09.10.2006

„Islam heißt Vernunft“

Karim Aga Khan IV., Nachfahre des Propheten und geistliches Oberhaupt von 20 Millionen Ismailiten, über die Grundsätze seines Glaubens, den Streit um die Papst-Vorlesung sowie die Chancen, einen Krieg der Religionen zu vermeiden
SPIEGEL: Hoheit, der Papst hat mit einem Zitat aus dem 14. Jahrhundert die islamische Welt erregt. Er gab Kaiser Manuel II. Palaeologos mit den Worten wieder, Mohammed habe der Welt nur "Schlechtes und Inhumanes" gebracht wie seinen Befehl, "den Glauben durch das Schwert zu verbreiten". Was war Ihre Reaktion auf den Vortrag?
Aga Khan: Ich war besorgt über diese Verlautbarung, die in der gesamten islamischen Welt für Verstimmung sorgte. Anscheinend häufen sich die Missverständnisse zwischen den Religionen, verschlechtern sich die Beziehungen. Ich denke, wir alle sollten uns bemühen, nicht noch mehr Öl ins Feuer zu gießen.
SPIEGEL: Benedikt XVI. hat sich ausdrücklich von den Worten des Kaisers distanziert. Der Papst wollte mit seinem Vortrag nach seiner eigenen Interpretation einen Dialog fördern, und seither hat er mehrfach seinen Respekt für die Weltreligion Islam bekundet. War es einfach ein unglücklich gewähltes Zitat? Oder wurde er in der islamischen Welt bewusst missverstanden?
Aga Khan: Ich kann und will das nicht beurteilen. Es wäre unvernünftig von mir, zu sagen, dass ich weiß, was er meinte. Aber im Mittelalter fanden meines Wissens außergewöhnliche theologische Diskussionen und fruchtbare Debatten zwischen dem Byzantinischen Kaiserreich und der islamischen Welt statt. Ein faszinierendes Zeitalter. Kaiser Manuels Statement spiegelt das nicht wider, es fällt irgendwie aus dem Rahmen.
SPIEGEL: Der Papst wollte mit seinem Vortrag offenbar eines seiner Lieblingsthemen anschneiden: die Verbindung zwischen Glaube und Vernunft. Und das bedeutet nach seinen Worten auch, dass Religion und Gewalt nichts miteinander zu tun haben dürfen. Sehen Sie da Gemeinsamkeiten?
Aga Khan: Wenn man den Papst-Vortrag in diese Richtung interpretiert, dann stehen wir am Beginn einer aufregenden Debatte, die sich als äußerst konstruktiv für das Verhältnis zwischen islamischer und nichtislamischer Welt auswirken könnte. Ich habe also zwei unterschiedliche Reaktionen auf die Papst-Rede: einmal die Angst vor einer weiteren Verschlechterung unserer Beziehungen; aber gleichzeitig sehe ich eine Gelegenheit. Eine neue Chance, sich über etwas so Ernstes, so Wichtiges wie die Beziehung zwischen Glaube und Logik auszutauschen.
SPIEGEL: Würde der Papst Sie gemeinsam mit anderen Religionsführern zu einer Konferenz über die Themen Glaube, Vernunft und Gewalt einladen, würden Sie kommen?
Aga Khan: Ja, auf jeden Fall. Ich würde jedoch darauf hinweisen, dass eine rein ökumenische, interkonfessionelle Diskussion ab einem bestimmten Punkt an Grenzen stößt. Ich würde lieber über eine weltweite Ethik sprechen, die auf alle Weltreligionen zurückgeht.
SPIEGEL: Viele behaupten, der Islam habe ein Problem mit der Vernunft. Stimmt das?
Aga Khan: Überhaupt nicht, ganz im Gegenteil. Der Islam ist von den Religionen, die auf Abraham zurückgehen, diejenige, die am meisten Wert auf Wissen legt. Ein wesentliches Ziel des Islam ist, Gottes Schöpfung zu verstehen, und deshalb wird unser Glaube ganz erheblich von Logik geprägt. Islam heißt Vernunft.
SPIEGEL: Neben anderen Politikern hat auch der deutsche CDU-Generalsekretär gesagt, das Problem religiös motivierter Gewalt sei "heute fast ausschließlich ein Problem des Islam". Gibt es eine solche Verbindung? Wo liegen Ihrer Meinung nach die Wurzeln des heutigen Terrorismus?
