11.09.2006

FUSSBALL

Kommunismus mit Geld

Von Brinkbäumer, Klaus und Hüetlin, Thomas

Die Spieler des FC Chelsea bilden das höchstbezahlte Kollektiv im Weltfußball. Doch die wahren Superstars des Clubs sind Trainer José Mourinho und Besitzer Roman Abramowitsch, die mit viel Geld und ohne Rücksicht den Erfolg erzwingen wollen. Ob Michael Ballack da helfen kann?

Andrej Schewtschenko steht am Steuer einer weißen Motoryacht und fährt stadteinwärts, vorbei an der Battersea Power Station, jenem düsteren Industriedenkmal, das berühmt wurde, weil die Band Pink Floyd es einst auf einem Plattencover zum Symbol für den Untergang des Kapitalismus erklärte.

Es ist ein trüber Tag, die schlammgrüne Lederjacke des berühmten Mittelstürmers verschmilzt mit der Farbe der Themse und den feinen Tropfen in der Luft. Für einen Augenblick wirkt Schewtschenko nachdenklich, so, als sei es ein Fehler gewesen, auf seine Frau zu hören.

Er geht an Land. Er soll der britischen Presse erklären, warum er den blauen Himmel über Mailand aufgegeben hat, um seinen Beruf auszuüben in einem Land, in dem der Rasen meistens nass ist und ein Spieler erst liegen bleiben darf, wenn er tatsächlich nicht mehr aufstehen kann.

Seine braunen Augen strahlen Selbstbewusstsein aus. Natürlich sind da die 130 000 Pfund, die Schewtschenko in London pro Woche verdient, aber eine ähnliche Summe hätte er auch schon vor drei Jahren bekommen können, als ihn Roman Abramowitsch das erste Mal umgarnte. Der wahre Grund, das wird im Laufe der Pressekonferenz klar, heißt Kristin Pazik. Kristin Pazik ist Model und Amerikanerin, und als

Abramowitschs Frau ihr erzählte, dass Shopping und Society in London ein paar Etagen über dem Mailänder Level angesiedelt seien, gab ihr Ehemann nach. "Wir werden uns hier niederlassen", sagte Schewtschenko mit der Nachsicht eines Mannes, der es gewohnt ist, sich nur um die großen Dinge zu kümmern.

Der größte Teil seines Terminkalenders gehört nun ohnehin dem FC Chelsea. Die kleine Bootsfahrt in die Öffentlichkeit verdankt er seinem neuen Schuhfabrikanten, der Firma Reebok. Als Adidas eine ähnliche Veranstaltung mit Neuzugang Michael Ballack plante, aber auf dem Gelände von Chelsea, wurde sie vom Club verboten. Die Macht dort haben andere.

Die Übernahme durch den russischen Oligarchen hat Chelsea zum reichsten Club der Welt gemacht, und spätestens seit der Ankunft des Trainers José Mourinho vor zwei Jahren gleicht der Verein einer Festung, in der ein Orden besessen eine Mission verfolgt. Das Ziel ist die Herrschaft über die Fußballwelt.

Geld ist genug da, um diesen Plan umzusetzen. Aber mit Geld und Fußball ist es so eine Sache: Mal verabreden sich Stars wie David Beckham per SMS zum Rendezvous mit der Geliebten. Oder lagern, wie Oliver Kahn, bis zum Morgengrauen in Discotheken. Oder interessieren sich, wie Ronaldo, nur noch fürs Essen.

Die Verführungskräfte des Geldes zu beherrschen, das ist eine genauso wichtige Aufgabe wie ein Sieg über den FC Barcelona, und niemand versucht dies entschlossener und moderner zu lösen als José Mourinho, der Zuchtmeister.

Über 300 Millionen Pfund hat Abramowitsch in den vergangenen Jahren für Spieler ausgegeben, es ist die teuerste Einkaufsliste in der Geschichte des Fußballs. Chelsea produziert rote Zahlen, aber die stören den ehemaligen Besitzer sibirischer Erdölquellen, die früher dem Volk der Sowjetunion gehörten, nicht wirklich. Bei einem Wochengehalt von 130 000 Pfund müsste Michael Ballack 1600 Jahre arbeiten, um das 10,8-Milliarden-Pfund-Vermögen seines neuen Chefs anzuhäufen.

