18.09.2006

Das Haus des Krieges

Von Bednarz, Dieter; Brandt, Andrea; Follath, Erich; Matussek, Mathias; Schreiber, Matthias; Smoltczyk, Alexander; Steinvorth, Daniel; Wensierski, Peter; Windfuhr, Volkhard; Zand, Bernhard

Wütende Proteste, kaum verhüllte Drohungen und geharnischte diplomatische Noten aus der ganzen islamischen Welt rief eine Rede des bayerischen Papstes hervor. In Wahrheit hatte Benedikt XVI. seinen eigenen Weg zum Dialog der Kulturen weisen wollen. Der scheint nun erst einmal verbaut.

Um 14.36 Uhr am Donnerstag vergangener Woche sind für Benedikt XVI. die Ferien vorbei. Als die Lufthansa-Maschine auf dem römischen Flugplatz Ciampino zu stehen kommt, regennass die Rollbahn, windig-grau die Albaner Berge dahinter, liegt die weiß-blaue Bayernseligkeit der letzten Tage schon so weit zurück, dass sie kaum noch wahr ist.

Seine Mitarbeiter haben dem Papst von der Unruhe berichtet, die seine Regensburger Vorlesung bei den üblichen Beleidigten in der islamischen Welt ausgelöst hat - in Kairo, Jakarta, Islamabad, Istanbul. Am Morgen, in Freising, war Papst Ratzinger noch von heiterstem Gemüt, war wie daheim und entspannt. Jetzt, beim Ausstieg aus dem Flugzeug, sieht er müde aus, ernst blickt er umher. Urlaubsreif. Der Alltag hat ihn wieder.

Der west-östliche Orkan, den das Zitat eines byzantinischen Kaisers aus dem 14. Jahrhundert entfacht hat, platzt mitten in einen Personalwechsel: Donnerstag ist der letzte Arbeitstag des ewigen Kardinalstaatssekretärs Angelo Sodano, des Chefs der Kurie. Freitagmittag erst werden im Schweizer Salon in Castelgandolfo in feierlicher Zeremonie die Regierungsgeschäfte an Kardinal Tarcisio Bertone übergeben.

Der Außenminister der Kurie könnte sich äußern zum Zorn der Muslime. Der Franzose Dominique Mamberti, bislang Nuntius im Sudan wie in Eritrea und des Arabischen mächtig, wäre der ideale Mann. Aber auch er tritt sein Amt erst am Freitag an. Zu diesem Zeitpunkt sind in Damaskus, Kairo, Isfahan längst die Freitagsgebete im Gange.

Noch ist die Rede nicht mit allen Anmerkungen publiziert worden. Doch schon steht die Front zwischen pakistanischen Fundamentalisten und ägyptischen Muslimbrüdern, zwischen al-Dschasira in Katar und Osama Bin Laden irgendwo in Wasiristan - das globale Netz der Glaubenskämpfer im Namen Allahs, wie es sich bei jeder Gelegenheit neu bildet, zuletzt beim Karikaturenstreit. Die Achsenmächte im Kampf gegen den Okzident und dessen Werte laufen zu großer Form auf.

"Zeig mir doch, was Mohammed Neues gebracht hat, und da wirst du nur Schlechtes und Inhumanes finden wie dies, dass er vorgeschrieben hat, den Glauben, den er predigte, durch das Schwert zu verbreiten." Dies hatte der im Westen wie im Osten weithin unbekannte Kaiser Manuel II. Palaeologos gesagt, dies hatte Benedikt zitiert - nicht ohne auf die "schroffe Form" dieses Satzes hinzuweisen. Und nun war eine Flut von Beschimpfungen über den Papst und seinen kleinen Gottesstaat im Herzen von Rom hereingebrochen, wie die Kirche sie nicht mehr erlebt hatte, seit aufrechte Protestanten die Überzeugung aufgegeben haben, der römische Papst sei der Antichrist persönlich und seine Kirche die Hure Babylon.

Aus der Türkei kamen die ersten scharfen Reaktionen. "Einseitig, voreingenommen, feindselig und provozierend" seien die Äußerungen des Papstes, erklärte Ali Bardakoglu, Chef der staatlichen Religionsbehörde. Politiker der Regierungspartei von Premier Recep Tayyip Erdogan zogen nach: Was habe es für einen Sinn, diesen Papst, der sowieso als Feind der Türken gilt, im November in der Türkei zu empfangen, dem ersten muslimischen Land, das er besuchen will?

Salih Kapusuz, einer der Stellvertreter in Erdogans Gerechtigkeitspartei, empörte sich über die "dunkle Geisteshaltung" des Papstes, die der "Dunkelheit des Mittelalters" entspringe und mit der er versuche, "die Mentalität der Kreuzzüge neu zu beleben". Wie Hitler, wie Mussolini sei dieser Papst.

Ähnlich in Ägypten: Mohammed Mahdi Akif, der "Murschid Aamm", der "oberste Lotse" der Muslimbruderschaft, geißelt Benedikts Worte als "einfach falsch und verzerrt. Ich bin erstaunt, dass das von jemandem kommt, der an der Spitze der katholischen Kirche steht". Öl habe der Papst in ein brennendes Feuer geschüttet, sagt er dem SPIEGEL: "Die Erklärungen des Papstes erzeugen Feindschaft unter den

Offenbarungsreligionen und gefährden den Weltfrieden." Darunter tut er's nicht.

Wenig später meldet sich Scheich Jussuf al-Kardawi zu Wort, der spirituelle Führer der einflussreichen Bewegung - und im sunnitischen Islam eine Autorität, die der eines Papstes am nächsten kommt: "Die Muslime haben das Recht, wütend und verletzt zu sein über diese Kommentare des höchsten christlichen Klerikers."

Am Freitag verurteilt das Parlament von Pakistan den Papst-Kommentar als "abwertend". Im Gaza-Streifen gab es einen ersten Sprengstoffanschlag auf das Jugendzentrum einer christlichen Kirche - es trifft die griechisch-orthodoxe Gemeinde. Dort, wo am Freitagnachmittag die Palästinenser auf die Straße gingen, um gegen Benedikt zu protestieren, war die Vorlesung des Papstes sogar Gegenstand einer Kindertalkshow im Radio. "Was sagst du zu dem Mann, der schlechte Worte über unseren Islam und den Propheten gebraucht hat?", wurde der achtjährige Hanin gefragt.

