18.09.2006

GIFTMÜLLDie Odyssee der „Probo Koala“

In Europa wird ein Schiff seine stinkende Ladung nicht los. Also fährt es an die Elfenbeinküste, wo sich skrupellose Geschäftemacher finden, die das Gift in Abidjan entsorgen. Der Fall zeigt, wie der Westen die Dritte Welt wieder verstärkt als Müllkippe nutzt.
Morgens, wenn es regnet in Abidjan, wird die giftige Brühe durch die Straßen der Lagunenstadt gespült. Eine dunkel glänzende Suppe, die nach Schwefel und faulen Eiern stinkt. Erbrechen, Nasenbluten, Kopfschmerzen oder Hautausschläge sind die Folgen der ätzenden Dämpfe.
In der Klinik von Cocody, im Zentrum der Vier-Millionen-Stadt, herrscht Ausnahmezustand. Auf den Gängen warten Frauen, die sich Atemmasken aus Papier gegen Nase und Mund drücken. Masken sind derzeit der Renner an der Elfenbeinküste. Straßenhändler verkaufen sie für 20 westafrikanische Centimes das Stück.
Vor gut einem Monat waren Tanklastwagen, beladen mit einem toxischen Brei aus Reinigungschemikalien, Benzin- und Rohölresten, ausgeschwärmt. Heimlich, im Schutze der Nacht, haben sie ihre Ladung an 14 Stellen der Stadt ausgekippt. In die Nähe von Gemüsefeldern, Fischgründen, Wasserreservoirs. 528 Kubikmeter Sondermüll, der in einem Öl- und Massengutfrachter an die westafrikanische Küste geraten war.
Jetzt sind etliche angrenzende Wohngebiete verwaist. Als die ersten Nachrichten von Toten die Runde machten, packten Tausende ihre Habseligkeiten zusammen und fuhren auf Eselskarren oder in Autobussen in die nahen Wälder - aus denen viele vor dem Bürgerkrieg geflüchtet waren. Wütende Demonstranten stürmten durch Abidjan, der zurückgetretene Verkehrsminister wurde auf offener Straße krankenhausreif geprügelt.
Sechs Menschen, darunter vier Kinder, hat der Giftschlamm das Leben gekostet. Über 9000 sind nach offiziellen Angaben der Behörden erkrankt, und dass die Ausdünstungen allmählich ihre Gefährlichkeit verlieren, ist kein Grund zum Optimismus. Da die Müllabfuhr zum Erliegen gekommen ist, befürchten Mediziner die Ausbreitung von Seuchen.
So ist es also, wenn die westliche Wohlstandsgesellschaft nicht weiß, wohin mit ihrem Dreck. Wenn sie daheim immer schärfere Umweltgesetze erlässt, wenn die Entsorgung immer teurer wird, wenn kriminelle Geschäftemacher billige Lösungen suchen.
Die Toten und Erkrankten von Abidjan stehen für das Versagen der Behörden, für die Skrupellosigkeit von Unternehmern und die Fragwürdigkeit von internationalen Abkommen wie der Baseler Konvention, die seit 1989 eigentlich den grenzüberschreitenden Transport von Giftmüll in Entwicklungsländer untersagt. Für Achim Steiner, Direktor des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (Unep), ist die Giftladung an die Elfenbeinküste "ein besonders schmerzhaftes Beispiel, wie illegale Müllbeseitigung menschliches Leid erzeugt".
Manche Experten bewerten den toxischen Cocktail von Abidjan als bislang größten Umweltskandal Afrikas. Aber eigentlich, so lässt sich an der Odyssee der "Probo Koala" schlüssig nachzeichnen, ist es ein Skandal im Herzen Europas.
Er beginnt am Nachmittag des 2. Juli. Als das Schiff im Amsterdamer Petroleumhafen entladen wird, weht der Westwind beißend stinkende Schwaden in die nahen Wohnviertel. Anwohner informieren die Polizei. "So einen Gestank haben wir hier noch nicht erlebt", sagt ein Mitarbeiter von Amsterdam Port Services
(APS). Die Fachfirma für Entsorgung entnimmt eine Probe des schwarzen Zeugs aus den Tanks der "Probo Koala". An sich deklariert als "Schmutzwasser" aus der Säuberung von Transporttanks für Benzin, ergibt die chemische Analyse abweichende Ergebnisse. In den Kohlenwasserstoffen befinden sich sogenannte Mercaptane in hoher Konzentration. Das Umpumpen der giftigen Ladung wird vorerst gestoppt.
