Von Matussek, Matthias
Auffälliger kann man nicht schweigen in diesen Tagen, als es der Kritiker Marcel Reich-Ranicki tut. Alle haben sich mittlerweile zu den Erinnerungen von Günter Grass, 78, geäußert, die Historiker, die Politiker, die Kollegen, die Gemüsefrau. Nur Marcel Reich-Ranicki schweigt sich aus. Er schweigt unüberhörbar.
Es ist der Herbst der Erinnerungen in Deutschland, und ein paar Wochen vorher saß Marcel Reich-Ranicki, 86, mit seiner Frau Teofila und Freunden und Bekannten in Frankfurt beisammen, um die Erinnerung an einen besonderen Tag zu feiern. Die an den 22. Juli 1942, als er seine Frau heiratete, um sie vor der Deportation zu bewahren. Es war, sagte Teofila, "der gleichzeitig schönste und schrecklichste Tag meines Lebens". Dann versagte ihr die Stimme.
In den unterschiedlichsten Aggregatzuständen verläuft das Erinnern in diesem Herbst, es geht leise oder trotzig oder dröhnend vonstatten. Reich-Ranicki, der auch für den SPIEGEL Günter Grass gelegentlich mächtig zerrissen hat, schweigt nun, wie es keiner tut: als könnte er den Skandal des Grass-Buches, das ein schwer verdaulicher Brocken aus verhobenen Kunsteitelkeiten und kokettem SS-Geständnis ist, nur dadurch angemessen besprechen, dass er schweigt.
Alle spüren, dass der Sommer des schwerelosen jungen Deutschland abgelöst wurde vom Herbst des alten. Die Horizonte verschwinden wieder einmal, die Nation bemurmelt sich selbst und ihre dunklen Geschichten. Das, was Holocaust-Forscher
Michal Bodemann das "deutsche Gedächtnistheater" nennt, wird diesmal vornehmlich von der sogenannten Flakhelfer-Generation bespielt. Von denen, die als Teenager in einen verlorenen Krieg zogen, die grausam waren oder auch nur einfach versuchten, die eigene Haut zu retten. Von 17-Jährigen, die in Gräuelbildern wie von Hieronymus Bosch standen und sie ein Leben lang mit sich trugen. Wir Nachgeborene können gar nicht erst ahnen, was sie gesehen haben.
Eine weitere Vergangenheitsdebatte also, eine von vielen seit den sechziger Jahren, die, so Bodemann, Bühnen sind, "auf denen Fragmente der Geschehnisse der Vergangenheit fortwährend neu inszeniert werden".
Da ist Grass, da sind sekundierende und konternde Äußerungen von Autoren wie Erich Loest, 80, oder Martin Walser, 79, oder Rolf Hochhuth, 75. Oder von Walter Kempowski, 77, der sich in einem eigenen Buch fiktiv noch einmal ans Kriegsende zurückbegibt.
Und aus diesem Konzert der Stimmen schält sich ganz prononciert die von Joachim Fest heraus. Auch er legt Erinnerungen vor: "Ich nicht"**. Einen provokanteren Titel kann es in diesem Herbst der interessanten Verstrickungen nicht geben. Es ist das Gegenbuch zum Grass-Spektakel. Grass sagt: Ich war dabei, alle waren dabei. Fest sagt: Ich aber nicht. Das ist die Sensation in Deutschland.
Grass und Fest, der linke Polterer und der konservative Bildungsbürger: Sie verkörperten gegensätzliche politische Pole in den vergangenen Jahrzehnten. Nun lässt sich nachlesen, wie sehr sie es schon in ihren Herkunftsmilieus waren - der eine rasender Mitläufer, der andere entschlossener Nicht-Mitmacher.
Joachim Fest, 79, der Reich-Ranicki einst zur "Frankfurter Allgemeinen" geholt hat-
te, schrieb eine brillante Hitler-Biografie (Band 31, SPIEGEL-Edition), betreute Albert Speers "Erinnerungen", verfasste die Vorlage zum Film "Der Untergang". Den Linken der Nachkriegsjahrzehnte war er immer suspekt. Er galt als Fürst der Finsternis, als einer, der sich zu sehr einfühlte in die Nazi-Größen, über die er so schillernd zu schreiben verstand. Sie vermuteten seelische Verstrickungen.
Nun ist es gerade der oft so hochmütig wirkende, der stets verdächtige Fest, der sich und seine standhafte Familie in das Erinnerungstheater einbringen kann. Er zitiert das Matthäus-Evangelium: "Etiam si omnes - ego non!" Und übersetzt die Stelle so: "Auch wenn alle mitmachen - ich nicht!" Statt auf den Spektakelwert der dramatischen Konversion stützt sich Fest auf den leiseren der Gradlinigkeit.
Für den Leser ist das ein absoluter Gewinn: Neben der stilistischen und gedanklichen Klarheit dieses Buches wirkt der Theaternebel, in den Grass seine frühen Jahre bisweilen taucht, wirken all die Filmrisse und orientalischen Verzierungen suspekt.
Fests Erinnerung ist die der zunehmend drangsalierten Jugend in einer Nicht-Mitmacher-Familie. Auch er erzählt vom Alltag in der Hitler-Zeit. Vom Krebsefangen, von grölenden Uniformleuten auf Lastwagen, vom Kindermädchen Franziska, von Heldenträumen und immer wieder von Büchern. Von einer Jugend, über die, wie über jede andere, die Schatten der Barbarei fielen.
Er führt noch einmal die bürgerliche Welt vor, die endgültig in Trümmer gegangen ist. Er greift zurück auf großbürgerlichere Zeiten, und es gibt Anflüge von "Buddenbrooks", wenn vom Großvater die Rede ist, dem "im Leben bewährten" Mann, von dem in der "Ratsversammlung häufig das endgültige Wort erwartet" wurde.
