04.09.2006

GLOBALISIERUNGDie gelben Italiener

In Prato, einst Hochburg der italienischen Textilindustrie, lässt sich die nächste Stufe der Globalisierung besichtigen: Erst verlor die Stadt Arbeitsplätze an Fabriken in Fernost, jetzt erobern Chinesen mit ihren Billigarbeitern das alte Europa. Von Fiona Ehlers
Wie ein strammer Gürtel liegt die Stadtmauer um Prato. Heller Ziegel, 15 Meter hoch und von Zinnen gekrönt, umschließt den Dom aus Marmor, barocke Kirchen und Paläste; ein Fluss rauscht unter den Brücken der Etrusker. Aus dem Mittelalter stammt die Mauer, einst schützte sie Prato vor Fremden. Heute ist sie bloß noch Kulisse.
Die Fremden sind längst da, in Prato, der italienischen Textilhauptstadt im Herzen der Toskana. Im Schatten der Mauer wartet Luigi, 30 Jahre alt, Jungsgesicht, das schwarze Haar steil in die Höhe gegelt, in der Hand ein Handy, das niemals Ruhe gibt. Luigi ist Chinese, Unternehmer aus Wenzhou. Er sagt, er nenne sich Luigi, weil Luigi für Italiener leichter zu merken sei, jeder Pizzabäcker heiße hier so. Seinen wahren, chinesischen Namen verrät er nicht. Das sei geschäftsschädigend, sagt er, seine Geschichte soll Geheimnis bleiben in Prato.
Es ist ein Sonntag, für Chinesen kein Feiertag. Luigi eilt durch das Tor, die Gasse entlang durch sein Viertel, vorbei am Platz des weißen Steines und dem Palast des aufgehenden Mondes. Er hat die Straßen und Plätze von Prato mit neuen Namen versehen, damit er schneller vorankommt im fremden alten Europa. Fragt man ihn nach seinem Ziel, sagt er: "Möglichst schnell, möglichst sehr reich werden." Fragt man ihn nach Heimat, sagt er: "Die ganze Welt, aber mein Herz schlägt für China."
Vor der Mauer von Prato, 180 000 Einwohner, wuchert die neue Heimat von 2000 chinesischen Unternehmern und einem Heer Arbeitssklaven, 25 000 insgesamt. Jeder fünfte von ihnen ohne Papiere, ohne jedes öffentliche Leben. Die Prateser schauen zu und schimpfen, nachts rattern die Nähmaschinen.
In Luigis Prato jenseits der Mauer sind die Häuser mit roten Laternen behängt, auf Neonschildern blinken Schriftzeichen wie Geheimcodes. Dort, wo er wohnt, in der Via Pistoiese, leben fast nur Chinesen, sie tragen blaue Blousons, haben eckige Bürstenhaarschnitte, an den Füßen Badeschlappen. Sie leiden nicht an Heimweh, sie haben sich China in die Fremde geholt, sie leben in einer der dynamischsten chinesischen Kolonien Europas.
Sie stehen Schlange vor Geldtransfer-Filialen, studieren Jobangebote, die über digitale Anzeigentafeln flimmern. Sie hocken in Supermärkten, zwischen Glücksbringern und tiefgefrorenen Entenzungen, rauchen unter "Rauchen verboten"-Schildern in Restaurants, die "Hong Kong" heißen, rotzen, spucken auf den Boden und schnippen ihre Zigaretten hinterher. In den Spielsalons und Internet-Cafés ist Nicht-Chinesen der Zutritt verwehrt, die Fenster sind mit dunkler Folie verklebt. An den Wänden hängen Weltzeituhren, China ist immer sieben Stunden voraus.
Abends, wenn die Sonne hinter dem Apennin versinkt, sind die Straßen menschenleer und die Fabrikhallen in den Hinterhöfen in Neonlicht getaucht. Dort, wo Anfang des 20. Jahrhunderts Italiener an
den Webstühlen saßen, für Arbeiterrechte und Gewerkschaften kämpften und den Ruf von Europas führender Textilstadt begründeten, sitzen nun Chinesen an Juki-Nähmaschinen, gerader Rücken, emsig und stumm, jede Nacht. Der Laoban, ihr Vorarbeiter, schiebt Wache, Lieferwagen karren Stoffballen heran und auf Spulen gerollte "Made in Italy"-Etiketten. Durch die Fenster dringen, ganz leise, chinesische Popschnulzen.
