Von Tuma, Thomas
Die Wirklichkeit klopft in der siebten und letzten Nacht dieser Reise an die Tür. Oder besser: Sie wird vom Sturm ans Kabinenfenster geschmissen, schmiert dann ab auf den Balkonboden und bleibt dort liegen. Die Wirklichkeit ist in dieser Nacht ein sehr kleiner Vogel mit wahrscheinlich jetzt sehr großen Kopfschmerzen.
So benommen und eingeschüchtert, wie er da jetzt in der Ecke hockt, sieht er immerhin echt aus. Nach wahrem Leben. Das will schon was heißen in dieser artifiziellen Bord-Welt, in der rund um die Uhr alles mit derart kraftstrotzender Perfektion inszeniert wird, dass irgendwann sogar die komplette Karibik wie eine aufwendige Show mit Tausenden von Statisten erscheint.
Nun schäumt da draußen tiefes, schwarzes Meer. Von der giftigen Gischt stand nichts im Katalog. Das nächste Festland ist Hunderte Seemeilen entfernt. Und der kleine Vogel glotzt erschrocken, was angesichts der Begleitumstände seiner Landung nur allzu verständlich ist. Das hier macht irgendwann jeden fertig. Früher oder später wacht in diesem Traum jeder auf.
Willkommen auf der "Freedom of the Seas", dem größten Passagierschiff, das je gebaut wurde! Hereinspaziert in einen funkelnden Kosmos der Superlative! Und davon hat dieses Schiff seit seiner Taufe im April mehr als jedes andere zu bieten.
Die "Freedom" liefert ein hochseetüchtiges Riesenhotel mit über 1800 Kabinen für mehr als 4300 Gäste - fast doppelt so viel wie einst die "Titanic". Allein das Arcadia-Theater unten im Bauch verfügt über rund 1400 Plätze und bietet abendfüllende Shows, die den Intendanten vieler deutscher Stadttheater Glückstränen in die Augen treiben würden. Ganz zu schweigen von dem Casino mit den über 300 wimmernden Spielautomaten oder dem vier Stockwerke hohen Einkaufsboulevard.
Dabei ist die "Freedom" weit mehr als eine schwimmende Marzipantorte, ein exakt 338,94 Meter langes Little Las Vegas. Sie ist zugleich das Wahrzeichen einer boomenden Milliardenbranche. Und sie ist in all ihrer logistischen Effizienz, nimmermüden Mobilität und Weltläufigkeit, in all ihrer Gier nach Größe und Profit vor allem ein Fanal der Generation Globalisierung.
Gebaut auf der Aker-Werft im finnischen Turku, eingerichtet und fertiggestellt in Hamburg, getauft in New York. Die "Freedom"-Reederei Royal Caribbean International (RCI) ist in Miami beheimatet, das Schiff aber steuersparend und lohnkostensenkend auf den Bahamas registriert - wie die meisten der Branche. Zum Einsatzort wird nun für 51 Wochen pro Jahr die Karibik.
Dieses Welt-Schiff ist ein multinationales Wunder wie seine Crew: 1400 Mitarbeiter
aus 65 Ländern, und natürlich wird auch hier an Bord die Führungsspitze noch immer von Amerikanern und Vertretern des alten Europa gebildet. Im hierarchischen Mittel- und vor allem Unterbau findet man schon lange keine Deutschen mehr. Viele Jahre regierte dort der Ostblock. Tschechen oder Polen galten als pünktlich und billig - wenn auch oft charmant wie ein eiserner Vorhang. Die "Freedom" erlebt auch da nun eine neue Freiheit - die der EU-Erweiterung.
