04.09.2006

LITERATURTod und Seelennot

In ihrer wilden Jahrhundertsaga „Lipshitz“ reist die US-Autorin T Cooper aus Europas Judenghettos in Charles Lindberghs Amerika und das New York von heute. Von Wolfgang Höbel
Es gibt ein paar gute Gründe, die Schriftstellerin T Cooper zum Fürchten zu finden. Da ist zum Beispiel dieses Foto, auf dem sie mit einem fies hechelnden Monsterhund posiert, wobei nicht ganz klar zu entscheiden ist, wer von beiden gefährlicher dreinschaut. Auf einem anderen Bild brettert sie im Sattel eines extrafetten Trikes, einer Art Motorrad mit drei Rädern, über eine Schlammpiste, als wollte sie den Rockern der "Hell's Angels" Konkurrenz machen.
In ihren Büchern erzählt Cooper davon, wie es ist, eine ungeheure Wut zu spüren und Menschen, wenn sie lieb und nett sind, gerade für diese Nettigkeit zu hassen wie die Pest; wie es sich anfühlt, als Frau wie ein Kerl zu empfinden und ausschließlich auf Frauen abzufahren; wie es so zugeht, wenn man sich den amerikanischen Rapper Eminem als Idol und geistigen Bruder auserkoren hat und deshalb spießige Omas einfach so anschnauzt mit Sätzen wie: "Lecken Sie uns an unseren nackten weißen Ärschen!"
Insofern ist es überraschend, dass die Autorin T Cooper, 33, in Wirklichkeit eine sehr höfliche, fast schüchterne Frau ist, die auf den Holzplanken ihres Hinterhofgartens im New
Yorker East Village ihre Teetasse umklammert und die Vorzüge von Sojamilch gegenüber gewöhnlicher Kuhmilch preist. Es steht kein Motorrad vor der Tür. Der Hund, den sie sich hält, ist keine Kampfmaschine, sondern eine kleinwüchsige Promenadenmischung (er heißt Murray). Und T Cooper spricht nett über fast alle Menschen - sogar den Großschriftsteller Philip Roth, der ihr ums Haar ihren neuen Roman ruiniert hätte, nennt sie "einen wunderbaren Erzähler".
Die auf Fotos und in manchen ihrer Texte so wilde Autorin T Cooper erzählt in diesem Roman mit dem Titel "Lipshitz" eine fast altmodische jüdische Familiensaga, jedenfalls über weite Strecken des Buchs*. Es geht um eine Frau namens Esther Lipshitz und ihre Familie, die im damals noch vom Zaren regierten Russland schreckliche Pogrome miterlebt und im Jahr 1907 auswandert in die Vereinigten Staaten von Amerika. Bei der Ankunft im Hafen von New York, auf Ellis Island, geht jedoch der jüngste Sohn dieser Frau verloren: "ein kleines blondes Kind in einer langen Wolljacke, auf deren linkem Ellenbogen ein doppelt aufgenähter Flicken sitzt".
Dieses Kind Ruben, damals fünf Jahre alt, wird für immer verschwunden bleiben. Esther aber wird zwei Jahrzehnte später, längst heimisch geworden in den USA, plötzlich dem Glauben verfallen, Ruben wiederentdeckt zu haben: in der Heldengestalt des Ozeanfliegers Charles Lindbergh, dem nach seiner Atlantiküberquerung die ganze Welt zujubelt. "Ich bin sicher, die Verwechslung wird richtiggestellt, sobald das Lindbergh-Fieber abflaut", frohlockt Esther.
Genau dieser Lindbergh, ein Idol, eine Art Popstar aus einer Zeit, in der es das Wort Popstar noch nicht gab, spielt auch eine ziemlich zentrale Rolle in dem Buch "Verschwörung gegen Amerika" von Philip Roth. Es erschien in den USA im Herbst 2004, etwas über ein Jahr vor T Coopers Roman, "und als ich erfuhr, worum es in diesem Buch geht, dachte ich im ersten Moment, ich kann mein Manuskript wegwerfen", sagt die Autorin.