"San Pechino" nennen die Prateser das, was da seit fünf, sechs Jahren in ihrem ehemaligen Handwerkerviertel wuchert, Sankt Peking. Als die ersten Chinesen Anfang der neunziger Jahre mit Koffern voller Bargeld kamen und sich in Fabriken einmieteten, lachten die Italiener noch. Doch seit sich deren Zahl vervielfacht hat, seit ein Viertel der Textilunternehmen ihnen gehört und sie Mode "Made in Italy" fertigen, zu chinesischen Preisen, oft illegal, schreiben die Zeitungen über "die gelbe Invasion", über Billigkonkurrenz und chinesische Mafia. Und der Präsident der Handelskammer, selbst Textilunternehmer, sagt: "Wir haben sie unterschätzt. Was sie hier treiben, ist unlauterer Wettbewerb. Um sie zu kontrollieren, brauchte es ein Bataillon, eine Operation wie im Irak."
Die Leute in Prato haben jetzt Fragen, dringende Fragen, auf die sie keine Antworten wissen: Wer sind diese Chinesen? Und was ist deren Ziel?
Luigi, der Chinese, zeigt auf ein schlichtes Mietshaus, dort lebt er mit seiner Frau, einer Chinesin. Sie haben eine vierjährige Tochter, die sie in ein Flugzeug nach China gesetzt haben, zu den Großeltern, damit sie die Sprache lernt und die Kultur und damit ihre Eltern noch mehr arbeiten können. Luigi betritt eine Bar, an den Wänden Fototapeten mit der Skyline seiner Heimatstadt Wenzhou. Er erzählt hastig und nüchtern, wie er damals in sein Viertel kam. "Erfolg braucht Opfer", sagt er oft.
Sommer 1993, Luigi war 17, es war die Zeit, in der Europäer und Chinesen anfingen, in den Menschenkäfigen im südchinesischen Perlflussdelta zu produzieren. Luigi ging den umgekehrten Weg, er wollte frei sein, sein eigener Herr, ihn trieb der Wille zum Erfolg. Luigi kam als "clandestino", als Illegaler. Seine Eltern, ein Lehrer und eine Angestellte, brachten ihn auf ein Schiff in Shanghai. In Singapur wartete ein "Schlangenkopf", der Kontaktmann einer Menschenschmugglerorganisation. Sie waren zu zwölft, flogen nach Bukarest, im Bus durchquerten sie den vom Krieg zerstörten Balkan. In Belgrad wurden sie beschossen, in Zagreb verhaftet. Nach zwei Monaten erreichte Luigi Italien. Er watete durch einen Grenzfluss in Slowenien, allein, die anderen schafften es nicht. An der ersten Raststätte rief er einen seiner Onkel in Prato an, der brachte ihn in die Fabrik.
Zwei Jahre lang lebte Luigi wie ein Zwangsarbeiter, 18 Stunden täglich säumte er Hosenbeine, monatlich rund 500 Euro schwarz bekam er dafür, das Zehnfache eines Arbeiterlohns in China.
Als er 10 000 Euro an seine Familie überwiesen hatte, damit sie die Schlepper auszahlen konnte, begann sein neues Leben: Er hatte einen Fünfjahresplan geschrieben und eine Liste mit Landsleuten, die ihm Geld leihen würden. Er eröffnete einen Bügelservice für einen Textilunternehmer, der Italiener ist inzwischen längst pleite. 1996 machten ihn italienische Behörden zum "legalisierten Illegalen". Weil er einen Job hatte und eine Adresse, bekam er eine Aufenthaltsgenehmigung und durfte bleiben.
Heute gehört Luigi ein Im- und Exporthandel, er hat vier Angestellte, seine Kunden kommen aus Süd- und Osteuropa, seine Dumpingware, Jeans, falsche Ming-Vasen, Feuerzeuge, aus China. Wenn sein Geschäft weiter so gut läuft, will er bald eigene Mode produzieren. Wie seine Freunde in Prato zählt er zu den Übersee-Chinesen der neuen Generation. Sie sind eine Art transnationale Elite, leben von "guanxi", Beziehungen, und nach dem Gesetz, sich überall auf der Welt zu helfen und niemals zu hintergehen. Für sie ist Europa ein Schachbrett. Sie jetten hin und her, zu alten Bekannten nach Budapest, nach Griechenland und Spanien, Europäer sind in ihrem Leben nur noch Statisten. In China nennt man Selfmade-Unternehmer wie Luigi "xia hai", die ins offene Meer springen. Bis vor ein paar Jahren galten sie als Verräter, heute sind sie die Entwicklungshelfer Chinas, sie lassen Know-how zurückfließen und Geld, werden hofiert, sind Vorbilder.
