11.09.2006

GESUNDHEITKampf um Kronen

Deutschlands erster Dental-Discounter will Zahnersatz zum Nulltarif anbieten. Zahnärzte und vor allem Labore sind mehr denn je dem Wettbewerb ausgesetzt.
Die Praxis hat noch nicht geöffnet, ist aber schon bis Anfang Dezember ausgebucht: "McZahn AG, guten Tag." Das Telefon steht neben Bleistift, Buch und Radiergummi auf einem Tischchen. Eine Frau klemmt den Hörer zwischen Ohr und Schulter und notiert mit.
So archaisch geht's noch zu, obwohl in zweieinhalb Wochen die erste McZahn-Filiale im nordrhein-westfälischen Krefeld eröffnet werden soll. Bis 2009 will Deutschlands erster Dental-Discounter mit 408 weiteren, assoziierten Praxen das Geschäft mit Brücken, Kronen und Prothesen erobern und einen dreistelligen Millionenumsatz erzielen.
McZahn-Vorstand Pai Mao Yeh, 53, steht gutgelaunt hinter der Frau, die die Termine notiert. Sein eigener Zahnarzt sei schon ein bisschen böse, seit er von dem Plan erfahren habe, erzählt der gebürtige Chinese im ersten Stock der Firmenzentrale in Willich bei Krefeld. "Aber egal, ich habe auch schon einen Termin bei uns."
"Zahnersatz zum Nulltarif": Mit dieser Kulturrevolution will der Besitzer des Krefelder Restaurants "Peking-Garden" Deutschland beglücken. Den Zahnersatz wird Yeh in China billig besorgen und über McZahn-eigene Labore in Deutschland an die Praxen verteilen. Dort arbeiten dann Zahnärzte, die mit McZahn einen Franchise-Vertrag geschlossen haben.
Im Erdgeschoss der Firmenzentrale kümmert sich Vorstandskollege Werner Brandenbusch, 54, derweil um die Anlieferung von Büropflanzen. Auch er hat einen recht bunten Lebenslauf vorzuweisen, kennt sich im Zementhandel aus und hat auch schon eine Butler-Schule betrieben.
"Die Branche hat nicht begriffen, was auf sie zukommt", sagt Brandenbusch. Der gelernte Kaufmann zitiert gern Victor Hugo: "Nichts ist so stark wie eine Idee, deren Zeit gekommen ist." Für seine neueste hat er jedenfalls starken Beistand organisiert: Das Startkapital in zweistelliger Millionenhöhe stammt von einem anonymen Geldgeber. Der Aufsichtsrat wird prominent besetzt - mit Ursula Lehr, frühere CDU-Bundesgesundheitsministerin, und Max Schautzer, Ex-Moderator von "Pleiten, Pech und Pannen".
Das soll kein Omen sein, zumindest nicht für McZahn, allenfalls für den Rest der Branche. Besonders unter den Dentaltechnikern herrsche "Heulen und Zähneklappern", sagt Uwe Theile, der unweit der McZahn-Zentrale ein Labor betreibt und Zahnersatz "made in Germany" verkauft. Den Ärzten in der Umgebung hat er einen Brandbrief geschrieben: "Nur zusammen können wir der neuen Bedrohung durch die McZahn AG begegnen!"
Für Walter Winkler, Generalsekretär des Verbands Deutscher Zahntechniker-Innungen (VDZI), ist das Nulltarif-Angebot zwar "ein reiner Marketinggag". Dennoch fürchtet er McZahn: "Wenn die erfolgreich sind, werden in deutschen
Laboren Tausende Arbeitsplätze verlorengehen."
Die Zahnärzte sehen den Billig-Bohrern etwas gelassener entgegen. Jürgen Fedderwitz, Vorstandschef der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung, betont, man sei nicht gegen Wettbewerb. Freilich befürchte er eine dentale "Schmalspur-Versorgung", wenn immer nur die billigste Behandlung vorgenommen werde.
"Unsere Filialen sind normale Zahnarztpraxen auf dem neusten Stand der Technik", entgegnet McZahn-Vorstand Brandenbusch, "nur ist bei uns die Regelversorgung mit Zahnersatz kostenlos." Selbstverständlich biete man auch andere Leistungen, von der Reinigung übers Bohren bis hin zu Wurzelkanalbehandlungen, "immer zu niedrigen Preisen".
Gesundheitsökonom Peter Oberender von der Universität Bayreuth ist begeistert von dem neuen Geschäftsmodell. Er schließt nicht aus, dass in 20 Jahren die Hälfte der zahnärztlichen Leistungen von einigen großen Ketten erbracht wird, ähnlich wie Fielmann einst das Optikergewerbe aufrollte: "Der Markt wird jetzt aufgemischt, das ist sehr, sehr gut."
Eine ähnliche Meinung herrscht auch im Bundesgesundheitsministerium vor, das sich freilich mit lautem Beifall zurückhält. Die Zukunftsängste in der Dentalbranche sollen nicht zusätzlich angeheizt werden.