Die APS-Manager bieten eine ordnungsgemäße Entsorgung der schwarzen Fracht in Spezialanlagen in Rotterdam an. Der Kapitän des unter panamaischer Flagge laufenden Schiffs lehnt wütend ab. Rund 250 000 Dollar würden als Kosten anfallen. Eine weitere Viertelmillion droht als Vertragsstrafe bei verspätetem Eintreffen im nächsten Hafen in Estland.
Das ist auch den Managern der weltweit operierenden Ölhandelsfirma Trafigura zu viel. In dem in Amstelveen ansässigen Unternehmen, das einen Jahresumsatz von 28 Milliarden Dollar macht, wird spitz gerechnet. Die Geschäftsleitung entscheidet sich zur Weiterfahrt.
Die "Probo Koala" legt drei Tage später wieder ab, das Ziel heißt Estland. Bei der Passage durch die deutschen oder dänischen Gewässer hätte die giftige Fracht nach den internationalen Regularien für grenzüberschreitende Abfälle auch den deutschen Behörden gemeldet werden müssen. Immerhin schickt die Amsterdamer Hafenverwaltung eine Alarminformation an die Kollegen des estnischen Hafens Paldiski, wonach ein Schiff mit "verdächtiger Ladung" zu ihnen unterwegs sei. Die "Probo Koala" wird den Chemie-Schlick auch hier nicht los. Sie füllt, ganz auftragsgemäß, Benzin in ihre Tanks, um es nach Afrika zu transportieren.
Nach dem Löschen der Ladung in Nigeria erreicht der giftige Holländer in griechischem Besitz Mitte August die Elfenbeinküste. Eine erst im Juli gegründete Firma namens Tommy übernimmt die in Europa abgelehnte Giftladung.
In ivorischen Medien wird eine interessante Deutung dieser Ereignisse ventiliert. Wurde Tommy eigens für diesen Deal gegründet? Und ist die Trafigura an der Firma beteiligt? Immerhin halten Mitglieder der Präsidentenfamilie zusammen mit der Trafigura Anteile an einer Firma namens Puma Energy. Diese wiederum gab Tommy den Auftrag, die Schiffsschlacke zu entsorgen. Am niederländischen Hauptsitz der Trafigura wird eine Beteiligung an Tommy bestritten.
Lokalzeitungen, die über das "ivorische Tschernobyl" berichten, müssen sich auf Pressionen einrichten. So wurden nicht nur sieben Mitarbeiter der Müllfirmen, sondern auch zwei Journalisten in Haft genommen. Präsident Laurent Gbagbo, der womöglich über seine Familie selbst in den Müllskandal verwickelt ist, hat die gesamte Regierung entlassen.
In einem vertraulichen Fax des Kapitäns der "Probo Koala", Jorge Marrero, an den
afrikanischen Partner, das dem SPIEGEL vorliegt, heißt es, dass es sich "nicht um Schmutzwasser aus dem normalen Schiffsbetrieb", sondern um "chemische Abwässer" handle, die die zulässigen Grenzwerte überschritten.
Nach den Aufzeichnungen über die Schiffsbewegungen lag die "Probo Koala" dieses Jahr längere Zeit als eine Art "Bunkerschiff" vor Gibraltar und Algeciras in Spanien. Doch Trafigura bestreitet, dass die "Probo Koala" chemische Rückstände anderer Schiffe aufgenommen habe.
Nach Begutachtung durch Experten der Amsterdamer APS habe das Material Eigenschaften gehabt, die auf Abfälle aus Raffinerien hindeuten. Trafigura selbst behauptet, die Ölabfälle der "Probo Koala" hätten sich nach "mehrmaligen Tankreinigungen" in dem unteren Schiffstank angesammelt. Der Chemie-Cocktail sei durch eine "zu hoch dosierte Zugabe von Soda" entstanden.
Was weitere Nachforschungen auch immer ergeben werden - der Trend, mahnen Insider, sei eindeutig: Der globale Handel wird weiter Müllskandale mit sich bringen, glaubt der Unep-Chef Steiner, da "sich der Sondermüllschmuggel immer mehr lohnt". Er will seine Organisation weiter aufrüsten, um im Vorwege solche "schmutzigen Geschäfte mit Todesfolge" zu erkennen, und fordert "harte Strafen" gegen die Firmen. 13,5 Millionen US-Dollars sollen als Soforthilfe in die Elfenbeinküste fließen.
Dass die Schwellenländer und ihre teils korrupten Regime der Ersten Welt wieder verstärkt preiswerte Entsorgungswege eröffnen, befürchtet auch die internationale Umweltorganisation Greenpeace. Nachdem es durch die verschiedenen Abkommen in den vergangenen Jahren etwas ruhiger geworden war, häufen sich nun Meldungen über Exportversuche giftiger Abfälle. Vor einem neuen "Giftmüll-Kolonialismus" warnt deshalb Gerd Leipold, Geschäftsführer von Greenpeace International. Er hat dafür handfeste Gründe.
