24.07.2006

Leben und shoppen lassen

Global Village: Die Annäherung der Kulturen in den Einkaufsmeilen von Dubai
Dubai liegt im Sand wie ein Versprechen, tags wie nachts brummen die Großbaustellen zwischen Dschabal Ali und Dschumeira, aus den Wolkenkratzern an der Scheich-Sajid-Straße fallen die Blicke ringsum auf Rohbaustümpfe und auf Wälder aus Kränen, sechs- bis zehnspurig durchschneiden die Straßen das flache Land, und weiter draußen, an der Ausfahrt Nummer sechs, führt der Weg nach China, Persien, Ägypten, Indien, er führt in die Shopping-Mall namens Ibn Battuta.
Wer sie, von Osten kommend, betritt, steht bald in einer kleinen Kopie von Pekings verbotener Stadt. Ihre Pagoden gehen über in die verspielten Kuppeln eines falschen Tadsch Mahal, gehen über in ägyptisch aufgehübschte Säle, gehen über in tunesische Lehmbauten aus Pappmaché, in die Fakes von persischen Tempeln, in maurische Patios à la Alhambra rund um den "Andalusia Court", der diese gewaltige Geisterbahn des Falschen und Flüchtigen im Westen endlich beschließt.
Bei zügigem Schritt wären die großen, alten Reiche, die Kontinente, in etwa 20 Minuten zu durchmessen. Ibn Battuta, der Marco Polo des Orients, brauchte ein ganzes Leben dafür, und es ist mehr als wahrscheinlich, dass er heute, ein Mensch des Mittelalters, geboren in Tanger am Beginn des 14. Jahrhunderts, mit einem Schlag den Verstand verlöre, wenn er sehen könnte, was heutzutage in Dubai unter seinem Namen aufgeführt wird.
290 Läden reihen sich unter künstlichem Himmel aneinander, in den "Food Courts" sammeln sich 60, 70 Lokale von Texmex bis Thai, es gibt 21 Kinosäle, es gibt Lacoste und Levi's, Guy Laroche und Daniel Hechter, es gibt "Glitter" und "Lifestyle" und "Dolce Vita", es gibt "Tuc Tuc" und "Samba" und "Mumbai Sé", dahinter verstecken sich Möbel oder Schuhe, Schmuck oder T-Shirts, Flitter und Tand.
Alles ist käuflich in Dubai, und jetzt, im schwülheißen Juli, ist zudem alles im Schlussverkauf, "Dubai Summer Surprises" heißt das Festival, und es bringt Abschläge um bis zu 70 Prozent und Akrobaten auf den Plan, die in den Kulissen dieses kapitalistischen Theaters ihre Künste aufführen, als wäre ein deutsches Stadtfest mit Highlights zu bestücken.
"Die Welt unter einem Dach", das ist das Motto der Mall, und damit muss vor allem die Kundschaft gemeint sein. Im Kunstlicht flanieren die vereinten Nationen. Schulter- und bauchnabelfreie Europäer kreuzen den Weg arabischer Frauen, die in schwarzer Abaja und Scheila höchstens die Augen zeigen. Philippiner belagern Cafés, Iraner saugen an Zigaretten, Pakistaner wischen Tresen und Böden, Inder servieren Pizza, Chinesen spucken in die Ecken und fotografieren einander vor den kleinen und vor den großen architektonischen Wundern der Mall.
Sie ist selbst ein kleines Wunder, wie alle anderen 47 Shopping-Malls von Dubai Wunder sind, wie Dubai in Gänze ein Wunder ist auf muslimischem Boden, denn alles hier redet von Eintracht, von unaufgeregter Toleranz, von lässigem Leben-undshoppen-Lassen. Als nähme die Welt hier einfach gemütlich Platz auf dem west-östlichen Diwan, liegt jeder Gedanke an einen "Clash of Civilizations" fern, die Kulturen, im Gegenteil, sie kommen zusammen zum heiteren Konsum, als wäre er, wenigstens er, ein kleiner gemeinsamer Nenner der Völker.
Klischees werden brüchig, wenn man den Menschen hier beim Einkaufen zuschaut. Es kramen komplett verschleierte Mädchen kichernd in reizender Unterwäsche, und unter ihren bodenlangen Röcken klappern bunte hochhackige Sandalen. Es kaufen Skandinavier säckeweise orientalischen Deko-Plunder, Deutsche decken sich mit üppigen Duftkerzen ein, und später sitzen, bei der 3-D-Version des neuen "Superman"-Films, Österreicher und Syrer, Engländer und Saudi-Araber, Türken und Schweden im Imax-Kino einträchtig beieinander, als wäre es nichts.
Es klingt komplett absurd, zu sagen, die Shopping-Malls von Dubai seien Orte der Hoffnung. Aber wer hier flaniert und schaut, dem liegt dieser Gedanke mit einem Mal ganz nahe.
So wie hier, so normal, so unangestrengt, so höflich auch, könnte es zugehen zwischen den Menschen und Kulturen, und Dubais Boom lebt ohne Zweifel auch von dieser Atmosphäre.
Fünf Millionen Menschen haben das kleine Emirat im vergangenen Jahr besucht, die Tendenz ist weiterhin stark steigend, und es kommen ebenso viele Araber aus der Region wie Europäer oder Asiaten von weiter her.
Ihr eigentlicher Sport mag das Shopping sein, ihre eigentliche Suche mag der Ware gelten und dem kleinen Glück des großen Kaufrauschs. Aber zweifellos suchen sie alle auch dieses andere Erlebnis, die multikulturelle Sensation, die Freude am Fremden.
Ibn Battuta, der große Name des Geografen und Entdeckers aus dem Mittelalter, er wird in der gleichnamigen Mall von Dubai zu durchsichtigen Zwecken natürlich schnöde missbraucht.
Aber zugleich, so ironisch spielen Geschichten, wird sein Erbe bewahrt und von der Kundschaft am Leben gehalten.
ULLRICH FICHTNER
Von Ullrich Fichtner

DER SPIEGEL 30/2006
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