Wenn Ballack, 29, in diesen Wochen über seinen neuen Arbeitgeber redet, hört man einen neuen Tonfall. Man kann Respekt hören. Vielleicht sogar Ehrfurcht. Ballack hatte diese Gefühle ja immer gehabt, für Wochen, damals, als er beim Chemnitzer FC spielte, dann in Kaiserslautern, in Leverkusen, schließlich in München, doch immer waren sie schnell verflogen, weil Ballack merkte, dass er den Ansprüchen der Vereine genügte, die Vereine seinen Ansprüchen aber nur in Maßen. Eitle Trainer, die Macht der "Bild"-Zeitung, populistische Funktionäre, all das ging ihm im deutschen Fußball zunehmend auf die Nerven, und darum fühlte er sich immer nur für eine Weile gefördert und am Ende gebremst.

Jetzt spricht Ballack von einem Trainer, José Mourinho, der "sehr direkt und offen" jeden Konflikt angehe und "extrem fair" sei. Er spricht von einem Präsidenten, Abramowitsch, der "ehrlich interessiert" sei, "humorvoll", "gelassen" und dabei "höchst anspruchsvoll und professionell". Er sagt, dass es umso schwieriger werde, Zusammenhalt in einer Mannschaft zu erreichen, je größer die Mannschaft sei, weil automatisch die Einzelinteressen der vielen Stars wüchsen, aber bei Chelsea gelinge es. Und von der Weltstadt London schwärmt er, in der er sich noch nicht zurechtfindet und wo er mit Lebensgefährtin Simone und den Kindern noch im Hotel wohnt. Werden seine Eindrücke diesmal länger halten als ein paar Wochen?

Diesmal jedenfalls kann Michael Ballack nicht mehr fliehen, es geht nicht mehr weiter wie bisher, denn Ballack weiß, dass er oben angekommen ist, höher hinauf führt kein Weg, und er weiß, dass er noch nicht bewiesen hat, dass er den Unterschied ausmachen kann, denn das, nur das, ist sein Job hier: Die großen drei im Weltfußball sind zurzeit AC Mailand, Chelsea und Barcelona, aber es gibt einen Unterschied; die beiden anderen haben die Champions League gewonnen, Chelsea noch nicht.

Mourinhos Chelsea sah statisch aus in der vergangenen Saison gegen Frank Rijkaards Barcelona, spielte starr, schoss zu wenig Tore, und das sollen Schewtschenko und Ballack in dieser Saison ändern, die am Dienstag gegen Werder Bremen beginnt und Chelsea schon in der Vorrunde auch gegen Barcelona führt.

Seine Frisur hat Ballack geändert, kurzgeschoren, ziemlich militärisch kommt er nun daher, ganz wie Frank Lampard und natürlich wie Mourinho; "praktisch" sei das, sagt er, aber unter Fußballern ist so etwas vor allem ein Signal: Ich stehe nicht mehr vor dem Spiegel wie all die anderen Deutschen, ich bin bereit für England, ich weiß jetzt, was wichtig ist.

Wichtig ist Mourinho, wichtiger als alles andere. Als Roman Abramowitsch ihn vor zwei Jahren das erste Mal traf, ließ er Mourinho mit einem Schnellboot in Monaco zu seiner Yacht hinausbringen. Der Portugiese präsentierte einen wohlkalkulierten Plan von fast paramilitärischer Strenge.

Jeder Spieler, so lautet die Mourinho-Philosophie, habe sein Ego der Mannschaft unterzuordnen. Stars, die schon große Pokale gewonnen haben, fehle oft der Biss. Mit großen, aber vergleichsweise unbekannten, darum ehrgeizigen Spielern wachse der Hunger nach Erfolg. "Wenn du eine große Kiste mit Orangen hast und eine von ihnen ist krank", so erklärt der Trainer seine Auffassung, müsse man handeln. "Sonst kannst du in einem Monat zehn Orangen auf den Müll werfen."