Luigi zieht ein Geldbündel aus der Jeans, bezahlt zwei Espressi mit einem 100-EuroSchein.
Sein Handy klingelt, Kunden warten, er rast im neuen Audi davon. Chinesen wie Luigi sorgen für Neid in Prato. Das erste italienische Wort, das er aufschnappte, war "vaffanculo", hau ab, du Arsch!
Man könne in Prato viel lernen über Gewinner und Verlierer der Globalisierung, sagt Antonella Ceccagno, 48, eine Sinologin. Sie arbeitet im Einwanderungszentrum der Stadt. Ihr Job ist es, Zahlen zu liefern und zwischen den Welten zu vermitteln. Am Anfang, sagt sie, habe sie oft geweint, zu schrecklich fand sie die Geschichten der Chinesen, wenn sie von den Zuständen in den Fabriken erzählten oder von ihrem Gefühl der Fremdheit in einem Land, in dem sie nicht mal ihre Gasrechnung lesen konnten. Jetzt, nach zwölf Jahren, ist Ceccagno so etwas wie eine Kassandra, sie schreibt Bücher, ihr letztes heißt "China kommt", und sie warnt davor, dass in Prato eine Parallelwelt entstehe, weil sich deprimierte Unternehmer, sorglos uninteressierte Politiker und verschlossene Chinesen gegenüberstünden, "ein fataler Mix". Die Stadt könne von den Chinesen profitieren, sagt sie, aber noch herrsche Misstrauen und gegenseitiges Verbarrikadieren. "Die Schuld an der Krise wird den Chinesen in die Schuhe geschoben, dabei stehlen sie keine Arbeitsplätze, sie schaffen welche. Sie sind extrem dynamisch, und sie haben uns überrascht. Würden sie verschwinden, hätte Prato ein Problem."
In der Stadt prallen zwei Kulturen aufeinander: die chinesische, jung, dynamisch, bereit zum Risiko und zu maximaler Ausbeutung. Und die italienische, die sich davon schrecken lässt und fürchtet, das Prato bald außer Kontrolle gerate, wenn man die Chinesen und ihre Firmen nicht in die Legalität zwinge. Man kann hier auch den nächsten Schritt der Globalisierung besichtigen: Erst nahm China Europa die Arbeitsplätze, jetzt erobert es die Städte des alten Kontinents.
Die meisten Chinesen in Prato stammen aus Wenzhou, Provinz Zhejiang, 370 Kilometer südlich von Shanghai. Die Sieben-Millionen-Stadt liegt eingekesselt zwischen Bergen und Ostchinesischem Meer. Bis 1990 war sie wegen ihrer Nähe zu Taiwan vom Rest des Landes abgeschnitten, kein Bahnhof, kein Flughafen, die nächste Stadt lag zwei Tagesreisen entfernt. Schon in den achtziger Jahren, als Handel noch verpönt war, liehen sich die Wenzhouer Geld zu hohen Zinsen und schleusten ihre Leute ins Ausland. Sie hätten den Kapitalismus im Blut, heißt es, seien gerissene Kaufleute, keine Denker, sondern Macher, berüchtigt für ihre Clanwirtschaft und ihr Netzwerk aus weltweit 300 000 Übersee-Chinesen.
Ein paar Wenzhouer, die sich in Florenz als Strohhutflechter durchschlugen, hatten Familienangehörigen in China von Prato berichtet, einem Ort für Glückssucher, wo es all das gab, was sie brauchten: Fabriken, Immobilien, Stoffe, Maschinen und Auftraggeber, kleine Familienbetriebe, ideal zur Übernahme, weit genug weg von Peking und unkontrollierbar von der Partei.
Zunächst blieben sie unsichtbar in Prato. In Heimarbeit fertigten sie Wollstoffe und Lederwaren für italienische Subunternehmen, die wiederum Gucci und Versace und Co. belieferten. Sie waren Lückenbüßer, machten Jobs, die Italiener nicht mehr machen wollten, und sorgten dafür, dass "Made in Italy" im globalen Wettbewerb konkurrenzfähig blieb.
