28.08.2006

KORRUPTIONSchwedische Gardinen

Schmierst du noch oder baust du schon? Jahrzehntelang ließen sich Manager des Möbelkonzerns Ikea von Baufirmen bestechen - bis die ehemalige Geliebte eines Abteilungsleiters auspackte.
Wenige Tage vor Weihnachten fasste Frau T. einen folgenschweren Entschluss: Am 20. Dezember 2004 setzte sie sich an ihren Computer und verfasste einen Brief, der sie von einer zentnerschweren Last befreite - und einen der weltweit bekanntesten Konzerne in seinen Grundfesten erschütterte.
Das Schreiben ging nach Frankfurt in die Große Friedberger Straße 23 - 27. Dort arbeitet Wolfgang Schaupensteiner, Oberstaatsanwalt und Deutschlands renommiertester Schmiergeldjäger. "Seit 21 Jahren bin ich bei Ikea Verwaltungs GmbH, Hofheim-Wallau, in der Bauabteilung tätig", bekam der Korruptionsexperte zu lesen, "seit Jahren muss ich feststellen, dass es gewisse Unregelmäßigkeiten gibt." Diese hätten sich jetzt so vermehrt, dass "ich der Meinung bin, dass der Firma ein großer finanzieller und rufschädigender Schaden entsteht".
Weder die Buchhaltung, noch die Wirtschaftsprüfer und die Revision könnten etwas unternehmen, weil sich fast die ganze Abteilung an diesen Unregelmäßigkeiten beteilige. "Seit Jahren bekommen überwiegend dieselben Firmen die Aufträge, obwohl Ausschreibungen stattfinden", hieß es in dem Schreiben. Im Klartext: Aufträge für den Bau der tiefblauen Ikea-Zentren gab es nur gegen Schmiergeld.
Frau T. nannte Namen und Fakten. Von Bargeld, Urlaubsreisen und Baumaterial für Privathäuser war da die Rede. Zum Schluss bat sie Schaupensteiner um "äußerste Diskretion, da ich die betroffenen Kollegen für skrupellos halte".
Schaupensteiner blieb diskret - bis zum 16. August 2005. An diesem Tag durchsuchten bundesweit Beamte des Bundeskriminalamts (BKA) Dutzende Büros und Wohnungen. Sie filzten Baufirmen in Hamburg, Bayern und Düsseldorf - und führten mehrere Ikea-Manager ab.
Seither gerieten zwar weitere prominente Konzerne wegen korrupter Machenschaften in die Schlagzeilen. So wurde vergangene Wochen ein Einkaufsmanager von BMW von der Staatsanwaltschaft München angeklagt (SPIEGEL 3/2006), in Hamburg förderten Ermittler die Bestechungspraktiken des Elektronikkonzerns Philips und Karstadt Sport zutage, und bei DaimlerChrysler wurde publik, dass ein Controller 50 Millionen Euro in die eigene Tasche gewirtschaftet hatte.
Doch die Ikea-Affäre bleibt einer der spektakulärsten Fälle.
Ermittler und Steuerfahnder wühlen sich durch riesige Dokumentenberge, sie folgten der Spur des Geldes bis nach Liechtenstein, Österreich und in die Schweiz, verhörten mehrere Dutzend Beschuldigte, befragten Zeugen - und produzierten über 4000 Seiten
Akten. Die Untersuchung dreht sich um ein Auftragsvolumen von mehreren hundert Millionen Euro und eine rund 25köpfige Bauabteilung, konzernintern "Ikea Property" genannt. Gegen sieben Mitarbeiter wird wegen des Verdachts der Bestechlichkeit und der Untreue ermittelt. Des Weiteren gegen 44 Mitarbeiter von Bau- und Handwerksfirmen wegen des Verdachts der Bestechung und des Betruges, weil sie die Möbelhaus-Manager geschmiert und Rechnungen gefälscht haben sollen. Einige von ihnen werden wohl eine Zeit hinter schwedischen Gardinen verbringen müssen.
