14.08.2006

DEBATTEES REICHT!

IRENE DISCHE ÜBER JOSTEIN GAARDER UND DAS DRAMA ISRAELS
Ich gerate allmählich in Panik über das, was Kollegen so von sich geben. Zum Beispiel Jostein Gaarder. "Wir glauben nicht, dass sie (die Juden) das von Gott auserwählte Volk sind", sagt er. "Wir lachen über ihre komischen Gebräuche, und wir weinen über ihre Missetaten." Und: "Wenn die ganze israelische Nation der eigenen Gewalt zum Opfer fallen sollte und Teile der Bevölkerung aus den von ihnen besetzten Gebieten in eine neue Diaspora fliehen müssen, sagen wir: Mag die neue Umgebung einsichtig und barmherzig sein."
Nun interessiert natürlich, wer sich hinter diesem "wir" verbirgt. Ich für meinen Teil habe begonnen, meine Freunde aufzuteilen: in diejenigen, die von der Krise im Nahen Osten "betroffen", und diejenigen, die "unbetroffen" sind wie Meister Gaarder.
Ich bin doppelt betroffen. Ich habe Familie in Israel, aber ich habe auch eine junge Tochter, die in Beirut lebt. Mein Herz schlägt für Israel, aber meine Angst gilt meiner Tochter, ihren Freunden, den Städten im Libanon. Viele meiner Freunde, besonders in Europa, sind nicht persönlich von der Krise betroffen und beziehen dennoch ebenso leidenschaftlich Stellung, nicht erst seit Juli. Die meisten haben im Laufe der Jahre Empörung über das Verhalten Israels geäußert. Als vor wenigen Tagen berichtet wurde, dass vierzig südlibanesische Dorfbewohner von israelischen Raketen "massakriert" wurden, sind die Freunde, die wie ich Verbindungen zu Israel haben, zusammengezuckt und haben gelitten. Wir litten für die Toten, aber auch für Israel. Doch mehrere "unbetroffene" Freunde riefen mich an, um mir in einem selbstgerechten, an Schadenfreude grenzenden Tonfall von dem Massaker zu berichten. Es war, als hätten sie soeben eine Gerichtsverhandlung gewonnen, und sie genossen es sichtlich. Im weiteren Verlauf des Tages entdeckte man die libanesischen Dorfbewohner unversehrt in einem Keller. Die Unbetroffenen schienen geradezu betrübt, während die Freunde mit Verbindungen zu Israel eindeutig hocherfreut waren.
Die Wahrheit ist, dass über die Anklage gegen Israel schon vor langem entschieden wurde. Im vergangenen Frühling, im April, war ich selber im Libanon, und zunächst amüsierte mich der beiläufige Antisemitismus der Einheimischen. Er war so vulgär, so maßlos übertrieben, so unverfroren, dass ich darüber gelacht habe. In Deutschland könnte so etwas nie passieren. Ich habe "Adolf-Hitler-Cocktails" getrunken und leise geschmunzelt, als meine Tochter erzählte, als Deutsche würde man öfters respektvoll mit "Heil Hitler" begrüßt. Am Geburtstag Hitlers erschien in einer liberalen ägyptischen Zeitung, die in Beirut verkauft wird und auf meinem Frühstückstisch im Hotel landete, ein Leitartikel, der des Führers gedachte und seine zu wenig geschätzte Rassenpolitik lobte. Hitler sei "seiner Zeit voraus" und ein "Vorkämpfer" gewesen. Gleichzeitig ist die Verteufelung Israels völlig gesetzeskonform: Nach libanesischem Recht ist der Kontakt nach Israel ein Gesetzesverstoß. Auf den Landkarten in libanesischen Schulen gibt es überhaupt kein
Israel. Vor dem Gericht der Weltöffentlichkeit muss es mit alldem seine Richtigkeit haben, denn dagegen hört man niemals Proteste.
Eines Tages, als ich vor dem Schaufenster eines Antiquitätenladens stand, trat der Inhaber vor die Tür, um mit mir zu plaudern. Mit typisch libanesischer Gastfreundschaft lud er mich ein, mit ihm und seiner Familie hinten im Laden Tee zu trinken. Es stellte sich heraus, dass sie alle amerikanische Pässe hatten, weil sie Anfang der achtziger Jahre in die USA geflüchtet waren und es dort zu etwas gebracht hatten. Wir haben uns wunderbar unterhalten, während ich großzügig mit Süßigkeiten und Tee versorgt wurde. Da bemerkte unser Gastgeber beiläufig: "Die Juden sind ein Krebsgeschwür, das den gesamten Erdball zerstört." Ich hatte genug gehört. Ich war froh, den Libanon wieder zu verlassen.
Als der Krieg einige Wochen später ausbrach, wurde der Libanon als liberales Land dargestellt, das von den Israelis zerstört werde. Für alle stand fest, dass Israel einen großen Fehler gemacht und einen Freund im Nahen Osten verloren habe.
Ich schreibe dies nicht, um den Tod unschuldiger Zivilisten durch israelische Hand im Libanon zu rechtfertigen oder, was aus meiner Sicht noch schlimmer wäre, um die israelische Politik im Gaza-Streifen und im Westjordanland zu rechtfertigen.
Aber in den palästinensischen Gebieten geschehen schreckliche Dinge, unzählige, ungeheuerliche Menschenrechtsverletzungen, an denen nicht die Israelis schuld sind, und diese erregen kein internationales Interesse. Ich schreibe, um darauf aufmerksam zu machen, dass die Diffamierung Israels mittlerweile eine Art moralische Unterhaltung darstellt, wie irgendeine abstruse Fernsehgerichtssendung oder ein exquisites Hobby, und dass dies wenig hilfreich ist.
Israel kämpft um sein Überleben. Wieder einmal kämpfen Juden um ihr Überleben. Sie sind umzingelt von denen, die ihrem Staat das Existenzrecht absprechen. Die ihn vernichten wollen. Ist das nicht eine plausible Antwort auf die verwunderte und scheinheilige Frage des "Stern", warum Israel "so aggressiv" sei? Ich habe in meinem eigenen Wohnzimmer in Berlin bei diversen Essen mit Freunden aus der Intelligenzija bereits gehört, wie Israel, auf schmierige Art zufrieden, mit den Nazis verglichen wurde, genauso wie es Jostein Gaarder tut.
Es reicht. Kein anderes Land, das um sein Überleben kämpft, würde so beurteilt werden. Es ist gut möglich, dass der gegenwärtige Konflikt nur der Auftakt zu einem großen Drama ist, das mit dem Erlöschen des jüdischen Staates endet, der, wie in einer griechischen Tragödie, genau das heraufbeschwört, was er vermeiden will: den Untergang.
Und wenn Israel schließlich ins Meer gestoßen ist, gibt es eine zugegebenermaßen krankhafte Genugtuung für mich: Leute wie Jostein Gaarder müssen sich andere Objekte für ihren Hass suchen.
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Irene Dische, 54, lebt in New York und Berlin. Ihr letztes Buch, "Großmama packt aus", erschien bei Hoffmann und Campe.
* In Kirjat Schmona nach einem Angriff der Hisbollah am 7. August.
Von Irene Dische

DER SPIEGEL 33/2006
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