"Er ist hässlich", lautete die Antwort, "und seine Worte sind hässlich."

Wütende Proteste von Marokko bis Indonesien - kurz vor dem Freitagsgebet taucht eine Erklärung der Organisation Islamische Konferenz (OIC) auf, welche trotz

aller Diplomatie die Empörung nicht verstecken kann: Die OIC bedaure die von Seiner Heiligkeit gebrauchten Zitate. Schließlich kämen die, nähme man sie ernst, einem "Anschlag auf das Ansehen des Propheten" gleich. Hatte der Papst Mohammed verleumdet?

Die Antwort der islamischen Welt war eindeutig. Und dieses Sakrileg könne der Heilige Vater der Christenheit nur auf eine Weise sühnen - er müsse sich persönlich für die "Beleidigung des Islam" entschuldigen, verlangte in Beirut Scheich Mohammed Hussein Fadlallah, der geistige Führer der Hisbollah: "Eine Entschuldigung durch die Instanzen des Vatikans akzeptieren wir nicht."

Abu Ghureib, die dänischen Mohammed-Karikaturen, die Bomben auf Beirut - und nun der Papst, der einen alten Byzantiner zitiert: Das ohnehin pessimistische Weltbild von Muslimen auf der ganzen Welt verdüsterte sich wieder einmal, und ein langgehegter Verdacht gerann erneut zur Gewissheit: Der Westen mag uns nicht, er verachtet uns, unsere Würde gilt ihm gar nichts. "Der Papst im Vatikan hat sich der zionistisch-amerikanischen Allianz gegen den Islam angeschlossen", klagte "al-Tadschdid", die wichtigste Tageszeitung im Königreich Marokko.

Unfassbar, was da über den bayerischen Papst auf Heimatbesuch hereingebrochen war. War dieser Kreuzfahrer, den die arabischen Medien schilderten, der gleiche, der in Altötting unter der Bürde seiner Monstranz zu schrumpfen schien?

Ausgerechnet dieser Papst, der doch nur als Übergang gedacht war, der Dogmatiker, der Akademiker, die ewig finstere Hintergrundfigur, der Großinquisitor hatte sich in seiner Heimat soeben zu einem Papst der Herzen gewandelt. Trippelnd war er auf die Menschen zugelaufen, lächelnd. Er hatte ihre Hände gedrückt, lächelnd. Und wenn er zu ihnen sprach, dann schaute er über den Brillenrand, seine Stimme sang, und er lächelte.

Darüber vergaßen manche, was er sagte.

Benedikt ist stets ein Philosophen-Papst gewesen, ein Lehrer, der erklärt, was sein Vorgänger eher intuitiv darstellte. Er sucht den Dialog mit den Wissenschaften, er stürzt sich geradezu in akademische Auseinandersetzungen, um seine Botschaften deutlich zu machen. Ratio und Glaube, das geht für diesen Papst immer Hand in Hand. Glaube ohne die Vernunft ist blind. Vernunft ohne Glaube mörderisch.

Für seinen weiß-blauen Heimatbesuch hat dieser Papst von vornherein mehr im Gepäck gehabt als nur den Wunsch nach schönen Bildern, Blasmusik und Schweinebraten,

den er durchaus zu schätzen weiß. Das heimliche Thema dieses lächelnden Unbeirrten war die religiöse "Schwerhörigkeit" der Moderne, insbesondere die seiner eigenen Landsleute.

Ohne alle Rücksichten auf politisch korrekte Fallen beklagte er auf diesem Deutschlandbesuch den Triumph des Profanen über das Erhabene. Er sprach vom "Zynismus, der die Verspottung des Heiligen als Freiheitsrecht ansieht". Als ob er noch draufsatteln wollte, verlangte der Papst den ausdrücklichen Respekt vor allen Kulturen, vor allen Religionen - auch vor dem Islam. Ausgerechnet zum Jahrestag des 11. September mit all den Gedächtnisfeiern und der Entschlossenheit im Kampf gegen den Terrorismus verweigerte der Papst den Kreuzzüglern dieser Erde seinen Segen.

Doch wie es die Art dieses Akademikers auf dem Petri-Stuhl ist, reichte er die dialektischen Ergänzungen zu seiner Islam-Verneigung nach.

In seinem Vortrag über das Verhältnis von Vernunft und Gottesglaube wollte er auch klarmachen, dass niemand Gewalt ausüben dürfe zur Verbreitung der Religion. Ein wenig hat er sich bei diesem Anliegen hinter dem byzantinischen Kaiser versteckt. Ansonsten aber disputierte er nach Gelehrtenart: Professor Dr. Joseph Ratzinger war nach Regensburg zurückgekehrt. Ein Gottesweiser, der wohl nicht bedacht hat, dass die Worte eines Papstes in der Stadt wie auf dem Erdkreis gehört werden.

So aber predigte er urbi et orbi. Der Papst hätte mit seiner Regensburger Vorlesung über "Glaube, Vernunft und Universität" die islamische Welt gewiss nicht so heftig gegen sich aufgebracht, wenn er die Kritik des byzantinischen Kaisers Manuel II. an Mohammed nicht bloß zitiert hätte.

Eine deutlichere historische Einordnung von Manuels Bemerkung - Mohammeds Anordnung, den Glauben "durch das Schwert zu verbreiten", sei schlecht und inhuman - wäre hilfreich gewesen: Der byzantinische Christ hat seine religionstheoretischen Dialoge mit einem Perser (in Wirklichkeit war es wohl ein Türke) schließlich am Ende des 14. Jahrhunderts geführt, in einer Zeit starker Bedrängnis. Die Osmanen hatten auf dem Amselfeld die Serben besiegt, die Belagerung Konstantinopels durch die osmanischen Krieger stand unmittelbar bevor. Das alles erklärt die Schärfe des Tons, relativiert sie aber auch. Es hätte auch nicht geschadet, in diesem Zusammenhang der wenig ruhmreichen Kreuzzüge zu gedenken.