Roths Roman spinnt wie Coopers Buch bunte Erzählfäden aus einem historisch verbürgten Stoff: Der amerikanische Nationalheld Charles Lindbergh, für seinen Flug nach Paris 1927 als tollkühner Pilot gefeiert und wegen der Entführung und Ermordung seines 20 Monate alten Sohns im Jahr 1932 tragisch umflort, verfocht in den späten dreißiger und frühen vierziger Jahren extrem Deutschland- und Hitlerfreundliche Ansichten, plädierte für eine strikte Nichteinmischungspolitik der USA im Zweiten Weltkrieg und redete allerhand judenfeindliches Zeug. Roth stellt sich vor, der Mann wäre mit diesen Ansichten amerikanischer Präsident geworden - und er fragt: Wie hätte ein quasi faschistisches Amerika ausgesehen?
Auch T Cooper bietet historisch interessierten Lesern reiches Anschauungsmaterial zur Entführung des Lindbergh-Babys und zu Lindberghs Auftritten als rechtsgewirkter Volksredner, indem sie alte Zeitungsausschnitte in ihrem Buch abdruckt - und doch ist das, was sie am Fall Lindbergh interessiert, eine viel privatere Frage. Was ist es, was den Ozeanflieger so verführerisch und sexy machte für die Massen? "Er war nicht sehr smart, sondern eine Art Papagei, der wiederholte,
was er hörte", behauptet Cooper, "und zugleich verkörperte er eine merkwürdige Art Unschuld und Reinheit. So wurde dieser unglaublich gutaussehende Kerl eine perfekte Leinwand für fast jede Art von Projektion."
Für die Schriftstellerin T Cooper war die Ikone Lindbergh die Figur, mit deren Hilfe sie Erzählungen aus ihrer eigenen Familie verarbeiten konnte. "Ich war sieben oder acht, als ich zum ersten Mal von dem Jungen hörte, der bei der Ankunft in Amerika verlorenging", sagt sie. "Vielleicht wurde er von einem Bananenverkäufer, der auf der Mole stand, angelockt. Und dann hat er nicht mehr zu seinen Eltern, meinen Urgroßeltern, zurückgefunden. Vielleicht ist er auf dem Weg vom Schiff an Land ins Wasser gefallen. Es wurde immer nur in Andeutungen darüber geredet in der Familie."
T Cooper hat riesengroße Pupillen, die so unbewegt und schwarz schillern wie Ölteiche, sie trägt ihr braunes Haar kurzgeschoren. Den Bewegungen ihres schmalen, durchtrainierten Körpers sieht man an, dass sie vier Jahre lang das Rugby-Team ihres College angeführt hat.
Es ist eine packende, rührende, virtuos erzählte Familienstory, die Cooper in "Lipshitz" lebendig macht. Sie handelt vom zähen Überlebenswillen des Clan-Oberhaupts Esther, die ihren Mann Hersch überhaupt nicht liebt und auch ihre Kinder nicht allzu sehr, dafür ihren Bruder Avi umso mehr.
Sie beschreibt den Hass und die Menschenschlächterei auf den staubigen Straßen von Kischinjow in der Ukraine und den vergleichsweise harmlosen Antisemitismus im Amerika des frühen 20. Jahrhunderts, wo Juden besser nicht ins Schwimmbad gehen, wenn sie nicht verprügelt werden wollen.
Und "Lipshitz" handelt von Esthers anderem Sohn Ben, der sich zu Männern hingezogen fühlt, aber seine Sexualität nur ein einziges Mal wirklich ausleben kann, als er während der New Yorker Konfetti-Parade zu Ehren des Fliegers Lindbergh mit einem aus Boston angereisten Studenten in ein Hotelzimmer geht. Auch für Ben gibt es ein historisches Vorbild: "Mein Großonkel Sam, der als Junggeselle alt wurde und immer allein blieb", sagt die Autorin.
Doch dass ihr das ziemlich waghalsige Erzählkunststück gelungen ist, all diese Vorbilder und losen Erinnerungen mit der Legende des Fliegers Lindbergh zu verknüpfen, fand T Cooper irgendwie ungenügend. "Mir ging es darum, einen Bogen zur Gegenwart zu schlagen und die Frage zu stellen: Warum erzähle ich all dieses alte Zeug? Warum ist das heute von Belang?"
