24.07.2006

KINOMordsspaß im Schlachthof

Immer mehr Thriller konfrontieren ihre Zuschauer mit drastischen Folterszenen. Selbst Stars wie Tom Cruise oder Kiefer Sutherland quälen in Heldenrollen ihre Feinde. Die Regisseure überbieten sich mit perfidem Einfallsreichtum - und bedienen die Lust am Leiden.
Ein Mann liegt gefesselt auf einem Tisch. Sein Unterleib ist entblößt. Eine junge Frau prüft ein Messer. Sie hält den Mann für einen Kinderschänder und droht, ihm die Geschlechtsteile abzuschneiden, falls er nicht gestehe. Er jammert und fleht, doch sie kennt keine Gnade und setzt die Schneide an. In dem Moment wendet der Film "Hard Candy" den Blick ab. Doch das Geräusch des schneidenden Messers lässt auch hartgesottene Zuschauer erschauern.
Ein älterer Mann, der im australischen Hinterland Touristen entführt und zu Tode quält, hat eine junge Frau in seiner Gewalt. Sie kriecht über den Boden und hält ihrem Peiniger ein Taschenmesser entgegen. Er betrachtet sie mitleidig, zieht eine Machete hervor und sagt: "Das ist ein Messer." Dann holt er aus, und der Film "Wolf Creek" schaut genau hin, wenn die abgetrennten Finger auf den Boden fallen.
Es wird derzeit viel abgeschnitten und abgehackt auf der Leinwand, und manchmal können die Helden froh sein, wenn es gleich der Kopf ist - dann müssen sie nicht lange leiden. Noch nie in der Geschichte des Kinos haben so viele Regisseure so drastische Folterszenen gedreht wie im Augenblick. Der Thriller "Hard Candy" und das Roadmovie "Wolf Creek", die beide gerade in den deutschen Kinos laufen, sind da nur ein paar kleine Tropfen in einer riesigen Blutwelle.
In den amerikanischen Horrorfilmen "Hostel" oder "Saw" und dessen Fortsetzung "Saw 2" ist zu sehen, wie sich ein Bohrer in einen Oberschenkel dreht, das Gesicht einer Frau mit einem Bunsenbrenner verunstaltet wird, ein Mann bei lebendigem Leib im Ofen verbrennt und ein anderer Mann sich selbst ein Bein absägt, um dem Grauen zu entrinnen.
Bilder wie diese waren bisher eher die Domäne asiatischer Horrorfilme, die ihrem Publikum traditionell ein hohes Maß an Brutalität bieten. Doch nun finden immer mehr Zuschauer in den USA und Europa Gefallen daran, sich exzessive Quäle-reien anzuschauen: "Hostel" spielte welt- weit über 80 Millionen Dollar ein - das Siebzehnfache seiner Herstellungskosten. Auch in Deutschland sind Folterfilme kein Minderheitenprogramm mehr: "Saw 2" fand hierzulande fast eine Million Zuschauer.
Das Geld, so wissen Produzenten inzwischen, liegt auf der Schlachtbank.
Selbst ein Polit-Thriller wie "Syriana", in dem George Clooney als CIA-Agent von einem Folterer Fingernägel gezogen werden, oder eine Fernsehserie wie "C.S.I. - Den Tätern auf der Spur", in der Quentin Tarantino in seiner Folge "Grabesstille" die Qualen eines lebendig begrabenen Polizisten beschreibt, konfrontieren den Zuschauer mit ungewohnt harten Bildern.
Mach dir eine paar schöne Stunden, geh ins Kino. So lautete einst ein Slogan deutscher Filmtheater. Doch was treibt die heutigen Zuschauer dazu, sich abstoßende Torturen anzuschauen? Sind es spätpubertäre Mutproben? Ist es die Lust, anderen Menschen beim Leiden zuzusehen? Oder haben die ganz realen Folterbilder aus dem Irak das Bedürfnis geweckt, auf der Leinwand im Detail zu betrachten, was im Fernsehen nur in verschwommenen und verwackelten Amateuraufnahmen von Soldaten zu erahnen war?
Es dürfte jedenfalls kein Zufall sein, dass die Häufigkeit von Folterszenen in Hollywood-Filmen zugenommen hat, seit die Bilder von den Misshandlungen irakischer
Gefangener - vor allem durch die US-Soldatin Lynndie England - im Lager Abu Ghureib um den Erdball gingen. Auch die Diskussion um die Haftbedingungen in Guantanamo und die Frage, ob es legitim ist, Terroristen zu foltern, um Schlimmeres zu verhüten, finden in Kino- und Fernsehfilmen ihren Widerhall. Ähnlich reflektierte die Traumfabrik in den siebziger Jahren den Vietnam-Krieg und die Grausamkeiten, die GIs erlitten und verübt hatten.
Die Amerikaner hatten durch den Krieg erfahren, wozu ihre eigenen Landsleute in der Lage sind, wenn sie die völlige Kontrolle über andere Menschen gewinnen, wie dünn die Schutzschicht der Zivilisation ist, die den Normalbürger davon abhält, zu morden und zu foltern. Diese Einsicht machte sich Hollywood zu eigen.
