18.09.2006

SOZIALPSYCHOLOGIEBilder machen Geschichte

Fotos und Filme schaffen Mythen, sie verändern das Gedächtnis der Zeitzeugen und bestimmen, wie Nachgeborene über Epochen denken. Erst jetzt entdecken Historiker die Macht des Visuellen.
US-Pilot John Plummer zog seine ,Skyraider' wieder hoch", heißt es dramatisch im Buch zu Guido Knopps ZDF-Historienserie "100 Jahre" von 1999. "Hinter ihm lag das südvietnamesische Dorf Trang Bang, das er mit seiner Fliegerstaffel gerade in ein Flammenmeer verwandelt hatte."
Mittendrin in der Napalmhölle: das Mädchen Kim Phuc. Die Neunjährige hat sich die Kleider vom Leib gerissen und rennt schreiend die Straße hinunter, weg vom düsterschwarzen Bombennebel. Das Foto ihrer Flucht ging um die Welt. Noch heute gilt es als Ikone des Vietnam-Kriegs, eine Anklage gegen die Amerikaner.
Nur waren es gar keine US-Piloten, die am 8. Juni 1972 Napalm auf Trang Bang warfen - schon gar nicht John Plummer. Die Amerikaner haben den Angriff auch nicht befohlen. Die Südvietnamesen selbst bombardierten das Dorf, in dem sie nordvietnamesische Soldaten vermuteten.
Doch diese Wahrheit geriet schnell in Vergessenheit. So dokumentiert das Foto weit mehr als das Grauen des Krieges. Es steht auch als Beispiel für die Macht der Bilder über die historische Wahrheit. Und dafür, wie Geschichtswissenschaftler die ungeheure Bedeutung visueller Zeugnisse "sträflicherweise ignoriert" haben, wie Gerhard Paul vom Institut für Geschichte
und ihre Didaktik der Universität Flensburg meint.
"Gerade die Alltagskultur der Zeitgeschichte aber", sagt der Historiker, "ist ohne Film und Fotografie gar nicht vorstellbar." So weiß jeder Hollywood-Star, wie er sich in Film und Foto zelebrieren muss, damit sein Stern möglichst hell und lange funkelt - unvergessen Marilyn Monroe, wie sie mit plusterndem Rock über dem U-Bahn-Schacht posierte. Spätestens seit den visuellen Inszenierungen der NS-Diktatur mutet die Erkenntnis von der Macht der Bilder an wie eine Binse. Und der Philosoph Walter Benjamin schließlich erkannte schon vor dem Zweiten Weltkrieg: "Geschichte zerfällt in Bilder, nicht in Geschichten."
Wie also konnten die Historiker jene Medien übersehen? "Ganz einfach", meint Paul: "Veritas in actis. Ganze Generationen von Geschichtswissenschaftlern sind an schriftlichen Quellen, an Akten, Verträgen, Briefen, ausgebildet worden." So gesehen sei es kein Wunder, dass seiner Schätzung zufolge "bis zu 80 Prozent der Bildlegenden in den Geschichtsbüchern fehlerhaft oder unvollständig sind".
Inzwischen aber hat bei den Historikern das Umdenken eingesetzt - und sogleich ein Etikett bekommen: "visual turn", die visuelle Wende. "Vor allem die Wehrmachtsausstellung hat das angestoßen", erklärt Paul. Die Forscher waren damals frappiert, mit welcher Strahlkraft es den Bildern gelang, das bereits lange vorhandene Wissen über die Gräueltaten der Wehrmacht den Betrachtern in die Köpfe zu brennen.
So begannen die Geschichtswissenschaftler, Fotos und Filme zu lesen - und nicht nur zu betrachten. "Das kommt einer Revolution gleich", sagt Paul. Erstmals steht die "Macht der Bilder" auch im Mittelpunkt des Historikertags. Der beginnt am Dienstag dieser Woche in Konstanz, Motto: "GeschichtsBilder".
Wie beeinflussen Fotos und Filme unsere Erinnerung?, lautet eine der Fragen in diesem unübersichtlich großen Forschungsraum, der sich da vor den Historikern auftut. Auch sei bis heute nicht ergründet, "wie die Bilderflut der Nazi-Propaganda, die ja jetzt schon seit Jahrzehnten ungefiltert durch Fernsehfeatures auf uns einströmt, auf unser Geschichtsbewusstsein wirkt", sagt der Sozialpsychologe Harald Welzer vom Kulturwissenschaftlichen Institut Essen.
Der wohl erstaunlichste Befund der Forscher: Fotos und Filme können die eigene Erinnerung komplett fälschen. Sie füllen Lücken, überlagern tatsächlich Geschehenes mit Bildern aus Szenen, denen der Zeitzeuge in Wahrheit nie beigewohnt hat, die vielleicht sogar nie wirklich passiert sind. "Vietnam-Veteranen zum Beispiel beschreiben Situationen, die aus dem Spielfilm ,Apocalypse Now' stammen", berichtet Gerhard Paul. "Genauso erging es deutschen Soldaten, die in den fünfziger Jahren die Kriegsfilmreihe ,08/15' anschauten."
