das Raum für Lobbyismus.

Wölfert redet von "Spritz-Ess-Abständen", "Unterzuckerung", von "Überzuckerung". Es dauert 23 Minuten, bis er vom Institut in Köln anfängt. Er sagt, das Institut habe methodisch schlecht gearbeitet.

Das Institut in Köln ist der Gegner, gegen den die Lobbyisten bislang keine Mittel gefunden haben.

Der Vorsitzende des Ausschusses, Rainer Hess, weiß das alles. Er hört, was Gesundheitspolitikbeauftragte vortragen, er weiß, was Verbände an Politiker schreiben, er weiß, wie PR-Agenturen arbeiten, Patientenvereinigungen, Selbsthilfegruppen, er weiß, wie einige Wissenschaftler arbeiten.

Er hält das Gesundheitssystem für ein System, das so stark von Interessen durchflochten ist, dass es schwer reformierbar ist.

"Die Frage ist jetzt", sagt Rainer Hess, "wie weit sich der Gesetzgeber von den Einflüssen lösen kann." Das gelte auch für ihn.

Der 18. Juli ist ein Dienstag, ein heißer Tag, einer der heißesten des Jahres, sagen Meteorologen, und der Tag, an dem Erich Dambacher zum Verlierer wird.

Es ist auch der Tag, den der Diabetiker-Bund einen "schwarzen Tag für alle Patienten" nennt und Peter Sawicki, der Institutsleiter, einen "guten Tag für die Sicherung der Qualität im Gesundheitswesen".

Der Gemeinsame Bundesausschuss hat entschieden, um 14.52 Uhr in einem Sitzungssaal in Siegburg. Zehn Ärzte, zehn Kassenvertreter und Rainer Hess haben beschlossen, dass Insulinanaloga von der Liste gestrichen werden sollen. Greift das Gesundheitsministerium innerhalb der kommenden acht Wochen nicht ein, wird die Entscheidung im Herbst im Bundesanzeiger auftauchen, schmucklos mit ein paar Worten, und damit rechtskräftig sein.

Acht Wochen. So lange hat Erich Dambacher höchstens Zeit, vom Verlierer wieder zum Gewinner zu werden. Seine Hoffnung ruht jetzt auf einem Veto von Ulla Schmidt.

Rainer Hess kommt spät aus dem Sitzungssaal. Er musste noch reden, Ausschussmitglieder verabschieden. Er hält ein orangefarbenes Buch in der Hand, das Sozialgesetzbuch. Er nennt das, was gerade geschehen ist, eine Konsequenz. "Wenn es keinen zusätzlichen Nutzen gibt, können wir der Solidargemeinschaft die Mehrkosten der Analoga nicht zumuten", sagt er.

Er spricht noch weiter. Er spricht von Ausnahmen, für Allergiker beispielsweise. Jetzt ist er es, der viel reden muss, er reibt sich die Augen, unten im Foyer wartet ein Fernsehteam vom ZDF, das "heute journal".

Rainer Hess fährt mit dem Fahrstuhl drei Etagen hinunter, die Fernsehreporterin fragt, er antwortet, macht es kurz. Hess geht auf den Parkplatz, vor seinem Wagen zieht er das Sakko aus, wirft es mit schlapper Bewegung auf den Rücksitz, er will nach Hause, er ist müde, er steigt ein, allein.


DER SPIEGEL 30/2006
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