14.08.2006

STASIDas Leben des anderen

Wolfgang Schwanitz war Stellvertreter Erich Mielkes, sein Leben gehörte der Staatssicherheit. Hans-Eberhard Zahn hat sieben Jahre lang unschuldig in Gefängnissen der DDR gesessen. 17 Jahre nach der Wende kreuzen sich ihre Wege. Und die Geschichte wiederholt sich. Von Matthias Geyer
Ganz ruhig sitzt er da, auf einer Pritsche aus Holz, seine Haare sind weiß, er ist 78 Jahre alt. Seine Hände liegen auf den Knien, er guckt auf den Boden und erzählt die Geschichte seines Lebens.
Hans-Eberhard Zahn spricht leise, aber man kann ihn gut verstehen. Der Raum ist nicht groß, eine Kammer eher, 2,80 Meter lang, 1,60 Meter breit, 2,30 Meter hoch. Sie hat keine Fenster, denn sie liegt unter der Erde. Sie war früher eine Gefängniszelle der Staatssicherheit. Und er, der Mann auf der Pritsche, hat in so einer Zelle gelebt, mehr als ein halbes Jahr lang, damals, 1953.
"Wissen Sie", sagt er, "man musste dafür sorgen, dass man nicht verrückt wird."
Er spricht in die Gesichter einer Besuchergruppe, Amerikaner, die gierig sind auf deutsche Geschichte. Das Gefängnis der Staatssicherheit ist heute eine Gedenkstätte, ein letzter Rest der DDR, und er, der ehemalige Häftling, erklärt Fremden, wie es gewesen ist. Die Amerikaner stehen da, ihre Augen messen die Zelle ab, zwei achtzig, eins sechzig, zwei dreißig. Die Frage ist, wie das geht, nicht verrückt zu werden; wenn es niemanden gibt, der mit einem redet; wenn es nichts zu lesen gibt, nichts zu schreiben, nichts, woran man sich festhalten könnte; wenn langsam die Sinne austrocknen.
Hans-Eberhard Zahn hebt den Kopf, er blickt auf die Wand und sagt einen Text auf, die Sätze fließen aus seinem Mund wie eine Melodie, es sind Sätze, die er nie vergessen hat:
"Wenn sich mein müdes Aug' im Schlafe schließt, erschaut es Dinge, die ich tags ersehnen, entbehren muss, bis nachts, im Tau der Tränen, dein holdes Bild aus tiefen Träumen sprießt."
Es ist das 43. Sonett von William Shakespeare. Er hat es sich vorgesprochen, damals, als er in diesem Verlies saß, Hunderte Male. Er hat es der Wand vorgesprochen. Es gab ja niemanden sonst. Er wollte nicht verrückt werden.
Zahn erhebt sich, klopft seine Hose aus, richtet die Krawatte, macht einen Schritt zur Tür, dreht sich um, sagt: "Die Stasi hat niemanden körperlich gefoltert. Die Stasi hat psychisch gefoltert. Und psychische Folter ist schlimmer als körperliche Folter. Ich bin Zeuge. Denn ich habe es erlebt."
Dann geht er hinaus, Zahn, Hans-Eberhard, sieben Jahre lang politischer Häftling der DDR, ein Opfer. Eins von annähernd 250 000 Opfern einer deutschen Diktatur.
Er hat das, was er erlebt hat, aufgeschrieben, die Landesbehörde für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes hat es als Broschüre gedruckt, 88 Seiten, man kann sie mitnehmen, sie kostet nichts.
Drei Tage nach der Führung in Hohenschönhausen liegt die Broschüre auf einem Couchtisch in der Wohnung von Wolfgang Schwanitz. Er wohnt in einem Hochhaus in Ost-Berlin, ganz oben, in der vorletzten Etage. Er kann immer alles sehen.
Er ist 76 Jahre alt und hat ein weiches, gutdurchblutetes Gesicht. Er trägt ein gestärktes
Oberhemd, eine Hose mit Bügelfalte und Hauspantoffeln. Er sieht aus wie ein ganz normaler alter Mann.
