24.07.2006

FUSSBALLAuf Ausflug in der ersten Liga

2002 haarscharf der Insolvenz entkommen, hat es Alemannia Aachen zur eigenen Verblüffung in die Bundesliga geschafft. Der Trainer ist ganz auf Klinsmann-Linie.
Die Glitzerwelt Bundesliga wirkt sehr weit weg in dem schmalen Raum mit den kleinen Kippfenstern, in dem sich bald Stars wie Miroslav Klose die Fußballschuhe schnüren werden. Der Spiegel, der mit Metallklemmen an der Wand montiert ist, hat am Rand Rost angesetzt, die abgenutzten Holzbänke standen schon dort, als Michael Förster vor 15 Jahren seinen Dienst antrat. Dass es für die Gastmannschaft nur sechs Duschen gibt, findet der Zeugwart nicht schlimm: "Die Herren können ja nacheinander drunter."
Sie haben im Moment Wichtigeres zu tun bei Alemannia Aachen, als sich um das Aufhübschen ihrer Umkleidekabinen zu kümmern. Ein Stockwerk höher röhrt die Betonmischmaschine, sechs Arbeiter schalen einen neuen Tribünenteil des 1928 eingeweihten Tivoli ein. Die Deutsche Fußball Liga will es so, sie schreibt mehr Platz für die Presse vor. Die Hitze staut sich unter dem tiefen Dach, die Männer schwitzen. Immerhin wird die Plackerei bezahlt.
Vor wenigen Jahren war das keineswegs selbstverständlich. Vertragspartner des Vereins warteten auf vereinbarte Zahlungen oft vergebens. Und wer damals vorausgesagt hätte, dass bald Bundesliga-Prominenz den äußersten Westen besuchen würde, wäre im ortstypischen Dialekt für "pratsch- jeck" erklärt worden.
Doch der TSV Alemannia, dessen Spieler ehedem mit freiem Oberkörper im Mannschaftsbus saßen, weil das Geld für
die Reparatur der Klimaanlage fehlte, hat eine beispiellose Wandlung hinter sich: vom hochverschuldeten Insolvenzkandidaten zur willkommenen neuen Farbe im Bundesliga-Betrieb.
Im März 2002 stand der Club vor dem Exitus - nachdem sich in der Führungsriege über Jahre Raffgier und Stümperei breitgemacht hatten. Schatzmeister Bernd Krings zum Beispiel, der sich stets als Steuerberater ausgab, obwohl es für ihn nur zum Steuerfachgehilfen gereicht hatte, gestaltete die Buchhaltung höchst phantasievoll: Mehrere Schecks löste er auf seinem Privatkonto ein, und in der sogenannten Kofferaffäre warf ihm die Staatsanwaltschaft vor, mit windigen Spielerberatern Transferzahlungen fingiert zu haben. Anfang 2004 wurde Krings wegen Untreue in fünf Fällen - und Führen eines falschen Titels - zu einer Bewährungsstrafe verurteilt.
Der Mann, der damals gerade seinen Job begonnen hatte und später Hauptdarsteller des Aufschwungs wurde, sitzt vier Wochen vor dem Bundesligastart in seinem Container-Büro. "Mr. Cool" nennen sie Jörg Schmadtke, 42, in Aachen, weil er mit Gefühlsregungen so sorgsam haushaltet, als stünde ihm davon pro Saison nur eine begrenzte Zahl zur Verfügung. Doch bei der Erinnerung an jene turbulenten Tage gönnt selbst er sich ein Schmunzeln.
Wie schlimm es um seinen Arbeitgeber bestellt war, wurde dem Ex-Bundesligatorwart gleich nach seiner branchenunüblichen Anstellung bewusst. Der Verein hatte per Inserat im "Kicker" nach einem Sportdirektor gesucht, Schmadtke bewarb
sich mit Lebenslauf und Lichtbild. Als er die Position erhielt, merkte er, dass Spendenwart eine ehrlichere Stellenbeschreibung gewesen wäre. Denn anfangs ging es nur darum, die Insolvenz abzuwenden.
An dem Kraftakt beteiligte sich die halbe Stadt. Kinder schleppten ihre Sparschweine zum Tivoli, Mitarbeiter wie Spieler verzichteten auf Gehalt, der Ordnungsdienst arbeitete unentgeltlich, der Caterer lieferte das Essen gratis. Erst in letzter Sekunde ließen sich auch die Gläubiger erweichen. Alemannia überlebte, gerade so.
