02.10.2006

INTEGRATION„Friede, Freude, Eierkuchen“

Der Göttinger Politikwissenschaftler Bassam Tibi über die Islamkonferenz, den religiösen Dogmatismus der Muslime und die deutsche Neigung zur Selbstaufgabe
Tibi, 62, in Damaskus geboren, kam mit 18 Jahren zum Studium nach Frankfurt am Main, 1976 erhielt er die deutsche Staatsbürgerschaft.
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SPIEGEL: Die Intendantin der Deutschen Oper in Berlin hat die Mozart-Oper "Idomeneo" aus Furcht vor islamistischen Reaktionen vom Spielplan genommen. Ist das ein erstes Zeichen, dass sich Deutschland dem Islam unterwirft?
Tibi: Nicht ein erstes Zeichen, ein wiederholtes Zeichen. Denn solche Unterwerfung hat es in der letzten Zeit immer wieder gegeben, zuletzt bei der Entschuldigung des Papstes. Beim Thema Islam gibt es in Deutschland keine Pressefreiheit, keine Denkfreiheit. Organisierte Truppen in der Islamgemeinde wollen bestimmen, was hier gesagt werden darf, was hier gemacht werden darf. Ich selbst bin mehrmals von Veranstaltungen ausgeladen worden, weil es Drohungen gab.
SPIEGEL: Sie wollen behaupten, dass in Deutschland Islamkritiker systematisch mundtot gemacht werden?
Tibi: Ja. Selbst die verhältnismäßig moderate türkische Organisation Ditib sagt, es gebe keinen Islamismus, es gebe nur Islam und Muslime - alles andere sei Rassismus. Dann können sie Religionskritik nicht mehr leisten. Der Rassismusvorwurf ist eine in Deutschland sehr wirksame Waffe. Das wissen die Islamisten: Wenn sie den Vorwurf erheben, jemand schüre das "Feindbild Islam", macht die europäische Seite einen Rückzieher. Mich hat man auch mit diesem Dreck beworfen, dabei kann meine Familie ihre Genealogie zurückverfolgen bis Mohammed, und ich selbst kann den Koran auswendig.
SPIEGEL: Sie haben mehrfach davon gesprochen, der Konflikt zwischen der westlichen Welt und islamischen Gruppierungen hier sei ein "weltanschaulicher Krieg".
Tibi: Nach dem Ende des bipolaren Konflikts berufen sich die Menschen auf ihre Kultur und machen damit Politik. In Deutschland versuchen Vertreter der Islamgemeinde, hier geborene Kinder und die gesamte islamische Gemeinschaft zu hijacken, um zu verhindern, dass sie unter Einfluss der Aufnahmegesellschaft geraten. Hier geborene Kinder sind wie weiße Blätter, sie können sie europäisch beschriften oder islamisch. Und muslimische Vertreter versuchen, dass die Kinder so werden, als ob sie gar nicht in Europa lebten.
SPIEGEL: Viele in Deutschland haben die Vorstellung eines friedlichen Zusammenlebens, ohne Parallelgesellschaften. Ist es deshalb richtig, sich kompromissbereit zu zeigen, den Zorn der Muslime nicht unnötig herauszufordern?
Tibi: Im Gegenteil. Die Islamfunktionäre hier sind sehr intelligent, sie werten das als Schwäche. Die Muslime stehen absolut zu ihrer Religion, das ist religiöser Absolutismus. Und die Europäer stehen nicht mehr zu den Werten ihrer Zivilisation. Sie verwechseln Toleranz mit Relativismus.
SPIEGEL: Wenn euch etwas beleidigt, dann lassen wir das lieber - dieser Standpunkt entschärft den Konflikt nicht?
Tibi: Nein, das ist Selbstaufgabe. Und je schwächer die Muslime den Partner einschätzen, desto größer ist der Ärger, der von ihnen ausgeht. Und der ist obendrein oft geplant. Beim Karikaturenstreit war alles orchestriert, da war nichts spontan. Viele Leute dort wissen nicht, ob Dänemark ein Land ist oder ein Käse. Woher haben sie Dänemark-Fahnen? Solche Proteste, das sind die Waffen in diesem Krieg der Ideen. Oder nehmen Sie einen anderen Fall: Der Präsident des iranischen Parlaments war zu Besuch in Belgien, er hatte einen Termin mit seiner belgischen Kollegin. Er hat sich geweigert, ihr die Hand zu geben. Deshalb hat sie ihn nicht empfangen. Er ist abgereist und hat ihr Rassismus vorgeworfen. Der Vorwurf der mangelnden Sensibilität gegenüber den Kulturen ist eine Waffe. Und die muss man neutralisieren.