Wolfgang Schwanitz war der Stellvertreter Erich Mielkes. Sein Leben gehörte der Staatssicherheit, fast 40 Jahre lang. Schwanitz ist ein Täter, der höchstrangige von denen, die noch leben.
Er geht in sein Arbeitszimmer und setzt sich auf eine Couch. Hinter ihm steht ein Regal mit vielen Büchern und einem Kopf von Karl Marx. Die meisten Bücher handeln von Ost gegen West, vom Kalten Krieg, von der Zeit, in der er groß geworden ist. "Fotografie im Klassenkampf" heißt ein Buch. Er hat auch Bücher über die Olympischen Spiele. Die Sammlung geht bis 1988. Es ist, als hätte danach die Zeit aufgehört.
Seine Frau bringt zwei Gläser Mineralwasser und schließt die Tür. Es wird ein Gespräch über die DDR und die Staatssicherheit, über Recht und Unrecht, Täter und Opfer, damals und heute.
Wolfgang Schwanitz hat die Beine übereinandergeschlagen, behaglich sitzt er da, ein bisschen gerührt ist er auch, so wie man es von alten Männern kennt, die von den großen Momenten des Gestern erzählen. Schwanitz redet von seinen großen Momenten bei der Staatssicherheit, von der guten DDR.
"Die Beziehungen zwischen den Menschen waren doch häufig von Kameradschaftlichkeit geprägt", sagt er. "Es gab eine von gegenseitiger Achtung erfüllte Zusammenarbeit."
Wolfgang Schwanitz kennt die Broschüre, die Hans-Eberhard Zahn geschrieben hat. Er kennt auch das, was Zahn über seine Bewacher geschrieben hat, über die Beziehungen zwischen Menschen, wenn man so will.
",Komm' Se, jehn Se, nehm' Se rin, das war das gesamte Repertoire an Worten, die ich von meinen Bewachern in diesen Monaten im Keller zu hören bekam. Solche soziale Deprivation führt dazu, dass sich der extrem vereinsamte Häftling bald nach jedweder Zuwendung zu sehnen beginnt, auch nach negativer Zuwendung, etwa nach Prügel", schreibt Zahn an einer Stelle.
Wolfgang Schwanitz hört den Sätzen hinterher. Dann nickt er und sagt: "Na ja, Isolation, das trifft auf viele Haftanstalten dieser Welt zu, mehr oder weniger. Eine Inhaftierung ist immer psychisch belastend, äußerst belastend. Ich kann das Herrn Zahn nachfühlen."
Er kennt den Autor ja. Er kennt ihn sogar ganz gut, seit einiger Zeit.
Er hat auch eine Bezeichnung für ihn. Er nennt ihn "Museumsführer". Wie jemanden, der Rundgänge durch das Schloss Neuschwanstein veranstaltet.
Er steht auf, holt ein Blatt Papier und einen Stift, schreibt ein paar Wörter darauf, Wörter, die seine eigene Wirklichkeit beschreiben.
Er braucht nur ein paar Sätze dazu. Die Museumsführer behaupten, dass die DDR ein Unrechtsstaat gewesen sei. In der DDR galten wie in allen Staaten Gesetze, die einzuhalten waren. Wer Strafgesetze verletzte, war ein Täter, kein Opfer. Jetzt macht Deutschland - Schwanitz sagt: "die BRD" - Gesetzesbrecher zu Opfern und Gesetzeshüter zu Tätern. Das ist für Mitarbeiter des MfS unerträglich.
"Wir werden dagegen kämpfen, und zwar ausschließlich auf der Basis des Grundgesetzes der BRD. Und mit unseren geistigen Waffen", sagt Wolfgang Schwanitz.
Wir. Er ist nicht allein. Und sie haben eine Idee.
Die Begegnungen mit Hans-Eberhard Zahn und Wolfgang Schwanitz sind Begegnungen aus dem Frühsommer 2006, fast 17 Jahre nach dem Fall der Mauer. Es ist eine deutsche Zeit, es ist die Zeit, in der eine Regierungskommission ein Gutachten vorstellt, es soll das Gedenken an die Verbrechen der SED ordnen, gestalten, regulieren.