Dies alles beim Zitieren aus jenen Dialogen fortzulassen, die vor allem um das Gottesbild des Alten und Neuen Testaments sowie des Korans kreisen, ist wohl taktlos, aber gewiss nicht "feindselig", wie die türkische Religionsbehörde festgestellt hat. Schon deswegen nicht, weil der Papst das Thema "heiliger Krieg" nicht anspricht, um im nächsten Satz die unseligen Selbstmordattentate unserer Tage zu diskutieren, nicht um Osama Bin Ladens Angriffe auf den Westen zu verdammen oder die Blutbäder von Bali, Madrid oder Casablanca zu geißeln. Es geht ihm vielmehr darum, einen "Scheideweg im Verständnis Gottes" zu benennen. Worum geht es dabei?

Zunächst einmal nicht darum, die Muslime mit polemischen Herabsetzungen zu beleidigen, die dann schleunigst "zurückgenommen" werden müssten, damit nicht doch eines Tages jener Weltreligionskrieg ausbreche, den der amerikanische Politologe Samuel P. Huntington vor zehn Jahren prophezeit hat. Der Papst benutzt die Koran-Kritik von Manuel II. vielmehr, um das Verhältnis von Vernunft und Glaube in einer Weise zu deuten, die letztlich, wie er meint, auch einem fruchtbaren, friedlichen Dialog zwischen Christentum und Islam dienlich sein könnte. Hehre Theologie ist intendiert, die aber praktische Folgen für die Weltpolitik haben soll.

Seine Argumentation folgt anfangs der des Byzantiners und ist durchaus plausibel: "Nicht vernunftgemäß handeln ist dem Wesen Gottes zuwider." Warum? Im Anfang war das Wort, und das Wort war Gott, heißt es im Johannes-Evangelium; das griechische Wort dafür ist "Logos", es bedeutet zugleich "Vernunft" (die Originalsprache des Neuen Testaments ist das Griechische). Wenn Gott "Logos" ist, meint dies auch: Er ist der Sinn, untrennbar von der Wahrheit, die das ist, "worauf der Mensch im Letzten stehen kann", wie Joseph Ratzinger 1968 formulierte, als er noch Theologieprofessor in Tübingen war.

Die göttliche Vernunft ist unendlich und darum für den Menschen unerreichbar. Aber die Vernunft des Menschen verhält sich zu ihr analog - nur deswegen kann sie die Idee des unendlichen Gottesgeistes überhaupt denken.

Diese Idee der "analogia entis", der "Entsprechung des Seins", wurde von Thomas von Aquin (1225 bis 1274) brillant entwickelt, sie zeigt die verschiedenen Stufen des Seins, indem sie bei aller Betonung des Ähnlichen und Unähnlichen dessen Einheit wahrt. Das Ganzheitliche dieses scholastischen Denkens ist eminent katholisch - ihm fühlt sich der Papst verpflichtet.

Daraus folgt: Ein Gott, der diese Ganzheit des Seins verlässt, ein "absolut transzendent" konzipierter "Willkür-Gott", der sich notfalls nicht einmal an sein eigenes Wort, seinen eigenen Logos bindet, ist für diese Theo-

logie nicht akzeptabel. Anders aber verhält es sich nach Ansicht

des Papstes mit dem muslimischen Gottesbegriff, der sich sämtlicher menschlicher Kategorien, also auch der der Vernünftigkeit, entzieht.

So stört es die Muslime auch kaum, dass Allah sich widerspricht: Einerseits sagt er, wer auch nur eines einzigen Menschen Leben rette, sei angesehen wie einer, der das Leben aller Menschen gerettet habe; andererseits fordert er mit Blick auf die "Ungläubigen" barsch: "Tötet sie, wo immer ihr auf sie stoßt." Solche Widersprüche gibt es übrigens auch zuhauf in der Bibel. Der große Mose untersagt das Töten und dennoch ziehen Israels Mannen als Mordbrenner ins Gelobte Land.

Es hat keinen Zweck, wenn Christen und Muslime sich diese Widersprüche immer wieder gegenseitig um die Ohren schlagen. Bei seiner Regensburger Vorlesung hat der Papst gezeigt, was eigentlich besser wäre: Gemeinsam zu überlegen, ob die griechisch-christliche "Logos"-Lehre nicht doch allen Gott-Gläubigen dieser Welt ein Versöhnungsangebot macht.

Wenn die menschliche Seele ein "Fünklein" (Meister Eckhart) des göttlichen Geistes in sich hat, dann kann sie nur mit den Mitteln der Vernunft zu Gott hingeführt werden - mit "guter Rede und rechtem Denken", nicht aber "mit Gewalt und Drohung", wie der Papst Kaiser Manuell II. zitiert. Das ist eine Absage an alttestamentarischen Furor, mittelalterlichen Kreuzzugseifer und penetrante Missionierung in aller Welt, aber auch an den "heiligen Krieg" in Allahs Namen.

Die gläubigen Muslime können, meint der Papst, sich darauf aber nur unter einer Voraussetzung einlassen: Der aufgeklärte Westen müsse seinen Begriff von Vernunft aus der Verengung durch Naturwissenschaft und Technik befreien, er müsse den "Mut zur Weite der Vernunft" im Sinne der Scholastik wiedergewinnen. Der "im Zusammenspiel von Mathematik und Empirie" bewirkte wissenschaftlich-technische Fortschritt hat, so Benedikt, eine Subjektivierung und Individualisierung des Weltverständnisses zur Folge, die auch die Grundfrage "nach unserem Woher und Wohin" letztlich "in den Bereich der Subkulturen abdrängt".

Es komme also darauf an, durch einen wieder erweiterten Vernunftbegriff diesen "Ausschluss des Göttlichen" aus dem täglichen Diskurs - den uns die gläubigen Muslime vor allem verübeln - rückgängig zu machen. Da aber auch die Aufklärung, die den Menschen aus geistiger Bevormundung befreit hat und die dem Islam noch bevorsteht, nicht mehr rückgängig zu machen sei, bleibe nur die Möglichkeit, den Gedanken des Göttlichen mit der Vernunft zu versöhnen - im Namen des "Logos", dessen Vernünftigkeit zum Beispiel auch verbietet, unschuldige Menschen zu töten.

Nur solch eine "Ausweitung unseres Vernunftbegriffs und -gebrauchs", die auch auf "die großen Erfahrungen" des Glaubens höre, könne die "Bedrohungen" abwenden, die aus der modernen Technik erwachsen.