Dann kam die Krise, die Textilbranche lag danieder, Prato verlor 5000 Arbeitsplätze. Ein paar Italiener verlagerten ihre Produktion nach Osten oder Fernost, andere spezialisierten sich auf hochwertige Garne und Stoffe. Und immer mehr Chinesen folgten dem Ruf ihrer Verwandtschaft. Sie waren billiger als die Italiener und schneller als die Chinesen in China. Sie wurden zu Konkurrenten, unterwanderten die Zulieferbranche, übernahmen ihre Aufträge und Fabriken. Das war ihr erster Schachzug im Kampf um Unabhängigkeit.
Den zweiten führt nun die neue Generation aus, transnationale Erfolgschinesen wie Luigi und seine Freunde. Sie kaufen Färbereien, gründen Handelsunternehmen, vor allem aber fertigen sie jetzt eigene Mode in eigenen Firmen und bestimmen selbst die Preise ihrer Waren. Ihr entscheidender Vorteil: Sie produzieren zu chinesischen Preisen, und sie produzieren vor Ort, extrem flexibel, innerhalb einer Nacht, ohne dass Kunden wochenlang auf Container warten und Einfuhrzölle zahlen müssen. Und das Beste daran: Auf ihren Etiketten steht "Made in Italy", Synonym
für Stil und Qualität. "Mit dieser Erfindung haben sie das Industrieviertel auf den Kopf gestellt", sagt Antonella Ceccagno. "Früher war Prato eine Stoffstadt, heute ein billiger Fashion-Distrikt."
Die Erfindung der Chinesen nennt sich Pronto Moda. Sie ist erst zwei, drei Jahre alt, man kann sie bestaunen in den Gewerbegebieten, Plakattafeln entlang der Schnellstraße weisen den Weg. "Nuove Tendenze" heißen ihre Firmen, "New Europe" oder "Round the World". Rund 400 sind es bereits, angesiedelt in praktischen Hallen, gesichtslos wie Garagen, dicht an dicht.
Pronto Moda ist Mode von der Stange, billigster Machart, mit der die Chinesen wenige Tage nach den Schauen in Mailand und Paris den Markt fluten. Sie funktioniert ganz simpel: In ihren Büros hinter zugezogenen Jalousien hocken die neuen Bosse, sie fälschen nicht, sie imitieren die Trends. Neben ihnen sitzen italienische Modellzeichnerinnen, sie kosten mehr als Chinesen, dafür haben sie Geschmack und Erfahrung mit Mode. Sie blättern in Musterbüchern von Dolce & Gabbana, in "Collezioni", der Zeitschrift zu den Schauen, und klicken sich durch die Designerseiten im Internet. Ihre Bosse tippen auf die Fotos, so etwa wollen wir das oder so, sagen sie, ihr habt einen halben Tag Zeit, dann ab mit den Modellen zu den Lohnnähern in die Fabrik.
"Am Anfang habe ich mich geschämt", sagt eine Stilistin, Ende vierzig. "Aber die Chinesen kopieren halt gern. Erst uns, dann ihren Landsmann von gegenüber. Schauen Sie raus, es funktioniert." In den Verkaufsräumen herrscht Gedränge, der beißende Geruch von Textilfarbe zieht durch die Hallen. 80 Prozent der Kunden sind Grossisten aus europäischen Nachbarländern, sie raffen geblümte T-Shirts, Viskoseblusen, Paillettenjeans, zahlen cash und karren sie in Mercedes-Sprintern nach Deutschland, Polen, Frankreich. Dort landet die leicht verderbliche Ware in Billigkaufhäusern, auf Wühltischen und Wochenmärkten.
Seitdem ihre Stadt wieder gefragt ist, behaupten die Prateser, Pronto Moda sei eigentlich ihre Idee. Die Chinesen ruinieren, so glauben sie, den Ruf der Italiener mit schlecht gemachtem Italian Style. Das dürften sie nicht dulden, denn Sklaventum sei das Geheimnis und der Makel des chinesischen Erfolgs.
In einer kleinen Seitenstraße der Altstadt lebt Meng, ein blasses, schmales Mädchen mit offenem Haar, das ihr tief ins Gesicht hängt. Meng wirkt wie ein Kind, sie sagt, sie sei 22. Sie ist eine der Näherinnen, die für die Pronto-Moda-Bosse schuften.
Sie sitzt in der Küche eines italienischen Freundes, sie hat ein paar Stunden frei und zeichnet Bustiers und schulterfreie Abendrobe auf ein Blatt Papier. Sie wird diese Kleider niemals tragen können. Sie trägt eine weite Jacke, deren Ärmel sie nach jeder Bewegung herunterzieht. Am zierlichen Handgelenk baumelt ein Armband mit Glücksbringern, darunter verstecken sich hässliche Narben.