Es ist auch eine Zeit, in der ein Film Preise gewinnt, über den Deutschland redet wie schon lange nicht mehr über einen Film, "Das Leben der anderen". Er erzählt die Verwandlung eines Stasi-Spitzels in einen guten Menschen. Es ist eine anrührende Geschichte, die ein gutes Ende hat. Aber es bleibt eine Fiktion. Eine Erfindung über etwas, was für immer vorbei ist, tot.
Aber es ist nicht tot.
Die Täter sind älter geworden, Opas. Sie sehen milder aus und damit harmloser. Aber es gibt sie noch. Ihre Partei, die PDS, die Erbin der SED, ist im Bundestag vertreten. Sie sammeln sich - in gemeinnützigen Vereinen, in Internet-Foren, auf Veranstaltungen, auch auf Veranstaltungen im Deutschen Bundestag.
Sie verbreiten ihre Version der Wahrheit. Marianne Birthler, die Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, sagt, das Auftreten
der alten Männer sei kaltschnäuzig und offensiv. Sie bittet Politiker, etwas zu unternehmen, aber man kann nur schwer etwas unternehmen gegen Leute, die sagen, was sie denken. Man kann sie nicht mit ihren eigenen Mitteln bekämpfen.
Sie sind plötzlich wieder da.
Ihr Kopf ist Wolfgang Schwanitz. Schwanitz ist schlauer als die anderen, geschmeidiger. Er erkennt, dass man nicht weit kommt als Verbund von Gleichen, als Gruppe, die isoliert ist. Er sucht Verbündete, Kronzeugen. Die besten Kronzeugen sind die, die aus dem Lager der Gegner kommen. Das ist die Idee.
Er wartet auf eine Gelegenheit. Er wartet auf den Tag, an dem aus der Idee Wirklichkeit wird. Und er findet jemanden. Einen arglosen, alten Mann, der auf einer öffentlichen Veranstaltung einen eigentlich harmlosen Satz sagen wird. Schwanitz wird mit Hilfe seiner Freunde von damals diesen Satz verfälschen, in sein Gegenteil verkehren. Er wird diesen Mann für seine Zwecke missbrauchen, denn er weiß, dass der Mann sich nicht wehren kann. Er macht aus einem Opfer der Staatssicherheit jemanden, der die Methoden der Stasi verteidigt. Er macht ihn zum Kronzeugen seiner Wirklichkeit.
Es ist Hans-Eberhard Zahn, der Museumsführer. Er wird, 16 Jahre nach dem Ende der DDR, zum zweiten Mal Opfer.
Warum sind Sie inhaftiert worden?", fragt eine Frau aus der amerikanischen Besuchergruppe.
Zahn sagt: "Weil man sagte, ich sei eine Bedrohung für den Frieden Deutschlands und der Welt." Er steht an den Stufen, die zum Kellergefängnis in Hohenschönhausen führen, und lächelt fein.
Es ist der 14. November 1953, als Hans-Eberhard Zahn mit einem westdeutschen Motorroller zu der Wohnung eines Freundes im Ost-Berliner Stadtteil Johannisthal fährt. Zahn studiert an der Freien Universität, Psychologie. Der Freund ist vor ein paar Stunden von der Staatssicherheit verhaftet worden, weil er ein Agent gewesen sein soll. Zahn hat eine Aktentasche dabei, er transportiert darin 67 000 Ostmark und eine Liste mit Adressen aus Ost-Berlin. Es ist das Geld von Kommilitonen, die ihre Verwandtschaft im Osten unterstützen. Sie haben sich organisiert, wie einen kleinen Wohltätigkeitsverband, sie geben das Geld in einer Zentrale ab, und einer von ihnen fährt manchmal rüber, in ein Ost-Berliner Postamt, und lässt das Geld an die Adressen der Verwandten überweisen. Diesmal hat Hans-Eberhard Zahn die Tour übernommen. Er macht nichts Illegales. Er ist ein ganz normaler Bote.