Die Argumentation des Papstes ist imponierend und schlüssig. Die menschliche Vernunft ist, im Unterschied zu Traum und Gefühl, das einzig verlässliche und sprachlich vermittelbare Organ geistiger Grenzüberschreitung. Nur innerhalb ihres Horizonts wäre auch das Überschreiten kultureller und religiöser Grenzen vorstellbar.

Aber muss das Ganze dessen, was ist, sowie seine rätselhafte Herkunft und Zukunft unbedingt "göttlich" genannt werden? Was sollen Zeitgenossen tun, die, wie der Philosoph Jürgen Habermas, in religiösen Dingen einfach "unmusikalisch" sind?

Der Papst hat recht, wenn er Naturwissenschaftlern vorwirft, sie würden die rationale "Korrespondenz" zwischen unserem Geist und den in der Natur waltenden Strukturen "einfach als Gegebenheit annehmen"; und die darüber hinausgehende Frage vergessen, "warum dies so ist". Aber er hat unrecht, wenn er meint, die einzig triftige Antwort auf diese Frage vorgeben und damit die christliche Religion, sozusagen gereinigt von Kants Kritik und individualistischer "Beliebigkeit", ihrer alten "gemeinschaftsbildenden Kraft" zuführen zu können.

Eine solch radikale Umkehr der westlichen Kultur könnte allenfalls ein "Willkür-Gott" bewirken - wenn es ihn denn gäbe.

Einstweilen bleiben deshalb Gewalt und Religion das leidige und leidvolle Thema, das sie stets waren, seit Kain seinen Bruder Abel erschlug - aus Gottesneid, weil Abels Opfer dem Herrn wohlgefällig war. Weder das Christentum noch der Islam haben ihre gewaltsamen Traditionen verheimlicht. Die islamische Tradition macht beispielsweise kein Hehl daraus, dass die Botschaft des Propheten nicht allein durch die Poesie des Koran, die Kraft seiner Argumente und seiner klaren Alltagsregeln verbreitet wurde. Der Siegeszug des Islam war auch ein Sieg durch das Schwert, das bis heute ein starkes Symbol des Glaubens ist, eines, das etwa die Flagge Saudi-Arabiens ziert.

"Siehe, ich wurde von Gott mit dem Schwert geschickt. Erniedrigung und Demütigung sei denen, die gegen meine Sache stehen", soll Mohammed gesagt haben. Mohammed, der Gesandte Gottes, ein Sprachrohr des Allmächtigen und Übermittler seiner Botschaften, ist eben auch ein eifriger, listiger und manchmal unerbittlicher Feldherr. Ein Krieger, der Friedensverträge aushandelte, Steuern festlegte und ein gewaltiges Reich begründete, ein Genussmensch schließlich, der schöne Frauen und aufregende Düfte liebte - ein Menschenkind, kein Gottessohn wie der Prophet der Christen. Mohammeds Reich: von dieser Welt.

Im Jahr 632, als der Prophet im Alter von etwa 62 Jahren starb, hatte er fast alle ehemals zerstrittenen Stämme der Arabischen Halbinsel vereint. Keine 20 Jahre später eroberten seine Nachfolger den gesamten Nahen Osten, das Land am Euphrat, weite Teile Nordafrikas und Mittelasiens, schließlich, im Jahr 711, drangen sie sogar bis ins spanische Andalusien vor. In Europa wurde der Vormarsch erst 732 vom Franken Karl Martell bei Tours und Poitiers gestoppt.

Die neue Religion zeigte sich kämpferisch, expansiv, selbstbewusst - aber alles andere als terroristisch. Im Gegenteil. Während im mittelalterlichen Deutschland und in Frankreich die Menschen von Seuchen und Hungersnöten gepeinigt wurden, entstehen im Orient Apotheken, öffentliche Krankenhäuser und Schulen. Kunst und Wissenschaft erblühen, muslimische Forscher legen die Grundlagen der Mathematik, Astronomie und Chemie. Es ist die - oft beschworene - Glanzzeit des Islam im 11. bis 13. Jahrhundert, die dem Glauben Mohammeds und seiner Nachfolger den Ruf einer besonders flexiblen, weltoffenen und friedfertigen Religion einbringt.

In jener Zeit ist die Begegnung mit dem Christentum im eigenen Machtbereich von Koexistenz geprägt. Muslimische Herrscher predigen Toleranz gegenüber Juden und Christen, als "Schriftbesitzer" dürfen diese ihren Glauben und ihre Gotteshäuser behalten, als Schutzbefohlene müssen sie indes eine Kopfsteuer errichten, das Tragen von Waffen und das Reiten auf Pferden ist ihnen verboten. Muslimische Rechtsgelehrte entwickeln eine Form des Völkerrechts, die die islamische Sphäre von einer nichtislamischen trennt. Doch im christlichen Europa bleibt die muslimisch-arabische Unterwerfung ehemals christlicher Gebiete im Nahen Osten auch nach Jahrhunderten unvergessen. Die Rückeroberung des Heiligen Landes und die Zurückdrängung der Sarazenen werden von der katholischen Kirche zu Beginn des zweiten christlichen Jahrtausends zur verpflichtenden Doktrin erhoben: Die Kreuzzüge, eines der dunkelsten Kapitel der Christenheit, sollen es richten.

Am 27. November 1095 ruft Papst Urban II. auf dem Konzil von Clermont zum ersten Mal die Gläubigen auf, Jerusalem und das Heilige Land von der muslimischen Herrschaft zu befreien. Für ihren Einsatz bietet der Stellvertreter Christi auf Erden den Kreuzfahrern das Versprechen auf Beute und einen vollkommenen Ablass aller Sündenstrafen. "Deus lo vult" (Gott will es), schreien die Ritter, Wegelagerer, Könige und Priester und brechen mit Eseln und Schweinen, zu Fuß, in Karren oder auf prächtigen Pferden in den Orient auf. Rund 80 000 Mann umfasst das Heer unter

der Führung von Gottfried von Bouillon. Die wehenden Kreuzbanner verleihen dem mächtigen Tross ihren späteren Namen.