In wenigen Wochen werden die Staatsanwälte die erste Anklage gegen eine prominente Adresse fertigstellen: Der bayerische Max-Bögl-Konzern, größte deutsche Baufirma in Privatbesitz, Spezialist für Fußballstadien und ICE-Hochgeschwindigkeitsstrecken, zahlte jahrelang anstandslos rund ein Prozent der Auftragssumme als Schmiergeld auf das Konto der Scheinfirma eines der Hauptbeschuldigten. Zum laufenden Verfahren will die Firma aber keine Stellungnahme abgeben.
Die Frankfurter Fahnder wundern sich: Wie konnte in einem Weltkonzern wie Ikea ein korruptes Netzwerk 20 Jahre lang unentdeckt bleiben? Gehörte das Motto Schmierst-du-noch-oder-baust-du-schon im Reich der Elche gar zur Unternehmenskultur? Und das, obwohl es seitens der Konzernführung strenge Richtlinien im Umgang mit Lieferanten gab.
Tatsächlich herrschte in der betroffenen Abteilung eine Selbstbedienungsmentalität und Vetternwirtschaft. So segelte ein Teil des Ikea-Bautrupps jedes Jahr mit den immer gleichen Lieferanten auf der Ostsee und pflegte dort die Duz-Kultur mit Heizungs- und Lüftungsbauern.
Andere ließen sich auch dann noch mit Geschenken überhäufen, als dies Ende der neunziger Jahre vom neuen Deutschland-Chef Werner Weber ausdrücklich verboten wurde. "Daraufhin hat der damalige Leiter der Ikea Property gesagt", heißt es in einer Aussage, "dann sollten uns die Firmen die Weihnachtsgeschenke nach Hause schicken, die Firmen erhielten dann unsere Privatadressen." Dieses Klima der Gier breitete sich seit Mitte der achtziger Jahre im Unternehmen aus. Mit der Anstellung von Manfred B. erhielt Ikea den wohl geschäftstüchtigsten Mitarbeiter ihrer Geschichte - im negativen Sinne.
Frau T. wurde schon bald nach seiner Anstellung seine Geliebte und bekam hautnah mit, mit welchen Machenschaften der Bauleiter und spätere Chef der Unterabteilung Bautechnik 2 seine privaten Konten füllte. Er habe sich "damals ganz offen damit gebrüstet, dass er sein Geld nicht nur bei Ikea, sondern auch anderweitig verdient", sagte sie im Februar 2005 den Frankfurter Staatsanwälten.
Das Geld kam anfänglich aus Düsseldorf. Der Chef der dortigen Projektfirma Contecno, die bei fast allen Ikea-Zentren den Auftrag für den Innenausbau erhielt, hatte später die Anfälligkeit von B. entdeckt. Auf die Frage, ob er immer ein kleines Licht bei Ikea bleiben wolle oder ob er einmal richtig Geld verdienen wolle, musste B. nicht lange überlegen. Er entschied sich fürs Geldverdienen.
Ab Ende der achtziger Jahre kassierte er regelmäßig. Seine Provisionen holte er zunächst immer in bar ab. Später floss das Geld mittels Scheinrechnungen für angebliche Ingenieurleistungen, die über eine eigens dafür eingerichtete Briefkastenfirma abgewickelt wurden.
Auch die damalige Geliebte und heutige Kronzeugin ging nicht leer aus. Contecno sorgte selbst in der Freizeit für das Wohlergehen seiner korrupten Auftraggeber. Eine geschenkte Luxusreise nach Verona nahm B. allerdings nicht an. "Er wollte lieber Bargeld", erinnert sich T.
Auch der Tod des Contecno-Gründers im Jahr 1999 änderte nichts an den Praktiken, im Gegenteil. Noch am Krankenbett gab der sterbende Patriarch Anweisungen zur Weiterführung der Tradition. Bei einem Besuch in der Hackethalklinik soll er seinem Nachfolger unter vier Augen sinngemäß erklärt haben, nach seinem Tod würden Personen von Ikea sicherlich zeitnah auf diesen zukommen und mit ihm reden wollen. Wenn hierbei Beträge vereinbart würden, müsse er sie nachher auch zahlen, wurde ihm eingeschärft, sonst sei die Firma "aus dem Rennen".