Aga Khan: Sie liegen in ungelösten politischen Konflikten, in der Frustration und, allen anderen Ursachen voran, in der Ignoranz. Nichts davon geht auf eine theologische Auseinandersetzung zurück.
SPIEGEL: Welche politischen Konflikte meinen Sie?
Aga Khan: Zum Beispiel die in Nahost und in Kaschmir. Diese Probleme schwelen schon Jahrzehnte, keiner packt sie an. Keiner scheint die Dringlichkeit einer Konfliktlösung zu sehen, und so verschlimmert sich die Situation. Wie bei einem Krebsgeschwür, das man wuchern lässt und das dann furchtbare Folgen hat. Aus diesem Nichthandeln kann eine Brutstätte des Terrorismus entstehen.
SPIEGEL: Und die Verbreitung des Glaubens mit dem Schwert stellt keine Gefahr dar?
Aga Khan: Alle Religionen haben in ihrer Geschichte den Krieg als Mittel benutzt, um sich zu verteidigen oder ihren Einfluss auszuweiten, Glaubensfragen wurden immer wieder als Rechtfertigung für militärische Auseinandersetzungen herangezogen. Der Islam fordert dazu aber nicht auf, er ist eine Religion des Friedens.
SPIEGEL: Schreckliche Verbrechen wurden im Namen der Christenheit begangen. Aber das ist ferne Vergangenheit. Dschihadisten dagegen begehen ihre Verbrechen, bei denen sie sich auf Allah berufen, hier und heute.
Aga Khan: So lange ist es noch gar nicht her, dass es in der christlichen Welt blutige Kämpfe gab - denken Sie an Nordirlands Konflikt zwischen Katholiken und Protestanten. Wenn wir Muslime das, was dort passiert ist, als Wesenszug des christlichen Glaubens verstünden, würden Sie doch zu Recht sagen: Die haben keine Ahnung, wovon sie reden.
SPIEGEL: Wie lässt sich ein "Krieg der Kulturen" zwischen dem Westen und der islamischen Welt noch vermeiden?
Aga Khan: Ich spreche nicht vom "Clash of Civilizations", sondern von einem gefährlichen "Clash of Ignorance".
SPIEGEL: Und wer ist für diese Ignoranz verantwortlich?
Aga Khan: Beide Seiten, aber vor allem der Westen. Ein gebildeter Mensch dieses Jahrhunderts sollte etwas über den Islam wissen; doch islamische Zivilisation steht auf keinem Lehrplan. Was wusste man im Westen über die Schiiten, bevor in Iran die Revolution siegte? Was über den radikalen sunnitischen Wahhabismus, bevor die Taliban an die Macht kamen? Anstatt uns anzuschreien, sollten wir lernen, wieder voneinander zu lernen. Wie in früheren Glanzzeiten.
SPIEGEL: Es fällt auf, dass viele islamisch geprägte Staaten zu den besonders unterentwickelten und undemokratischen der Welt gehören. Braucht der Islam nicht doch ein Zeitalter der Aufklärung? Ist der Islam womöglich gar nicht mit Demokratie vereinbar?
Aga Khan: Man muss fair sein: Einige politische Führer haben Probleme geerbt, die in keiner Weise mit dem Glauben zu tun haben. Im Übrigen stimmt es einfach nicht, dass islamische Staaten sozusagen automatisch rückständig sind. Und was die Demokratie betrifft: Meine demokratischen Grundsätze gehen nicht auf griechische oder französische Denker zurück, sondern auf das Zeitalter des Propheten vor 1400 Jahren. Auf die Prinzipien meiner Religion. Schon der Prophet - Friede sei mit ihm - hat einen systematischen politischen Beratungsprozess eingeführt.
SPIEGEL: Viele Ihrer ismailitischen Glaubensbrüder leben in Staaten, die autoritär regiert werden: Pakistan, Syrien, Iran. Wenn sich Pluralismus, Zivilgesellschaft und Islam so gut vertragen - und in den Glanzzeiten des Mittelalters haben sie das ja wirklich bewiesen -, haben Sie dann eine Erklärung dafür, warum es heute so selten gelingt?
Aga Khan: Das Scheitern von Demokratien ist nicht spezifisch für die islamische Welt. Die Uno hat vor etwa zwei Jahren eine Untersuchung über Lateinamerika veranlasst und kam zu dem Ergebnis, dass etwa 55 Prozent der dortigen Bevölkerungen lieber unter einer paternalistischen Diktatur leben als in einer inkompetenten, korrupten Demokratie, die ihre Lebensbedingungen nicht verbessert. Ich frage mich täglich, was wir tun können, um demokratische Verhältnisse in Entwicklungsländern zu erhalten oder herbeizuführen.
