09.10.2006

AUTOINDUSTRIEAus drei mach eins

VW-Chef Pischetsrieder will gemeinsam mit MAN und Scania einen neuen internationalen Lkw-Konzern schmieden. Das Projekt birgt etliche Risiken.
Das entscheidende Gespräch führte VW-Vorstandschef Bernd Pischetsrieder in Paris. Am Rande des dortigen Autosalons traf er sich am 28. September mit Scania-Boss Leif Östling. Der Schwede war einverstanden mit dem deutschen Geheimplan. Das war für Pischetsrieder das Signal, um eine Milliarden-Investition auf den Weg zu bringen.
Noch in der Nacht zum Freitag vorvergangener Woche gab er den Auftrag, ein Paket MAN-Aktien zu erwerben. Für rund 1,5 Milliarden Euro übernahm der VW-Konzern, der bereits mit 34 Prozent an Scania beteiligt ist, auch noch gut 15 Prozent an MAN. Pischetsrieder wurde damit zum entscheidenden Spieler in einem Milliarden-Poker um Lastwagenkonzerne.
Dabei geht es um MAN, um die Nutzfahrzeugsparte von VW und um den schwedischen Hersteller Scania. Anfangs sah es so aus, als würde MAN Scania schlucken. Doch nun steigt VW einfach bei MAN ein - und hat damit die besten Voraussetzungen, aus dem ungleichen Trio einen ganz neuen, großen Verbund zu schmieden. Es wäre der viertgrößte Lastwagenhersteller der Welt (siehe Grafik).
Viele Analysten sprechen von einem Coup. Aber die Aufsichtsräte der beteiligten Unternehmen müssen sich fragen, ob die angestrebte Fusion langfristig sinnvoll ist. Daran sind Zweifel angebracht.
Wenn die drei Marken künftig Teile gemeinsam einkaufen, Motoren entwickeln oder sich im Vertrieb unterstützen würden, könnten sie jährlich 500 Millionen Euro sparen. Könnten. Man kennt das von vielen Übernahmen, die später krachend scheiterten. Die Gefahr scheint diesmal besonders groß. Denn die Begeisterung für die Drei-Marken-Ehe hält sich selbst bei vielen der Beteiligten in Grenzen.
Es begann damit, dass der damalige VW-Vorstandschef Ferdinand Piëch im März des Jahres 2000 für 1,6 Milliarden Euro einen Anteil an Scania erwarb. Der Wolfsburger Konzern sollte nicht nur im Pkw-Segment eine komplette Modellpalette vom Polo bis zum Bugatti anbieten, sondern auch bei Lastern.
VW produzierte bis dahin nur schwere Lkw in Brasilien und Transporter in Deutschland. Das Geschäft mit den Transportern galt als bedroht, weil Spediteure und Logistikunternehmen möglichst alle Fahrzeugtypen bei einem Hersteller beziehen wollen. Das konnte VW nicht bieten. Doch daran hat sich auch sechs Jahre nach dem Scania-Einstieg nichts geändert.
Ein Grund für die mangelnde Kooperation ist das ausgeprägte Selbstbewusstsein der Schweden. Scania ist der profitabelste Nutzfahrzeughersteller der Welt und wollte einfach nicht mit VW zusammenarbeiten. So blieb der VW-Anteil an Scania eine teuer erworbene Finanzbeteiligung.
Dann betrat das Spielfeld der MAN-Chef Håkan Samuelsson, der Scania übernehmen wollte. VW hätte dann zwar auch noch seine Lastwagenproduktion in das neue Unternehmen einbringen können. Aber die Wolfsburger wären der Juniorpartner geworden.
Mit dem Einstieg bei MAN kann Pischetsrieder nun die Bedingungen diktieren, unter denen die drei Lastwagenher-
steller zusammenkommen. Sein Plan sieht vor, dass MAN-Chef Samuelsson zunächst sein eigenes Übernahmeangebot für Scania zurückzieht. Dann wird ein Synergieteam eingerichtet, das mit Vertretern von Scania, MAN und VW paritätisch besetzt ist.
In dem Gremium soll zudem ein unabhängiger Unternehmensberater sitzen. Hauptfrage des Teams: Welche Gemeinschaftsprojekte können sofort realisiert werden, ohne dass es zu einer weiteren Verflechtung der drei kommt. Das ist die Übergangslösung. Später soll aus MAN, Scania und der Lastwagenproduktion von VW ein ganz neuer Konzern entstehen.
Im VW-Aufsichtsrat gibt es durchaus kritische Stimmen zu dem Deal. Die Wolfsburger hätten ihre Scania-Beteiligung und die Lastwagenfertigung in Brasilien verkaufen können. Dann hätten sie rund drei Milliarden Euro erlösen und für die Sanierung des Pkw-Geschäfts einsetzen können.
Pischetsrieder ficht das nicht an. Er weiß Aufsichtsratschef Piëch hinter sich, der sich seinen Milliarden-Einstieg bei Scania lange als Fehlinvestition vorhalten lassen musste. Auch die meisten Arbeitnehmervertreter sind auf seiner Seite. Sie hoffen, dass der Deal das Transporterwerk in Hannover stärkt. Daran hat auch Niedersachsens CDU-Ministerpräsident und VW-Aufsichtsrat Christian Wulff großes Interesse.
Doch die zentrale Frage ist: Wie soll der Dreierbund geführt werden? Pischetsrieder will dem Aufsichtsrat vorstehen. Aber wer soll das Geschäft steuern? Scania-Chef Leif Östling wird sich kaum dem MAN-Boss unterordnen. Andererseits: MAN ist größer als Scania. Also werden alle zunächst um Macht und Einfluss kämpfen.
Arndt Ellinghorst, Autoindustrie-Analyst bei Dresdner Kleinwort, sieht zwar die industrielle Logik hinter dem Fusionsplan. Entscheidend sei aber, ob die beteiligten Manager auch kooperieren wollten. Wenn nicht, könne der Deal "komplett in die Hose gehen". DIETMAR HAWRANEK
* Am 21. September bei der Internationalen Automobilausstellung für Nutzfahrzeuge in Hannover.
Von Dietmar Hawranek

DER SPIEGEL 41/2006
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