Inzwischen bunkerte B. seine üppigen Bestechungsgelder nicht mehr nur in Deutschland, in der Regel nahm er zwischen ein und eineinhalb Prozent der Auftragssumme, sondern standesgemäß im Fürstentum Liechtenstein. Der geheime Geldspeicher war über die Jahre immer wichtiger geworden, denn neben Contecno erwiesen ihm jetzt auch verschiedene Baufirmen finanziell die Ehre. Illegale Provisionen für Dutzende Neu- und Umbauprojekte in 20 Jahren sollte man nicht direkt vor der Haustür parken, wusste B. Nur beim bar bezahlten Porsche machte er eine Ausnahme.
Den Hinweis aufs alpine Steuerparadies lieferte den Staatsanwälten ein erstaunliches Papier. Für den Fall seines Todes hatte ihr Hauptbeschuldigter bereits im Juli 1993 ein Schreiben an seine Tochter verfasst. Unter Vorlage seiner Sterbeurkunde und ihres Personalausweises sollte sie sich an die LGT Bank in Vaduz wenden. Dort sei für sie eine Vollmacht hinterlegt. In einem
Schließfach befinde sich ein Briefumschlag mit Hinweisen auf ein zweites Konto, erfuhren die Ermittler.
Zu diesem Zeitpunkt schmorte B. bereits in der Justizvollzugsanstalt Frankfurt-Höchst. Laut Haftbefehl soll er allein in der Zeit von Dezember 2002 bis August 2005 als Gegenleistung für die bevorzugte Beauftragung bestimmter Firmen Geldzuwendungen in erheblichem Umfang erhalten haben. Darunter sechs Zahlungen im Umfang von 281 000 Euro von Contecno und vier Überweisungen des bayerischen Baukonzerns Bögl im Umfang von über 330 000 aufgeführt war. Längst nicht alles, wie sich später herausstellen sollte. Insgesamt sollen es im nicht verjährten Zeitraum seit dem Jahr 200 rund 1,6 Millionen Euro gewesen sein.
In der Hoffnung auf eine Bewährungsstrafe nannte er in einer Selbstanzeige auch noch sein zweites Auslandskonto im schweizerischen St. Gallen. "Die auf diesen Konten aufgelaufenen Zinsen und teilweise auch die Einlagen sind nicht versteuert", schrieb er. Das Vermögen, das dort lagerte, bezifferte er später laut eines internen Vermerks der Staatsanwaltschaft auf 2,8 Millionen Euro.
Trotz solcher Einlassungen kam für die Staatsanwaltschaft eine Bewährungsstrafe nicht in Betracht, B. musste mit vier Jahren Haft rechnen. Am 10. September 2005 erhängte er sich mit seinem Gürtel am Fenstergitter seiner Zelle.
Die Ermittlungen richten sich auch gegen die Baufirmen, die B. gegen Bares bevorzugt hatte. Vor einigen Jahren sei Herr B. persönlich auf ihn zugekommen, erfuhren die Staatsanwälte von einem Geschäftsführer der Max Bögl GmbH, damals sei er erstmals mit einer Forderung nach einer Geldzahlung konfrontiert worden. Wochen später habe man das "Okay" durchgegeben und bereits konkret die Abwicklung der ersten Zahlung "projektiert".
Neben der Möglichkeit der plumpen Bargeldübergabe gab es jetzt neu eine Scheinfirma namens Planbau Mombach, bei der Bögl und andere Ingenieurleistungen bestellten und dafür Rechnungen erhielten. Das Geld floss auf ein Konto von B. bei der Deutschen Bank - ohne dass er hierfür irgendwelche tatsächlichen Leistungen erbracht hätte, stellte der Bögl-Manager klar, der sich mit diesen Zahlungen ein Bauvolumen von 40 Millionen Euro sichern konnte, darunter die Ikea-Häuser in Ulm, Fürth und Taufkirchen.
Eine andere Bauunternehmung stellte eine Scheinrechnung über 850 000 Euro an Bögl aus, um das Geld dann an B. weiterzuleiten. Die gezahlten Beträge wurden wie immer in Bauvorhaben eingerechnet, "welche von Max Bögl für Ikea abgewickelt wurden", schrieb der Anwalt der Baufirma dem BKA. Im Klartext: Ikea hat die Schmiergelder an seinen korrupten Mitarbeiter selbst bezahlt.