Dann der Vater, der Französisch lernt, um im Salon seiner Schwiegereltern zu bestehen. Schließlich könnten sie ihn ja mit französischen Floskeln aufs Glatteis führen. Das ist das Milieu. Ein Teil davon.
Der andere ist der politische. Der Vater ist militanter Republikaner und genauso überzeugter Preuße, Bildungsbürger, Katholik. Er ist einer, der für seine Republik in Saalschlachten kämpft, auf der Seite der Sozialdemokraten. Eines Abends stürzt er mit blutigem Kopfverband in die Küche.
Bereits 1933 verliert er seine Stellung als Schulleiter, wegen "öffentlich herabsetzender Reden" gegen die Nazis. Von nun an "poverisiert" die Familie, Stufe um Stufe, das Kindermädchen wird entlassen, die Wohnung verkleinert, der Argwohn der Nachbarn steigt. Es ist die Zeit, in der die ersten erklärten Regimegegner totgeprügelt werden, meist in abgelegenen Kellern am Rande der Stadt.
Von nun an muss aufgepasst werden. Die jüngeren Geschwister essen mit der Mutter Abendbrot, die älteren, unter ihnen Joachim, mit dem Vater, der ohne Selbstzensur reden muss, weil er sonst, wie er sagt, krank wird. Schon früh lernt Joachim Fest Verschwiegenheit, Haltung, Mut zur Nicht-Anpassung.
Dabei lockt die Anpassung auch hier: Durch die Wand der engen Wohnung hören die Kinder, wenn sich, was ganz selten vorkommt, die Eltern streiten. Die Mutter ist am Ende ihrer Kräfte. Sie war Internat und Klavier und Eichendorff-Gedichte gewöhnt, und nun ist da nur noch Putzen, Flicken, Kochen, ein mageres Leben, das sie sich so nicht vorgestellt hat.
Und dann hören die Kinder, "nach einer unsicher anmutenden Unterbrechung", wie sie den Vater fragt, ob er sich den Eintritt in die Partei nicht doch noch einmal überlegen wolle. Er könne doch heucheln. Die Unwahrheit sei doch schon immer das Mittel der kleinen Leute gegen die Mächtigen gewesen. Und der Vater sagt den stolzen Satz: "Wir sind keine kleinen Leute. Nicht in solchen Fragen!"
Das sind die Fests. Keine Helden, einfach nur Nicht-Mitmacher, und das ist ihre Geschichte in den sich verdunkelnden Zeiten, ihre Opernbesuche, ihre Leseabende, ihre immer noch gelegentlichen Ausflüge
nach Sanssouci, ins preußische Arkadien mit den Rückbesinnungen an Aufklärung und das "Rendezvous mit dem Ruhm".
Die Idee einer Volksgemeinschaft, ob linker oder rechter Prägung, so berichtet Fest von seinem Vater, "sei ihm stets als schlechthin beleidigend erschienen". So was imprägniert gegen Verführung. So was isoliert gleichzeitig, ein Leben lang. Doch es schärft auch den Blick für jene anderen, die in noch wesentlich prekärerer Lage sind. Dr. Goldschmidt zum Beispiel, dem die Kinder Besorgungen erledigen.
Triviales und Tragisches sind hier ineinandergefügt in schlanken Sätzen, ohne alle Augenzwinkereien an die Zunft. "Den Sommer 1939 habe ich in der glücklichsten Erinnerung." Ein heißer Sommer, die Sprengwagen mit Spritzwasser, der Kutscher vom Bolle-Wagen rückt das Eis "allenfalls in kleinen Splittern" heraus. Und dann der Krieg.
Es tut gut, Fests Buch zu lesen, besonders in diesem Herbst. Es ist stilistisch elegant und gar nicht wie eine Zwiebel, die geschält und geschält werden muss, um den Leser am Ende doch um einen Kern zu betrügen. Auch Fest schildert die stupiden Jahre des Drills, die Schikanierer, die Parteikanonen und den Arbeitsdienst, die großen Katastrophen, die nur die familiären sind, wie den Tod des Bruders Wolfgang - eindringlich, doch ohne rhetorischen Aufwand.
Umso beklemmender die leisen Dramen der Entscheidungen zwischen Pragmatismus und Prinzip. Die Fronten gehen durch die Familie hindurch. Joachim meldet sich freiwillig zur Luftwaffe, um dem Schicksal zu entgehen, zur SS eingezogen zu werden. Sein Vater tobt. Zum "Verbrecherkrieg Hitlers" melde man sich nicht freiwillig.
Viel später, lange nach dem Krieg, kommen die beiden auf ihren Streit zurück. "Du hast nicht unrecht gehabt", sagt sein Vater. "Aber recht gehabt habe ich!"
Diese Art der Rechthaberei ist die beste, die überhaupt zu haben ist im deutschen Erinnerungstheater, und sie macht klar, dass es sich lohnt, zu differenzieren von Fall zu Fall, wenn man von der Generation der Flakhelfer spricht.
Gemeinsam allerdings haben sie dieses, ob es nun um Walser oder Grass, Fest oder Ratzinger, Habermas oder Enzensberger geht: Ihre Biografien, die aus blutigen Geschichtssümpfen ins neue Jahrtausend, ins neue Deutschland reichen, können dieses Land immer noch inspirieren, immer noch verhexen.
Dennoch wünscht man diesem Land schnell wieder die Horizonte und die Leichtigkeit zurück und Marcel Reich-Ranicki, der den neuen Grass auch öffentlich so besprechen könnte: "Ich bitte Sie, drei Seiten SS, aber zehn Seiten übers Kochen, und alles schlecht geschrieben, was soll das?"
DER SPIEGEL 34/2006
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