Zwei Männer in langen Mänteln gehen auf ihn zu, legen ihm Handschellen an, drängen ihn auf die Rückbank eines Autos, drücken seinen Kopf zwischen die Knie, fahren los, führen ihn in einen Raum, er muss sich ausziehen, er fragt, nackt, nach dem Grund seiner Verhaftung, sie sagen, das wisse er selbst am besten.
67 000 Mark und eine Liste mit Adressen. Sie halten ihn für einen großen Spion, der den kleinen Spionen ihre Gagen bringt.
Sie vernehmen ihn drei Nächte hintereinander. Wenn sie ihn bei Anbruch des Tages zurückführen in seine Kellerzelle, legt er sich auf die Holzpritsche, schläft ein, schreckt hoch, weil ein Knüppel an seine Zellentür knallt: "Aufstehn!"
Die Vernehmungen führen zu nichts. Tage vergehen, Wochen, Monate. Manchmal vergehen Wochen, in denen Zahn nur hingebellte Kommandos hört.
Er denkt: "Schlag mir doch in die Fresse, schlag mir bitte in die Fresse."
Es ist die Sehnsucht nach einer menschlichen Regung.
Dann wird er hinübergeführt zur Vernehmung, ein Zimmer mit Teppich, Renaissance-Bücherschrank, einer bequemen Couch und dem Duft von Kaffee und Tabak. Ein Vernehmer erscheint. "Guten Tag, Herr Zahn."
Hans-Eberhard Zahn schießen Tränen in die Augen - weil ihn jemand mit seinem Namen angesprochen hat.
Draußen gibt es ihn nicht mehr. Draußen ist das Jahr 1954, Deutschland wird Weltmeister, der VW-Käfer wird das Gesicht des Wirtschaftswunders. Es ist die Zeit der Auferstehungen, und Zahn sitzt unter der Erde. Als hätte ihn die Welt verschluckt.
Wolfgang Schwanitz ist in diesem Jahr schon drei Jahre bei der Staatssicherheit. Er begann als Hauptwachtmeister, seine Karriere verläuft mit der Präzision eines Metronoms.
Schwanitz ist gerade kommissarischer Leiter der Kreisdienststelle Weißensee in Berlin, als das Stadt-Gericht Großberlin, Strafsenat 1 c, das Urteil gegen Hans-Eberhard Zahn spricht, nach zwei Verhandlungstagen. Sieben Jahre. 2555 Tage. Zahn zählt rückwärts von jetzt an, er weiß immer genau, wie viele Tage es noch sind.
Hans-Eberhard Zahn führt die Besucher über einen Innenhof, sie gehen stumm hinter ihm her, bis er vor einer hohen Mauer stehenbleibt. Hinter der Mauer war das Haftarbeitslager der Staatssicherheit, er hat ein Jahr darin verbracht.
Als er ankommt in diesem Lager, am 25. September 1958, wundert er sich darüber, dass die Häftlinge Kontakt miteinander haben dürfen. Alles ist frei, man darf reden, rauchen sogar, es gibt auch ein Schwimmbad. Zahn glaubt für ein paar Tage, dass es doch so etwas gibt wie einen humanen Umgang der DDR mit ihren Feinden.
Es ist ein großer Irrtum. Alles, was er Mithäftlingen erzählt in dieser Zeit, seine Ansichten über die DDR, seine Verachtung für dieses Regime, landet bei der Lagerleitung. Seine Mithäftlinge sind in Wirklichkeit Verräter. Das Lager züchtet seine eigenen Spitzel, sie vermehren sich wie eine Pilzkultur.
"Dieses Lager", sagt Zahn vor der hohen Mauer, "war eine Denunziationshölle, die DDR als Nussschale."