Mourinho und Abramowitsch fanden Gefallen aneinander. Beide sind misstrauisch und dulden nichts, was ihnen bei der Verfolgung ihrer Ziele in die Quere kommen könnte. Der Oligarch, aufgewachsen als Waisenkind in Sibirien, begründete sein Imperium mit dem Verkauf von Gummienten in einem schäbigen Moskauer Apartment und ist in der ehemaligen Sowjetunion nicht sicher. Einstige Weggefährten interpretieren seinen Kauf des FC Chelsea als eine Art Lebensversicherung

zum Spartarif: In London ist er sichtbar, dort ist er wichtig, der Verein mit den königsblauen Trikots macht Abramowitsch in Großbritannien quasi unentbehrlich. "Stellt keine Fragen", singen die Fans, wenn der Milliardär auf der Tribüne Platz nimmt. "Sind es Waffen, sind es Drogen, ist es Öl aus dem Meer?"

Mourinho hat Abramowitsch zweimal die Meisterschaft in der englischen Premiership beschert, aber in den Trophäen- schränken des Clubs ist noch viel Platz. Die Champions League muss gewonnen werden, der Druck ist groß, Mourinho vergleicht sich gern mit Don Corleone, dem Mafiaboss aus dem Hollywood-Film "Der Pate", und seine Mannschaft bezeichnet er als Familie.

Es ist ein Clan, den der Portugiese mit eiserner Faust und einem Armani-Mantel aus Kaschmir regiert. Seine Jungs müssen einsatzbereit sein, jederzeit, im Zweifelsfall auch verletzt auflaufen. Wer nicht hundert Prozent bringt, ist draußen, manchmal für immer. "Die Qualität des Teams ist sehr, sehr hoch", sagt Mourinho. "Gut möglich, dass einer seinen Platz wegen einer dummen Nacht verliert."

Für Mourinho ist Angst das Fundament der Macht. Seine Familie kommt aus Portugals Oberschicht und gehörte zu den Profiteuren der Salazar-Diktatur. Mourinho begann seine Karriere als Dolmetscher von Bobby Robson, der damals Sporting Lissabon trainierte. Mourinho verschaffte sich Respekt durch seine fast enzyklopädisch wirkenden Spielanalysen, und als er ein paar Jahre später als Chefcoach zum FC Porto ging, verkündete er, prompt Meister zu werden. Er schaffte es, gewann den Uefa-Pokal dazu. Als er zwölf Monate danach die Trophäe der Champions-League-Sieger abholte, war er der jüngste Trainer, der den Pokal je in den Händen gehalten hatte.

Bescheidenheit kannte er noch nie, aber mittlerweile redet er wie ein amerikanischer Preisboxer. "Ich will mehr", so stellte er sich der britischen Presse vor. "Wir haben Top-Spieler und, selbst wenn es arrogant klingt, einen Top-Trainer. Wir haben Top-Ziele. Ich bin ein europäischer Champion. Ich bin kein normaler Trainer. Ich bin ein ganz besonderer."

Von seinen Spielern erwartet er, dass sie die taktischen Anweisungen des Trainers laserstrahlgenau umsetzen. Es ist nicht unbedingt das schöne Spiel, das in Chelsea gepflegt wird. Es ist keine Inszenierung, die Platz lässt für geniale Einzelaktionen, Risiko, Spontaneität und andere Dinge, die den Fußball bisweilen romantisch verzaubern. Eher gleicht Mourinhos Idee von Fußball einer 90-minütigen Planwirtschaft mit einer Mannschaft als Kollektiv, und es ist kein Wunder, dass bei Chelsea zwar viele Leute sehr viel verdienen, aber nur zwei Superstars existieren: der Portugiese und der Russe, der Trainer und der Oligarch. Kommunismus mit viel Geld, das ist das System des FC Chelsea.

Die Millionen sind es auch, mit denen sich der FC Bayern München den Abgang von Michael Ballack erklärt. Die reine Gier also, aber das trifft es nicht, nicht ganz jedenfalls. Ballack hat ein paar Facetten, die nicht mehr nach München passten: Er kann eine Diva sein, leicht zu kränken, und die ständigen Nörgeleien in München verletzten ihn. Zugleich ist er einer der schlaueren Fußballer, neugierig, und deshalb genügte ihm München nicht mehr. Dort fühlte er sich vier Jahre lang missverstanden, während Mourinho "mir im ersten Gespräch sagte, wie er mich sieht und was er von mir will", sagt Ballack.

