28.08.2006

KINOWunderkinds Bauchplatscher

Mit Filmen wie „The Sixth Sense“ wurde M. Night Shyamalan zum Erneuerer des Gruselkinos. Nun riskiert er seinen Ruf mit „Das Mädchen aus dem Wasser“. Von Wolfgang Höbel
Genies sind Götterlieblinge. Die Liebe der Menschen dagegen bleibt ihnen oft versagt; unsereinem nämlich gehen sie oft übel auf die Nerven.
Insofern muss es den Regisseur M. Night Shyamalan nicht beunruhigen, dass über ihm derzeit eine Monsterwoge aus Schadenfreude und schäumendem Hass zusammenschlägt. Die Frage ist nur: Ist der Mann vielleicht doch nicht ganz so genial, wie er von sich denkt?
"Ich war mir bei keinem meiner Filme so sicher wie bei diesem. Er ist genau das, was ich wollte. Die Zuschauer werden ihn lieben. Die Filmkritiker werden ihn hassen", sagt der 36-jährige Regisseur. Dann blickt er versonnen hinaus durchs Fenster eines prächtig renovierten 260 Jahre alten Farmhauses auf die grünen Hügel Pennsylvanias, auf Pferde, satte Wiesen und einen munter gluckernden Bach. Gehört alles ihm, ehrlich erworben durch harte Kinoarbeit. Aber er hat jetzt Höheres im Sinn. "Ich wollte die originellste Geschichte erzählen, die mir je einfiel. Sie handelt davon, dass jeder Mensch eine Aufgabe hat im Leben."
In M. Night Shyamalans neuem Film "Das Mädchen aus dem Wasser", der jetzt in die Kinos kommt, hat der trief- und traueräugige Hausmeister eines Apartmentblocks (Paul Giamatti) die Aufgabe, eine weißhäutige, schöne und stets patschnasse Meerjungfrau (Bryce Dallas Howard) zu retten, die aus dem Pool der Wohnanlage hüpft. Außerdem trifft man auf einen dunkelhäutigen, samtäugigen jungen Mann, der angeblich als Schriftsteller tätig ist, aber eindeutig die Züge eines hochheiligen Erlösers trägt; ist es doch sein Job, "die Welt in eine andere zu verwandeln", so heißt es. Gespielt wird diese Figur von keinem anderen als von M. Night Shyamalan.
Der Regisseur Shyamalan ist ein Zauberlehrling Hollywoods. In den vergangenen Jahren wurde er bewundert, bestaunt, gehasst wie kein anderer amerikanischer Kinoregisseur. Die Lektion, die er der Entertainmentindustrie erteilt hat, lautet: Es lohnt sich, auf einfache Gruselgeschichten zu setzen; auf Storys ohne exzessive Gewalt, ohne Sex, ohne die Fisimatenten intellektueller Ironie.
In "The Sixth Sense" (1999), seinem großen Durchbruch, der 670 Millionen Dollar einspielte, erzählte Shyamalan von einem schüchternen, herumgeschubsten kleinen Jungen, der Tote sehen kann und sich darüber mit einem von Bruce Willis gespielten Kinderpsychologen unterhält. In "Unbreakable" (2000) ließ er Willis einen Mann verkörpern, der scheinbar absolut unzerstörbar ist. In "Signs" (2002) behauptete er, die notorischen Kreise in Kornfeldern seien Spuren von Außerirdischen, die ihre Flugobjekte im Getreide parken. Und in "The Village" (2004) schilderte er eine Dorfgemeinschaft, die sich vor einer garstig mörderischen Umwelt auf einer Lichtung im tiefen Wald verschanzt hat.
Shyamalans Filme spielen alle im Herzen der Seelenfinsternis. Sie sind auf eine beklemmende Weise düster - und doch von einer unbestimmten Religiosität durchwirkt: Nur denen bleibt Hoffnung, die an irgendetwas glauben. Wer nicht frömmelt, dem geht's an den Kragen. In "Das Mädchen aus dem Wasser" zum Beispiel tritt ein schwitzender, hässlicher, zynischer Mitbewohner des Apartmentkomplexes auf, der von Beruf Filmkritiker ist: Ratzfatz wird der Kerl von den Kreaturen des Bösen, einem Rudel Höllenhunde, zu Hackfleisch zerfetzt.
M. Night Shyamalan zeigt seine strahlendweißen Zähne und sein unschuldigstes Bubengesicht. "Da habe ich mir einen Scherz erlaubt." Aber Komik ist nicht sein Fach. Im Grunde sind alle seine Filme nahezu humorfrei, auch wenn sie oft mit einer überraschenden Wendung enden. Man hat ihn wiederholt mit Hitchcock verglichen; Hitchcock würde sich vermutlich bedanken. Shyamalan aber sagt: "Ich bin
ein altmodischer Filmemacher. Ich glaube an die Überlegenheit des Handwerks. Zu viel Humor macht jede Spannung kaputt."