Wolfgang Schwanitz wird in dieser Zeit kommissarischer Leiter der Verwaltung Groß-Berlin, Abteilung II, Spionageabwehr. In einer Beurteilung heißt es: "Er ist kritisch, unduldsam, bisweilen etwas impulsiv bei der Durchsetzung operativer Aufgaben." Ein Satz wie ein Prädikat.
Hans-Eberhard Zahn darf jeden Monat einen Brief an seine Vertrauensperson schreiben, er schreibt an seine Freundin Uschi. Sie haben, bevor er verschwand, in Berlin gelebt, hatten eine gemeinsame Wohnung, gingen gern ins Theater, sie war das Herz dieser Beziehung, er der Kopf.
"Wir gehören doch zusammen", solche Sätze schreibt er immer wieder.
Im September 1959 wird er in die Kommandantur gerufen, zwei Offiziere sitzen da, blättern in seiner Akte. Einer sagt: "Glauben Sie doch nicht, dass Ihre Freundin Ihnen noch treu ist. Was meinen Sie, von wie vielen Männern die schon gefickt worden ist." Zahn verliert die Beherrschung. Er brüllt: "Ihr seid Arschlöcher, ganz miese Arschlöcher." Er bekommt 21 Tage verschärften Hausarrest.
Nach ein paar Tagen öffnet ein Wächter die Tür, wirft einen Brief auf den Boden. Zahn hebt den Brief auf, erkennt, dass es sein eigener ist. Der letzte, den er seiner Freundin geschrieben hat. Er sieht einen Vermerk darauf, von Hand geschrieben.
"Empfänger verstorben".
Seine Freundin hatte sich vor die S-Bahn geworfen. Von diesem Moment an hört er auf, die Tage zu zählen.
Am 21. November 1960 wird der Entlassungsschein ausgestellt, für Zahn, Hans-Eberhard. Darauf steht, dass er "auf der ihm vorgeschriebenen Fahrstrecke in kürzester Frist das Gebiet der Deutschen Demokratischen Republik zu verlassen hat". Sein Zug fährt um 16.23 Uhr.
In West-Berlin macht er Karriere als Wissenschaftler. Er schreibt Aufsätze über das, was er in der DDR erlebt hat. Manchmal hält er auch Vorträge. Er glaubt, dass er die Staatssicherheit für immer hinter sich gelassen hat.
Wolfgang Schwanitz hat Jahre nach dem Ende der DDR einen Leserbrief geschrieben, er wurde in der "Super Illu" abgedruckt. Es hieß darin, er habe in seinem Leben nie gefoltert oder eine Folterung geleitet. "Das", schrieb er, "widerspräche zutiefst meiner humanistischen Gesinnung, ob Sie das nun glauben oder nicht."
Das Gespräch in seiner Wohnung geht um die Würde des Menschen, um Freiheit, und die Frage ist, ob es mit seiner Vorstellung von Humanismus vereinbar ist, wenn man Menschen ihre Freiheit nimmt.
"Wissen Sie", sagt er, "Sie betrachten das mit Ihren Augen, mit westdeutschen Augen. Wenn man sich für einen revolutionären Weg entscheidet, und die DDR ist diesen Weg sehr mutig gegangen, dann darf man auch vor weiteren Konsequenzen nicht zurückschrecken."
Auf dem Couchtisch liegen jetzt Papiere, Auszüge aus seiner Personalakte, man kann daraus herleiten, was das zu bedeuten hat, wenn Wolfgang Schwanitz nicht vor weiteren Konsequenzen zurückschreckte.
"Unter unmittelbarer Anleitung des Genossen Major Schwanitz wurden durch die Abteilung II eine Reihe wichtiger operativer Vorgänge mit großer politischer Bedeutung erfolgreich bearbeitet und liquidiert. Es handelt sich hierbei um gewaltsame Grenzdurchbrüche des Gegners, die durch zielstrebige Arbeit verhindert werden konnten und in deren Ergebnis eine Reihe von Feinden der Deutschen Demokratischen Republik inhaftiert wurden."
Ach, zeigen Sie doch mal, das ist aber interessant, so etwas noch mal zu sehen, nach den ganzen Jahren, sagt Schwanitz.