Das mörderische Unternehmen gerät zum vormodernen Zusammenprall der Kulturen, zu einem grundlegenden politischen Konflikt zwischen Morgen- und Abendland. Auf ihrem Weg ins Heilige Land verwüsten die Kreuzfahrer zahllose Städte, in Jerusalem schließlich veranstalten sie 1099 eine solche Blutorgie, "dass die Unsrigen bis zu den Knöcheln im Blut wateten", wie ein Augenzeuge berichtet. Besinnungslos werden Männer, Frauen und Kinder niedergemetzelt, Moscheen und Synagogen in Brand gesteckt, Häuser geplündert. Anschließend sollen die Ritter, deren Sünden bereits im Voraus vergeben waren, zur Grabeskirche Jesu Christi gegangen sein, "vor Freude weinend, um das Grab unseres Erlösers zu verehren".

Dem heiligen Krieg der Christen setzen die Muslime ihren erbitterten Widerstand entgegen. Auch ihnen winkt Belohnung auf Erden - ein Anteil an der Kriegsbeute - wie im Jenseits; "Allah liebt diejenigen, die auf seinem Weg in Schlachtordnung kämpfen", heißt es in Sure 61. Wer im Kampf um den Glauben fällt, dem öffnen sich die Pforten des Paradieses - keine grundsätzliche Aufforderung zu einem heiligen Krieg; "Dschihad" bedeutet zunächst einmal nichts anderes als die individuelle Anstrengung für den Glauben. Zu einem "Gottesdienst unter Waffen" wird er jedoch bei einem Angriff von

außen. Gegen die verhassten Kreuzfahrer, die "Salibijun", ist der Dschihad für die Muslime geradezu religiöse Pflicht.

Der Herrschaft in Jerusalem gilt beiden, Christen wie Muslimen, als Trophäe für ihren Gott. Den Endkampf gewinnt schließlich Saladin, der große Kurde. Er verzichtet auf Rache und entlässt die christliche Bevölkerung Jerusalems gegen ein Kopfgeld in die Freiheit. Die muslimische Ehre ist wiederhergestellt, doch als Saladin 1193 in Damaskus stirbt, kehren mit der Herrschaft der Mamelucken Misstrauen und Zwietracht in die arabische Welt zurück. An seine Glanzzeit, aus dem viele Muslime bis heute ein Überlegenheitsgefühl gegenüber dem Westen schöpfen, kann der Islam in den Folgejahrhunderten nicht mehr anknüpfen. Zur einsetzenden geistigen Erstarrung trugen reaktionäre Theologen und skrupellose Herrscher bei - bis heute.

Die Kreuzzüge aber, die zwischen 1096 und 1291 wüteten und denen nach grober Schätzung über fünf Millionen Muslime, Juden, Christen der byzantinischen Kirche sowie christliche Eroberer zum Opfer fielen, blieben in Erinnerung. Im historischen Gedächtnis der Muslime verloschen sie nie. Vielen gelten sie als eigentliche Wurzel der heiligen Kriege gegen den Westen, Islamisten sprechen auch heute von Kreuzzüglern, die erneut den Nahen Osten unterwerfen wollen, und deren Verbündete - die Zionisten - heilige Stätten okkupieren. Vom Trauma dieser Gewaltorgie sollte sich die ganze Region nie wieder erholen.

Jeder Zusammenprall zwischen komplexbeladenen Muslimen und Abendländern, die sich vor allem seit dem Ende des Kalten Krieges als Sieger der Geschichte wähnen, führt deshalb immer häufiger an den Rand einer allumfassenden Konfrontation. Der Papst hätte gewarnt sein können.

Abträgliches über das Göttliche hat im Islam stets den Furor der Frommen ausgelöst. Dass die islamische Welt, zumindest deren radikale Vertreter und Vorbeter, Kritik oder gar Verachtung nicht ohne Proteste hinnimmt, hatte schon Anfang des Jahres der Streit um die Mohammed-Karikaturen gezeigt. Im islamischen Krisenbogen von Nordafrika über den Nahen Osten bis zum Hindukusch hatten Zehntausende ihre Wut über Zeichnungen des Propheten auf die Straße getragen.

Ägyptens Großscheich Mohammed Tantawai, sonst ein eher gemäßigter Mann, reagierte so empört wie alle anderen Glaubensführer. Der libanesische Hassprediger Omar al-Bakri hatte in 24 Stunden sechs Millionen E-Mails mit Rechtsgutachten zum Tatbestand der Blasphemie verschickt, dazu Protestaufrufe und Tiraden gegen den Westen. Verurteilungen der Karikaturen durch die Arabische Liga und den Islamischen Weltkongress folgten. Unter den Mekka-Pilgern im Januar und in den Predigten während der Hadsch war die "Blasphemie" des Westens der Aufreger.

Über Europa, das bislang nicht im Zentrum der kulturellen Verbitterung der Muslime gestanden hatte, brach Anfang Februar der "Internationale Tag des Zorns" herein, den Scheich Jussuf al-Kardawi in Katar ausgerufen hatte. In ihren Feiertagsgebeten hetzten unzählige Imame ein Heer von Gläubigen gegen den "verderbten Westen" auf, der ihre Religion verachte und verspotte.

In Beirut brannte Kopenhagens Botschaft, in Damaskus wurde die Vertretung Norwegens gleich mit angezündet; in Teheran flogen Brandbomben gegen die Botschaft des kleinen Königreichs, in Algerien und Nigeria beließen es empörte Muslime beim Anzünden dänischer Fahnen. Auch in Somalia, Indien, Bangladesch und Thailand kam es zu mitunter gewaltsamen Ausschreitungen. Allein in Afghanistan starben bei den Protesten elf Menschen.

Die Karikaturen aus Dänemark hatten geschafft, was der arabischen Welt aus eigener Kraft selbst beim Palästina-Konflikt schon lange nicht mehr gelang: In der Verdammung des Westens zeigte sie sich geschlossen wie nie zuvor.

Diesmal, nach der Papst-Rede, kam nicht einmal Deutschland ungeschoren davon, das, anders als die Nachbarn in Frankreich, bislang nur wenig Glaubensspannungen zwischen Muslimen und Christen erlebt hatte. Dass nun ausgerechnet der Papst ihm Arbeit machen würde, damit hatte der Imam der Türkisch-Islamischen Gemeinde im nordrhein-westfälischen Marxloh nicht gerechnet. Rund 500 Gläubige kamen am vergangenen Freitag zum ersten Gebet im Rohbau der neuen Moschee im Duisburger Brennpunkt-Stadtteil zusammen. Und weil der Kirchenmann aus dem fernen Rom in Bayern ein paar umstrittene Sätze gesagt hatte, musste Sadik Caglar improvisieren.