SPIEGEL: Und die Antwort ist?
Aga Khan: Ich gebe zu: Frustration. Was hat man davon, wenn man ein Referendum in einer Bevölkerung durchführt, die überwiegend analphabetisch ist? Was soll die Abstimmung über eine Verfassung, wenn kaum ein Wahlberechtigter den Unterschied zwischen einer Präsidialregierung und einer konstitutionellen Monarchie
kennt? Abstimmungen, Gesetze, das ist alles wichtig, aber längst nicht hinreichend für eine demokratische Entwicklung. Ich glaube, wir müssen mehr als bisher akzeptieren, dass verschiedene Länder verschiedene historische Gegebenheiten, soziale Strukturen und Bedürfnisse haben. Wir müssen flexibler sein und akzeptieren ...
SPIEGEL: ... dass das amerikanische Demokratiemodell nicht ein Wunderheilmittel für den Rest der Welt ist? Liegt US-Präsident George W. Bush falsch mit seinem aufgezwungenen Demokratie-Export, kann er im Irak noch gewinnen?
Aga Khan: Ich bin sehr, sehr besorgt über den Irak. Die Invasion von Bagdad hat Schockwellen ausgelöst wie sonst kein anderes Ereignis der jüngsten Vergangenheit. Sie hat alles auf den Kopf gestellt, die Beziehungen zwischen arabischen und nichtarabischen Staaten, die Beziehungen zwischen Sunniten und Schiiten.
SPIEGEL: Sie meinen, die Invasion hat die Menschen radikalisiert und eine neue Terrorbasis geschaffen?
Aga Khan: In der Tat. Jeder, der nur ein wenig Ahnung von der Situation im Irak hatte, wusste, was dort passieren würde, wusste, dass die Schiiten-Mehrheit sich durchsetzen würde.
SPIEGEL: Glauben Sie, dass der amerikanische Professor und Islamkenner Vali Nasr mit seiner Vermutung richtigliegt, dass die Schiiten von Bagdad bis Beirut zur treibenden Kraft werden, dass die Zukunft des Nahen Ostens durch Kriege zwischen muslimischen Fraktionen gestaltet wird?
Aga Khan: Man musste kein Islamexperte sein, um diese Konflikte kommen zu sehen. Das war so klar wie der nächste Sonnenaufgang.
SPIEGEL: Trieb die Bush-Regierung Unwissenheit und Naivität in den Krieg? Ging es wirklich um die Einführung der Demokratie in Nahost oder doch eher um Ölfelder und strategische Militärbasen?
Aga Khan: Ich wollte, ich könnte das beantworten.
SPIEGEL: Sind Sie in Kontakt mit religiösen Führern im Irak wie dem Großajatollah Ali al-Sistani? Diskutieren Sie die politische Situation auch mit iranischen Würdenträgern?
Aga Khan: Wir haben regelmäßige Kontakte mit wichtigen Persönlichkeiten in beiden Staaten.
SPIEGEL: Was müsste passieren, damit Sie als Vermittler in die Region fahren?
Aga Khan: Das steht im Moment nicht an. Vielleicht werden wir uns eines Tages am Wiederaufbau beteiligen.
SPIEGEL: Wenn Sie die Invasion in Afghanistan mit der im Irak vergleichen, wenn Sie an die Zusammenarbeit der Taliban mit den Terroristen der Qaida denken ...
Aga Khan: ... dann sehe ich ein völlig anderes Bild. Zunächst einmal war das Regime der Taliban bei allen Teilen der Bevölkerung gleich verhasst. Es widersprach allen Regeln der Zivilisation, und es war dem Land von außen aufgezwungen.
SPIEGEL: Afghanistan sieht sich gegenwärtig mit großen Problemen konfrontiert. Die Sicherheitssituation verschlechtert sich beinahe täglich, eine Rückkehr der Taliban droht. Was ist schiefgelaufen? Und was können wir tun, um wieder mehr Stabilität zu schaffen?
