04.09.2006

FITNESSBauch, Beine, Tod

Sie treiben jeden Tag mehr als drei Stunden Sport und zählen penibel alle Kalorien, die sie zu sich nehmen. Diese Menschen kämpfen nicht um Rekorde, sondern gegen den eigenen Körper. Mediziner haben einen Namen für die Sucht: Sportbulimie.
Nichts rundet sich an ihrem Körper, überall nur Ecken und Kanten, über die sich blasse Haut spannt. Sie sieht aus, als könnte sie kein Streichholz stemmen, die Augen liegen tief in den Höhlen. Als Susanne eingeliefert wurde in die Klinik, war sie fast ein Nichts.
Ihre langen schwarzen Locken hat sie mit einem Scheitel gebändigt, sie könnte hübsch sein. Aufrecht und gerade ist ihre Statur, sie trägt schwarze Reebok-Turnschuhe und Jeans, einen silbernen Ring an ihrer rechten Hand und eine Uhr mit einem Armband aus Metall. Alles an ihr schlackert, als würde es gleich runterfallen.
In Westfalen hat sie als Sozialpädagogin in einer Behindertenwerkstatt gearbeitet, jetzt ist sie krankgeschrieben und lebt für ein paar Wochen in einer Klinik für psychosomatische Störungen in Bad Bramstedt bei Hamburg, Zimmer 841, Station 12, auf dem Flur für Essgestörte und Depressive. Sie redet schnell und atemlos wie jemand, der etwas loswerden muss. Susanne, 34 Jahre alt, 50,4 Kilogramm schwer und 1,74 Meter groß.
Wenn sie abends nach der Arbeit nach Hause kam, begann ihr richtiges Leben. Ihr Abendbrot aß sie auf dem Rad-Ergometer, sie las die Zeitungen auf dem Rad, sie lernte auf dem Rad, sie schrieb Briefe auf dem Rad. "Beim Schriftkram musste ich aufpassen, dass kein Schweiß aufs Papier tropft", sagt sie. "Es war mir wichtig, dass die Papiere ordentlich aussehen."
Wenn sie nicht Rad fuhr, spielte sie Squash oder sprang Seil oder ging auf den Stepper oder joggte oder machte Liegestütze. Täglich vier Stunden, an Wochenenden mehr, am Ende manchmal sogar acht Stunden lang. "Zum Schluss habe ich Sport gehasst", sagt Susanne. "Aber der Sport war das Einzige, was mich aufrechterhalten hat und mir einen Inhalt gab. Alles andere habe ich verloren." Sie hat trainiert, als säße ihr der Teufel im Nacken.
Seit dem 3. Juli ist sie in Bad Bramstedt. Rund 450 Patienten mit Magersucht sind dort im vergangenen Jahr behandelt worden, etwa jeder fünfte hat vor der Einweisung täglich mehr als drei Stunden trainiert. Sportbulimie heißt diese Krankheit, sie scheint sich zu verbreiten wie ein fremdes Virus. Rund 800 000 Sportsüchtige gibt es in Deutschland, die meisten von ihnen
sind Frauen, nur die wenigsten lassen sich behandeln. Sie führen ein Leben in der Masse der Marathonläufe, in der Anonymität der Fitness-Center oder in der Einsamkeit ihres Wohnzimmers auf dem Ergometer. Die Grenze ist schmal zwischen Training und Sucht.
Susanne hat sie überschritten, ohne es zu merken. Sie ist aufgewachsen in einem kleinen Dorf. Als Jugendliche hat sie viel Fußball gespielt, sie ritt und war eine talentierte Leichtathletin. Laufen, springen, werfen, sie konnte alles, die Lehrer rieten ihr, einem Verein beizutreten, aber den gab es nicht in ihrem Dorf. Susanne hat immer noch den Satz ihrer Mutter im Kopf, den sie nach einem Festmahl zu sagen pflegte: "Jetzt müssen wir eine Menge tun, damit wir das wieder wegbekommen."
Ihre Fitness-Karriere begann nach der Umschulung zur Sozialpädagogin. Einmal in der Woche joggen, nicht länger als eine Dreiviertelstunde. Alle fangen so an. Sie geht in ein Sportstudio. Keine fahl beleuchtete Mucki-Bude, sondern ein modernes, großzügiges Fitness-Center mit zwei großen Sälen für Gruppenkurse, Badmintonplätzen, einem extra Kraftraum nur für Frauen, Sauna und allem, was man sonst noch braucht, um den Körper zu modellieren. Jeden Dienstag und Donnerstag ab 19 Uhr absolviert sie zwei Kurse hintereinander: erst "Step Aerobic", dann "Bauch, Beine, Po". Das Studio heißt "top fit".