SPIEGEL: Kann die von Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble initiierte Islamkonferenz
in diesem grundsätzlichen Konflikt helfen?
Tibi: Nein, weil das oberste Tabu ist, dass es einen solchen Konflikt überhaupt gibt. Der wird verleugnet. Stattdessen redet man von Missverständnissen und, dass man die beheben wird. Aber ein Wertekonflikt ist kein Missverständnis. Islamische Orthodoxie und Grundgesetz, das geht nicht. Und deshalb ist die Islamkonferenz schon jetzt gescheitert.
SPIEGEL: Also was dann?
Tibi: Die Muslime müssen sich von drei Dingen trennen, wenn sie Europäer werden wollen, und zwei Dinge neu definieren. Sie müssen Abschied nehmen von der Pflicht, andere zu missionieren, und vom Dschihad. Denn das bedeutet nicht nur Pflicht zur Selbstanstrengung - Dschihad heißt auch Einsatz von Gewalt zur Verbreitung des Islam. Und die dritte Sache ist die Scharia, das islamische Rechtssystem, das unvereinbar ist mit dem Grundgesetz.
SPIEGEL: Und was müsste umdefiniert werden?
Tibi: Pluralismus und Toleranz sind Bestandteil der Moderne. Damit muss man sich arrangieren. Aber Pluralismus heißt nicht nur Vielfalt, sondern dass wir dieselben Regeln und Werte teilen, aber dennoch anders sind - auf dieser Basis. Im Islam gibt es das nicht. Genauso wenig wie Toleranz. Im Islam bedeutet Toleranz, dass Christen und Juden unter der Herrschaft der Muslime als Schutzbefohlene leben dürfen, aber niemals als gleichberechtigte Bürger. Was die Muslime Toleranz nennen, ist nichts anderes als Diskriminierung.
SPIEGEL: Wie viele der gut drei Millionen Muslime in Deutschland würden diese Forderungen denn unterschreiben?
Tibi: Ein paar tausend vielleicht.
SPIEGEL: Und die Verbände auf der Islamkonferenz? Immerhin haben die doch alle deutlich gesagt, dass die Diskussion auf Basis des Grundgesetzes stattfindet. Sie haben auch erklärt, dass es erlaubt sei, die Religion zu wechseln oder gar keine zu haben, obwohl nach der Scharia der Abfall vom Glauben mit dem Tode bestraft wird. Ein glaubwürdiges Bekenntnis?
Tibi: Ich bezweifele, dass diese Erklärungen stimmen. Bei Schäuble sind fast nur Vertreter des organisierten Islam. Schäubles Problem ist der Terrorismus, und wenn die Verbände ihm sagen: "Wir sind gegen Terrorismus", dann ist alles Friede, Freude, Eierkuchen. Aber das ist keine Politik.
SPIEGEL: Mit wem soll Schäuble denn reden? Mit Ihnen? Sie befürworten seit vielen Jahren einen aufgeklärten Euro-Islam - eine vieldiskutierte Sache -, aber der ist doch bislang fast eine One-Man-Show geblieben.
Tibi: Ich bin Islamreformer, und ich bin nicht allein. Nächsten Monat treffe ich mich in Kopenhagen mit 20 weiteren Islamreformern. Wir versuchen, die Tradition der Aufklärung im Islam neu zu beleben. Aber es ist unser Fehler, dass wir uns nicht vereinigen.
SPIEGEL: Und jenseits dieser Wissenschaftler und Denker?
Tibi: Viel wichtiger wären aufgeklärte Imame. Aber als die Alfred Herrhausen Gesellschaft vor ein paar Jahren einen Imam, der fließend Deutsch spricht und europäisch denkt, zu einer Dialogveranstaltung einladen wollte, hat sie keinen gefunden.
