21.08.2006

MUSEENFunkelndes Echo des Barock

Während das Grüne Gewölbe in Dresden prachtvoll rekonstruiert wurde, setzt die Stadt durch einen umstrittenen Brückenbau ihren Status als Weltkulturerbe aufs Spiel.
Der Besuch in Paris veränderte sein Leben oder immerhin seine Einstellung zur Mode. In Frankreich, am Hofe Ludwigs XIV., entdeckte der junge Aristokrat aus Sachsen 1687 seine Liebe zu hochkarätigen Accessoires. Très chic war, was glitzerte: etwa mit zahllosen Diamanten und Brillanten besetzte Knöpfe, Uhren, Hutkrempen, Schuhschnallen, Spazierstöcke, Degen. Und so weiter.
Der Spross aus dem Hause Wettin wurde als sächsischer Kurfürst und König von Polen, als August der Starke, gerade wegen seiner Maßlosigkeit zur Legende.
Er konnte, gelegentlich, auch sparen. In "Ansehung des Zustandes Unserer Cassen" verzichtete er auf Abriss und Neubau des Dresdner Schlosses. Doch für seine große Leidenschaft, das Erwerben erlesener Gegenstände, brauchte er einen angemessenen, also einen riesigen Altar.
Mit der Dekoration des begehbaren Tresors, der "Geheimen Verwahrung" im Erdgeschoss des Schlosses, schuf er bis 1729 sogar einen Mythos: den als "Grünes Gewölbe" berühmt gewordenen Schatzkammertrakt. Der bestand aus acht Räumen; vor der Renovierung durch August den Starken war ein Teil des Wandschmucks malachitgrün gefasst, daher der Name.
Der preußische König äußerte sich 1728 neidisch über die Ausstattung der Räume, der Philosoph Arthur Schopenhauer nannte sie 1804 einen "Feen-Pallast".
Dass diese weitläufige Schatztruhe zum 800. Jubiläum der Stadtgründung wieder zugänglich ist - das feiert man in Dresden zu Recht als Wunder. 1945 waren bei der Bombardierung der Stadt große Teile der Räume zerstört worden. Jetzt, nach der Rekonstruktion, hat sich die Magie des Grünen Gewölbes wieder materialisiert*. Mitte September wird es eröffnet.
Zum Festakt, der bereits am 1. September zelebriert wird, will auch die Kanzlerin erscheinen. Dresden ist ja regelmäßig der Rahmen für die schöneren Pflichttermine.
Frauenkirche und Grünes Gewölbe: Innerhalb eines Jahres sind gleich zwei Wahrzeichen in neuer alter Pracht vollendet worden, das Gewölbe in einem Zustand, der etwa dem von 1733 entspricht, dem Todesjahr von August dem Starken.
Teile der Sammlung, 1080 besonders empfindliche Schatzkammerstücke, lassen sich bereits seit zwei Jahren im sogenannten Neuen Grünen Gewölbe besichtigen. Diese Dauerschau in Hightech-Vitrinen ist darauf ausgerichtet, die Nahsicht auf die Objekte zu ermöglichen. Und: Sie zog bereits mehr als eine Million Besucher an.
Die Neugier auf das historische Grüne Gewölbe mit 3000 weiteren Objekten ist die auf ein barockes Gesamtkunstwerk, und sie wird wohl noch größer sein. Etwa 45 Millionen Euro kostete die Annäherung an die Augusteische Vision.
Dresden ist ein Markenname für verschwenderischen Glanz. Die wichtigste Touristenmetropole Ostdeutschlands lebt wieder von den feudalen Zeiten, davon, ein funkelndes Echo des Barock zu sein, davon, die halbe Welt am Bürgersinn fürs Schöne teilhaben zu lassen: Mehr als 100 Millionen Euro kamen durch private Spenden für den Wiederaufbau der spätbarocken Frauenkirche zusammen.
Für die (weit vorangeschrittene) Rekonstruktion und Restaurierung des Schlosses bezahlt der Freistaat mehr als 337 Millionen Euro, inklusive des Etats für das Grüne Gewölbe. Dessen Eröffnung sei ein "bewegender Moment", schreibt Sachsens Ministerpräsident Georg Milbradt (CDU) im Sammlungskatalog. Der "weltweiten Beachtung" ist er sich bewusst.
Umso absurder wirken die derzeitigen stadtplanerischen Verirrungen in Dresden.
Denn zeitgleich mit diesem Veredelungsprogramm pocht die sächsische Regierung auf den Bau einer vierspurigen, brachialmodernen Brücke, der so harmlos benannten "Waldschlösschenbrücke", quer über das Elbtal. Die Schneise durchs einzigartige Panorama würde den Verlust des wichtigsten kulturellen (und touristischen) Gütesiegels bedeuten: Mit dem 2004 erst errungenen Status als Unesco-Weltkulturerbe wäre es nämlich vorbei.
Das war den Dresdnern nicht klar, als sie in einem Bürgerentscheid für eine neue Brücke stimmten. Der Stadtrat, durch die Warnungen der Unesco verunsichert, wollte den Baubeginn verschieben, doch nun fordert die Staatsregierung die schnelle Realisierung des 157 Millionen Euro teuren Projekts und will im Zweifelsfall und von Donnerstag an selbst die entsprechenden Aufträge vergeben. Ein Paradox. Ein millionenschweres dazu.
