24.07.2006

Arabiens gepeinigte Seele

Von Zand, Bernhard

Zwischen Bahrein und Damaskus gelten die Kämpfer der Hisbollah als Helden. Israels Angriffe lassen den Graben zwischen Sunniten und Schiiten verschwinden.

Abu Abbas ist 40 Jahre alt, seine Frau und er haben einen Sohn bekommen, ihr zweites Kind, und ihm einen ungewöhnlichen Namen gegeben. Nasrallah heißt der Kleine - "Sieg Gottes". Nasrallah - wie Scheich Hassan Nasrallah, der Führer der radikalislamischen Hisbollah, der Schiiten-Miliz im Südlibanon. "Ungewöhnlich?", fragt Abu Abbas. "Warum denn? Im Libanon gibt es viele Nasrallahs."

Das stimmt, doch Abu Abbas ist kein Libanese, er lebt in Bahrein, an einem ganz anderen Ende der arabischen Welt, fast 3000 Kilometer weg von Beirut.

Die Araber und der Libanon, das ist eine besondere Beziehung, eine Liebesgeschichte. Mit Palästina verbinden sie die zur Ikone erstarrte Aksa-Moschee, mit Syrien den verblichenen Panarabismus, mit Saudi-Arabien die Pilgerfahrt nach Mekka. Doch wer an den Libanon denkt, fängt unwillkürlich zu lächeln an, die Mädchen von Beirut fallen ihm ein, der scharfe Arak, die beste Küche des Nahen Ostens. Der Libanon ist das Land, von dem die Häftlinge in Arabiens Gefängnissen träumen.

Und manchen fällt die Hisbollah ein, wenn sie an den Libanon denken, nicht nur frommen Schiiten wie Abu Abbas. In ein paar Wochen macht er ein paar Kilometer außerhalb von Bahreins Hauptstadt Manama ein Restaurant auf, er sucht noch nach einem großen Nasrallah-Porträt, das er dort aufhängen will.

Kein Land hat so direkt vom Libanon profitiert wie Bahrein. Vor dem Bürgerkrieg war Beirut die Bankenhauptstadt der arabischen Welt, danach war es Manama. Am Tag, als die jüngste Nahost-Krise ausbricht, warten Geschäftsleute am Internationalen Flughafen Bahrein und verfolgen ungläubig die Nachrichten. "Wie kann das sein", sagt einer, "gerade jetzt stand der Libanon vor dem Wiederaufblühen. Wie schade, ja chassara."

Der ganze Golf ist mit libanesischer Hilfe geworden, was er heute ist: Arabiens leuchtende Boomregion. Unübersehbar hat in den Scheichtümern von Kuweit bis an die Straße von Hormus phönizischer Kaufmannsgeist seine Spuren hinterlassen, libanesisches Raffinement, auch die typisch libanesische Fixierung aufs Äußere, aufs Prestige, aufs Prunkvolle. Dubai hätte nie seinen aufdringlichen Chic entfaltet, hätten nicht auch Libanesen dieser Stadt ihr Gepräge gegeben.

Den Konfessionshass, den politischen Extremismus, der den Libanon in den Bürgerkrieg riss, haben sie nicht mitgenommen, davor sind sie geflohen. Einträchtig

stehen libanesische Christen und Muslime vor einer Wand von Fernsehern in der Elektronikabteilung einer Dubaier Shopping Mall. Auch zwei Syrer stehen dabei, sie alle arbeiten hier. Auf 40 Monitoren gleichzeitig laufen die Bilder des Satellitenkanals al-Arabija: Israels Luftwaffe beschießt den Flughafen von Beirut.

"Könnte es sein, dass sie eine Atombombe abwerfen?", fragt Firas, einer der beiden Syrer.

Mit politischen Erklärungen, mit einer Verurteilung der Hisbollah, wie sie ein paar Tage später Ägyptens Präsident Husni Mubarak und die Könige von Jordanien und Saudi-Arabien veröffentlichen, halten sich die Emire vom Golf zurück. Die Region soll so politikfrei bleiben wie möglich, auch in Zeiten der Krise. Das ist eines der Geheimnisse ihres Erfolgs.

Doch ein paar sparsame Bekenntnisse gibt es, humanitäre Gesten. 15 Ambulanzwagen schickt Scheich Mohammed Ibn Raschid Al Maktum von Dubai als Soforthilfe in den Libanon. Die Ausländerbehörde in Abu Dhabi verlängert bis auf weiteres alle Touristenvisa für Libanesen, das Herrscherhaus empfängt libanesische Flüchtlinge. Mit jedem Tag wächst der Druck. "Frauen und Kinder sterben!", titelt die Tageszeitung "al-Bajan": "Israel legt den Südlibanon in Schutt und Asche!"

Dass Mubarak und die beiden Könige die Hisbollah verurteilen, mag politisch korrekt und von diplomatischer Weisheit sein; breite Mehrheiten würden sie bei ihren Völkern dafür nicht erhalten.