Denn für viele Osteuropäer lohnt sich das Meer plötzlich kaum noch. Also werden verstärkt Filipinos eingestellt oder Inder. Auch Chinesen seien schwer im Kommen, sagt der Hamburger Michael Ochmann, an Bord zuständig für das Management von Lebensmitteln wie Getränken und somit verantwortlich für allein knapp 700 Service-Knechte. Das kann zu der charmanten Situation führen, dass die neureichen Clans aus China nun von aufstiegsorientierten Restaurantkadern aus der eigenen fernen Heimat bedient werden. Dass der global grassierende Kapitalismus also einerseits frische Gräben aufreißt, andererseits das neue Oben und Unten sofort wieder verschweißt.
An Bord gibt es weder unter den Gästen noch in der Crew Rassen-, Religions- oder Polit-Streitigkeiten. Die grauen PVC-Treppenhäuser der Mannschaft und die kreischbunten Teppich-Welten der Gäste verbindet ein einzigartiger Dualismus: Die einen wollen Geld ausgeben, die anderen wollen es verdienen.
Dafür arbeitet das Gros der Kellner, Putzkräfte und Küchenhilfen, der Mechaniker, Klempner, Croupiers oder Elektriker bis zu sechs Monate ohne Pause, ausgebeutet allenfalls vom eigenen Ehrgeiz. Es sind Kellner wie die Inderin Ribi, die abends zum viergängigen Dinner ihre Gäste anstrahlt, als wären sie die Reinkarnation von Mahatma Gandhi.
Das Tröstliche am System "Freedom": Inder und Chinesen sind hier noch keine Bedrohung westlichen Wohlstands, sondern dessen Voraussetzung. Sie sind Teil des Systems, das es ihnen erlaubt, auch noch einen Zweitjob anzunehmen. Es gibt sogar Crew-Mitglieder, die obendrein via Telefon und online zu Hause in Manila oder anderswo wahre Firmenimperien steuern, die sie sich mit ihren Schiffs-Dollars aufgebaut haben. Hier an Bord mögen sie die dienende Unterschicht sein. Zu Hause, in den oberen Etagen der Dritten Welt, sind sie aus dem gleichen Grund die Könige.
Und genauso nivellierend wirkt dieses Schiff auf seine Gäste. Innerhalb weniger Tage auf See verwandeln sich selbst aufgeklärt-kritische Mitteleuropäer in passive Pantoffeltierchen im Ozean des internationalen Massentourismus. Nach einer Woche gibt es auf den Passagierdecks kaum noch Nationalitäten, kulturelle Differenzen oder Sprachprobleme: Alle eint Seapass (eine Art Bordausweis), Kreditkarte sowie ein englischer Floskelschatz, der auf die 20-mal täglich gestellte Frage, ob man sich auch ganz ehrlich richtig toll fühle, reflexartig abrufbar ist: "Yeah, fine, great, overwhelming!"
Das klingt zu atemlos? Dieses Schiff ist atemlos. Es duldet keinen Zweifel. Es ist ein 160 000 Bruttoregistertonnen schweres Versprechen, dass der Kapitalismus gewonnen hat. Dass es immer weitergeht. Vorwärts.
Mit einer geschmacklichen Multikulti-Melange aus Ludwig II. und Micky Maus, Plastik-Pharaonen, Pizza-Fast-Food und Cesar's Palace will es seine Passagiere ruhigstellen, narkotisieren, fertigmachen - als Anleitung zum Glücklichsein wie die Branche dahinter.
Denn das gesamte Gewerbe der Kreuzfahrer hat jenen Fusionszirkus schon hinter sich, den andere Industrien gerade erst heranrollen sehen. Viele Reedereien gingen pleite oder wurden von größeren geschluckt. Die gewaltigste Übernahmeschlacht ist vier Jahre her: Damals schnappte Marktführer Carnival Cruise Line (CCL) für knapp sechs Milliarden Euro dem Rivalen RCI die Reederei P&O Princess weg.