Dabei wird das Kulturerbe der Elbstadt sonst so eifrig vermarktet. Eine Auswahl der zerbrechlichen Schatzkammerbestände wurde in den vergangenen Jahren über die Kontinente geschickt, in New York, Versailles und Moskau ausgestellt.
Dass aus dem "Elbflorenz" Dresden ein Museumsdorf wurde, welches die Kunstschätze und Schatzschatullen zur Bewunderung freigibt - das hat im Grunde bereits August der Starke so konzipiert.
Er sammelte quer durch die Gattungen, gab den diversen Sammlungen ihre Konturen, den ausgeprägten Schaucharakter. Später gingen daraus die weltberühmte
Gemäldegalerie und das Kupferstich-Kabinett hervor. Die Schatzkammer hatte sofort den Charakter eines Privatmuseums; Dirk Syndram, Leiter des Grünen Gewölbes, nennt sie "den Dinosaurier unter den Museen". Der Regent hatte seinen Besitz gern zur Besichtigung freigegeben. Gegen Gebühr (gegen die "Verehrung") durften Besucher am Luxus vorbeiflanieren. Gäste waren erlaubt, wenngleich "nicht alle und jede auch deren niemahls zuviel auf einmahl", so hieß es 1732.
Wer einmal Trinkgefäße in Form einer Eule, eines Rebhuhns oder eines Schlosses sehen wollte, hier fand er sie. Figuren aus Bronze, Schränkchen aus Bernstein, kunstvoll Gedrechseltes aus Elfenbein, Prunkgeschirr und Gebilde aus Bergkristall und, natürlich, all die Juwelengarnituren.
August ließ die Räume als ordnende Kulisse für all das Raffinierte, Unglaubliche, Schillernde umgestalten. Die Kammern - vom Elfenbein- bis zum Weißsilberzimmer - waren bald sagenumwobener als der Regent selbst, als sein politisches Taktieren, sein Verschleiß an Mätressen. In den Spiegeln des Pretiosensaals multiplizierte sich die Strahlkraft der Stücke ins Unendliche, im Juwelenzimmer schimmerten die Kostbarkeiten in Wandvitrinen. Mit jedem Schritt ging es eindrucksvoller zu. So sah die Dramaturgie der Machtdarstellung aus.
Die Nachfolger ließen ein paar Objekte einschmelzen, den größten Teil aber bewahrten sie. Diese Pflege des Erbes sei das Verblüffende und etwas für deutsche Höfe ziemlich Einzigartiges, sagt Gewölbe-Direktor Syndram. Denn: "Juwelen sind zwar nicht vergänglich, aber verkäuflich."
Um 1850 wurde von den Wettinern sogar ein "freier Mittwoch" eingeführt - nun war das Staunen für das Volk an einem Tag in der Woche kostenlos. 1913 baute man eine Fußbodenheizung ein. Nach der Abdankung des sächsischen Königs 1918 wurden aus den gesamten "Königlichen Sammlungen" bald die "Staatlichen Sammlungen".
Dann der Zweite Weltkrieg: das Auslagern der Bestände, später das Verfrachten in die Sowjetunion, die Rückkehr. In den siebziger Jahren richtete man für die Kostbarkeiten des Grünen Gewölbes ein provisorisches Quartier im Albertinum ein.
Das Schloss war seit der Bombardierung der Stadt im Februar 1945 und bis in die achtziger Jahre hinein eine Ruine. Man plante den endgültigen Abriss - doch die Dresdner setzten den Wiederaufbau durch.
Wer im 21. Jahrhundert in die barocke, etwas vergrößerte Inszenierung des Grünen Gewölbes eintreten will, der muss durch eine Schleuse, in der einem der Staub von der Kleidung gesaugt wird. Barrieren aus Glas sorgen für Abstand zu den Objekten. Die Zahl der Besucher ist auf 100 pro Stunde limitiert: Zu empfindlich ist das Ensemble. Mehr als zehn Jahre dauerte die Feinplanung. Man fachsimpelte, experimentierte, stellte Anträge, um beim Herstellen der Spiegel wie zu Augusts Zeiten Quecksilber verwenden zu dürfen.
Drei Zimmer des Grünen Gewölbes waren 1945 komplett ausgebrannt, der Rest stark beschädigt. Was von der Ausstattung gerettet werden konnte, hat man jetzt verwendet. Darunter auch einige einst vergoldete, nun verkohlte Wappen. Doch vor allem will man die Rückkehr des barocken Prunks feiern. Daher gibt es nur wenige, diskrete Zeichen mit Mahnmalcharakter.
Die neue Brücke dagegen würde alles andere niederklotzen. Sie wäre, sollte sie wie geplant ausgeführt werden, ein Denkmal für die Dummheit. ULRIKE KNÖFEL
* Katalog "Die barocke Schatzkammer. Das Grüne Gewölbe zu Dresden". Deutscher Kunstverlag, München und Berlin; 180 Seiten; 24,90 Euro.
Von Ulrike Knöfel

DER SPIEGEL 34/2006
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