In einer spontanen Botschaft an die Gemeinde erklärte der muslimische Gottesmann, dass alle monotheistischen Religionen den Frieden predigten - "dazu gehört auch das Christentum": Die Welt sei "groß genug für uns alle, um in Frieden zu leben". Versöhnliche Töne, wie der Imam sagte, "damit sich die Lage entspannt".

Einige tausend Mitglieder aus 630 Familien zählt die Gemeinde in Marxloh. Viele der Gründungsmitglieder kamen als Gastarbeiter und verdienen ihr Geld auf der nahen Zeche Walsum. Jetzt wollen sie bleiben und bauen sich ein gigantisches Gotteshaus - mit 2500 Quadratmeter Nutzfläche eine der größten Moscheen in Deutschland.

Im gleichen Gebäude entsteht eine Begegnungsstätte, die Marxloher Muslime setzen auf Öffnung statt auf Abschottung. Vielleicht treffen die Papst-Worte gerade deshalb hier einige so sehr: "Der Papst denkt wohl, dass alle Muslime Terroristen

sind", ärgert sich Gemeindemitglied Kadir Yildiz, 31, der auf einem Basar vor der Moschee Frikadellen und Döner verkauft.

"Unglücklich" sei er über die Äußerungen des Papstes, sagt der Gemeinde-Vorsitzende Mehmet Özay, 30. Zwar verhielten sich die Gemeindemitglieder ruhig, aber Unmut gebe es schon: "Wir müssen aufpassen, damit Radikale jetzt nicht zu antichristlichen Ausschreitungen aufhetzen und Streit in die Gemeinde tragen", sagt Özay.

Die Gefahr sehen auch andere, deshalb suchen sie offensiv den Dialog. Die Pfarrer der beiden christlichen Nachbarkirchen schauten am Freitag vorbei, sprachen mit muslimischen Gläubigen. Er sei nicht glücklich darüber, wie das Papst-Zitat hier verstanden werde, sagt Michael Kemper, Seelsorger der katholischen Kirchengemeinde St. Peter und Paul in Marxloh. Sein Kollege Ernst Raunig von der evangelischen Kreuzeskirche wird deutlicher: "Die Papst-Worte sind ein gefundenes Fressen für Fundamentalisten auf allen Seiten."

Bülent Arslan, Vorsitzender des Deutsch-Türkischen Forums der CDU in Nordrhein-Westfalen, zeigt sich "schockiert" über die Äußerungen des Papstes. Natürlich könne man darüber diskutieren, ob der Islam Gewalt immer klar genug verurteilt habe. Aber gerade in einer Zeit, in der der Dialog zwischen Christentum und Islam immer schwieriger werde, "sollte der Papst nicht mit pauschaler Islam-Kritik Öl ins Feuer gießen", so der muslimische CDU-Mann. Arslan rechnet mit "noch heftigeren Protesten als

beim Karikaturen-Streit - diesmal womöglich auch in Deutschland".

Auch der Generalsekretär des Zentralrats der Muslime in Deutschland, Aiman Mazyek, vermisst bei der katholischen Kirche jegliche Selbstkritik: "Diese Kirche hat selbst eine große Tradition von Gewalt. Sie ist nicht in einer Position, nun mit erhobenem Zeigefinger auf andere zu zeigen." Die Muslime erwarten eine klärende Stellungnahme, "vor allem um die Wogen zu glätten und die Besonnenen wieder aufzurufen, den Dialog weiterzuführen", sagt Mazyek.

Während Bundeskanzlerin Angela Merkel den Papst schon am Freitag öffentlich in Schutz nahm, soll sich der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Karl Lehmann, zu dem Streit um die Papst-Vorlesung erst in dieser Woche äußern. Auch sein protestantischer Amtskollege Wolfgang Huber hielt sich bisher weitgehend bedeckt. Doch der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland hat aus seiner Ansicht nie einen Hehl gemacht: "Der Islam muss sich eindeutig vom Extremismus distanzieren - und zwar unter Einschluss seiner religiösen Begründungen. Das muss eine kritische Aufarbeitung der Tradition religiöser Gewaltlegitimierung einschließen." Huber will jedoch, dass die Christen nicht vergessen, sich dabei mit auf den Prüfstand zu stellen: "Wenn christliche Kirchen diese Erwartung aussprechen, müssen sie aber zugleich selbstkritisch auf ihre eigene Geschichte blicken."

Der katholische Theologe Hans Küng äußerte "ein gewisses Verständnis" für die muslimischen Reaktionen auf die Regensburger Rede von Papst Benedikt XVI. Der Papst habe ganz sicher nicht provozieren wollen, doch habe er in seiner Vorlesung Gewalt einseitig dem Islam zugeordnet, ohne die mit dem Christentum verbundene Geschichte der Gewalt zu erwähnen. Entgegen der Intention habe die Rede deshalb "mehr geschadet als genutzt".

Das war auch im Vatikan längst klar, nun übte sich die Kurie in Krisenbewältigung. Noch auf dem Rückflug von München hatte der deutsche Kardinal Walter Kasper die Wogen zu glätten versucht: "Ich glaube nicht, dass der Heilige Vater vorhatte, sich gegen den Islam zu stellen. Man darf nicht vergessen, dass er in seinem Vortrag nur eine Schrift aus dem Ende des 14. Jahrhunderts zitiert hat. Es lag absolut nicht in seiner Absicht, ein allgemeines Urteil über den Islam abzugeben."

Der neue Sprecher des Papstes, Jesuitenpater Federico Lombardi, hat erst am Donnerstagabend eine offizielle Stellungnahme abgegeben. Benedikt XVI., sagt er, wolle "eine Haltung des Respekts und des Dialogs gegenüber den anderen Religionen und Kulturen pflegen, selbstverständlich auch gegenüber dem Islam".

Das Blatt der italienischen Bischöfe, "Avvenire", ging in die Offensive. Es berichtete von "nichtigen Anschuldigungen, die das Risiko in sich bergen, die islamischen Straßen aufzuheizen".