Zu der gehört auch die Aida-Gruppe, die in der Papenburger Meyer-Werft allein gerade vier neue Schiffe bauen lässt. Das Trio der weltgrößten Reedereien (neben CCL und RCI zählt dazu noch Star Cruises) teilt sich inzwischen 82 Prozent des Weltmarkts. Die Branche quietscht vor Wachstumslust und könnte allenfalls an der eigenen Expansionsgier ersticken: Weltweit sind die Werften ausgelastet. Die jährlichen Zuwachsraten sind meist zweistellig.
Und obwohl Hurrikane und Pessimismus der US-Verbraucher das Geschäft zu verhageln drohen, obwohl Ölpreise und erwartete
Überkapazitäten auf die Stimmung drücken, befeuern auch Analysten den Traum vom Immer-schöner-größer-mehr.
Das Führungstrio ist börsennotiert. Die Konzerne müssen Träume liefern und Hoffnungen auf noch größere Schiffe und neue Märkte - Asien zum Beispiel oder Deutschland. Während 15 Prozent aller Amerikaner schon Urlaub auf dem Wasser gemacht haben, sind es bislang nur 1,5 Prozent der Europäer. Vielleicht auch, weil Kreuzfahrten noch immer mit XXL-Luxus in Verbindung gebracht werden. Die Faszination jedenfalls war wohl nie so groß.
Hunderttausende pilgerten ans Elbufer, als die "Queen Mary 2" ("QM 2") zum ersten Mal in Hamburg anlegte. Sie ist das Flaggschiff der Reederei Cunard, die seit 1998 auch zu Carnival gehört - zwar sechs Meter länger als die "Freedom", aber viel schlanker und deshalb für rund 1800 Passagiere weniger ausgelegt.
Die "QM 2" wird für ihre klassische Schönheit geliebt, die "Freedom" für ihre jüngsten Rekorde zumindest bewundert - ähnlich wie der A380 von Airbus für seine Gigantomanie, das Hotel Burj al Arab in Dubai für seinen Luxus oder die Skyline von Shanghai als Sinnbild asiatischen Aufbruchwillens. All diese Symbole modernen Größenwahns sind Ikonen des Fortschritts und deshalb schon in ihrem Marketingwert kaum zu unterschätzen.
Auch der Besuch der "Freedom" im Frühjahr in Hamburg lockte Zehntausende an die Kaimauern. Sie winkten und staunten über diesen zuckerwatteweißen Plattenbau, der zudem das Versprechen der Erschwinglichkeit bietet. In der fensterlosen Innenkabine kann man ab 800 Dollar pro Person und Woche reisen, Vollpension inklusive. Die "Freedom" soll die Branche aus der Nische des unbezahlbaren Luxus ebenso herausmanövrieren wie aus dem Vorurteil reinen Seniorenvergnügens. Dieses Schiff möchte und muss Masse ansprechen. Masse will bewältigt werden.
Jeden Sonntag spuckt die "Freedom" in Miami über 4000 heimkehrende Gäste samt deren bis zu 16 000 Gepäckstücke aus und saugt wenige Stunden später wieder die gleiche Zahl in die frischgereinigten Kabinen. Nebenan warten dann schon zwei Dutzend Trucks mit Tonnen frischer Lebensmittel, die allein jedes Jahr rund 20 Millionen Dollar kosten.
Das eigentliche Faszinosum ist nicht das Schiff, sondern die Logistik dahinter, die im Gast das durchaus nicht unangenehme Gefühl keimen lässt, ein sehr kleines Rädchen in einem riesigen Uhrwerk zu werden, sobald man an Bord geht. Entsprechend klaglos wächst die Schlange in der Abfertigungshalle jeden Sonntagmittag heiter weiter: brasilianische Großfamilien, kalifornische Rentner-Clubs mit jahrzehntelanger Cruise-Erfahrung, japanische Honeymoon-Pärchen, weiträumig tätowierte Vietnam-Veteranen, in allen Weltsprachen quengelnde Kinder und Menschen, auf deren Schmerbäuchen sich T-Shirts spannen mit Sprüchen der Sorte: "Schnauze, sonst Beule". Auf Deutsch.