In John Boormans Thriller "Beim Sterben ist jeder der erste" (1972) werden Geschäftsleute im hintersten Georgia von Hillbillys gequält, vergewaltigt und ermordet; in Wes Cravens Horrorfilm "Das letzte Haus links" (1972) werden zwei halbwüchsige Mädchen von Streunern zu Tode gepeinigt. Die Wildnis, so lehrten diese Filme, beginnt direkt am Stadtrand.
Die Lust am Leiden der anderen erschien vor allem im Splatterfilm, der in jener Zeit seine erste Blüte erlebte, wie ein bösartiges Geschwür der menschlichen Natur. Die oft verdrängte, aber vom Vietnam-Krieg nachdrücklich bekräftigte Tatsache, dass der Mensch wohl als einziges Lebewesen beim Quälen von Artgenossen Vergnügen empfinden kann, schlachtete der Horrorfilm genüsslich aus.
Manchmal wagte es Hollywood gar, seinen Zuschauern zu zeigen, dass Folter Ausdruck von Zivilisation sein kann - wenngleich von pervertierter. In John Schlesingers Thriller "Der Marathon-Mann" (1976) wird Dustin Hoffman in New York als Student von einem früheren KZ-Arzt (Laurence Olivier), der höflich und gebildet ist, mit einem Zahnarztbohrer gefoltert.
Doch ob im Blutrausch misshandelt wurde oder mit kaltem Herzen, die Filme der Siebziger litten noch mit den Opfern und zeigten die Welt von ihrer hässlichsten Seite: Die grünlichen Farben von Tobe Hoopers Splatterklassiker "The Texas Chain Saw Massacre" (1974) wirken so, als würde der gesamte Film vor den Augen des Zuschauers verwesen.
Die heutigen Folterfilme wie auch das 2003 entstandene Remake von Hoopers Blutorgie dagegen stilisieren die Quälereien gern zu Kunstwerken der Grausamkeit und verführen den Zuschauer, die Seiten zu wechseln und Grenzen zu überschreiten. In "Sin City", Robert Rodriguez' Verfilmung der Comic-Serie von Frank Miller, wird der sadistische Mörder Kevin (Elijah Wood) von dem raubeinigen Helden Marv (Mickey Rourke) gefasst. Marv bindet Kevin an einen Baum, hackt ihm die Beine ab und wartet, bis Wölfe angelaufen kommen.
Zu ertragen ist diese Szene nur, weil sie in Schwarzweiß gedreht wurde. Das freilich gibt ihr einen verklärenden Glanz, eine geradezu klinische Sauberkeit. So sieht es aus: Schöner Foltern leicht gemacht. Und weil der qualvoll sterbende Killer sein Los mit regloser Miene trägt, kann sich der Zuschauer in aller Ruhe die Frage stellen, ob hier nicht ein brutaler Bösewicht seine gerechte Strafe findet.
Filme wie "Sin City" oder "Saw 2" versuchen, die Folter in einen ästhetischen oder intellektuellen Reiz zu verwandeln, und neutralisieren sie dadurch moralisch. Sie bringen den Zuschauer dahin, weniger Mitleid mit den geschundenen Opfern als Bewunderung für die phantasievollen Täter zu empfinden.
Zu Beginn des Folterfilms "Saw 2" ist ein Mann zu sehen, der eine eiserne Falle um den Hals hat, die bald zuschnappen und seinen Schädel durchbohren wird. Er könnte sich mit einem Schlüssel befreien - doch den hat der Täter hinter den Augapfel des
Opfers einoperiert. Der verzweifelte Mann weiß nicht, was er tun soll, da schnappt die Falle zu. Der Film würdigt den Toten, dem der Mut fehlte, sich sein Auge herauszuschneiden, kaum noch eines Blicks.
Die "Saw"-Filme laden den Zuschauer ein, sich in die Vorstellungswelt des Folterers hineinzuversetzen und seine perfiden Phantasien fortzuspinnen. Sie erzählen von einem Sadisten, der nichtsahnende Menschen einsperrt und auf einen Parcours der Torturen schickt. In "Saw 2" gibt der Täter seinen Opfern Informationen, die ihnen zur Flucht verhelfen sollen, doch dann lässt er einen nach dem anderen in eine Falle tappen. Und das Kinopublikum sieht dabei zu, als würde es Ratten in einem Versuchslabor beobachten.
Da steckt einer der Gefangenen einen Schlüssel ins Schloss, obwohl der Scherge ausdrücklich davor gewarnt hat. Prompt löst er eine Selbstschussanlage aus, die ihm das Gehirn wegbläst - zur Schadenfreude des Zuschauers. Warum war der Mann auch so dumm, die Warnung zu ignorieren? Indem der Film den Zuschauer gleich zu Beginn in die sadistischen Spielregeln einweiht, gibt er ihm einen Wissensvorsprung vor den Opfern - und lässt ihn an der Macht des Folterers teilhaben.