Auch Meng wuchs in Wenzhou auf, ihr Name bedeutet Traum. Weil die ältere Schwester bereits verheiratet war und die jüngere noch zur Schule ging, bestimmte die Mutter sie dazu, das Gold von Prato zu schürfen. Meng versteckte sich bei ihren Großeltern, aber es half nichts: Das Flugticket war schon bezahlt und der Schlepper angeheuert. Vor drei Jahren flog sie nach Rom, in Prato begann die übliche Tortur: 15, 16 Stunden in der Fabrik, zur Hochsaison auch mal 30. "Gold?", fragte Meng beim ersten Telefonat mit der Mutter, "hier gibt es kein Gold!" Im Sommer vergangenen Jahres, zwei Drittel der 15 000 Euro Schlepperschulden waren abbezahlt, passierte dann "diese dumme Sache".
Meng sagt, sie sei in der Fabrik ohnmächtig geworden und in eine Glastür gestolpert, das Glas splitterte und schlitzte ihren Körper auf, beide Arme, Stirn, Schläfen, Nase. Der Vorarbeiter wütete und ließ
sie in die Unfallklinik bringen, dort lag sie zwei Wochen. Ein Italiener fand sie danach auf einer Brücke in der Altstadt. Sie sagte, sie wolle sich herunterstürzen. Er nahm sie ein paar Tage auf und meldete sie zum Italienischkurs an. Kurz darauf erwischte man sie ohne Fahrkarte im Bus, und sie sollte ausgewiesen werden, sie tauchte unter. Seit vier Monaten arbeitet sie wieder, in einer anderen Fabrik, sie muss nicht mehr so viel nähen, darf Modelle zeichnen wie jetzt in der Küche des Italieners.
Nach dem Essen hockt sie im Flur vor einem Spiegel und schaut nicht hinein. Sie telefoniert mit ihrer Mutter wie jeden Sonntag, schwärmt vom klarblauen Himmel über der Toskana. Über ihr Leben als Arbeitssklavin klagt sie nie, ihre Familie würde es nicht verstehen. Sie hat Heimweh und wünscht sich eine Schönheitsoperation. Ihr fehlen noch 2000 Euro für die Schlepper von damals, ein Rückflugticket und die Erlaubnis der Mutter.
Der Italiener, der Meng rettete, arbeitet für die Stadt Prato. Er will seinen Namen nicht nennen, er sagt, er könne nicht mehr tun, als für Meng gelegentlich einen Teller Nudeln kochen. Meng teilt sich ein Etagenbett mit einer anderen Illegalen im Haus des Vorarbeiters, in einer unscheinbaren Straße jenseits der Mauer.
Das Rathaus von Prato liegt nicht weit von Chinatown, an der Chinesenstraße, wo Mädchen wie Meng täglich vorbeilaufen, in kichernden Gruppen, mit Plastiktüten behängt, von ihren Fabriken kommend, auf dem Weg in ihr Viertel. Marco Romagnoli, 56, Bürgermeister von Prato, empfängt unter Ölporträts berühmter Tuchhändler. Früher war er Kommunist, jetzt ist er Sozialist. Er erzählt von einem Spiel, das er als Kind immer spielte. Sein älterer Bruder stand vor der Mauer, er dahinter. Der Bruder rief: "Ich bin Prateser, du bist der Trottel vom Land." Heute funktioniere dieses Spiel nicht mehr, sagt Romagnoli, Lokalpatriotismus sei nicht länger angebracht. "Wir können uns den Luxus, die Chinesen zu ignorieren, nicht mehr leisten. Die Welt ist uns ins Haus gestolpert, wir müssen es mit ihr aufnehmen. Aber fragen Sie nicht zu welchem Preis!"
Die Stadt, sagt Romagnoli, bade die negativen Seiten ihres Wachstums aus. "Kein Zweifel, das alte Europa finanziert den Erfolg der Chinesen." Gewiss, Prato profitiere, ohne Chinesen wäre die Stadt ruiniert. Denn sie kaufen Häuser, Autos, auch Stoffe, sie schaffen neue Arbeitsplätze und füllen die alten. Und es sind vor allem Prateser, die sich an ihnen bereichern. Zu horrenden Preisen vermieten sie verrottete Fabrikhallen ohne Toiletten, Licht und Luft oder besorgen gefälschte Papiere. "Wirtschaftlich sind sie ein Segen", sagt Romagnoli, "für die Gemeinschaft aber eine Katastrophe". Sie leben in einer geschlossenen Gesellschaft, haben vier Zeitungen und TV-Programme, bis auf die neuen Unternehmer spricht kaum einer Italienisch. Die Stadt zahlt Übersetzer, Krankenhäuser, Schulen, sogar Chinesischkurse, damit sie ihre Kinder nicht nach China schicken, sondern auf eine italienische Schule. "Sie respektieren unsere Regeln nicht. Schließen wir eine Fabrik, melden sie sich unter neuem Namen an, oft zahlen sie keine Steuern und verschmutzen die Umwelt", sagt Romagnoli.