Anfang 2001 wiegt sie 65 Kilogramm. Ihr Body-Mass-Index beträgt zu diesem Zeitpunkt 21,47. Der Index zeigt an, ob jemand untergewichtig ist oder zu viel wiegt, er wird berechnet nach der Formel: Gewicht in Kilogramm dividiert durch Größe in Metern zum Quadrat. Ein Wert zwischen 19 und 25, das ist normal.
Susanne ist damals kerngesund. Noch besitzt sie die Kontrolle über Umfang und Ausmaß des Trainings. Noch beherrscht sie den Sport. Und nicht der Sport sie.
Auf der Hochzeit ihres Bruders lernt sie Martin kennen, einen Polizisten im Schichtdienst, ein starker und selbstbewusster Mann. Sie spielen oft Squash, entspannen im Türkei-Urlaub, suchen sich eine gemeinsame Wohnung. "Ich habe ein Leben geführt, wie ich es mir immer vorgestellt habe", sagt Susanne.
Sie ist das fünfte Kind ihrer Eltern, ein Unfall, kein Wunschkind, sie hat sich in ihrer Jugend oft als Randfigur gefühlt. Bald schon beginnt sie zu zweifeln und sucht nach Gründen für Martins Liebe. Am Ende glaubt sie, es sei der Sport, ihr gemeinsames Hobby, sie hat Angst zuzunehmen, er könnte sie sonst verlassen. "Ich wollte seinen Anforderungen genügen", sagt Susanne. Dabei hat er nie welche gestellt.
Sie beschließt, ein gesünderes Leben zu führen.
Von nun an gestattet sie ihrem Körper nur noch das, was er unbedingt braucht. Sie verzichtet auf Fett. Aufs Brötchen kommt Putenbrust, Hähnchen in Aspik oder Marmelade mit Süßstoff. Sie trinkt keinen Saft mehr, nur noch entrahmte Milch, Wasser und Cola light. In der Kantine kratzt sie die Panade vom Schnitzel.
Gleichzeitig erhöht sie ihre Dosis Sport. Susanne geht nun öfter ins Fitness-Studio, auch zum Spinning und Krafttraining. Sie wird im "top fit" das, was die Wissenschaft einen "permanent resident" nennt, einen ständigen Bewohner. Jedes Mal, wenn sie das Gefühl in sich spürt, dick zu werden, kämpft sie es mit einer Stunde Sport nieder. Wenn sie unterm Solarium liegt, spannt sie die Bauchmuskeln an und den Po, streckt die Beine und federt sie auf und ab. Wenn Martin morgens noch unter der Dusche steht, macht sie schon Sit-ups.
Sie kauft sich ein Rad-Ergometer, im Sonderangebot. Sie schafft sich Walking-Stöcke an, Vier-Kilo-Hanteln, einen kleinen Stepper. Sie hat Inline-Skates, ein Springseil und ein Mountainbike. Sie nimmt ab, ihr Gewicht fällt auf 60 Kilo, auf 55. Ihr Body-Mass-Index beträgt jetzt nur noch 18,17.
Mit einem Wert von 17,5 kann man Karriere als Model machen, er ist auch ein Kriterium für Magersucht.
Bei einem Urlaub in einem Club-Hotel auf Zypern bekommt sie Komplimente für ihre sportliche Figur, sie sehe aus "wie eine Leichtathletin". Sie wertet das als Aufforderung, noch mehr zu trainieren. Jeden Tag zieht sie im Pool ihre Bahnen. Erst 30, am nächsten Morgen 35, dann 45, 55, 60. "Ich hatte das Bedürfnis, immer mehr zu machen. Wenn ich keinen Sport getrieben habe, war ich unruhig", sagt sie, "wie ein Tiger im Käfig, der von links nach rechts pendelt, weil er nur raus will."
Sie hat immer weniger Zeit für Martin, sie streiten sich. "Irgendwann war mir der Sport wichtiger als er", sagt sie.