* So landeten sortierte Kunststoffreste in Ballen aus deutschen Haushaltssammlungen des Grünen Punkts in der ägyptischen Wüste;
* in Nigeria lagerte ein Geschäftsmann für 100 Dollar im Monat Tausende italienische Giftmüllfässer auf seinem Privatgelände;
* in Benin schloss die Regierung einen Vertrag mit Frankreich gegen 1,6 Millionen Dollar Vorkasse und 30 Jahre Entwicklungshilfe, Sondermüll und sogar radioaktive Abfälle anzunehmen.
Oft getarnt als Export von "Wertstoffen", werden zudem ausgediente Computer, Handys oder anderer Elektronikschrott und auch Altautos sowie Kühlschränke massenhaft nach Afrika geliefert, allesamt mit einem Innenleben aus teilweise hochgiftigen Stoffen wie Altölen, Brandschutzmitteln, Dioxinen oder PCB.
Ein Giftmüllfall von besorgniserregender Dimension bahnt sich derzeit im Bürgerkriegsland Somalia an der afrikanischen Ostküste an. Nach dem Seebeben im Indischen Ozean im Dezember 2004 wütete die Flutwelle des Tsunami auch an der sandigen Küste von Somalia. Rund 300 Menschen starben. Die deutsche Hilfsorganisation Caritas aus Freiburg leistete über ihre somalische Partnerorganisation humanitäre Hilfe, vor allem bei den betroffenen Fischern.
Die führten die Caritas-Helfer zu seltsamen Funden an den Strand. Die Flutwelle hatte aus dem Sediment der flachen Küste große Tanks freigelegt und an Land gespült. Die unbeschrifteten Behälter unbekannter Herkunft sind sorgfältig verschweißt. Klopftests ergaben, dass sie eine Flüssigkeit enthalten.
Im Auftrag der Caritas reiste der ehemalige Greenpeace-Manager Andreas Bernstorff nach Somalia und stattete die lokalen Helfer mit entsprechenden Schutzanzügen aus. Das Umfüllen des vermuteten Giftinhalts wurde verworfen. Stattdessen sicherte man die mysteriösen Behältnisse vorläufig mit einer Ummantelung aus Glasfasermatten.
Die Unep lehnte es "aus Sicherheitsgründen" ab, in dem Bürgerkriegsland weitere Recherchen zu unternehmen. Bekannt ist, dass in den achtziger Jahren umfangreiche Giftmülltransporte insbesondere aus Italien und der Schweiz nach Somalia geschafft - und möglicherweise vor der Küste versenkt wurden. Klarheit wird erst ein sachgerechtes Aufbohren der dickwandigen Tanks unter Sicherheitsbedingungen bringen.
Konsequenzen werden neue Erkenntnisse wohl kaum noch haben, nach so vielen Jahren.
Im Fall der "Probo Koala" hingegen ist vor allem in den Niederlanden politischer Druck entstanden, der sich gegen den zuständigen Umweltstaatssekretär Pieter van Geel richtet, dessen Inspektoren die schwarze Fracht als vergleichsweise harmlosen "Schiffsabfall" beurteilt hatten. Jetzt soll der Giftmüll in Abidjan geborgen und in einer französischen Sondermüllanlage verbrannt werden.
Der mutmaßliche Verursacher des Skandals, die Ölhandelsfirma Trafigura, ist den Ermittlern der niederländischen Staatsanwaltschaft nicht unbekannt. Denn für den Bruch von Embargobestimmungen beim Milliarden-Programm "Öl gegen Lebensmittel" und Verstoß gegen US-Gesetze war die 1993 gegründete Firma vor einem Gericht in Texas zu Geldstrafen und Rückzahlung von Gewinnen in Höhe von fast 20 Millionen Dollar verurteilt worden.
Auch der Sohn von Uno-Generalsekretär Kofi Annan, Kojo, hatte nach Überzeugung der Uno-Untersuchungskommission hohe Zahlungen von Trafigura bekommen.
Im aktuellen Fall besteht die Firma darauf, dass "die Ladung doch ordnungsgemäß entsorgt worden ist". Über die Spuren, die die "Probo Koala" in der Elfenbeinküste hinterlassen habe, sei man dennoch "besorgt". SEBASTIAN KNAUER,
THILO THIELKE, GERALD TRAUFETTER
Von Knauer, Sebastian, Thielke, Thilo, Traufetter, Gerald

DER SPIEGEL 38/2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.