Es sind Vereinte Nationen qua gemeinsamem Urlaubsziel. Und gemeinsam stolpern sie schließlich los, um die neue Heimat dieser Unterhaltungsmaschine kennenzulernen. Die 14 Meter hohe Kletterwand und all die Bäder, Whirlpools und Wasserfälle auf dem Oberdeck. Sie fragen sich nicht, was eine künstlich erzeugte Welle namens "Flowrider" soll, die auf Deck 12 echtes Surfen an Bord ermöglicht; oder warum man mitten in der Karibik einen Schlittschuhlaufplatz braucht. Dieses Schiff liefert vor der ersten Frage immer schon die nächste Antwort.
Vor fünf Jahren sei noch für verrückt erklärt worden, wer eine Eisbahn in einem Kreuzfahrtschiff ankündigte, sagt der österreichische Hotel-Chef Bernd Weidacher. Die "Freedom" hat nun diese Attraktion - und dazu noch zehn Profi-Tänzer samt Eisrevue. Die Leute verlangten immer mehr, glaubt Weidacher. Auch deshalb würden die Schiffe allmählich Kleinstadtgröße erreichen.
Natürlich gibt es in dieser Stadt auch eine Wäscherei, eine Kapelle und ein kleines Krankenhaus mit zwei Ärzten. Es gibt einen Friseur und eine Bibliothek, einen Smokingverleih und einen Knast mit zwei Zellen und etliche Sicherheitsleute, die mit 285 Kameras jeden Flecken beobachten können. Und wenn in irgendeiner Kabine die Temperatur auch nur um 0,1 Grad steigt, registrieren das die Computer von Chefingenieur Baard Westlund unten im dröhnenden Keller neben den sechs reihenhausgroßen Diesel-Generatoren.
Dieses Schiff ist auch Festung und metallische Gebärmutter. Und es ist keine Überraschung, dass das Kreuzfahrtgeschäft nach dem Terror des 11. September 2001 erst recht zu boomen begann. Gerade den Amerikanern liefert es Exotik vor der Haustür, ohne das Risiko, sich allzu sehr auf fremde Länder einlassen zu müssen. Wozu noch das Schiff verlassen, wenn man von einer Postkarte in die nächste fahren kann?
Es gibt an Bord koscheres und lactose- freies Essen sowie etliche Suppen für die Asiaten. Und wenn sich mal besonders viele Mittel- und Südamerikaner angemeldet haben, wird frühzeitig mehr Latino-Food geordert.
Die größten Fremdsprachengruppen bekommen eigene Einweisungen. Am Tag
zwei treffen sich auch die deutschen Gäste im Konferenzcenter unten auf Deck 2. Der österreichische Chefkoch Johann Petutschnig erzählt von seinen 156 Köchen und 100 Putzhilfen, die jeden Tag 25 000 Portionen Essen liefern. Am Ende schaut er in die Runde, ob noch jemand Fragen hat. Einer meldet sich, weshalb es keine Salzkartoffeln gebe. Petutschnig könnte an dieser Stelle sagen, dass das nun wirklich typisch deutsch sei. Aber er antwortet nur: "Meld's euch, da mach ma eich a Soizkortoffeln!" Er meint das ernst. Wenn es sie glücklich macht, wird er sie zuschütten mit Salzkartoffeln.
Daneben steht der "International Ambassador" Mohamed Kotb und lächelt. Er spricht geschliffenes Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch, Italienisch und Portugiesisch sowie Arabisch. Er ist gebürtiger Ägypter, hat in Frankreich und Deutschland gelebt und heute einen kanadischen Pass. Bei US-Grenzkontrollen wird er schon wegen seines Vornamens regelmäßig wie Osama Bin Ladens Sohn behandelt.