Aga Khan: In der Tat wird die Lage, vor allem im Süden, immer schlimmer. Unsere Entwicklungsprojekte sind in der Hauptstadt und im Norden konzentriert, wo es etwas besser ist. Wir können Energie von Tadschikistan über die Grenze bringen, wir können zivile Hilfsdienste einrichten. Wir versuchen, die Gefahr zu vermeiden, dass sich einige Teile Afghanistans schneller entwickeln als andere, denn wenn dieses unterschiedliche Tempo des Fortschritts auch noch entlang ethnischen Linien verläuft, dann entstehen schnell neue Konflikte. Das Hauptproblem in Afghanistan ist, dass die überwiegende Anzahl der Menschen dort seit den Taliban-Zeiten keine Verbesserung ihrer Lebensverhältnisse erfahren hat. Die Hilfe dringt noch längst nicht landesweit durch.
SPIEGEL: Liegt das an Präsident Hamid Karzai, mit dem Sie gut befreundet sind? Viele sehen in ihm nur den "Bürgermeister von Kabul". Er gilt als schwacher Politiker, der große Teile des Landes nicht im Griff hat.
Aga Khan: Er hat eine wahnsinnig komplexe Aufgabe zu bewältigen. Wir sollten alles tun, um ihm zu helfen. Er ist unsere beste Hoffnung - und außerdem ein demokratisch gewählter Führer.
SPIEGEL: Sollte der Westen auch uneingeschränkt mit dem Parlament zusammenarbeiten, in dem Warlords, Drogenbarone und sogar ehemalige Taliban vertreten sind?
Aga Khan: Man muss das Ergebnis von Wahlen auch akzeptieren, wenn einem der Ausgang nicht passt. Sonst verletzt man die Spielregeln der Demokratie.
SPIEGEL: Das heißt, dass der Westen auch mit der radikalislamistischen Hamas in Palästina kooperieren soll?
Aga Khan: Dieser Meinung bin ich. Man muss mit jeder freigewählten Volksvertretung zusammenarbeiten, die willens ist, das zu akzeptieren, was ich eine kosmopolitische Ethik nenne. Nun ist es richtig, dass die Hamas eine umstrittene Vorgeschichte hat ...
SPIEGEL: ... eine terroristische Vorgeschichte ...
Aga Khan: ... aber das heißt nicht, dass eine Bewegung mit einer solchen Vergangenheit, die als politische Partei im Parlament landet oder sogar an die Regierung kommt, sich nicht ändern kann. Darf ich an Jomo Kenyatta und seine Mau-Mau in Kenia erinnern oder den ANC in Südafrika? Wenn man die Gründe für den Extremismus beseitigt, können Extremisten ihre Prioritäten ändern und zu verantwortungsvollem politischem Handeln finden. Dass ein solch grundlegender Wandel möglich ist, gehört für mich zu den wundervollen Erkenntnissen über die Menschheit.
SPIEGEL: Obwohl solch ein Wandel, siehe Hamas, ja durchaus nicht zwangsläufig ist. Sie kennen Syriens Präsidenten Baschar al-Assad sehr gut, Sie haben ihn gerade wieder in Damaskus besucht. Im Gegensatz zur US-Regierung versuchen die Europäer, allen voran die Bundesregierung, mit Assad ins Gespräch zu kommen und ihn in den nahöstlichen Friedensprozess einzubeziehen. Sehen Sie Erfolgsaussichten?
Aga Khan: Ich begrüße diese Politik der deutschen Regierung. Der Prozess eines Wandels weg von einer jahrzehntelangen Politik des Staatsdirigismus braucht Zeit, wie Sie ja in Ostdeutschland gesehen haben. Ich glaube, dass es viele Gründe
gibt, uns sehr anzustrengen, damit Syrien diesen Übergang von der Vergangenheit in die Zukunft bewältigt.
SPIEGEL: 2007 jährt sich Ihre Amtseinführung als Imam der Ismailiten zum 50. Mal. Wenn Sie zurückblicken auf die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, auf den Kalten Krieg zwischen Ost und West, auf die ideologische Auseinandersetzung mit dem Kommunismus: Hätten Sie je für möglich gehalten, dass ein Konflikt zwischen dem Westen und radikalen Islamisten ins Zentrum rücken könnte, dass sich an Religionen die Geister blutig scheiden?
Aga Khan: Ich bitte Sie noch einmal inständig, von dieser Vorstellung Abstand zu nehmen: Es gibt keinen Konflikt zwischen den Religionen. Islam, Christentum und Judentum haben zu viel gemein, als dass es zu solchen Fronten kommen könnte. Wichtig ist, dass wir uns um eine globale Ethik kümmern, die uns alle vereint. Deshalb arbeiten wir vom Aga Khan Development Network beispielsweise in Portugal mit der katholischen Kirche zusammen, es geht um ein Programm für die bessere Integration von Immigranten. Mir ist sehr bewusst, dass es bei vielen jungen Muslimen starke Vorbehalte gegenüber westlichen Gesellschaften gibt - sie fühlen sich marginalisiert und ausgegrenzt.
