DER SPIEGEL



ZEITGESCHICHTE

Unbequeme Wahrheiten

Von Kloth, Hans Michael und Wiegrefe, Klaus

Der Bund der Vertriebenen weigert sich seit Jahren, die eigene Geschichte aufzuarbeiten. Nun belegen Aktenfunde, dass es in der Führung des BdV weit mehr Ex-Nazis gab als bekannt.

Erika Steinbach ist eloquent und charmant, eine elegante Erscheinung. Doch östlich von Oder und Neiße schlägt der Frankfurterin Ablehnung entgegen wie wohl keinem anderen Deutschen, denn die CDU-Bundestagsabgeordnete leitet den Bund der Vertriebenen (BdV) - und in Polen wie Tschechien sehen viele in dem Dachverband und seinen Landsmannschaften immer noch ein Sammelbecken für Ewiggestrige.

Der Verdacht haftet den Vertriebenen an, seit sie sich in der Nachkriegszeit organisiert haben. Gleich der erste BdV-Vorsitzende Hans Krüger musste später - 1964 - wegen seiner NS-Vergangenheit als Bundesvertriebenenminister zurücktreten.

Die als Kleinkind mit ihrer Mutter aus Westpreußen geflohene Steinbach hat nie einen Zweifel daran gelassen, dass unter ihrer Regie im BdV kein Platz für rechtsextreme Gesinnung ist. Allerdings weigert sie sich auch, sich mit der Historie des Verbands auseinanderzusetzen, obwohl allein eine ehrliche Aufarbeitung dessen Ansehen aufpolieren würde. Dass sich die Oberen des BdV noch immer nicht der Vergangenheit stellen mögen, mag auch mit der Ahnung zu tun haben, dass für die Vertriebenenorganisation unbequeme Wahr- heiten im Altpapier ruhen könnten.

Ein Blick in die Archive zeigt tatsächlich, dass die Vertriebenenführungsspitze der ersten drei Jahrzehnte noch stärker mit Ex-Nazis durchsetzt war als vermutet: Von knapp 200 hochrangigen Funktionsträgern des BdV und seinen Vorgängerorganisationen, von Landesverbänden und Landsmannschaften in der Zeit vor 1982 finden sich über ein Drittel in der Mitgliedskartei der NSDAP oder werden durch andere Quellen belastet. Betroffen sind gleich drei ehemalige BdV-Generalsekretäre und mehrere Vizepräsidenten.

Verführte sind dabei, Anpasser und Opportunisten - aber eben auch Nazis der ersten Stunde, Schreibtischtäter und Angehörige von Einsatzgruppen. Der Anteil der SS-Mitglieder liegt ungefähr dreimal so hoch wie im Durchschnitt der Bevölkerung.

Die Dokumente werfen viele neue Fragen auf - nicht zuletzt nach dem Ausmaß individueller Schuld.

Von Friedrich-Wilhelm Schallwig etwa, nach dem Krieg jahrzehntelang zweiter Mann des BdV-Landesverbands Baden-Württemberg und ab 1972 auch Chef der Landsmannschaft Schlesien im Ländle.

Der 1902 im schlesischen Gottesberg geborene Jurist, NSDAP-Mitglied ab Januar 1932, kam im Sommer 1941 als Angehöriger der "Einsatzgruppe A" nach Lettland. Die "Einsatzgruppen" waren eigens aufgestellt worden, um die eroberten Gebiete ethnisch zu säubern. Allein bis Anfang September 1941 brachte das "Einsatzkommando

2" der Einsatzgruppe A, zu dessen 170 Mann Schallwig gehörte, nach Schätzungen über 17 000 Menschen um. Der Kommandeur der Einsatzgruppe A, Walter Stahlecker, berichtete Anfang 1942 die Zahl von nahezu einer Viertelmillion Getöteten nach Berlin.