"Klar, die Saudis sind grundsätzlich gegen die Schiiten", sagt der Ägypter Mahmud Chalifa, ein junger Investmentbanker auf dem Weg zum Flughafen Dubai. "Und Mubarak? Mubarak ist froh, wenn ihn die Amerikaner in Ruhe lassen."

Alle Flüge von Dubai nach Beirut sind nach Damaskus umgeleitet. Dreimal statt einmal täglich fliegt Emirates in der Woche jetzt die syrische Hauptstadt an: Die Hinflüge sind kaum zu einem Drittel gefüllt, die Rückflüge auf Tage hinaus ausgebucht.

Der Libanese Ali Chatib, ein 38-jähriger Patentanwalt mit Wohnsitz in Mumbai, sitzt in Anzug und Krawatte in der Maschine nach Damaskus. Er hat sich kurzfristig entschlossen, seiner Familie entgegenzufliegen: Seine Frau und seine zwei Kinder sind gerade in einem Taxi von Beirut nach Syrien unterwegs.

Mitten im Bürgerkrieg, er war 16, haben ihn seine Eltern aus dem zerstörten Libanon in die USA geschickt. Er hat in Denver studiert und in Paris gearbeitet; nach Beirut kommt er nur noch im Urlaub zurück. Aber er hat seinen libanesischen Pass behalten. Und er sagt: "Es war keine gute Idee, die beiden Israelis zu entführen. Aber ich verstehe nicht, warum der Westen so einseitig ist."

Das verschlafene Damaskus vibriert seit Ausbruch der Krise. Die Müllabfuhr kommt gar nicht mehr nach damit, den Flughafen von Duty-free-Taschen, Cola-Dosen und Chips-Tüten zu reinigen, die nach jeder zusätzlichen Sondermaschine liegenbleiben. Die Hotels sind völlig überbucht; selbst das kürzlich erst fertiggestellte und unwirklich opulente Four Seasons in der Stadtmitte brummt. Amman und Dubai profitierten nach dem Irak-Krieg, jetzt sind es Damaskus und Larnaka - für die Nachbarn zumindest zahlen die Krisen des Nahen Ostens sich aus.

Es ist nicht schwer, in Damaskus Leute zu finden, die eine entschiedene Meinung zum Israel-Hisbollah-Konflikt haben, und die Sympathien sind ganz eindeutig verteilt. Auto-Korsos mit gelb-grünen Hisbollah-Fahnen fahren durch die Hauptstadt, und diesmal sind es keine gesteuerten Demonstrationen.

Der Kulturphilosoph Hassan Abbas, einer der wenigen Oppositionellen, der öffentlich zu sprechen wagt, nimmt sich die Freiheit, anderer Meinung zu sein. "Natürlich kann der Libanon nicht überleben mit einer so starken Hisbollah - so wenig wie er in den achtziger Jahren mit der PLO hätte überleben können." Doch: "Wie konnte sich Israel zu einem so massiven Gegenschlag hinreißen lassen? Wollen die Israelis im Nahen Osten leben, oder wollen sie uns immer nur erniedrigen?"

Der Effekt sei vorhersehbar: "Die Hisbollah wird mit jedem Tag attraktiver, weit über die Sunniten-Schiiten-Schwelle hinaus." Die Hisbollah mache genau das, wozu die arabischen Regierungen in den Augen ihrer Bürger nicht mehr fähig sind: "Sie poliert unser gepeinigtes Selbstgefühl. Sie streichelt die arabische Seele."

In einem der Clubs, in denen sich die Intellektuellen von Damaskus treffen, hat Abbas sich unlängst einen flapsigen Spruch geleistet: "Sollen die Israelis diesem islamistischen Spuk doch ein Ende bereiten", hat er gesagt, "was kümmert es uns?" Selbst unter seinesgleichen war das viel zu viel. Er solle sich in acht nehmen, gab man ihm zu verstehen.

Der Islamismus, sagt Abbas, sei zu einer Quelle der Legitimation geworden, auch die laizistische Regierung schöpfe längst aus diesem Brunnen. "Vor ein paar Monaten war im Kongresszentrum ein großes Konzert. Da ist es mir zum ersten Mal aufgefallen: Alle Ehefrauen unserer Minister tragen inzwischen ein Kopftuch."

Still liegt am frühen Morgen die Straße über das Antilibanon-Gebirge hinüber in die Bekaa-Ebene. Die Autokolonnen aus Beirut kommen erst gegen Mittag über die Grenze. Am libanesischen Einreiseschalter langweilen sich die Beamten. Sie schauen den hübschen Mädchen und den Sportwagen nach, mit denen die aufgeschreckten Golfaraber aus ihrem liebsten Urlaubsland fliehen.

"Wenn Sie nach Beirut wollen, müssen sie nach fünf Kilometern rechts ab", sagt einer der Offiziere. "Die Hauptstrecke ist blockiert. Da ist ein riesiges Loch in der Straße." BERNHARD ZAND


DER SPIEGEL 30/2006
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