Für die Patienten wäre etwas mehr Transparenz in den Praxen jedenfalls heilsam. Anders als zum Beispiel im Supermarkt oder Reisebüro haben die Kunden beim Zahnarzt so gut wie keine Preisvorstellung - und bezahlen deshalb oft viel mehr als nötig.
Gut für die Branche: Mit einem Durchschnittseinkommen von rund 9000 Euro pro Monat gehören die Betreiber von Zahnarztpraxen noch immer zu den Spitzenverdienern im Gesundheitswesen. Mehr als 20 Milliarden Euro setzten die knapp 65 000 deutschen Zahnärzte im Jahr 2004 um. Davon entfielen etwa vier Milliarden Euro Bruttoumsatz auf die deutschen Dentallabore, in denen wiederum circa 45 000 Zahntechniker beschäftigt sind.
Doch die Pfründen sind in Gefahr. Immer mehr Neulinge drängen mit aggressiven Geschäftsmodellen in den Markt. Medpolska, eine polnische Tochter der Münchner Medent-Gruppe, vermittelt seit einem Jahr deutsche Patienten an Praxen jenseits von Oder und Neiße - in Zusammenarbeit mit der AOK Brandenburg. Der Preiskampf wird zudem von Web-Seiten wie 2te-Zahnarztmeinung.de angekurbelt.
Deren Chef Holger Lehmann bietet Patienten die Möglichkeit, den Kostenvoranschlag beziehungsweise Heil- und Kostenplan ihres Zahnarztes anonym ins Netz zu stellen. Ähnlich einer Ebay-Auktion können andere Ärzte bessere Preise bieten - und so den Zuschlag für die Behandlung bekommen.
"Eine Goldkrone mit Keramikverblendung sollte nicht mehr als 400 Euro kosten - aber viele Zahnärzte verlangen dafür locker 1000", sagt Lehmann. Allein im August liefen auf seiner Internet-Seite 1350 Behandlungsversteigerungen.
Solche und ähnliche Geschäftsideen gedeihen, weil der Gesetzgeber zaghaft begonnen hat, in der Branche für mehr Wettbewerb zu sorgen. Zum Beispiel mit dem Zahnersatz-Festzuschuss, den die gesetzlichen Krankenkassen seit vergangenem Jahr anstelle einer prozentualen Kostenbeteiligung überweisen. Allein diese Neuerung hat Branchenangaben zufolge bei den deutschen Dentallaboren 2005 zu einer Umsatzeinbuße von fast 30 Prozent geführt.
Für McZahn bildet der Festzuschuss dagegen die Grundlage fürs Kampfangebot "Zahnersatz zum Nulltarif". Die Höhe des Zuschusses hängt von verschiedenen Faktoren ab und ist für die Billig-Bohrer Teil einer knallharten Mischkalkulation: Mal lässt sich damit Geld verdienen, in anderen Fällen muss McZahn auf eine Nulltarif-Behandlung drauflegen.
"Die meisten Zahnärzte können gut bohren, sind aber schlechte Kaufleute", sagt McZahn-Vorstand Brandenbusch, "das Sparpotential für eine Kette wie uns ist riesig" - vor allem beim Rohmaterial: dem Zahnersatz aus Fernost.
Viele seiner Klassenfreunde seien mittlerweile hohe chinesische Parteifunktionäre, erzählt McZahn-Vorstand Yeh fröhlich. Diese Kontakte hätten viele Türen geöffnet.
In zwei Laboren bei Shanghai und Hongkong werden die Kronen, Brücken und Prothesen für McZahn demnächst gefertigt. Das Material stamme aus chinesischen Fabriken deutscher Hersteller, wird versichert.
Andreas Hoffmann hat jedenfalls keine Bedenken, sich eine China-Brücke einbauen zu lassen: "Wenn ich ein deutsches Auto kaufe, kommt der größte Teil ja auch nicht aus Deutschland." Im Oktober hat er einen Termin bei McZahn. "Mein Zahnarzt wollte mir ein Implantat für 1400 Euro verkaufen oder als Alternative eine Brücke für 450 Euro", erzählt Hoffmann, "aber das ist mir alles zu teuer."
Bei der Gmünder Ersatzkasse (GEK) ist man freilich skeptisch, ob es McZahn tatsächlich gelingen wird, genügend Patienten in Hunderte Praxen zu locken. "Ein Zahnarztbesuch ist immer noch Vertrauenssache", sagt GEK-Manager Michael Hübner. Um auf dem Markt bestehen zu können, brauche der Dis-counter rasch "Mundpropaganda".
Yeh und Brandenbusch haben zumindest schon die eine oder andere Idee, wie sie ihre Kunden begeistern wollen: Die McZahn-Mitarbeiter sollen in Benimmkursen auf Höflichkeit getrimmt werden, und eine Kundenkarte soll den Zugriff auf die eigenen Röntgenbilder von jeder Praxis aus ermöglichen. Das Wichtigste aber, sagt Brandenbusch, seien die "Parkplätze vor dem Haus".
SEBASTIAN RAMSPECK
Von Sebastian Ramspeck

DER SPIEGEL 37/2006
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