Er ist viel zu höflich, zu verraten, welche Klischees über welche Nationalitäten nach seiner Borderfahrung der Wahrheit entsprechen. Er selbst fühlt sich überall zu Hause. Und nirgendwo. Kotb ist einer dieser Job-Nomaden, wie man sie an Bord der "Freedom" zuhauf findet. Der australische Entertainmentchef James Andrews ist so einer und der Einkaufschef Ochmann, der schon auf Hawaii gearbeitet hat und in Seattle und Boston und Orlando und ...
Hotel-Boss Weidacher ist insofern eine Ausnahme, als er zu Hause in Graz eine funktionierende Familie mit Frau und Kindern vorweisen kann. Er hat es dort mal mit einem eigenen Restaurant versucht. Aber
das war nichts für ihn. Seit 1998 ist er wieder bei Royal Caribbean. Vier Monate Wahnsinn, zwei Monate daheim in der Stille der Steiermark bestimmen seinen Rhythmus. Sein Handy klingelt schon wieder. Irgendwer will hier immer irgendwas von ihm.
Manchmal muss es die Hölle sein, dauernd das Paradies zu organisieren und jede Woche so zu tun, als erfände man es auch noch ganz neu - zumal dieses Paradies überall ähnlich aussieht. Wo liegt das Schiff gerade? Vor Cozumel? Grand Cayman? Montego Bay? Überall Piers, poolblaues Wasser, Palmen, Souvenirgeschäfte.
Natürlich sei das eine Kunstwelt, aber doch eine schöne, sagt eine Amerikanerin beim Dinner des norwegischen Kapitäns Erik Tengelsen, der dieses Schiff mit einer Handvoll Offizieren und einem Joystick steuern kann wie ein Videospiel. An einem der Nebentische wird gerade wieder "Happy Birthday" intoniert. Rein statistisch feiern hier jeden Tag zwölf Gäste Geburtstag.
Die Frau schaut hinauf in den Kristalllüster der dreistöckigen Prunk-Kathedrale, die einem jeden Abend das Gefühl vermitteln will, im Luxus der "Titanic" zu schwelgen. Sie lässt keinen Zweifel daran, dass sie sich auf dieses Spiel gern einlässt. Sie möchte es auskosten. Die Zeit ist so wertvoll.
Wenn sie von 30 Tagen tarifvertraglich fixiertem Urlaub pro Jahr hört, schaut sie nur ungläubig. Als selbständige Veterinärin kann sie sich pro Jahr allenfalls zwei Wochen Ferien freischaufeln - wie die meisten ihrer Landsleute. Entsprechend soll die Zeit genutzt werden: relaxen, bis der Arzt kommt. Und Geld ausgeben!
Die "Freedom" macht ihren Passagieren auch das leicht. Vor allem das. Sie kann nur deshalb so demokratisch günstigen Luxus bieten, weil sie zugleich damit kalkuliert, dass ihre Gästemassen neben der schon bezahlten Reise noch mehr ausgeben. Viel mehr.
Das geht auch ganz einfach: eine Flasche Wein zum Abendessen? Ein Landausflug wahlweise mit Rum-Probe, Shoppingtour oder Rum-Shopping? Ein paar Chips beim Roulette, die Erinnerungsfotos, die es dann für 19,95 Dollar zu kaufen gibt, oder einen der lächerlichen Kunstdrucke, die bei den abendlichen "Auktionen" mit eiligem Ernst versteigert werden?
Alles dreht sich hier dauernd ums Geld. Es geht um die Ökonomie eines Traums.
Dieses Schiff hat über 800 Millionen Dollar gekostet. Und wenn alles gutgeht, könnte es diese Wahnsinnssumme innerhalb von zehn Jahren locker wieder eingespielt haben, vielleicht auch viel schneller.