Im März 1944 ging Schallwig nach Budapest; kurz darauf begannen die Deutschen mit der Deportation der ungarischen Juden nach Auschwitz. Schallwig wurde persönlicher Referent von Hans Geschke, dem Befehlshaber der Sicherheitspolizei und Vorgesetzten von Adolf Eichmann. Im Rang eines SS-Sturmbannführers übernahm Schallwig Ende 1944 schließlich als Kommandeur der Sicherheitspolizei das Sagen im westungarischen Szombathely.

Nach dem Krieg vernahm die Justiz Schallwig mehrfach, der aber bestritt eine Beteiligung an Gräueltaten - was renommierte Holocaust-Experten wie Peter Klein, Autor einer Studie über die "Endlösung" in Riga, für "ausgeschlossen" halten*. 1977 starb Schallwig bei einem Verkehrsunfall; noch 2002 gedachte der BdV-Landesverband Baden-Württemberg seines langjährigen Vizevorsitzenden anlässlich dessen 25. Todestags.

Auch den Fall von Rudolf Wagner, Mitunterzeichner der "Charta der Heimatvertriebenen" von 1950, dem "Grundgesetz"

der Vertriebenen, hat der BdV bislang ignoriert. Als 2004 durch einen Artikel in

"Konkret" ruchbar wurde, der Ex-Sprecher der Bukowina-Deutschen habe eine SS-Vergangenheit, stritt die BdV-Chefin

das ab: Der 2002 verstorbene Wagner, so

Steinbach, sei nur ein einfacher Wehrmachtssoldat gewesen.

Akten allerdings belegen, dass Wagner (SS-Nr. 358 703) schon 1938 beim gefürchten SS-Sicherheitsdienst, dem SD, arbeitete und Vorgesetzte ihn noch im September 1944 als "in seiner nationalsozialistischen Haltung klar ausgerichtet und kompromisslos" beurteilten.

Wie "kompromisslos" der spätere Vertriebenenführer und bayerische Landtagsabgeordnete bei der "Teilnahme am sicherheitspolitischen Einsatz" 1940 in Paris und dann zwischen Mai und November 1941 in Belgrad auftrat, wurde nie untersucht. Sicher ist, dass in dieser Zeit der Genozid an den jugoslawischen Juden vollzogen wurde, an dem Wagners wohl

etwa hundert Mann starke Einheit maßgeblichen Anteil hatte.

Auch der langjährige BdV-Generalsekretär Herbert Schwarzer war nicht jene Lichtgestalt, zu der ihn seine Freunde

machten. Als Schwarzer 1988 starb, war

die Todesanzeige ein Loblied auf den Träger der goldenen BdV-Ehrennadel.

Dass der 1906 geborene Oberschlesier (NSDAP-Mitglieds-Nr. 291 754) schon im August 1930 in die Partei eingetreten und damit im Verständnis der Nazis ein "alter Kämpfer" war, blieb bis heute unbekannt - genau wie die NSDAP-Mitgliedschaft seiner Amtsnachfolger Hans Neuhoff (eingetreten 1940) und Klaus Graebert (eingetreten 1938).

Zuhauf standen frühere Hitler-Anhänger auch an der Spitze mancher Landsmannschaft, etwa der der Deutschbalten. Deren Vorsitzender von 1973 bis 1980, der Diplomat Rudolf von Wistinghausen, beim Überfall der Wehrmacht auf die Niederlande im Mai 1940 deutscher Vizekonsul in Amsterdam und nach dem Krieg in Moskau sowie als Botschafter in Togo tätig, war Parteimitglied von 1934 an.

Sein Vorgänger Erik von Sivers, Deutschbalten-Chef von 1963 bis 1973 (NSDAP-Mitglieds-Nr. 9 542 397), beantragte die NSDAP-Mitgliedschaft im Mai 1941 als 43-jähriger Professor für Volkswirtschaftslehre an der neuen "Reichsuniversität" im annektierten Posen. Gegen seine Berufung zum Professor hatte der "Reichskommissar für die Festigung deutschen Volkstums" schon 1940 "keine Bedenken" erhoben, Sivers sei "als völkisch zuverlässig anzusehen".