Mit diesem einfachen Refinanzierungsprinzip gingen bald auch Kollegen von B. hausieren. Roland F., als Bauleiter bei Ikea Property für die Vergabe der Bauaufträge und Freigabe der Rechnungen zuständig, wertete bezahlte Skiferien im Schweizer Nobelort Saas Fee noch wenige Monaten vor seiner Verhaftung als selbstverständliche Aufmerksamkeiten seiner Sponsoren.
Gern gab er den Auftragnehmern konkrete Tipps, wo sie sein Schmiergeld am unauffälligsten refinanzieren konnten. Im Zusammenhang mit dem Ikea-Neubau in Duisburg "teilte mir Herr F. im Sommer 2004 mit, bei dem dortigen Gelände gebe es erhebliche Schwierigkeiten". Eine Firma, die dort mit den Tiefbauarbeiten und den Außenanlagen beauftragt worden war, könne dort problemlos im Ergebnis nicht nachprüfbare Nachtragsrechnungen schreiben, heißt es in einer Vernehmung.
Als Gegenleistung nahm F. nicht nur Bares, das er sich mal von den Baufirmen für nicht erbrachte Ingenieurleistungen seinerseits honorieren ließ, mal "in einem wattierten DIN-A4-Umschlag" direkt einsackte. Auch die gesamte Renovierung seines Hauses nördlich von Frankfurt, inklusive der Krankengymnastikpraxis seiner Frau, ging auf Rechnung einer Baufirma - laut einer Zeugenaussage rund 320 000 Euro. "Wir haben auch Einrichtungsgegenstände wie die Einbauküche, die Stereoanlage samt Fernseher und das Sofa für ihn bezahlt", sagte ein Bau-Manager aus. Die Kosten dafür wurden beim Bau des Ikea-Neubaus in Duisburg vergraben.
Ironie der Geschichte: Noch am 7. Januar 2005 hatte F., der in seiner Vernehmung voll geständig war, eine Richtlinie der Ikea Property unterschrieben. Ihr Titel: "Vereinbarung zur Vorbeugung gegen Bestechung".
Es war nicht mehr als ein Stück Papier. Längst hatte sich in der Ikea-Bauabteilung eine Selbstbedienungsmentalität breitgemacht, auch wenn nicht immer, wie im Fall der Bauleiter B. und F. gleich Hunderttausende flossen. Die Ikea-Beschäftigten ließen sich alles, was es in den eigenen Regalen nicht gab, wie Marmorböden oder die Heizungs- und Sanitäranlagen für das Ferienhaus, von Baufirmen liefern - und vergaßen dann schon mal, die Rechnung dafür zu bezahlen.
Der damalige Deutschland-Chef Werner Weber bekam von all den üblen Tricks seiner Bautruppe offenbar jahrelang nichts mit. Das jedenfalls sagte der studierte Psychologe bei der Ikea-internen Untersuchung aus.
Inzwischen scheinen bei Ikea wieder geordnete Verhältnisse zu herrschen. Die beschuldigten Mitarbeiter haben das Unternehmen verlassen, die Geschäftsbeziehungen zu den Schmierfirmen wurden umgehend gekappt.
Mit sichtbaren Folgen: MAN Ferrostaal hatte sich im Januar 2003 bei der Leitung des Möbelhauses beschwert, dass "bei den bisher von uns bearbeiteten Parkhausneubauprojekten für das Haus Ikea, alle Vergabeentscheidungen - trotz intensivster Bemühungen unsererseits" zu Gunsten einer Konkurrenzfirma getroffen wurden.
MAN weigerte sich darum, künftig noch Angebote abzugeben. Man werde diese Position überdenken "sobald das Haus Ikea uns eine reelle Chance im Wettbewerb mit anderen Bietern in Aussicht stellt", hieß es in dem Schreiben.
Anfang 2006 erhielt MAN erstmals den Auftrag, ein Ikea-Parkhaus zu bauen.
BEAT BALZLI, JÖRG SCHMITT
Von Balzli, Beat, Schmitt, Jörg

DER SPIEGEL 35/2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.