Bis heute streitet sich die Wirkungsforschung darüber, welchen Einfluss Gewaltdarstellungen im Kino und im Fernsehen auf die Zuschauer haben: ob sie zur Nachahmung animieren oder abschrecken, ob sie Aggressionen kathartisch verringern oder verstärken helfen. Die neuen Folterfilme setzen ethische Grundprinzipien außer Kraft, pfeifen auf die Menschenwürde, predigen eine Ideologie der Erbarmungslosigkeit und nehmen dem Zuschauer das schlechte Gewissen, sich am Leiden zu delektieren. Denn sie legen nahe, dass es manche Menschen durchaus verdient haben, gefoltert zu werden.
In dem wegen seiner Gewaltszenen heftig umstrittenen Film "Hostel" geraten drei amerikanische Studenten in der slowakischen Hauptstadt Bratislava in eine Herberge des Grauens. Angelockt von dem Versprechen, hier willige Frauen anzutreffen, die jede sexuelle Phantasie erfüllen, geraten sie in die Gewalt perverser Geschäftsleute, die statt ins Fitnessstudio in die Folterkammer gehen.
Doch die vermeintlichen Opfer sind so dumpf, eindimensional und triebgesteuert, dass der Zuschauer sie kaum bedauern mag. Sie sind gekommen, um über Frauen zu verfügen - nun verfügen Männer über sie. Der Einzige von ihnen, der schließlich überlebt, wirkt am Ende wie gestählt für eine Welt, in der der Mensch des Menschen Fleischwolf ist.
Wer foltert, sündigt nicht, zumindest nicht zwangsläufig. Dies gilt inzwischen nicht nur in der Schmuddelecke des Horrorfilms. In "Mission Impossible III" jagt Tom Cruise als Geheimagent Ethan Hunt einen Waffenhändler (Philip Seymour Hoffman), der systematisch foltert. Als Hunt ihn in seiner Gewalt hat, hängt er den gefesselten Bösewicht mit dem Kopf nach unten aus einem fliegenden Flugzeug. Ab heute wird zurückgefoltert.
"Ihr wollt Resultate sehen, möchtet euch aber nicht die Hände schmutzig machen", höhnt Kiefer Sutherland als Undercover-Agent Jack Bauer in der Serie "24" gegenüber seinen Kollegen - und foltert aus gefangenen Verbrechern Informationen
heraus. Der Pop-Philosoph Slavoj Zizek verglich Bauer in einem Beitrag für die britische Zeitung "The Guardian" gar mit Heinrich Himmler und Adolf Eichmann, die auch von sich behauptet hätten, heroisch die Drecksarbeit zu erledigen.
In den USA ist eine Debatte um die zweifelhaften Verhörmethoden in der Serie entbrannt: "torture porn", pornografische Darstellung von Folter, werfen Kritiker den Machern vor. Tatsächlich spielen die Drehbuchautoren lustvoll jene Schreckensszenarien durch, mit denen auch manche Politiker glauben, Folter im Dienst der höheren Staatsräson rechtfertigen zu können.
In der zweiten Staffel der Serie erfahren die amerikanischen Sicherheitsbehörden, dass Terroristen in Los Angeles eine Atombombe versteckt haben und sie bald zünden werden. Nun versucht der Geheimdienst, Hunderttausende Menschen vor dem sicheren Tod zu retten - und sei es mit Hilfe von Folter. Der gute Zweck rechtfertigt fast alle Mittel.
Mit diesem Zeitbomben-Beispiel argumentierten schon der deutsche Soziologe Niklas Luhmann, als er 1992 provokativ nach der Legitimierbarkeit von Folter fragte, oder nach dem 11. September 2001 der amerikanische Rechtswissenschaftler Alan Dershowitz, der die Möglichkeit, Folter bei nationalem Notstand anzuwenden, gesetzlich festschreiben lassen will.
Doch wie diese Gedankenexperimente spielen auch die Plots der Serie "24" ihre konstruierten Fälle nicht bis zum Ende durch: Wenn der Terrorist auch unter Folter das Versteck der Bombe nicht verrät, soll man dann vor seinen Augen seine Frau foltern? Und wenn er immer noch schweigt, foltert man dann ihr gemeinsames Baby? Legt man es in eine schöne, saubere amerikanische Mikrowelle - und stellt die Zeitschaltuhr ein?
Auch in Deutschland denken manche Juristen und Politiker inzwischen laut darüber nach, einen Katalog erlaubter "verschärfter" Methoden zu erstellen, die Polizeibehörden in Ausnahmefällen anwenden dürfen. Und in den USA gibt es sogar Überlegungen, Videokameras aufzustellen, die den Folterern im Staatsdienst auf die Finger schauen.
Diese Bilder könnten dann im Fernsehen übertragen werden, damit die Bürger mitverfolgen können, wie in ihrem Namen für die gerechte Sache gefoltert wird - live und in Farbe. LARS-OLAV BEIER
* Jay Fernandez, Kerstie Morassi, George Eads, Peter Weller.
* Links: Darsteller Dina Meyer, Donnie Wahlberg; rechts: Jessica Biel.
Von Beier, Lars-Olav

DER SPIEGEL 30/2006
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