Er hat sich auf dieses Gespräch eingelassen, weil er der Meinung ist, dass dieses Land, "die BRD", ihn nicht anständig behandelt. Er sagt, dass die Gerichte festgestellt hätten, dass die Staatssicherheit keine verbrecherische Organisation gewesen sei. Dass es nämlich 25 000 Ermittlungsverfahren gegeben hat und nur 20 Verurteilungen, davon nur eine mit Haft.
Mit welchem Recht, fragt er, müssen wir uns als Kerkermeister beschimpfen lassen, als Stasi-Knechte, als Verbrecher? Mit welchem Recht zahlt uns die BRD weniger Rente, als es die DDR getan hätte, wenn es sie noch gäbe? "Ich sage das nur mal so nebenbei", sagt er.
Es gibt auch eine Anlage zum Urteil gegen Hans-Eberhard Zahn, die liegt jetzt ebenfalls auf dem Couchtisch von Wolfgang Schwanitz. Darin steht, dass der Angeklagte sein Recht verliert, ein öffentliches Amt zu bekleiden; sein Recht verliert, eine Pension zu beziehen; sein Recht verliert, sich irgendwie politisch zu betätigen; sein Recht verliert, innerhalb von fünf Jahren nach der Freilassung einen Beruf auszuüben; sein Recht verliert, ein Kraftfahrzeug zu halten.
Ho, sagt Wolfgang Schwanitz erstaunt, ho. "Das habe ich ja noch nie gehört." Er guckt lange auf das Papier. Ja, Herr Zahn war wohl ein Opfer, sagt er. Als wäre das hier ein Unfall, ein Blechschaden der DDR-Geschichte.
Er legt das Papier zurück. "Aber was hat das mit mir zu tun?"
Es ist der 18. Oktober 2005, ein Dienstag, als sich die Lebensgeschichten von Wolfgang Schwanitz und Hans-Eberhard
Zahn miteinander verbinden. Zahn besucht an diesem Tag eine Veranstaltung im Bezirksamt von Hohenschönhausen. Er hat eine Notiz in der Zeitung gelesen, ein Buch wird vorgestellt, es heißt: "Das Gruselkabinett des Dr. Hubertus Knabe(lari)". Der Titel bezieht sich auf die Gedenkstätte Hohenschönhausen und ihren Direktor, Hubertus Knabe. Das Buch beschreibt das ehemalige Stasi-Gefängnis als humane Vollzugsanstalt, es behauptet, in der Gedenkstätte werde die Geschichte verfälscht.
250 Männer sind da, alte Männer, grau geworden, ehemalige Mitarbeiter der Staatssicherheit. Täter, die sich zu Opfern umdeuten. Auch Wolfgang Schwanitz ist da, der Klügste, der Kopf - 250 und Zahn.
Er ist gekommen, weil er hören will, was diese Leute sagen. Weil sie ihm sieben Jahre seines Lebens genommen haben. Er empfindet keinen Hass. Er sagt, er sei der Sieger der Geschichte. Es ist Neugierde, er möchte diese Männer betrachten, so wie ein Sammler einen seltenen Schmetterling betrachtet. Er meint, der Schmetterling sei vertrocknet.
Schwanitz steht am Rednerpult bei dieser Buchvorstellung, lebendig, wach, er kann sehr gut reden. Er sagt, sinngemäß: Hohenschönhausen war eine moderne Untersuchungshaftanstalt, wie es sie in anderen Staaten auch gibt. Es gab keine Folter durch Mitarbeiter des Haftvollzugs, wie das immer wieder behauptet wird.
Als er fertig ist, läuft Hans-Eberhard Zahn nach vorn. Er würde gern etwas anmerken dazu, sagt er. Denn es ist das Thema seines Lebens. Nach seiner eigenen Erinnerung sagt Zahn: "In Hohenschön-
hausen ist nicht körperlich, sondern psychisch gefoltert worden. Wenn man Folter auf körperliche Schmerzzufügung reduziert, dann ist in der Tat nicht gefoltert worden. Und es ist auch nicht auszuschließen, dass einige Führer in der Exklusivität der Situation etwas behaupten, was nicht stimmt."