"Die Ausführungen des Papstes über die Verbreitung des Islams durch das Schwert sind ein historisch unangreifbares Faktum", schreibt auch der Islamkenner Magdi Allam. "Und doch wird der Papst für etwas an den Pranger gestellt und bedroht, was jeder ehrliche und vernünftige Muslim akzeptieren muss: die geschichtliche Wahrheit."

Doch ein Papst ist kein Prophet. Er darf die Wahrheit nicht sagen, ohne an die Folgen der Wahrheit zu denken. Es sind nicht nur die Islamprediger, die jedes Wort des neuen Papstes genauestens unter die Lupe des Verdachts nehmen. Auch die liberalen Kritiker des ehemaligen höchsten Glaubenswächters warten seit langem mit Argwohn auf den ersten Fauxpas des Papstes aus Marktl.

Der Vatikanist Marco Politi interpretierte die Regensburger Vorlesung sogleich als "anti-koranisch" und schrieb: "Ratzinger legt nahe, dass es nicht der gleiche Gott ist, von dem wir reden." Der Papst habe wieder einmal unmissverständlich klargemacht, dass die Türkei in Europa nichts zu suchen habe - eine Botschaft, die dort sehr gut verstanden worden war.

Auch innerhalb des Vatikans ist ein Unwohlsein über die Vorlesung zu hören. "Es hätte nicht geschadet, auch die Zwangstaufen der katholischen Kirche zumindest zu erwähnen", sagt ein Kuriensekretär.

Für einen Moment, so die römische Ethik-Professorin Claudia Mancina, habe Ratzinger in Regensburg vergessen, welchen Job er habe: "Ein Gelehrter kann über den Gottesbegriff des Islam sagen, was er will, sofern es wissenschaftlich ist und der wissenschaftlichen Kritik offensteht. Aber es scheint mir keinesfalls hilfreich, wenn das Oberhaupt einer Weltkirche ein Urteil über Konzepte einer anderen Weltreligion abgibt."

Das Thema jedenfalls treibt ihn seit langem um. Ratzinger will der islamischen Herausforderung auf einer hochabstrakten Ebene begegnen - jenseits von Politik und Ideologie. Er ist eben einer der wenigen Intellektuellen, die noch Bögen spannen können zwischen Tischgesprächen eines byzantinischen Herrschers im Winterlager 1391 und den sprengstoffgegürteten Nihilisten der Gegenwart.

Benedikt XVI. hat den Dschihad als gottlos verdammt und auch wohl deshalb die Dialogbereitschaft seines Vorgängers nie ohne Unbehagen verfolgt. Johannes Paul II. hatte keine Probleme damit, in eine Moschee zu gehen.

Schon auf seiner ersten Afrika-Reise spricht Johannes Paul II. 1980 in Nairobi von den "gemeinsamen Werten" zwischen Katholizismus und Islam. Beide Glaubensformen würden den "einen lebendigen, gnadenreichen und allmächtigen Schöpfer des Himmels und der Erden anbeten", Gebet, Spenden, Almosen und Fasten hätten in beiden Religionen einen zentralen Platz.

Ziemlich genau vor 20 Jahren, im Oktober 1986, lud Karol Wojtyla dann die Weltreligionen zum Treffen nach Assisi. Es kamen Sikhs, Rabbis und Zoroastrier, die um ein heiliges Feuer saßen; es kam der Dalai Lama, Sunniten, Schiiten, Bahais, und so-

gar der traditionalistische Erzbischof Mar-

cel Lefebvre wurde gesehen, wie er Flugblätter verteilte. Es war eine Menagerie von 200 Religionsführern, die "zusammen sein und beten" sollten, für den Frieden in der Welt, so der Wunsch des damaligen Papstes.

Für die Fundis im Vatikan war dieser "Geist von Assisi" der Beginn vom Ende, der Einbruch eines alles verstehenden Relativismus in die "una sancta et catholica". "Das kann kein Vorbild sein", mahnte damals auch der Vorsitzende der Glaubenskongregation, Kardinal Joseph Ratzinger.

Unter ihm als Papst, so befürchten viele, würde der Kirche der Geist von Assisi schon ausgetrieben werden. Doch "Prof. Dr. Papst" Joseph Ratzinger ist kein simpler Verbieter. Er hasst nur Mauschelei und Unklarheiten. So lehnte Benedikt zwar ab, zum Jahrestag nach Assisi zu reisen. Doch schickte er Anfang September Grüße an die Versammelten und lobte das gemeinsame Beten um Frieden.

Im Kern ist sich Benedikt kurioserweise mit Islamgelehrten völlig einig, jedenfalls was die Kritik an der westlichen Moderne angeht. Irans damaliger Präsident, Mohammed Chatami, redete bei den Weimarer Gesprächen im Jahr 2000 fast wortgleich vom interkulturellen Dialog als "Logik des Sprechens und des Hörens", von "trüben Scheiben, tauben Ohren" in der weltlichen Welt, wo geglaubt werde, dass "die Wahrheit ihrem Wesen nach eine relative Größe ist".

Das ist O-Ton Benedikt XVI., wie die Bayern-Reise einmal mehr bewiesen hat.

Nun stockt also der Dialog der abrahamitischen Glaubensbrüder - und das liegt eben auch am bayerischen Papst. Der Alleinvertretungsanspruch des Vatikans in Sachen Religion hat durchaus etwas Fundamentalistisches.

Aber vor allem mit Islamisten lässt sich nur schlecht diskutieren. Für sie ist Mohammed nicht nur der Letzte in einer Reihe von Propheten, zu denen auch Issa (Jesus) gehört. Für sie ist Mohammed wortwörtlich genommen "das Siegel der Propheten", der Koran die letztgültige Offenbarung, das unabänderliche, uninterpretierbare Gotteswort.

So sieht man es beispielsweise in Saudi-Arabien, wo der eng mit dem Königshaus verflochtene Wahhabismus eine besonders rigide Religionsausübung vorschreibt. Als nach dem 11. September das deutsche Außenministerium in fast alle islamisch geprägten Staaten gutausgebildete "Islam-Beauftragte" für einen kritischen Dialog aussandte, machte der Berliner Abgesandte in Riad schmerzliche Erfahrungen. Bei einem Dialogforum, bei dem der Deutsche von der "gegenseitigen Befruchtung der Weltreligionen" sprach, entgegnete ihm der oberste Mufti aus Mekka: "Natürlich können wir gern reden. Aber über welche

gegenseitige Befruchtung denn? Wir sind doch im Besitz der Wahrheit."

