02.10.2006

Zettel für den Ewigen

Global Village: Das Herz der Steine - was Gläubige und Touristen der Klagemauer in ihren Bittbriefen anvertrauen.
Um diesen Blick aus seinem Büro beneiden den Rabbi Schmuel Rabinowitz so ziemlich alle frommen Juden auf der ganzen Welt. Vor seinen Augen liegt das Heiligste, die Klagemauer. Auch mitten in der Nacht stehen dort unten schwarzgekleidete Gläubige vor den mächtigen Kalksteinquadern, sie schaukeln rhythmisch im Gebetstakt, küssen immer wieder die verwitterten Steine, die nach der Überlieferung die letzten Reste des vor fast 2000 Jahren zerstörten jüdischen Tempels darstellen, auch wenn es nur eine äußere Stützmauer war.
An keinen anderen Ort in Israel kommen auch so viele Touristen, rund 1,2 Millionen waren es im vergangenen Jahr. Etliche folgen dem alten Brauch und stecken kleine Zettelchen mit ihren Wünschen in die grasüberwucherten Steinritzen, an manchen Stellen quellen sie über. Wie viele Papierchen es genau sind, weiß auch Rabbi Rabinowitz nicht, obwohl es zu seinen Aufgaben gehört, das Gemäuer mindestens zweimal im Jahr von den Seelenbriefchen zu befreien.
An die 150 Kisten füllen die Arbeiter vom Oberrabbinat beim Großreinemachen vor dem Pessachfest. Die Männer müssen sich zuvor im jüdischen Ritualbad - der Mikwe - säubern. Denn beim Entfernen der Bittbriefe kann es ja passieren, dass sie mit der Hand tief in die Steinritzen hineingreifen müssen und dann womöglich das Innere des Tempelbergs berühren. Den heiligen Bezirk durfte man, als es ihn noch gab, nicht unrein betreten.
Die abgeernteten Zettel werden dann auf dem Ölberg begraben. Nach jüdischer Tradition dürfen keine Bücher, darf kein Schriftstück, in dem der Name Gottes Erwähnung findet, verbrannt oder weggeworfen werden.
Dort auf dem Ölberg, gleich hinter der Altstadt, liegen auch die Wünsche prominenter Klagemauer-Besucher beerdigt, sei es Gérard Dépardieu oder Papst Johannes Paul II., der in seinem Brieflein um Verzeihung für die Sünden der katholischen Kirche an den Juden gebeten hatte. Auch Laura Bush, die Frau des amerikanischen Präsidenten, platzierte ein Sendschreiben zwischen den Ritzen der herodianischen Steine.
Dass viele der Bittsteller Christen sind, stört den Rabbi der Klagemauer nicht: "Schon bei Jesaja steht: Mein Haus ist ein Gebetshaus für alle Völker", sagt Rabinowitz. Das geistige Oberhaupt über die Klagemauer trägt den langen schwarzen Kaftan und den hohen Hut, der ihn als Rabbi kenntlich macht. Im Bücherregal stehen dickleibige Gesetzesbücher des Judentums, Thora und Talmud. Rabinowitz spricht Jiddisch, die sanfte alte Sprache des mittel- und osteuropäischen Judentums. Seine Vorfahren, die Bergmann hießen, wanderten vor 180 Jahren aus Deutschland ins Heilige Land ein. Mit seinen 40 Jahren ist er ein junger Rabbiner und hat für globalen Zugang zum jüdischen Heiligtum gesorgt - man kann es ganz profan im Internet besuchen.
Zu diesem Zweck fangen Webcams 24 Stunden lang live das Leben rund um die angebeteten Steine ein. Surfer können online an der Klagemauer beten, die, neben dem sichtbaren Teil, unterirdisch noch über 300 Meter in einem Tunnel weiterführt. "Entweder die Menschen kommen zur Klagemauer, oder wir bringen die Klagemauer zu ihnen", sagt Rabinowitz lakonisch.
Um die Privatsphäre der Betenden zu wahren, sind Nahaufnahmen allerdings verboten. Am Sabbat bleiben die Kameras ausgeschaltet, für fromme Juden ist Filmen und Fotografieren am Ruhetag des Herrn verboten.
Auch für einen Bittbrief in der Klagemauer muss man sich nicht mehr persönlich nach Jerusalem bemühen, das geht jetzt einfach per E-Mail. Auf der Website der Klagemauer gibt es dafür ein eigenes Formular, das ausgefüllt werden muss. Die Zustellung erfolgt prompt. Ein- bis zweimal täglich drucken die drei Internet-Mitarbeiter des Rabbis die Mails aus und stecken sie dann zwischen die Steine. Auch die Telefongesellschaft Bezek bietet eine E-Mail-Adresse und Fax-Nummer zur Klagemauer an.
Wer den klassischen Postweg vorzieht, muss länger warten. An der Klagemauer liefert die israelische Post nämlich nur zweimal im Jahr die Briefe "an den lieben Gott" aus. 2000 bis 3000 Bittbriefe an "God, Jerusalem, Israel", "Señor Jesús" oder den "König des Universums" gehen pro Jahr ein.
In einer Zeremonie, zu der die Postler ihre besten Samtkippas aufziehen, werden die Briefe an Rabbi Rabinowitz übergeben, der sie in besonders breite Ritzen der Mauer schiebt. "Ewiger, erhöre ihre Gebete", murmelt er dabei und küsst die Steine.
Rabbi Rabinowitz hat noch nie einen Zettel in die Klagemauer gesteckt, sagt er, für fromme Juden ist das ohnehin Mumpitz. "Durch das Gebet sind wir ständig im Gespräch mit dem Öbersten", meint Rabinowitz. Der "Öberste", so nennt er Gott auf Jiddisch.
In seinem Büro mit Logenblick auf die Mauer empfängt der weltoffene Rabbi auch etliche gar nicht so religiöse Besucher. Warum übt das verwitterte Bauwerk eine solche Faszination aus? Wie so oft antwortet Rabinowitz mit einem Zitat: "Wie schon der große Rabbi Kook sagte: Es gibt Menschen aus Stein. Aber in der Klagemauer haben die Steine das Herz von Menschen." ANNETTE GROSSBONGARDT
Von Annette Grossbongardt

DER SPIEGEL 40/2006
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