An Sivers' Seite an der Spitze der Landsmannschaft stand zwischen 1963 und 1971 Leonid von Cube. Der angesehene Wirtschaftsprofessor an der Technischen

Hochschule Stuttgart hatte die Kriegsjahre "im feldgrauen Rock" gedient, wie das Verbandsblatt "Baltische Briefe" zu dessen 65. Geburtstag 1977 formulierte - allerdings nicht bei der Wehrmacht, sondern bei der Waffen-SS. 1944 tauchte Hauptsturmführer von Cube als Hauptabteilungsleiter beim Amt VI ("Sicherung deutschen Volkstums im Reich") des SS-Hauptamts "Volksdeutsche Mittelstelle" auf.

Experten wie der Würzburger Historiker Matthias Stickler führen die Anfälligkeit der vielen später Vertriebenen für die Nazi-Ideologie auf die Zwischenkriegszeit zurück, als sich mehr als zehn Millionen Deutsche außerhalb der Grenzen wiederfanden. Nach dem Ersten Weltkrieg hatte das Deutsche Reich mehr als ein Achtel seines Territoriums verloren; zugleich war die österreichische k. u. k. Monarchie untergegangen, und Staaten wie die Tschechoslowakei oder Polen entstanden, mit großen deutschen Minderheiten.

Mit ihrer Lage mochten sich die meisten sogenannten Auslandsdeutschen nicht abfinden, und die Regierungen in Prag oder Warschau taten wenig, um sie für sich zu gewinnen. Auch viele Deutsche im Reich waren mit den im Versailler Vertrag festgelegten neuen Grenzen unzufrieden.

Die im Osten der Weimarer Republik gelegenen Gebiete - Ostpreußen, Pommern, große Teile Schlesiens - wurden schließlich zu einer Hochburg der Rechten: Bei den Wahlen 1932 erhielten die Nationalsozialisten, die den Versailler Friedensvertrag besonders aggressiv bekämpften, weit überdurchschnittlich viele Stimmen.

So wundert es nicht, dass sich in den Reihen der BdV-Funktionäre keineswegs nur Mitläufer finden, sondern viele Alt-Nazis, die lange vor Hitlers "Machtergreifung" 1933 das Parteibuch der NSDAP erwarben. Hans Obermeier etwa, Parteigenosse ab 1930. Der wetterte noch im Oktober 1943 in einem Feldpostbrief an die "lieben Kameraden" vom Rasse- und Siedlungshauptamt gegen "berufsmäßige Meckerer" bei der Truppe und gab seiner Hoffnung Ausdruck, "dass dem Defätismus und Schwarzsehern rücksichtslos ein Riegel vorgeschoben wird".

Nach dem Krieg stand Obermeier bis 1986 dem zeitweise über 20 000 Mitglieder starken "Verband Heimatverdrängtes Landvolk" vor.

Historiker Stickler schätzte noch 2004, dass "der Anteil entsprechend belasteter Personen in den Spitzenpositionen der Vertriebenenverbände keineswegs überdurchschnittlich hoch war" - ein Urteil, das nun nicht mehr zu halten ist. Die BdV-Vorsitzende Steinbach will dennoch die Vergangenheit ihres Verbands ruhen lassen: "Wir haben uns da nichts vorzuwerfen." HANS MICHAEL KLOTH,

KLAUS WIEGREFE

* Andrej Angrick, Peter Klein: "Die 'Endlösung' in Riga. Ausbeutung und Vernichtung 1941-44". Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt; 520 Seiten; 74,90 Euro.* Links: Krüger als BdV-Präsident im Oktober 1963; Mitte: Cube in einem NS-Personalbogen von 1941; rechts: Wagner als bayerischer Landtagsabgeordneter um 1954.

DER SPIEGEL 33/2006
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