Ein berühmtes Beispiel ist Ronald Reagan, der in den achtziger Jahren gern und oft mit Tränen in den Augen von einer seiner dramatischen Weltkriegserinnerungen berichtete: Das Flugzeug war getroffen, alle sollten springen, doch ein junger Schütze war zu schwer verletzt. Woraufhin der Pilot, selbstloser, mutiger Held, sagt: "Macht nichts, mein Junge. Dann bringen wir die Kiste eben gemeinsam runter."
Gute Story - nur stammt sie original aus dem Schwarzweißfilm "Wing and a Prayer" von 1944. Reagan war das nicht bewusst.
"Der Erinnernde importiert die Bilder in sein eigenes Erleben", erklärt Welzer. Der Forscher hat Dutzende Interviews mit Zeitzeugen, deren Kindern und Enkeln geführt und fand in ihren Berichten Sequenzen von Filmen wie "Die Brücke", "Das Boot" oder "Des Teufels General" - nahtlos eingebaut. "Sie werden verwoben mit den autobiografischen Erfahrungen, aber auch mit Träumen, Phantasien, Erzählungen, Romanen. Und weil wir nicht über einen inneren Lügendetektor verfügen, schwören die Leute Stein und Bein, dass es so gewesen ist und nicht anders."
Wie schnell das offenbar fragile Gedächtnis von Bildern überwältigt werden kann, zeigt der Historiker Christoph Hamann anhand eines der bekanntesten Symbolbilder für den Holocaust: des Torhauses zum Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau,
aufgenommen 1945. Die stille, unheilschwangere Metaphorik der Schienen, die sich bündeln und dann zulaufen auf jenes Portal zur Hölle, führt zu einem Trugschluss: Der Betrachter nimmt an, er schaue von außen aufs Torhaus. Tatsächlich wurde das Foto im Lagerinnern aufgenommen. Das Drama von der Fahrt zur Endstation, das jenes Bild bei umgekehrter Deutung erzählt, ist aber offenbar so suggestiv, so mächtig, dass sogar Überlebende nur wenige Monate nach der Befreiung den Schienenstrang in ihren Zeichnungen und Gemälden ebenfalls außen verorteten.
"Jeder puzzelt sich seine eigene Erinnerung", sagt Welzer. "Mit der Geschichtsschreibung, die ja eine möglichst objektive Wahrheit sucht, hat das wenig zu tun."
Daher beschäftigt es derzeit Historiker und Politologen, welches Geschichtsbild die unzähligen NS-Dokumentationen, Doku-Dramen und Spielfilme wie "Der Untergang" in den Zuschauern konstruieren. Das Problem dabei ist nämlich: Die Filmemacher bedienen sich aus dem Bildinventar und der Ästhetik des Nazi-Regimes selbst.
So konsumiert das deutsche Fernsehpublikum immer wieder die alten Wochenschauen als Abbild der Wirklichkeit. "Die waren wahnsinnig gut inszeniert", sagt Welzer. "Die NS-Gesellschaft war ja die erste, die so bewusst auf massenmediale Präsentation ihrer selbst gesetzt hat."
So wirken die angeblich lehrreichen Dokus völlig paradox. Welzer: "Man interpretiert heute noch das Dritte Reich nach dem Bild, das es von sich selbst geschaffen hat."
Die heute so freundlich von den Filmemachern reproduzierte Propaganda inszenierte vor allem den Führer und seine Entourage in Bildern voller Glamour und Gänsehaut. Die kleinen Täter, Opa, Onkel, Nachbarin, bleiben bis heute unsichtbar. So konnte sich diese "idiotische Vorstellung" festsetzen, meint Welzer, der zufolge "1933 diese Wahnsinnigen wie in einem Raumschiff herbeischwebten, ausstiegen, zwölf Jahre lang alle Menschen verführten und dann wieder abgehauen sind".
Was machen die Forscher jetzt mit dem neuen Wissen? Bilder ihrer Mythen entkleiden, die Geschichte ihrer Wirkung recherchieren, zum Beispiel. Das hat Gerhard Paul unlängst für das Bild des Mädchens Kim Phuc getan: "Diese zählebige Legende, dass der Angriff auf Trang Bang von Amerikanern angeordnet, wenn nicht sogar geflogen worden sei, hat vermutlich die internationale Antikriegsbewegung aufgebracht."
Und John Plummer, ein zwischenzeitlich dem Alkohol verfallener Veteran, später Prediger, hat sich selbst als reuiger, um Vergebung flehender Todesengel in die Aura des berühmten Bildes befördert. Man glaubte ihm.
Vor allem aber hat das Bild, das laut Legende Geschichte schrieb, genau dieses nicht getan: Das Foto habe, so geht das Medienmärchen, die Öffentlichkeit aufgerüttelt; dadurch wuchs der Druck auf die US-Regierung, den Einsatz ihrer Truppen in Vietnam endlich zu beenden. "Das ist Unsinn", sagt Paul. "Als das Foto entstand, war der Truppenabzug längst in vollem Gange." RAFAELA VON BREDOW
* Kim Phuc (M.), Verwandte beim Luftangriff auf Trang Bang am 8. Juni 1972.
* Während der Dreharbeiten zu "Das verflixte siebente Jahr".
Von Rafaela von Bredow

DER SPIEGEL 38/2006
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