Geboren ist der Regisseur im indischen Pondicherry. Mit seinen Medizinereltern zog er in die USA, wuchs auf in Philadelphia, besuchte eifrig die örtlichen Popcornkinos und trainierte sich mit einer Acht-Millimeter-Kamera fit für ein Filmstudium in New York. In Hollywood ist er schon seit einiger Zeit die Sorte Kerl, von dem man sich ausschließlich Wunderdinge und Schauermärchen berichtet: dass er in sensationeller Selbstverliebtheit prahle, er habe Erfolge wie die sechsfache Oscar-Nominierung von "The Sixth Sense" exakt vorausgesehen; dass er hyperneurotisch sei und unter krasser Flugangst leide; dass er nur aus Hass auf Hollywood alle seine Filme in und um Philadelphia gedreht habe.
"Ich bin nicht besonders cool. Ich fühle mich schrecklich in der Partygesellschaft Hollywoods." Shyamalan hat eine sehr helle, sehr aufgekratzte Stimme, die ein bisschen manisch klingt. Er sitzt in einem bequemen hellbraunen Ledersessel in dem denkmalgeschützten Farmhaus, in dem die Zentrale seiner Filmfirma residiert. In der Scheune nebenan sind ein Vorführsaal und ein Schneideraum untergebracht, in Gästezimmern beherbergt er die wichtigeren jener Mitarbeiter, die er (oft direkt aus Hollywood) in die Landidylle zitiert, vom Komponisten bis zum Sounddesigner.
Privat hat Shyamalan sich und seine Familie auf einer ähnlich netten Farm untergebracht. Er liebt das ländliche Bilderbuch-Amerika mit einer Inbrunst, zu der wohl nur Einwanderer fähig sind. Und er kultiviert hier eine obsessive Geheimniskrämerei. Schweigen ist Pflicht in Shyamalans Reich, Besucher müssen schriftlich geloben, keine Fotos zu machen und auf der Farm nicht unbegleitet herumzulaufen; die Mitarbeiter des Meisters schleichen über die Kieswege des Farmgeländes, als gingen sie auf Strumpfsocken. Der Regisseur selbst sagt: "Es erregt mich, hier mit meinen Verbündeten im Heimlichen an einem Film zu brüten und erst das fertige Ergebnis der Welt zu präsentieren."
Im Fall des neuen Films "Das Mädchen aus dem Wasser" erregt sich die Welt zurück. Ein Manifest napoleonischen Größenwahns und ein Desaster von Waterloo'schen Dimensionen sei da zu bestaunen, zetern Amerikas Filmkritiker und johlen über den Bauchplatscher eines Regisseurs, den das Magazin "Newsweek" 2002 als "neuen Steven Spielberg" aufs Cover hob. Nun wollte er seinen "Weißen Hai" ins Werk setzen - oder zumindest seinen feuchtesten Traum.
Die Chefs des Disney-Konzerns, für den der Regisseur fast alle seine Filme gemacht hatte, mäkelten vor Drehbeginn an der
Vorlage herum. "Sie konnten das Drehbuch nicht leiden", grummelt Shyamalan in seinem Künstlersessel.
Wie melodramatisch der Streit ausgetragen wurde, belegt ein Buch, das Shyamalan jüngst einen Journalisten schreiben ließ - als eine Art Racheakt, nachdem er zum Disney-Konkurrenten Warner gewechselt war. Das Enthüllungswerk schildert das desaströse Dinner, das zum Bruch mit Disney führte*.
Zunächst bekundeten die Studioleute aus Hollywood, sie fänden die Handlung wirr und den Nebenrollenauftritt des Regisseurs im Film zu groß geraten.
Shyamalan ließ seine Geschäftspartner wissen, sie seien nur auf Geld aus und besäßen für "Ikonoklasten", also für bilderstürmerische Genies wie ihn, keinen Sinn.
Dann brach der Regisseur, so behauptet das Buch, in bittere Tränen aus.
In Hollywood vergießen sie nun Lachtränen über das Buch - und den Film.
Das ist ein bisschen ungerecht. Denn "Das Mädchen aus dem Wasser" mag verschlungen und pompös erzählt sein, oft aber hat der Film auch einen wunderlichen Reiz. Die grün- und blaustichigen Bilder verleihen der wasserleichenbleichen Nymphendarstellerin Howard eine schöne Magie; die Popsongs (etwa von Bob Dylan) und die Interieurs schwelgen in kühlem Weltschmerzpathos; und manche Einfälle sind kuriose Geniestreiche: In höchster Not finden die Kinder des Apartmentblocks die rettende Botschaft ausgerechnet im Kleingedruckten ihrer Frühstückscornflakes-Packungen.
"Die Leute, die mich hassen, haben nicht mit mir ein Problem, sie haben eines mit der Popkultur", klagt Shyamalan. Ob es ihn trösten wird, wenn sein Film in ein paar Jahren als trashigste Wasserschlacht des Jahrzehnts gefeiert wird?
* Michael Bamberger: "The Man Who Heard Voices". Gotham Books, New York; 280 Seiten; 27,50 Dollar.
Von Wolfgang Höbel

DER SPIEGEL 35/2006
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