Wenn Freunde mit ihr ins Kino gehen wollen, erfindet sie Ausreden. Wenn Martin von der Schicht kommt, lügt sie ihn an, sie habe heute noch nicht trainiert. Dann
setzt sie sich auf das Ergometer, während er auf dem Sofa liegt und eine DVD guckt. Süchtige demolieren ihr Privatleben, sie isolieren sich, sie verheimlichen ihr Problem, der Sport wird ihr Lebensinhalt. Susanne verzichtet auf das Fitness-Studio, weil sie "flexibel Sport treiben will, ich wollte nicht auf Kurse angewiesen sein".
Die Beziehung zu Martin geht bald in die Brüche.
Susanne tut nur das, was sie zerstört, und nichts, was ihr guttut. Sie steht nachts um vier auf und fährt stundenlang auf dem Ergometer. Mit Pulsuhr, damit ihre Belastung konstant bei 125 Schlägen pro Minute bleibt, der Bereich, in dem ihre Fettverbrennung optimal ist. Den Blick auf die Digitalanzeige am Lenker, die ihr verrät, wie viele Kalorien sie geschmolzen hat. Doch das Fett in ihrem Körper ist längst verbrannt, die Energie holt er sich aus der Muskelmasse. Sie nimmt immer mehr ab.
Im Büro macht sie freiwillig Botengänge, obwohl es dafür Personal gibt, sie rennt durchs Treppenhaus, nimmt Umwege, sie muss in Bewegung sein, immer in Bewegung, sonst kommen die Kopfschmerzen.
Es fällt ihr schwer, zwischen satt und hungrig zu unterscheiden. Manchmal schreit der Körper so laut nach Brennstoff, dass sie sich nicht dagegen wehren kann. Dann verschlingt sie ein Nutella-Brot und setzt sich anschließend mit schlechtem Gewissen aufs Rad.
Halbherzig versucht sie, ihre Sportsucht zu bekämpfen. Einmal steckt sie sich den Finger in den Hals, es funktioniert nicht.
Dann bleibt ihre Menstruation aus. Magersucht zerrüttet den Hormonhaushalt, die Immunwerte können auf das Niveau eines Aids-Kranken sinken. 15 Prozent aller Magersüchtigen sterben an ihrer Krankheit, Heroinsüchtige haben eine höhere Überlebenschance.
Nachmittags im Job bekommt sie Entzugserscheinungen, sie beginnt zu zittern, ihre Knochen werden immer schwerer, ihr Magen krampft. Erst zu Hause auf dem Ergometer findet sie zurück in ihr eigenes Universum, in dem es keine Schmerzen mehr gibt, keine Müdigkeit und keine Nervosität. Nach einer Stunde auf dem Rad fühlt sie sich, als hätte man ihr einen Schuss Glück injiziert. Das ist das Endorphin, das ihr Körper ausschüttet, und dann ist da auch noch die Monotonie der Bewegung, die sie in die Selbstvergessenheit treibt. "Der Sport hat meinen Kopf sortiert", sagt Susanne.
Ihre ältere Schwester Katja ist es, die sie 2004 überredet, zum Arzt zu gehen. Katja hat Angst, dass Susanne magersüchtig ist. Sie sei still geworden, verschlossen, starr.
Susanne ist stark untergewichtig, 46,9 Kilo, Body-Mass-Index 15,49. Widerwillig entscheidet sie sich für eine ambulante Therapie. Susanne geht zwei Jahre lang einmal die Woche zum Arzt. Er rät ihr, mehr zu essen und weniger Sport zu treiben.
Sie nimmt sich vor, täglich 2500 Kilokalorien zu konsumieren, notiert sich genau, was sie gegessen und wie viel sie sich bewegt hat, sie hat ihre Aufzeichnungen mit nach Bad Bramstedt gebracht.
Auf dem Zettel vom 21. Mai dieses Jahres hat sie, wie auf einer Abrechnung mit sich selbst, die Statistik des Tages festgehalten. 11.15 Uhr: Brötchen, 700 Kalorien. Mittagessen: Toasties, 700 Kalorien. Zwischenmahlzeit: Optiwell Kirsch, Quark, Dörrobst/Kleie, 180 Kalorien, daneben hat sie das Wort "Hunger" eingekreist und dazu ein Fragezeichen gesetzt. Abendbrot: Brötchen, 700 Kalorien. Später dann 250 Milliliter Gemüsesaft, 32,5 Kalorien. Milchreis, 186 Kalorien. Ein Glas Milch, 64 Kalorien. Unter diese Liste hat sie einen Strich gezogen, darunter steht: 2562,5 Kalorien, ihr Tagesverbrauch.
