02.10.2006

Bananen und Wasser

Von Wellershoff, Marianne

Nahaufnahme: Auch auf der Mailänder Modemesse dominieren die Dünnen den Laufsteg.

Vor dem Hotel Diana an der Piazza Oberdan drängeln sich die Schwarzgekleideten, glänzend schwarze Einladungen werden vorgezeigt, Namenslisten geprüft, es wird eingelassen und abgewiesen. Hier, im Ballsaal des Hotels, wird Gucci gleich seine Kollektion für das Frühjahr/Sommer 2007 zeigen.

Es lastet einiger Druck auf der Designerin Frida Giannini, der Druck des Erfolgs, denn seit sie die Nachfolge von Tom Ford angetreten hat, stieg der Umsatz der Gucci-Mode um 35,7 Prozent. Spektakulär kurz sind die A-förmigen Kleider, die Giannini über den Laufsteg schickt, und es ist klar, nur mit sehr, sehr schlanken Beinen können sie gut aussehen. Die eleganten schwingenden Entwürfe erinnern an die sechziger Jahre und die Models an Twiggy. Doch heute sind die Models viel größer als damals. "Durch die großen dünnen Mädchen bekommt die A-Linie eine neue Proportion", sagt Hugo Maria Nieswandt, der bei Gucci für seine drei Modeläden in Pavia einkauft, "das ist interessant."

Die Russin Vlada Roslyakova ist eines dieser großen dünnen Mädchen. Brustumfang 80 Zentimeter, Taille 58 Zentimeter, Hüfte 86 Zentimeter, bei einer Größe von 1,78 Metern. Milana Bogolepova, 1,80 Meter groß, hat die Maße 86-61-86. Die Nummer fünf der inoffiziellen Model-Weltrangliste ist die Norwegerin Iselin Steiro, auch sie marschiert lang- und dürrbeinig über Guccis glänzenden Laufsteg. Ihre Maße: 83-64-89. Würde in Mailand, wie bei den Madrider Modeschauen, ein Body-Mass-Index von mindestens 18 gefordert, könnten wohl die meisten Models zu Hause bleiben.

Und auch bei Jil Sander müsste man umdenken: Bei der Schau in einer weißgestrichenen Halle der Mailänder Design-Schule sehen die meisten der Mädchen aus, als hätten sie seit Monaten nur Salat gegessen. Ohne Öl. An ihnen werfen sogar die schmal geschnittenen, an Lufthansa-Uniformen erinnernden Kostüme Falten, und wie weiße Strohhalme ragen die Arme aus den Abendkleidern.

Dass seit drei Wochen wieder über Magermodels diskutiert wird, dass fünf Models von der Madrider Modemesse ausgeschlossen wurden und viele wegen der neuen Bestimmungen gar nicht erst nach Spanien gereist sind, dass in Uruguay ein Model auf dem Laufsteg vor Hunger tot umgefallen ist, dass das Untergewicht von Stars wie Keira Knightley oder Victoria Beckham Titelthema der Klatschpresse ist, das alles hat in Mailand die Magersucht nicht ausgemerzt. Kein Wunder, nach dem Aufruhr Mitte der neunziger Jahre um die Models, die sich mit Heroin und Kokain klapperdürr hielten, war ja auch alles beim Alten geblieben. Gut, ab der nächsten Saison müssen die Mädchen nach der neuen Vorschrift der Associazione Servizi Moda ein Gesundheitszeugnis vorlegen, aber dafür findet sich immer ein Arzt.

"Das ist alles die Schuld der Top-Designer", sagt Carine Caillieret, die in Brüssel eine Model-Agentur besitzt. "Diese Modemacher sind überzeugt, dass ihre Entwürfe nur an mageren Models gut aussehen." Ein Hüftumfang von mehr als 90 Zentimetern? "Unmöglich!", sagt sie. Selbst groß und schlank sitzt Caillieret in Stiefeln und weißen Bermudas in der Bar des Hotels Scandinavia. "Manche Mädchen haben nicht die genetische Veranlagung zum Schlanksein", sagt Caillieret, "mit 14 Jahren haben sie eine perfekte Figur, aber dann beginnt das Drama." Sie habe Models in ihrer Agentur gehabt, die nur einmal am Tag aßen und dann auch nur eine Suppe. "Ich würde es begrüßen, wenn Mädchen mit zwei Zentimetern mehr auf der Hüfte akzeptiert werden würden."

Eine Sofagruppe weiter sitzen die Hamburger Models Tatjana, 22, und Juliane, 22. Sie sind 1,80 beziehungsweise 1,82 Meter groß, aber über ihr Gewicht geben sie keine Auskunft. "Ich war schon lange nicht mehr auf der Waage", sagt Tatjana. Sie ernähre sich "gesund", ab und zu dürfe es aber auch McDonald's sein. Juliane knabbert Pistazien und räumt ein, dass sie "schon schaut, was die anderen Mädchen essen, ob es nur Banane und Wasser ist".

Beide sind bei zwei Schauen kleinerer Designer in Mailand gelaufen. Doch auch da war die Konkurrenz riesig. "Bei einem Casting hatte ich Nummer 273", erzählt Tatjana, "und nach mir kamen bestimmt noch 150 Mädchen." Genommen wurden 20.

Wenn man eine Diskussion führe über magersüchtige Models, sagt Juliane, "dann sollte man bei den 14-Jährigen aus Osteuropa anfangen, die auf Druck der Familie oder aus eigenem Ehrgeiz es eisern durchziehen, nach 18 Uhr nichts mehr zu essen". Rund ein Drittel der Models, die Guccis Minikleider vorführten, kommt aus Osteuropa; auch wegen der hohen Wangenknochen, die gerade in Mode sind. Die wirken besonders gut, wenn die Wangen darunter eingefallen sind.

Im Übrigen solle man sich, sagt Juliane, mal das Schönheitsideal von Schaufensterpuppen anschauen, "die sind noch dünner als Models". So wie die Puppe im Laden des Luxuslabels Hermès in der Via Sant'Andrea: Die Waden haben den Umfang magerer Oberarme.

Es scheint, dass niemand den Werbeslogan der Mailänder Modemesse ernst genommen hat, der auf einem quer über den Corso Como gespannten Banner zu lesen ist: "Denk an die Mode. Vor allem aber denk." MARIANNE WELLERSHOFF


DER SPIEGEL 40/2006
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