Die Geheimwaffe im Kampf um die Kohle ist ein blondes Gift namens Tasha, das den Passagieren in der "Discover Shopping Show" vor vollem Theater die Geheimnisse exzessiven zoll- und steuerfreien Einkaufens näherbringt. "Is that a good idea?", feuert Tasha an. Yeah, schreien die Gäste und reißen Tashas Helfern für 20 Dollar brikettdicke Rabatt-Gutscheinbücher aus der Hand, so gnadenlos lügt dieses Duty-and-tax-free-Luder ihnen das Azurblaue vom Karibikhimmel. Selbst der sonst so patriotische US-Konsument präsentiert sich nach Tashas Gehirnwäsche als ebenso untreues wie ökonomisch vernünftiges Wesen: Er geht dorthin, wo's angeblich am billigsten ist.
Die "Freedom" fungiert so auch als Transportmittel der größten Butterfahrt des Planeten. Das Banner, unter dem sie durch den Atlantik pflügt, ist das Preis-Leistungs-Verhältnis. Und das stimmt. Jederzeit.
Es ist Freitag früh, als das Schiff vor Labadee ankert, einer schmalen Landzunge im Norden Haitis und zugleich ein von der Reederei gepachtetes Sperrgebiet. Labadee ist eine Art Spaß-Guantanamo, wo wahrscheinlich sogar die paar Eidechsen im Unterholz ferngesteuert sind, so traumhaft perfekt sieht hier alles aus.
Morgens um neun werden die ersten Versorgungsfähren, vollbeladen mit Tonnen von Eiswürfeln, Softdrinks, Salaten, Hamburgern und Kuchen, als Invasionsvorhut an den Strand geschickt, bevor Tausende "Freedomisten" mit Flip-Flops und Digitalkameras über Shops, Restaurants, Strände und Liegestuhllegionen herfallen. So sieht das aus, wenn das globale
Tourismusgeschäft ins Schwimmen gerät. Und zwischen all den sonnenmilchverschmierten Opfern der modernen FastFood-Mafia fragt ein besorgtes US-Seniorenpärchen am Info-Stand einen spindeligen Original-Haitianer: "Und wie ist das hier mit Umweltverschmutzung? Sind wir Touristen sehr schlimm?"
Die Frage schwitzt die ganze ängstliche Restscham der Industriestaatenvertreter aus. Sie ist komplett absurd. Der Eingeborene versteht sie gar nicht. Sein Strandabschnitt hat mit Natur so viel zu tun wie die Plastikflamingos auf dem Kunstrasen des Deck-13-Golfplatzes.
Wenn es nach dem Häufchen Haitianer ginge, das aufgrund wöchentlicher Kreuzfahrerinvasionen immerhin einen Job hat, könnten die "Freedomisten" hier sicher auch Weltkrieg spielen. So dankbar ist man ihnen, dass sie da sind - was manchen Passagieren dann erst recht peinlich war.
Haiti ist eines der ärmsten Länder der Welt. Die einheimischen Tour-Führer dürfen das auch beschreiben, müssen die Wahrheit aber homöopathisch dosieren. Einmal hat sich ein Passagier über die allzu deprimierenden Schilderungen der Realität beschwert. Prompt wurde der Tour-Guide ein paar Monate nach Hause geschickt, was aber auch schon wieder ein falsches Bild vermittelt: Die "Freedom" und ihre Crew wollen um Gottes, Allahs oder Jahwes willen sauber bleiben - politisch, ideologisch und ökologisch.
"Save the waves!" ist der multilateral anerkannte Schlachtruf an Bord. Es klingt, als könnte man mit jedem Handtuch, das man beim Duschen weniger verbraucht, persönlich den Globus retten. Einerseits. Andererseits frisst der Kahn für rund 300 000 Dollar Diesel - jede Woche. Diese Diskrepanzen gehören wohl zum großen Globalisierungsspiel. Es ist ein Spiel, in dem Vernunft von Wahnsinn oft so schwer zu unterscheiden ist wie Grand Cayman von Haiti. Und es ist ein Spiel, in dem Dank "Freedom" Erste und sehr Dritte Welt ebenso regelmäßig wie perfekt inszeniert aufeinander prallen.
