23.10.2006

EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTEDas Tor seines Lebens

Wie ein Balljunge zu einem brasilianischen Helden wurde
José Carlos Vieira ist ein bekannter Mann in Santa Cruz do Rio Pardo, einer Stadt rund 300 Kilometer von São Paulo entfernt. Seit über 20 Jahren ist er bei den Heimspielen der örtlichen Fußballmannschaft Santacruzense dabei, er hat keins verpasst. Er hat ihren Aufstieg in die Dritte Liga begleitet, er kennt die meisten Spieler von Kind an, mit dem Vereinspräsidenten ist er per du.
Nur mitspielen darf er nicht: Er ist Gandula, Balljunge. Sein Platz ist hinter dem Tor, am Spielfeldrand.
Gandulas sind die Schattenmenschen des Fußballs. Man nimmt sie kaum wahr, obwohl sie den reibungslosen Ablauf des Spiels möglich machen. Sie werfen dem Torwart rasch einen neuen Ball zu, sie fischen ihn aus dem Publikum oder vom Spielfeldrand. Früher war das ein Job für Kinder und Jugendliche, doch dann verbot der Fußballverband die Beschäftigung Minderjähriger.
José Carlos ist 51 und verdient seinen Lebensunterhalt, knapp 220 Euro, als Schuster. Er ist ein ruhiger, bescheidener Mann mit einem freundlichen Lächeln, sein Stolz ist ein blaues Moped, das er immer gut putzt. Natürlich wäre er gern selbst Profikicker geworden, doch für eine Karriere fehlte ihm das Talent. Sein Spitzname ist "Canhoto", Linkshänder; auch gegen den Ball tritt er am liebsten mit dem linken Fuß.
Der Verein konnte sich immer auf ihn verlassen. Er kennt die Regeln, blieb stets hinter der Linie, ein perfekter Schattenmann. Sperenzchen am Spielfeldrand hat er sich nie erlaubt.
Bis zu diesem Sonntag im September. Über 5000 Zuschauer sind zum Heimspiel gegen Atletico Sorocaba gekommen, die Partie ist fast zu Ende, der Gegner führt mit 1:0. Die Fans von Santa Cruz hoffen auf einen Ausgleich in letzter Minute. Auf ein kleines Wunder.
José Carlos steht hinter dem gegnerischen Tor, er trägt ein grünes Hemd und Baseballkappe, er fiebert mit.
In der 89. Minute gibt Schiedsrichterin Sílvia Regina einen Freistoß für Santa Cruz. Rechtsaußen Vega treibt den Ball über den rechten Flügel, schlägt einen Pass zu Stürmer Samuel, der spielt weiter Richtung Tor. Der Ball prallt von außen gegen das Netz, rollt ein paar Meter, dann bleibt er liegen. "Daneben", kommentieren die Radioreporter. In der Fankurve von Santa Cruz bleibt es still.
Alle Spieler trotten aus dem Straf- raum. Es gibt, logisch, Abstoß.
Von diesem Augenblick an passieren ein paar Dinge gleichzeitig.
Die Schiedsrichterin schaut hinüber zum Linienrichter, sie hat den Schuss nicht gesehen. Doch auch der Linienrichter stand ungünstig, von seinem Blickwinkel aus könnte der Ball jetzt genauso gut im Netz liegen. Er läuft zur Mittellinie. Die Schiedsrichterin schließt daraus, dass ihr Kollege auf Tor erkannt hat. Aber sie pfeift noch nicht, sie hat sich noch nicht entschieden.
Im selben Moment schiebt José Carlos, der Balljunge, die Kugel aus dem Aus zurück ins Spielfeld, er spielt sie leicht mit links an, ein schwacher Schuss eigentlich, der Ball rollt am Pfosten vorbei, macht eine leichte Kurve, bleibt hinter der Torlinie liegen. José Carlos ist das größte Kunststück seines Lebens gelungen.
Die Schiedsrichterin läuft zurück zum Strafraum, jetzt sieht sie es deutlich: Der Ball liegt im Netz. José Carlos steht mittlerweile wieder hinter dem Tor, er geht seiner Arbeit nach und räumt herumliegende Bälle auf.
Er beobachtet die Schiedsrichterin, die erst nicht mitbekam, wie der Ball nicht ins Tor flog, die dann verpasste, wie José Carlos ihn über die Linie beförderte. Jetzt steht sie im Strafraum, umringt von Abwehrspielern. Sie blickt zur Außenlinie, debattiert, schließlich fällt sie eine Entscheidung, pfeift: Tor, 1:1. Eine Tatsachenentscheidung.
Die Spieler von Sorocaba protestieren, die Radioreporter schreien, aber die Entscheidung ist unanfechtbar. José Carlos geht nach Hause, er ist sich keines Unrechts bewusst; er hat ja erst den Ball ins Netz gekickt, als alle schon zur Mittellinie liefen. In seiner kleinen Hinterhofwerkstatt besohlt er ein paar Schuhe, seine Frau wartet mit dem Abendessen, es ist ein ganz normaler Sonntag.
Am nächsten Morgen rufen die ersten Reporter an. Die Videoaufzeichnung von dem Spiel ist im Fernsehen gelaufen, jetzt spricht das ganze Land über das Tor des Balljungen. José Carlos hat Angst vor Interviews, aber er ist auch ein wenig stolz. Er sagt, er habe sich über den gegnerischen Torwart lustig machen wollen. "Hey, da ist wohl ein Loch im Netz", habe er gesagt. Der Vereinspräsident klopft ihm auf die Schulter, Kinder bitten ihn um Autogramme. "Ich war ein Held", sagt er.
Doch der Ruhm geht so schnell, wie er kam. Der Fußballverband schaltet sich ein. Schiedsrichterin Sílvia Regina wird wegen ihrer Fehlentscheidung für 30 Tage gesperrt, der Linienrichter für mehrere Monate suspendiert. José Carlos verliert sein Ehrenamt.
Gegen Santacruzense verhängt das Fußballschiedsgericht eine Strafe von 50 000 brasilianischen Real, rund 18 000 Euro. Jetzt richtet sich der Zorn gegen den Balljungen: "Du kennst wohl die Fußballregeln nicht", sagt man ihm. Fans und Funktionäre, die ihn erst als Helden feierten, gehen auf Distanz. "Der Verein lässt mich im Stich", klagt José Carlos.
Aber José Carlos lässt den Verein nicht im Stich. Er muss sich jetzt Eintrittskarten kaufen, sagt er, für einen Platz hoch oben auf der Tribüne.
JENS GLÜSING
Von Jens Glüsing

DER SPIEGEL 43/2006
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