Und vor allem geht es ihm um die hohe Kunst des globalisierten Fußballs, darum, wie man eine perfekte Mannschaft baut und anschließend dahin bringt, auch perfekt zu spielen. In München, so sieht es jedenfalls Ballack, lernten sie zwar Jahr für Jahr, dass sie Defizite hatten, in der Spielgestaltung vor allem, und verlängerten dann doch nur den Vertrag mit dem ständig verletzten Sebastian Deisler. In Chelsea wusste Mourinho, dass er Tore und Kopfbälle und Ideen und Teamgeist brauchte und kaufte Schewtschenko und Ballack. Der fühlt sich wieder gewollt, gebraucht und verstanden und nicht mehr nur gut bezahlt.

30 Millionen Pfund, 44 Millionen Euro, kostet Abramowitsch die Verpflichtung, schon für die Unterschrift gab es 2 Millionen Pfund Handgeld. Erwartet wird dafür, was Mourinho von jedem Spieler erwartet: Gehorsam und Kreativität, Fügsamkeit und Leidenschaft und damit diese Dinge, die wenige Fußballer kombinieren können, jederzeit und bedingungslos. "Ein guter Trainer", sagt Ballack, "geht seinen Weg, zieht durch, was er sich vorgenommen hat, und dreht sich nicht mit dem Wind."

Wenn man Ballack eine Weile zuhört, bekommt man den Eindruck, dass er den FC Bayern zuletzt nicht mehr als großen Fußballclub, sondern beinahe wie eine Sekte wahrnahm, die ihre Spieler normt und verschluckt und letztlich große Siege verhindert, weil es zu wenig Austausch und zu wenig Konkurrenz gibt. Die Radikalität des Leistungsdenkens fehlte Ballack in München, und es wirkt, als sei er froh, noch mal davongekommen zu sein. Es könnte schon sein, dass er jetzt in eine sehr viel strengere Sekte gewechselt ist, aber diese spielt besseren Fußball.

Und Ballack, das zeigte er bei der Weltmeisterschaft, schätzt funktionierende Kollektive, er entwirft, wenn er es für nötig hält, gern eine Taktik fürs Ganze und ordnet sich dieser unter. Wahrscheinlich passt er besser zum FC Chelsea, als viele vermuten.

Wer in Chelsea nicht auf dem Psycho-Foltertisch landen will, tut gut daran, sich an die Laufwege des Chefs zu halten, am besten millimetergenau. Didier Drogba, der Sturmführer der Elfenbeinküste, hat dies manchmal nicht getan. Er wollte weg, weil er die Nase voll hatte, immer nur den schwarzen Vorschlaghammer vorn an der Sturmfront zu spielen. Er wollte mehr mitkicken. Nichts da, sagte Mourinho und setzte ihn auf die Bank.

Als Ballack sein Debüt gibt, beim Spiel in Blackburn, sitzt Drogba bis zur 56. Minute auf der Bank. Als er eingewechselt wird, scheint etwas in ihm zu beben, das man auch für Hass halten kann. Ein paar Minuten später passt Ballack den Ball in seine Richtung. Drogbas Gegenspieler muss sich gefühlt haben wie ein Mann, auf den eine Flutwelle zurast. Verzweifelt krallt er sich an Drogba fest, versucht ihn umzureißen. Ohne Erfolg, stattdessen schleift Drogba den Burschen über den Rasen wie einen Ertrinkenden und prügelt den Ball unter die Latte.

Nach dem Spiel zeigt der Torschütze keine Euphorie, nichts. Drogba hat seinen Job auf Mourinhos Schachbrett erfüllt, und nur das wird verlangt. Nicht mehr, aber vor allem niemals weniger.

KLAUS BRINKBÄUMER, THOMAS HÜETLIN

* Bei der Vorstellung der Mannschaft am 7. August.

DER SPIEGEL 37/2006
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