Da feilschen dann schwerbehängte Hausfrauen mit Elendskindern um einen halben Dollar für Souvenirs, die so ramschig aussehen, als kämen sie aus Taiwan. Die Touristinnen tun das nicht mal aus Geiz. Sie hatten vorher gelernt, man dürfe das lokale Preisgefüge nicht kaputtmachen durch zu viel Großzügigkeit.
Einerseits ist das Management an Bord ängstlich darauf bedacht, eine Art kleinsten gemeinsamen Moralnenner zu finden. Oben-ohne-Sonnenbaden ist deshalb strikt verboten. Andererseits erzählen hyperventilierende Hausfrauen bei der Partnershow unter wildem Gejohle, was die verrücktesten Orte waren, an denen sie mit ihren Gatten schon Sex hatten. Eine Oma hat die Lacher auf ihrer Seite, als sie sich an den Baum bei einer Hirschjagd erinnert.
Es gibt eine Menge solcher Puzzlesteine, die auf dieser Reise nicht zusammenpassen. Der ganze Planet "Freedom" ist neben all seiner Perfektion eben immer auch ein bisschen zu laut, zu schrill, zu atemlos und grell geschminkt, zu kitschig und konsumistisch, zu voll und amerikanisch, um sich selbst in Frage zu stellen.
Ist dieses Schiff also das Schreckensbild einer künftigen Welt-Gesellschaft? Oder doch deren Hoffnungsschimmer, weil es beweist, dass vom Fortschritt alle profitieren können? Selbst der Filipino, der mit seinen Kollegen ganz unten im Neonlicht des "Freedom"-Bauchs den stinkenden Dreck von rund 5500 Passagieren und Crew-Mitgliedern sortiert, filtert und verbrennt, funkelt fröhlich, als sei er der König der Welt.
Das alles kann den Kreuzfahrt-Novizen verwirren - wie diesen kleinen Vogel, der dann übrigens auf seine ganz eigene Weise der neuen Umgebung antwortet: Er flattert noch einmal durch Kabine Nr. 9392, um schließlich wieder hinaus in den nachtschwarzen Sturm zu verschwinden.
So selbstmörderisch weit muss der eigene Protest nicht gehen. Aber in so einer Nacht wird endgültig klar, dass die "Freedom" zu viel mehr taugen würde als zum Flaggschiff der Kreuzfahrer-Kreuzzügler. Dass US-Präsident George W. Bush es völlig falsch angeht mit der Erziehung der restlichen Welt. Er sollte keine Flugzeugträger schicken, sondern Kreuzfahrtschiffe.
Diese freundlichen Gesichter der Lacoste-Gesellschaft! Diese teigige Apathie! Dieses organisierte Gebrechen! Die Passagiere wirken viel harmloser als Marines. Aber das macht ihre Wirkung nur umso verheerender. Wo jede Woche ein paar Schiffe der Ultra-Monster-"Freedom"-Klasse anlanden würden, wüchse schnell kein Gras mehr, aber vielleicht auch kein Kommunismus, Terrorismus, Extremismus. Insofern hätte dieses Schiff womöglich eine riesige Zukunft vor sich - wenn die nicht 2009 schon wieder zu Ende ginge.
Zur Generation Globalisierung gehört auch deren Atemlosigkeit: Im finnischen Turku sind schon zwei "Freedom"-Schwestern im Bau sowie das noch spektakulärere Nachfolgeprojekt. Nichts darf zurzeit nach außen dringen, aber bestimmt wird das neue Rekordschiff eine "Freedom" + Ponyhof + Tauchbasis + Bungee-Sprungturm + Achterbahn. Mindestens.
Das Monstrum ist für über 5400 Passagiere ausgelegt, wird 360 Meter lang sein, wohl über eine Milliarde Dollar kosten und soll im Herbst 2009 starten. Schon sein Name proklamiert den Branchengrundsatz abgrundtief-fröhlicher Fortschrittshybris: "Genesis".
DER SPIEGEL 41/2006
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