In den Folgejahren hatte Schmadtke immerhin Planungssicherheit: Für Transfers standen ihm meist null Euro zur Verfügung. Trotzdem gelang es, ein konkurrenzfähiges Team aufzubauen. "Dort, wo andere Vereine ihre Scouts abgezogen haben, sind wir noch ein paar Kilometer weitergefahren", sagt Schmadtke. 2004 verpasste Aachen den Aufstieg nur knapp, qualifizierte sich aber über das DFB-Pokalfinale für den Uefa-Cup - und entkam dem Schuldensumpf.
Mit Dieter Hecking, 41, hatte da bereits ein Trainer angeheuert, dessen Methoden jüngst indirekt bundesweite Anerkennung erlangten: Individualtraining, personalisierte Fitnesspläne für die spielfreie Zeit, sportpsychologische Betreuung. "Ich maße mir keinen Vergleich mit Jürgen Klinsmann an", sagt Hecking, "aber für uns war viel von dem, was durch ihn bekannt wurde, nicht neu. Übertragen auf unseren finanziellen Maßstab machen wir das seit zwei Jahren so."
Mancher mag in der offensiv ausgerichteten Spielweise eine weitere Parallele zur Nationalelf erkennen, auch wenn sich die Aachener lieber mit dem FSV Mainz 05 vergleichen - einem Verein mit ebenfalls eher provinziellen Strukturen, der nun schon ins dritte Erstliga-Jahr geht.
Ihrem forschen Stil wollen die "Öcher" in der Bundesliga treu bleiben. "Auch wenn wir damit sicher das ein oder andere Mal kräftig aufs Gesicht fliegen werden", wie Schmadtke vermutet. Hecking vertraut auf die Verbesserung jedes Einzelnen und hat deshalb die Saisonvorbereitung zum Kampf gegen die Sekunde ernannt: "In der zweiten Liga hatten wir pro Ballkontakt drei bis vier Sekunden, in der ersten bleiben uns nur zwei bis drei."
An prominente Neuverpflichtungen hat Hecking angesichts des bescheidenen Etats (knapp über 20 Millionen Euro) keinen Gedanken verschwenden müssen. Neue Schulden anzuhäufen kommt für die Verantwortlichen nicht in Frage. "Wir wollen die Chance nutzen, uns in der Bundesliga zu beweisen", sagt Präsident Horst Heinrichs, "aber unser eigentliches Zuhause bleibt die zweite Liga." Auch Schmadtke definiert den Club als "gewachsenen Zweitligisten auf Erstliga-Ausflug". Ein Verein in der Selbstfindungsphase. Aktueller Status: gefühlter Anderthalbligist.
Als verlässliche Größe planen die Verantwortlichen den Anhang ein. Dass sich "mit 20 000 Verrückten im Rücken" (Schmadtke) fußballerische Substanzunterschiede einebnen lassen, bekam der FC Bayern bereits vor gut zwei Jahren im Pokal zu spüren. Damals flogen die Münchner nach einem 1:2 aus dem Wettbewerb.
Für viele Fans ist es ebenjene urwüchsige Begeisterung, die die Identität des Vereins ausmacht. Ironischerweise, so sorgen sich manche, sei diese nun durch den eigenen Erfolg gefährdet. Vor nichts graue ihnen mehr, erklärt Jens Wessels von den "Aachen Ultras", als irgendwann ein seelenloser Samstagnachmittags-Dienstleister wie der VfL Wolfsburg zu sein. Die bevorstehende Ausgliederung der Profi-Abteilung in eine GmbH sieht er als erstes Anzeichen. Und vor allem das Thema Stadionneubau bewegt die Gemeinde.
"So gern wir im Tivoli weiterspielen würden", seufzt Geschäftsführer Bernd Maas, "das Stadion ist einfach nicht zukunftsfähig." Größere Umbauten werden nicht mehr genehmigt, und mit gerade 3600 Sitzplätzen erlöst Aachen durch den Kartenverkauf über eine gesamte Saison so viel wie mancher Wettbewerber in fünf Spielen. Ein neues Stadion muss her, und "wir werden uns Mühe geben, etwa mit einem hohen Stehplatzanteil viel von der Tivoli-Atmosphäre hinüberzuretten", sagt Maas.
Das Konzept für eine moderne Arena in unmittelbarer Nachbarschaft liegt vor. Doch einstweilen müssen sich die Bundesligagäste mit den ekstatischen Stehplatzzuschauern und dem kargen Umkleidekabuff abfinden. Ein Umzug ist frühestens 2009 möglich. DANIEL PONTZEN
* Bei der Aufstiegsfeier im Tivoli-Stadion am 17. April.
Von Daniel Pontzen

DER SPIEGEL 30/2006
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