Es gibt keine Belege für diese Sätze. Aber es ist glaubhaft, dass Hans-Eberhard Zahn sie so gesagt hat. Er ist stellvertretender Vorsitzender im Beirat der Gedenkstätte. Er hat sein Leben daran gebunden, an das Erinnern, an eine Diktatur.
Aber er hat keine Zeugen für seinen Auftritt bei den Stasi-Leuten. Er war nicht einer neben 250 anderen, er war einer gegen 250 andere.
Hans-Eberhard Zahn hat in dieser Versammlung ein paar Wörter gesagt, die man verdrehen kann, die man neu zusammensetzen kann, zu einem neuen Inhalt, zu einer Aussage, die aus einem Ankläger einen Verteidiger macht, einen Zeugen für die Täter, nicht für die Opfer. Es ist leicht, jemanden in Verruf zu bringen, der sich nicht wehren kann. Die Staatssicherheit ist tot, aber die Methoden haben die Zeit überdauert.
Es vergehen nur ein paar Tage, bis im Wohnzimmer von Hans-Eberhard Zahn das Telefon klingelt. "Wolfgang Schwanitz. Wir sollten mal miteinander reden."
"Ja, warum nicht? Das könnten wir gern tun", sagt Zahn. Die beiden reden noch ein paar Sätze, Belanglosigkeiten, sie verabreden sich. Zahn geht durch seine Wohnung, interessant, denkt er, das ist ja interessant. Er ist neugierig auf das Gespräch.
Sie treffen sich im Reisezentrum am Bahnhof Friedrichstraße, 3. Februar, 18 Uhr, und gehen in ein vietnamesisches
Restaurant. Sie reden über die DDR, über die Staatssicherheit. Schwanitz macht auf Zahn den Eindruck eines Biedermanns, eines Neutrums.
Dass er sich täuscht, merkt er erst fünf Wochen später. Wieder gibt es eine Versammlung im Bezirksamt Hohenschönhausen, es ist der 14. März 2006, wieder sind die alten Männer von der Staatssicherheit da, aber sie sind nicht allein, der Saal ist voll mit Opfern der DDR-Justiz, politisch Verfolgten, Inhaftierten. Es geht darum, welche Gedenktafeln in Hohenschönhausen aufgestellt werden dürfen, wo sie aufgestellt werden dürfen.
Jeder darf hier etwas sagen, das Mikrofon wird durch den Saal getragen, auch nach hinten, wo die alten Männer sitzen, als Gruppe, als Einheit, auch Schwanitz ist dabei. Einer von ihnen sagt, es gebe welche, "die sich leider immer wieder als Opfer darstellen und uns als ehemalige Mitarbeiter des MfS als Täter deklarieren". Ein anderer sagt, die Häftlinge der ganzen DDR hätten sich danach gedrängt, ins Arbeitslager nach Hohenschönhausen zu kommen. Er meint das Lager, das Zahn "eine Denunziationshölle" nennt.
Ein Dritter steht auf, seine Stimme zittert, das Mikrofon in seiner Hand zittert: "Ich möchte nur erwähnen, dass hier im gleichen Saal der Ihnen bekannte Herr Zahn geäußert hat: In der Gedenkstätte wird gelogen, und zwar sehr schlimm gelogen."
Es sind die Methoden der Zersetzung, die hier wieder funktionieren. Sie verdrehen die Worte, die Zahn gesagt hat, sie setzen sie zu einem neuen Inhalt zusammen, sie bringen einen Menschen in Verruf, der sich nicht wehren kann.
Hans-Eberhard Zahn ist diesmal nicht im Publikum. Er ist verreist, weit weg.
Als er zurückkehrt, findet er sich wieder in einer Welt, die er längst vergangen glaubte. Er ist ein Wehrloser im Griff seiner Gegner von damals. Der Satz, den er angeblich gesagt haben soll, hat sich verbreitet in Berlin, Freunde haben ihn angerufen, sie fragten: "Stimmt das? Was machst du da? Warum lässt du dich ein mit solchen Leuten?"
