25.09.2006

Der schreibende Nomade

Nahaufnahme: Der Schriftsteller Michel Butor, Legende des Nouveau Roman, blickt auf sein enzyklopädisches Lebenswerk.
Das Haus steht mitten im Dorf, gleich neben der Kirche, gegenüber der Schule und dem Rathaus. Deshalb wirkt die handgemalte Holztafel vor der Terrasse wie ein Warnschild, vielleicht sogar wie ein Manifest: "à l'écart", steht da drauf, abgeschieden. Der rüstige alte Herr, der sich den Mondänitäten und dem eitlen Gesumme des Kulturbetriebs demonstrativ verweigert, sieht in seiner blauen Latzhose aus wie ein Gärtner, dessen einziger Ehrgeiz nur noch darin besteht, seltene Blumen zu züchten.
Willkommen im französischen Alpenort Lucinges bei Michel Butor, dem Miterfinder des Nouveau Roman, einem der fruchtbarsten Schriftsteller der Nachkriegszeit. Gut 1400 Titel hat er veröffentlicht, eine unfassbare Menge; in seiner eigenen Bibliografie kann er sich nur mit Hilfe des Computers zurechtfinden. Derzeit werden seine gesammelten Werke herausgegeben, zwei schwere Bände mit jeweils über tausend Seiten sind bereits erschienen, zwei weitere folgen Mitte Oktober, mindestens 14 dürften es am Ende wohl sein, wenn der Verlag mutig durchhält.
Man hat Butor mit dem schreibbesessenen Balzac verglichen, dem literarischen Soziologen der Menschlichen Komödie. "Ach was", sagt der so Geehrte, der gerade 80 geworden ist, "Balzac wurde längst nicht so alt wie ich, er hat in kürzerer Zeit viel mehr geschrieben." Immerhin scheint er zu akzeptieren, in derselben Kategorie wie das bewunderte Vorbild zu spielen. Ein Klassiker will er dennoch nicht sein, das würde in seinen Augen bedeuten, "im Sarg" zu liegen. Er hat es nicht eilig.
Seinen Geburtstag feierte er mit zwei kleinen Gedichtbänden, "Octogénaire" und "Seize lustres", was beides so viel wie 80 bedeutet. Die französische Nationalbibliothek hat ihm eine Ausstellung gewidmet, der enorme "Dictionnaire Butor" im Internet ist eine unerschöpfliche Fundgrube.
Butor schreibt heute nur noch Poesie, am liebsten für Bildbände von Künstlern -
Synthesen von Lyrik und Malerei. Doch berühmt wurde er mit seinen Romanen, vor allem "La Modification" (1957), in dem eine Zugreise von Paris nach Rom in der zweiten Person erzählt wird; das Ich wird dauernd angeredet, gleichsam von außen beobachtet und kommentiert, so dass das vom Helden dargestellte Geschehen als falscher Schein entlarvt werden kann.
"Noch immer werde ich mit dem Nouveau Roman identifiziert", amüsiert sich Butor, "dabei habe ich mich 1960 davon verabschiedet." Alain Robbe-Grillet, der Theoretiker dieser neuen, revolutionären Gegenwelt des Romans, Claude Simon, der letzte französische Literatur-Nobelpreisträger, und Nathalie Sarraute gehörten damals zu seinen Weggefährten. Von ihnen ist nur noch Robbe-Grillet, 84, am Leben; er wurde als "Unsterblicher" in die Académie française gewählt, aber noch nicht aufgenommen, weil er sich weigert, das traditionelle grüne Habit mit Degen zu tragen und die obligatorische Antrittsrede zu halten. "Pariser Spielereien", sagt der Eremit von Lucinges verächtlich dazu; er konnte Robbe-Grillet noch nie leiden und hält ihn für einen miserablen Analytiker.
Die Autoren des Nouveau Roman, die auf ketzerisch-verstörende Weise die Erzählkategorien von Raum, Zeit, Kausalität und Subjekt aufhoben, hatten eine Reihe von Vorbildern gemeinsam - Proust, Gide, Faulkner, Kafka, Joyce. Und sie waren alle tief vom Kino beeinflusst, dessen Schneidetechnik sie in die Romanform übertrugen. Heraus kam eine neue Wahrnehmung der Welt, eine eigene literarische Phänomenologie.
Die dritte Dimension von Butors Wirken sind Essais, Kritiken und Reiseberichte, einfach "Texte" genannt, eine Art Nomadentum der Schriftstellerei. Butor wurde gewissermaßen in die Welt hinausgetrieben. Er hatte Philosophie studiert, doch bei der Agrégation, der Aufnahmeprüfung für das höhere Lehramt, fiel er zu seiner großen Verwunderung mehrmals hintereinander durch. Als Gastdozent lehrte er in vielen Ländern, am längsten in den Vereinigten Staaten von Amerika, denen er 1962 seine skandalös unkonventionelle Studie "Mobile" widmete.
Ein USA-Aufenthalt, sagt Butor, sei für jeden jungen Intellektuellen so wichtig wie früher die Bildungsreise nach Rom. "Die USA sind nicht nur für die Europäer ein fremdes Land, sondern auch für die Amerikaner selbst. Man kann Amerika mit Amerika kritisieren, das gibt endlosen Stoff für spannende Meditationen."
Und Deutschland, das er als Land der Bibliotheken in Erinnerung hat und dem er die schmale Schrift "Bildnis des Künstlers als junger Affe" widmete? "Für jeden französischen Philosophiestudenten nach dem Krieg waren Husserl und Heidegger unumgängliche Säulenheilige", bekennt er. Heidegger hat er einmal persönlich erlebt, beim Besuch einer französischen Studentengruppe im Schwarzwald. Der Philosoph, sehr unnahbar, sehr professoral, kam im Lodenjanker, "wie ein Förster kostümiert", ein Kontrast, den Butor und seine Kameraden zum Schreien komisch fanden. "Danach war Heidegger für mich ziemlich reduziert." Statt an die deutschen Denker hielt sich Butor fortan lieber an die Dichter, an Goethe, Hölderlin, Jean Paul und E. T. A. Hoffmann.
Zeitgenössische Autoren liest er so gut wie gar nicht. Der Rummel um die Preisverleihungen des Buchherbstes interessiert ihn nicht. Der Nomade, der alle Kontinente bereiste, ist seit 17 Jahren in der Haute-Savoie sesshaft geworden. Abgeschieden eben: "Ich brauche diese Distanz." ROMAIN LEICK
* Oben: 2. v. r., mit Nouveau-Roman-Kollegen Nathalie Sarraute, Alain Robbe-Grillet, Claude Simon (um 1953).
Von Romain Leick

DER SPIEGEL 39/2006
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