Vor ein paar Monaten traf der Bürgermeister den damaligen Oppositionsführer und heutigen Ministerpräsidenten Romano Prodi. Lasst euch etwas einfallen, sagte der, ihr braucht einen Visionär mit Lösungen für eure Misere. 15 Jahre lang habt ihr draufgezahlt, jetzt müsst ihr selbst Profit daraus schlagen. Lockt chinesische Touristen an, exportiert euer "Made in Italy" nach China, ihr müsst eine Mannschaft werden, spielt zusammen, nicht gegeneinander. "Noch suchen wir", sagt der Bürgermeister und lächelt müde.
Am Sonntagabend speist die neue Generation der Übersee-Chinesen im Restaurant "Borsalino", mittlerweile spezialisiert auf rohen Fisch. Luigi ist da, seine Unternehmerfreunde Marco, Gabriele und wie sie sich alle nennen. Sie sitzen um Drehtische, stechen mit Stäbchen in glibbrige Austern und Langusten, trinken eisgekühlten Barolo dazu und rufen "Gan bei", auf ex. Sie sind aufgekratzt und selbstbewusst, sie sagen, wir helfen Prato zu wachsen, und sie fragen, warum Europäer so faul seien und trotzdem so viel verdienen wollen.
Zwischen ihnen sitzt der chinesische Textilunternehmer Xu Qiu Lin, 39, eckiger Bürstenhaarschnitt, Buddha-Lächeln, ein wenig dicker als die anderen und nicht so laut. Die Italiener nennen ihn "Signore Giulini" und, nach dem Fiat-Präsidenten, "Montezemolo des Orients". Die Handelskammer hat ihn als einzigen Chinesen aufgenommen, und für den Bürgermeister ist er ein Vorzeigechinese, weil er legal arbeiten lässt, Steuern zahlt und seine Mitarbeiter, 10 Italiener und 15 Chinesen, um 19 Uhr in den Feierabend schickt.
Xu Qiu Lins Fabrik liegt zwischen Chinatown und der Stadt, es ist sehr ordentlich dort und hell, blonde Italienerinnen mit tiefen Dekolletés reichen Espresso, an den Wänden hängen Fotos von chinesischen Politikern, man schüttelt Hände unter Spruchbändern auf denen "Vorwärts" steht. Xu Qiu Lin kam vor 16 Jahren nach Prato, schnitt Leder zu für Benetton, heute setzt er auf Qualität. Er hat erkannt, dass Billigware auf Dauer keine Zukunft hat. Zu stark ist der Konkurrenzdruck, seit die Handelsschranken für Textileinfuhren aufgeweicht sind und China den Markt überflutet. Er macht hochwertige Leder- und Daunenjacken "Made in Italy". Der Preis stimmt, das Image auch: Der Chinese in Italien wirbt mit dem Konterfei eines Einwandererkollegen aus Argentinien: Gabriel Batistuta, ehemaliger Stürmerstar im Fußballclub Fiorentina.
Xu Qiu Lin wird Erfolg haben, schon jetzt macht er 15 Millionen Euro Umsatz im Jahr. Er steht im Büro und schaut zum Fenster hinaus. Unten im Hof parkt sein schwarzer Porsche Cayenne, blankpoliert, innen helles Leder. Ein paar Häuser weiter hat jemand "Weg mit den Chinesen" an eine Wand gesprüht. Xu Qiu Lin lächelt sein Buddha-Lächeln.
Er ist schon wieder einen Schritt weiter: In Shanghai hat er kürzlich eine Fabrik eröffnet, in der 300 Arbeiter produzieren, unter dortigen Bedingungen. Vielleicht ist das die übernächste Stufe der Globalisierung, die sich im Büro von Xu Qiu Lin, den die Italiener Signore Giulini nennen, erahnen lässt: dass nun die Chinesen, die Europa unterwandert haben, billig in China produzieren lassen.
Von Ehlers, Fiona

DER SPIEGEL 36/2006
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