Er will den Mann verklagen, der behauptet hat, er habe gesagt, dass in Hohenschönhausen gelogen wird. Es geht um seinen Ruf. Er fragt den Leiter der Gedenkstätte um Rat, wie macht man so etwas? Wer könnte ihm helfen? Der Leiter sagt ihm: Wenn du zwei Zeugen findest, engagieren wir einen Anwalt. Aber Zahn hat keine Zeugen. Zeugen haben nur die anderen. Es ist aussichtslos.
Überall begegnet er jetzt seinem eigenen Namen. Er stößt auf ein Forum im Internet, in dem die alten Kader der Staatssicherheit ihre Wirklichkeit verbreiten. Sie bezeichnen ihn da als "allseitsbekannten Anti-Kommunisten" und behaupten: "Er widersprach energisch den Märchen von den Folterzellen und Verhörmethoden des MfS."
Er findet sich in einem Buch wieder, in dem die Versammlung aus Hohenschönhausen noch einmal beschrieben wird. Er liest den Satz: "Herr Zahn kehrte ans Mikrofon zurück und bekannte ohne Umschweife: 'Ja, es wird dort gelogen, auch schlimm gelogen.'"
Er schickt einen Brief an den Buchverlag, darin schreibt er: "Mit derartigen Entstellungen folgt man offenbar auch heute noch den alten MfS-Traditionen." Er zitiert aus der "Richtlinie Nr. 1/76, MfS Nr. 100/76", in der es heißt: "Bewährte anzuwendende Formen der Zersetzung sind: systematische Diskreditierung des öffentlichen Rufes, des Ansehens und des Prestiges."
Wolfgang Schwanitz sitzt auf dem Sofa vor seiner Bücherwand, vier Stunden dauert das Gespräch jetzt, seine Frau war eben noch mal drinnen und sagte, er müsse sich jetzt aber ausruhen. Das Gespräch geht gerade um die Frage des Missbrauchs von Menschen.
"Sehen Sie", sagt Schwanitz, als die Tür wieder geschlossen ist, "wir schätzen Herrn Zahn sehr. Er bemüht sich in Einzelfragen um Objektivität. Wir führen vernünftige Gespräche mit ihm, um ihn und seine Freunde besser verstehen zu lernen."
Wir. Alles Opahafte ist verschwunden, als Wolfgang Schwanitz "wir" sagt.
Wir, das sind die Übriggebliebenen eines Regimes, die dabei sind, deutsche Geschichte umzudeuten. Sie verstecken sich nicht mehr.
"Wissen Sie", sagt Wolfgang Schwanitz, "wir wollen nicht provozieren. Es liegt nicht in unserer Absicht, Betroffene zu verhöhnen. Es geht um Sachlichkeit, Wahrheit und Objektivität."
Er trinkt sein Mineralwasser aus, steht auf und sagt, er müsse sich jetzt ausruhen.
Hans-Eberhard Zahn öffnet einen Schirm, Regen fällt über das Gelände in Hohenschönhausen. Seine Besuchergruppe ist weg, er steht zwischen hohen Mauern und sagt: "Die Methoden funktionieren noch, die Methoden der Zersetzung."
Er hat es zu spät erkannt. Er dachte, diese Leute seien harmlos. Er dachte: Sie haben doch keine Macht mehr, sie sind doch tot. Er weiß jetzt, dass er sich geirrt hat. Dass sie gar nicht tot sind, dass sie leben, und er hat es nicht gemerkt.
Der letzte Satz, den er den Amerikanern vorhin gesagt hat, war: "Freiheit ist es wert, verteidigt zu werden." Er hat ihnen alles aus der Vergangenheit erzählt und nichts aus der Gegenwart.
* Bei der Beisetzung des Ex-Stasi-Chefs Erich Mielke im Jahr 2000.
Von Matthias Geyer

DER SPIEGEL 33/2006
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