Schließlich hat sie den Obermufti von Marseille genommen. Warum gibt es dort solche Menschen? Der französische Staat und die Gesellschaft haben daran gearbeitet.
SPIEGEL: Der deutsche Staat soll den Islam reformieren?
Tibi: Natürlich nicht. Aber der französische Staat hat Geburtshilfe für einen Rat der Muslime geleistet, der hundertprozentig im Einklang mit europäischen Werten steht. Wenn er das nicht getan hätte, wäre der Rat wahrscheinlich in den Händen der Muslimbrüder. Die Zivilgesellschaft ist gefordert, aber der Staat muss helfen. Denn wenn er sich so neutral verhält wie der deutsche, dann gewinnen die Islamisten.
SPIEGEL: Schäuble sucht auf der Islamkonferenz auch Partner für den Islamunterricht an Schulen und für die Ausbildung von Imamen.
Tibi: Das sind gute Ansätze. Wichtig ist: Die Lehrer müssen hier ausgebildet sein, Staat und Gesellschaft müssen das Curriculum bestimmen.
SPIEGEL: Sie haben häufig konstatiert, dass die Integration der Muslime in Deutschland gescheitert ist. Sie könne nur durch eine "Erziehung zur Zivilgesellschaft" erreicht werden. Aber wer soll das machen und wer entscheidet, wer diese Erziehung braucht?
Tibi: Ich denke da an das, was in Deutschland nach dem "Dritten Reich" gemacht wurde, die Re-Education. Die Sozialkundelehrer, die politikwissenschaftlichen Fakultäten sollten junge Menschen zu Demokraten machen. Das hat damals funktioniert, warum sollte das nicht auch ein Modell für Muslime sein? In den Jugendclubs, in der Schule, über den Islamunterricht. Das dauert natürlich lange, 50 Jahre, aber man muss anfangen.
SPIEGEL: Aber wie wollen sie die dritte Generation dem Einfluss der Moscheegemeinden entziehen?
Tibi: Ich habe auch kein klares Konzept, wie man das machen soll. Die Lage sieht ja so aus: Die jungen Muslime wollen durchaus "members of the club" sein, Teil der deutschen Gesellschaft, aber sie werden abgestoßen. Und die Parallelgesellschaften bieten Wärme. Es ist ein Teufelskreis.
SPIEGEL: Erstaunlich ist aber doch, dass Sie sich selbst auch als ein Beispiel gescheiterter Integration sehen. Sie lehren seit über 30 Jahren an einer deutschen Universität, Sie haben 26 Bücher auf Deutsch geschrieben, und das Bundesverdienstkreuz haben Sie auch. Warum um alles in der Welt sind Sie nicht integriert?
Tibi: Es geht um ein Gefühl der Zugehörigkeit. In Deutschland ist es kein Widerspruch zu sagen, Herr Tibi ist Syrer und hat einen deutschen Pass. In Frankreich ist es das aber, und in Amerika ist es ein Grund für eine Klage, weil man jemanden von der amerikanischen Gemeinschaft ausschließt. Deutscher, das bin ich auch nach 40 Jahren hier noch nicht. Ich glaube auch, dass ich kein C4-Professor geworden bin, weil ich Ausländer bin. Nach meiner Pensionierung werde ich Deutschland verlassen und an die Cornell University in den USA gehen.
SPIEGEL: Das klingt larmoyant. Was soll Deutschland denn noch tun?
Tibi: Wir brauchen auch bei den Deutschen einen Kulturwandel. Es kann nicht sein, dass nur der, der hier geboren ist und ethnisch deutsche Eltern hat, als Deutscher gesehen wird. Dabei haben schon fast 20 Prozent der Menschen, die in Deutschland leben, einen Migrationshintergrund. Das Problem ist: Deutschland kann den Fremden keine Identität anbieten, weil die Deutschen selbst kaum eine haben. Das ist wohl eine Folge von Auschwitz. Die Stärke Amerikas ist, dass es in eine Gemeinschaft aufnehmen kann.
INTERVIEW: CORDULA MEYER, CAROLINE SCHMIDT
Von Cordula Meyer und Caroline Schmidt

DER SPIEGEL 40/2006
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