Dennoch, so wenig sich bis heute ein vollständig demokratischer Staat finden lässt, der vom Islam geprägt wäre, so gefährlich etwa neuere Tendenzen zu einer Fundamentalisierung der bisher so toleranten indonesischen Gesellschaft sind - im Islam gibt es viele Schattierungen und durchaus bemerkenswerte Reform-Persönlichkeiten.

Braucht der Islam zusätzlich auch noch einen "Martin Luther", der ketzerische Thesen an die Wand wirft und die Glaubensdogmen in Frage stellt?

Auch viele Muslime bejahen diese Frage. Gegenwärtig sind es unterschiedliche "Reformatoren", die um die geistige Oberherrschaft ihrer Religion kämpfen. Einige stammen aus der schiitischen Minderheit, die im Westen oft fälschlich und pauschal als der "radikalere" Teil der islamischen Welt gesehen wird (und von der Sunniten-Mehrheit derzeit in manchen Weltregionen wie dem Irak in blutigen Auseinandersetzungen als "ketzerisch" bekämpft wird). Es war Ali, der Vetter des Propheten und für die Schiiten ihr erster Imam, der gesagt hat: "Der Koran ist eine Schrift zwischen zwei Buchdeckeln. Sie spricht nicht, es sind die Menschen, die sprechen."

Vielleicht findet man deshalb unter den Schiiten einige der interessantesten Islam-Reformer, beispielsweise Abdolkarim Sorusch, einen iranischen Philosophieprofessor, der für einen religiösen Pluralismus plädiert und sich eine Trennung von Staat und Religion vorstellen kann - was ihn im

mer wieder in Konflikt mit den machthabenden Mullahs bringt.

Aber auch in der Mehrheitswelt der Sunna gibt es Vordenker, die für den Vatikan faszinierende Gesprächspartner sein könnten. Den Ägypter Nasr Hamid Abu Zaid, der den Koran für die heutige Zeit interpretiert und nach seiner Zwangsscheidung durch ägyptische Fundamentalisten an der niederländischen Universität Leiden lehrt.

Von den Apologeten eines liberalen Euro-Islam wie dem Deutsch-Syrer Bassam Tibi bis zum Mufti von Sarajevo, Mustafa Ceric, der für die in seiner Heimatstadt traditionelle Koexistenz aller Religionen plädiert: Wenn Benedikt XVI. will, wird es ihm an muslimischen Diskussionspartnern nicht fehlen.

Wie also geht es weiter? Natürlich schloss auch Benedikts Regensburger Vorlesung mit einer Einladung an die Gesprächspartner im Dialog der Kulturen, sich dem von ihm beschworenen "großen Logos", der "Weite der Vernunft" anzuschließen. Ob der politische Islam, der heute um sich greift, ihm auch dahin folgt, bleibt aber einstweilen eher unwahrscheinlich.

Einer der vielen Freitagsprediger hat das in der vergangenen Woche seinen Anhängern überdeutlich klargemacht.

Für Scheich Omar al-Bakri aus dem Libanon war Ratzingers Vorlesung die Steilvorlage für die Predigt seines Lebens. Sein Thema: die Christen, die Juden - und der Dschihad.

Was der Papst gesagt habe, sei falsch und richtig zugleich, begann der erklärte Verehrer Osama Bin Ladens seine Predigt im nordlibanesischen Tripoli. Falsch sei alles, was der ungläubige Pontifex über den Propheten sagte - "ob er es nun zitiert oder gemeint hat oder was immer".

Wahr hingegen sei, dass es im Glauben keinen Zwang gebe. Da lasse der Koran keinen Raum für Zweifel. "Wir gehen nicht vor wie die Christen in der Reconquista und sagen: Nimm unsere Religion an, oder wir bringen dich um!" Da sei der Koran ganz ohne Leidenschaft: "Ob die Ungläubigen lieber ungläubig bleiben und zur Hölle fahren wollen, das ist ihre Sache."

Unmissverständlich und in jeder Hinsicht zwingend sei dagegen der Auftrag zum Dschihad: "Es gibt den Zwang, den Islam als politische Ordnung durchzusetzen - so wie die Heere des Islam Teile des Römischen und des Persischen Reiches erobert haben." Dieser Auftrag sei selbstverständlich offensiv, beharrt Scheich Bakri: "Lasst euch da nichts vormachen." Das Dar al-Harb, das Haus des Krieges, erobert der Islam "mit dem Schwert und nicht mit dem Gedanken".

Und noch in einem letzten Punkt sei der Papst im Recht - wenn auch unwissentlich: Ratzinger habe seine Vorbehalte gegen den Dialog zwischen den Religionen deutlich gemacht und "das tun wir auch: Wir verdammen diesen Dialog".

Die Gründe dafür sind freilich verschieden, das will der Scheich gern zugeben: "Wir halten nichts vom Dialog, weil wir wissen: Das zeitgenössische Christentum, das zeitgenössische Judentum, das alles sind nur verzerrte Versionen der ewig göttlichen Wahrheit."

DIETER BEDNARZ, ANDREA BRANDT,

ERICH FOLLATH, MATHIAS MATUSSEK,

MATTHIAS SCHREIBER, ALEXANDER SMOLTCZYK, DANIEL STEINVORTH, PETER WENSIERSKI,

VOLKHARD WINDFUHR, BERNHARD ZAND

* Am vergangenen Freitag in Lahore mit Protestparolen "Lang lebe der Islam" und "Tod dem Papst" (l.) sowie: "O Muslime vereinigt euch und richtet den, der beleidigt hat".* Oben: Abbildung aus einem byzantinischen Manuskript; unten: am 11. September 2001 in New York.* Oben: Ölgemälde von Emile Signol (1804 bis 1892); unten: bei einer Übung am St.-Patricks-Tag am 17. März 2003.* Mit dem später getöteten US-Bürger Jack Hensley auf einer Qaida-Website am 22. September 2004.* In der San-Petronio-Kirche.* Vertreter der Muslime, Armenier und Juden im Dezember 2004 auf dem Fest "Garten der Religionen" in Antalya.* Am 5. Februar.

DER SPIEGEL 38/2006
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