Deshalb bricht "Lipshitz" im Jahr 1942 mit dem Tod der alten Esther ab - und plötzlich wird der Leser in die New Yorker Schwulen- und Lesbenszene der Gegenwart gebeamt, wo eine sehr wütende und auch ziemlich komische Hauptfigur namens T Cooper durch die Straßen tigert.
Sie verdient ihr Geld als Imitatorin des Rappers Eminem, hat ihre Bürstenhaare blond gefärbt, flucht auf Gott und die Welt und die Terroristen des 11. September und kracht vor lauter unbändigem Zorn eines Nachts in die Windschutzscheibe eines Autos, weshalb sie im Krankenhaus landet. "Ich bin, genetisch gesehen, der letzte lebende Lipshitz", behauptet diese Frau, die lieber ein Mann wäre.
Die reale T Cooper, aufgewachsen im kalifornischen Malibu als Kind kunstsinniger Eltern (der Vater schrieb ein paar Hits für Bands wie die Osmonds), hat ihren Vornamen Teresa noch als Teenager zu einem T verkürzt. Sie lebt wie ihre Romanheldin im East Village mit einer sehr schönen Frau zusammen. Und sie verehrt Eminem. Öffentlich aufgetreten aber ist sie nicht als Rapperin, sondern als Mitglied einer weiblichen Boygroup, deren Mitglieder sich Schnurrbärte aufmalten, zu Liedern der Backstreet Boys tanzten und die Lippen bewegten. Backdoor Boys nannte sich das Quartett; die Produzenten der TV-Serie "Sex and the City" sahen sich zwei Konzerte an, verschafften der Band dann aber doch nicht den erhofften Auftritt. T Cooper jedenfalls trat in der Frauencombo unter dem Kampfnamen T-Rok auf.
Tatsächlich ist "Lipshitz" ein Buch, das rockt. Wie in einem guten Rock'n'Roll-Song gibt es elegische Passagen und harte Brüche; es wird erzählt von Sex und Tod und Seelennot; und wie in einem guten Rocksong passt alles irgendwie mit allem zusammen. So spiegelt sich die Story des verlorenen Sohnes Ruben in der des ermordeten Lindbergh-Babys und im Kinderwunsch ihrer Partnerin, der die T-Cooper-Figur im Buch zur Raserei treibt; und natürlich ist der bleichgesichtige, notorisch provokante HipHop-Star Eminem ein Wiedergänger des blonden und gleichfalls umstrittenen Überfliegers Lindbergh. "Beide haben diese Ausstrahlung, die dafür sorgt, dass Menschen in Ohnmacht fallen und sich auf der Stelle in sie verlieben", sagt T Cooper.
Coopers Roman ist eine Gewalttour auf Biegen und Brechen, meistens mitreißend und furios, manchmal chaotisch. Sie habe kein postmodernes Buch schreiben wollen, sondern "ein postnukleares", behauptet Cooper. Heißt das, dass unsere Welt ein einziger großer Kriegsschauplatz ist? "Ich wurde so erzogen, als wären die Nazis im Anmarsch auf El Paso", heißt es im Buch. "Meine Mutter hat das immer gesagt. Und ihre Großmutter Esther hat dasselbe zu ihr gesagt, nur waren es bei ihr die Kosaken."
Auf der Terrasse ihrer East-Village-Wohnung gießt T Cooper noch etwas Tee nach und runzelt die Stirn. Letztlich sei in ihrem Roman weder Wut noch Verlust noch Trauer das zentrale Thema, sagt sie, sondern die Furcht. "Und genau das macht ,Lipshitz' zu einem politischen Buch."
* T Cooper: "Lipshitz". Aus dem Amerikanischen von Brigitte Jakobeit. Marebuchverlag, Hamburg; 492 Seiten; 24,90 Euro.
Von Wolfgang Höbel

DER SPIEGEL 36/2006
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