SPIEGEL: Genauso haben viele Menschen im Westen Vorbehalte gegenüber jungen Muslimen, die teilweise in Parallelgesellschaften leben und nicht einmal bereit sind, die Sprache ihrer Gastländer zu erlernen. Die deutsche Regierung hat gerade muslimische Persönlichkeiten und Gruppen zu einer ersten Islamkonferenz an einen Tisch gebracht. Eine nützliche Sache oder nur Augenwischerei?
Aga Khan: Wenn wir ein Forum haben, wo Menschen verschiedener Religionen sich gegenseitig beraten, dann können wir Missverständnisse ausräumen, dann können wir feststellen, was uns wirklich bewegt. Jeder Muslim hätte da beispielsweise erzählen können, wie beleidigend Karikaturen des Propheten sind.
SPIEGEL: Auch diese Affäre wurde von Islamisten missbraucht. Sie haben die schlimmsten Karikaturen zu denen in der dänischen Zeitung hinzugefügt, um die Massen aufzuhetzen.
Aga Khan: Ich hörte, dass die Redakteure in Dänemark sehr wohl wussten, was sie da anrichteten.
SPIEGEL: Was provokativ ist, muss noch lange nicht verboten sein. Pressefreiheit ist eines der höchsten Güter unserer Gesellschaft. Im Zweifelsfall gilt: Wir sind gegen Verbote. Alle Religionen müssen auch unfaire, auch spöttische, atheistische Angriffe aushalten können.
Aga Khan: Ich denke, wir sind da an einem zentralen Punkt, und ich habe auch keine Antworten. Der industrialisierte Westen ist hochgradig säkularisiert. In der islamischen Welt spielt die Religion eine ganz andere Rolle, und das liegt auch an der Natur des Islam: Er durchdringt alle Bereiche des täglichen Lebens. Vor diesem Hintergrund müssen wir Menschen guten Willens alle sehr, sehr vorsichtig handeln.
SPIEGEL: Sie haben Kemal Atatürk in Ihren Reden immer wieder positiv erwähnt. Die Türkei hat sich unter ihm zu einem der wenigen islamisch geprägten Staaten entwickelt, in denen Staat und Religion weitgehend voneinander getrennt sind. Hätten Sie gern, dass sich die islamische Welt in diese Richtung bewegt?
Aga Khan: Ich habe nichts gegen Säkularismus. Ich bin aber gegen eine einseitige Säkularisierung, gegen eine Verweltlichung, in der Glaube und Moral aus der Gesellschaft verschwinden.
SPIEGEL: Hoheit, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Prinz Karim Aga Khan IV.
gilt als direkter Nachfahre des Propheten Mohammed und ist als 49. Imam das geistige Oberhaupt der ismailitischen Schiiten. Die Glaubensgemeinschaft mit knapp 20 Millionen Anhängern ist in 25 Staaten verstreut, von Zentralasien bis Europa und Ostafrika; Hauptsitz des Aga Khan, 69, ist sein Schloss Aiglemont bei Paris. Geboren in der Nähe von Genf, aufgewachsen in Kenia, der Schweiz und London, graduiert in Harvard, mit 20 Jahren nach dem Tod seines Großvaters inthronisiert, verwaltet der Religionsführer ein Milliardenvermögen, das sich aus seinem Familienerbe und den Abgaben der Gläubigen speist, einer zehnprozentigen "Kirchensteuer". Der Großteil fließt in das Aga Khan Development Network, eine der bedeutendsten privaten Entwicklungshilfe-Organisationen. Der Imam bestimmt seinen Nachfolger unter den männlichen Nachkommen. Aus erster Ehe hat der Aga Khan zwei Söhne, Rahim, 34, und Hussein, 32; aus zweiter Ehe mit der deutschen Prinzessin Gabriele zu Leiningen - von der er getrennt lebt - stammt Sohn Ali Mohammed, 6. Die Wahl bleibt bis zu seinem Tod geheim.
* Karim Aga Khans Großvater am 10. März 1946, als er in Bombay öffentlich mit dem Gold von gläubigen Spendern aufgewogen wurde.
* Stefan Aust und Erich Follath auf Schloss Aiglemont.
Von Stefan Aust und Erich Follath

DER SPIEGEL 41/2006
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