Sie macht auch die Gegenrechnung: drei Stunden Rad, 30 Minuten Gymnastik, drei Stunden Bruno. Bruno ist ihr Hund, viermal hat sie ihn ausgeführt an diesem Tag. "Es ist eher ein Spazierenrennen", sagt sie.
Unten auf dem Zettel kommentiert sie in kurzen Sätzen ihre Tagesleistung: "Hatte keine Lust auf Rad = unberechtigt, leicht schlechtes Gewissen".
Leistung, Gegenleistung, Einnahmen, Ausgaben, es ist ein Geschäft mit ihrem Körper, das sie betreibt, das nur rote Zahlen produziert. Am Ende ist sie eine Gefangene ihres selbsterschaffenen Systems. Sie beschließt, sich einweisen zu lassen.
"In Bad Bramstedt hatte ich sofort das Gefühl: Hier darfst du faul sein, hier darfst du mal mehr essen. Hier darfst du zur Ruhe kommen. Ich wusste ja gar nicht, was ich machen soll, damit es mir bessergeht."
Sie hat ihre Inline-Skates und die Walking-Stöcke mitgebracht, benutzt sie aber nicht. "Ich habe keinen Sport gemacht, und es ging mir gut damit. Ich weiß nicht, warum, aber zu Hause hätte ich es nicht einen Tag geschafft."
Obwohl sie keinen Sport treibt, nimmt Susanne ab. Deswegen kommt sie ins sogenannte Phasenprogramm: Die Kilos, die ihr zum Normalgewicht fehlen, werden durch drei geteilt, und bis sie das erste Drittel zugelegt hat, darf sie die Station nur zur Therapie verlassen. "Ich hatte absolute Panik", sagt sie. "Ich kam mir vor wie ein Vogel, der es gewohnt war, frei zu fliegen, und nun in einen Käfig muss. Und dann soll man womöglich noch singen. Wie soll das gehen?"
Susanne sucht sich eine neue Obsession. Zwischen Einzel- und Gruppengesprächen, progressiver Muskelentspannung und Kochkursen in der Lehrküche malt sie im Atelier der Klinik, Pastellkreide auf Strukturpapier. Nach wie vor leidet sie am Entzug, fühlt sich nervös, kribbelig und schwitzt.
Auf dem Zimmer macht sie Liegestütze. Sie versucht, das richtige Maß zu finden, im Radio hört sie den Sommerhit "Sommer unseres Lebens", jedes Mal tanzt sie vorm Spiegel. Sie hat herausgefunden, dass der Sport eine Flucht war vor ihrem ganzen Leben. "Es war eine Flucht vor meinem Glück, das ich meiner Meinung nach nicht verdient hatte. Ich war es nicht wert, dass es mir gutgeht."
Sieben Wochen bleibt Susanne in der Klinik. Zehn Kilogramm fehlen ihr noch zum Normalgewicht, Body-Mass-Index 17,54. Detlev Nutzinger, der ärztliche Direktor der Klinik, sagt, Susanne habe sich "ihr Störungsmodell" erarbeitet. Nutzinger ist ein fürsorglicher Mann ohne übertriebene Sanftheit. Er meint, sie wisse nun, wie sie sich selbst helfen kann. "Es hapert nur noch mit der Umsetzung."
Seit zwei Wochen lebt Susanne jetzt wieder in Westfalen, vor ein paar Tagen hat sie das erste Mal wieder gearbeitet. "Es läuft so lala", sagt sie.
Ihr Bewegungsdrang ist immer noch groß, die Hanteln, das Ergometer und den Stepper hat sie behalten. Sie wackelt, ein Leben ohne Sport will sie nicht führen. "Es ist ja nichts Schlimmes an Sport." Sie hat sich auch ein neues Fitness-Studio gesucht, will jetzt Yoga machen, aber die Leute dort wollten ihr gleich ein Trainingsprogramm zusammenstellen.
Zweimal hat sie schon gesündigt, eine Stunde Walking, eine Stunde Ergometer.
Sie hat gehofft, dass ein Klinikaufenthalt reicht, um sie zu heilen. Sie überlegt, sich auf die Warteliste der Klinik Roseneck setzen zu lassen, in Prien am Chiemsee. Absagen kann sie immer noch.
MAIK GROßEKATHÖFER
Von Großekathöfer, Maik

DER SPIEGEL 36/2006
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