23.10.2006

RUSSLANDIm Reich der Gefühle

Mit abgeschmackten Scherzen über Israels Präsidenten irritiert Putin die Welt. Doch seine sprachlichen Ausrutscher haben Tradition.
Auf den Gast aus Jerusalem hatte Präsident Wladimir Putin einige Monate warten müssen, geradezu flehentlich bat der Kreml Israels Premierminister Ehud Olmert zum Staatsbesuch. Denn um die russisch-israelischen Beziehungen steht es nicht zum Besten: Die Kontakte sind durch den Empfang einer Hamas-Delegation in Moskau und wegen der Lieferung russischer Panzerabwehrraketen getrübt, die via Syrien zu Hisbollah-Kämpfern in den Libanon gelangten.
Was lag da näher, als die entstandenen Spannungen nun durch besondere Lockerungsübungen aufzulösen?
"Vertraulicher" sei der Kontakt zwischen Russen und Israelis geworden, freute sich Putin zu Beginn des Treffens mit Olmert Mittwoch vergangener Woche im Kreml. Offenbar so vertraulich, dass der Gastgeber gleich einen Scherz unter Männern nachschob, den Korrespondent Andrej Kolesnikow als einer der letzten Journalisten im Saal zufällig mitbekam: "Grüßen Sie Ihren Präsidenten", wandte sich Putin an den israelischen Premier, "er hat sich als starker Kerl erwiesen. Hat zehn Frauen vergewaltigt. Das hätte ich von ihm nie erwartet. Er hat uns alle verblüfft. Wir beneiden ihn."
Olmert, der seinem russischen Partner eben noch "Feinfühligkeit" im Umgang mit dem jüdischen Staat bescheinigt hatte, entgegnete verdutzt, dass er Mosche Katsav nicht unbedingt beneide. Was durchaus verständlich ist: Dem Präsidenten droht daheim eine Anklage wegen Vergewaltigung und sexueller Nötigung. Er traut sich kaum noch auf die Straße, und als Nachfolger ist bereits der Holocaust-Überlebende und Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel im Gespräch.
Kolesnikow, Mitarbeiter der Moskauer Zeitung "Kommersant", ist ein intimer Kenner Putins. Und doch, so sagt er, habe
er nach den herben Präsidenten-Sprüchen wieder einmal "seinen Ohren nicht getraut". Kreml-Sprecher Dmitri Peskow versuchte, die Wogen mit dem Hinweis zu glätten, der Staatschef habe nur "gescherzt".
Dass der unfreiwillige Lauscher die Szene trotzdem nicht verschwieg, dürfte Folgen haben. Kolesnikow, Autor mehrerer frecher Putin-Bücher und Mitglied des Journalisten-Pools im Kreml, hat sich beim Pressedienst des Präsidenten schon früher unbeliebt gemacht - zum Beispiel mit der Bemerkung gegenüber dem Präsidenten, in Russland gebe es "keine Demokratie".
Seine Kollegen dagegen reagierten mit betontem Desinteresse auf den misslungenen Putin-Scherz. Nicht nur, weil ohnehin kaum noch jemand dem Staatschef widerspricht, sondern weil die russische Macho-Gesellschaft solche Sprüche goutiert. Und von ihrem Präsidenten sind die Russen derbe Worte gewohnt.
Im September 1999, erst wenige Wochen als Premierminister im Amt, versprach Putin Härte gegen die tschetschenischen Untergrundkämpfer im Kaukasus: "Wir werden die Terroristen überall verfolgen. Und wenn wir sie auf der Latrine plattmachen."
Als russische Sicherheitskräfte im März 2000 den durch Kriegsverletzungen entstellten tschetschenischen Warlord Salman Radujew gefangen nahmen, kommentierte Putin, der Separatistenführer sehe aus "wie ein Tier", und versprach: "Wir werden sie alle in diesen Zustand bringen."
Angesprochen auf das Thema Kaukasus, entgleiste er auch auf einer Pressekonferenz in Brüssel im November 2002. Nach einer offenbar zu mitfühlenden Frage des Korrespondenten der Pariser Zeitung "Le Monde" zur Situation in Tschetschenien empfahl Putin dem Journalisten, er könne sich ja in Moskau als "muslimischer Radikaler beschneiden" und die Operation "so durchführen lassen, dass bei Ihnen nichts mehr nachwächst". Reizthemen, vorgetragen von westlichen Journalisten, lösen Putins Zunge wie ein aufgestockter Bloody-Mary-Cocktail.
Auch auf Sitzungen seiner Regierung sind die Ausfälle des Verbalerotikers gefürchtet. Mal hält Putin Ministern vor, sie würden untätig "Rotz kauen". Mal kritisiert er deren mangelnde Effizienz mit dem groben, volkstümlichen Ausdruck "ne chrena". Was wörtlich "kein Meerrettich" heißt, aber eine Umschreibung für des Mannes edelstes Teil ist und in Wirklichkeit meint: "Bei dem läuft nichts mehr."
Solche Sprüche sind nicht nur Putins Sozialisation auf einem Petersburger Hinterhof geschuldet. Psychologe Wiktor Talanow, der in den neunziger Jahren als Präsidiumsmitglied des Petersburger Stadtparlaments den damaligen Vizebürgermeister beobachtete, hat später ein "Psychologisches Porträt" des Präsidenten verfasst.
Putin, so die Expertise, habe eine Vorliebe für "schwarzen Humor", im "Reich der Gefühle" aber nur eine "schwache Orientierung". Er erleide mitunter "emotionale Ausbrüche", durchaus "gegen seinen Willen". Auf andere Menschen, so der Psychologe, wirke so jemand bisweilen "sonderbar".
Offenbar auch auf Ehud Olmert. Bei einer seiner Reden in einer Moskauer Synagoge verhaspelte sich Israels Premier und sprach den Kreml-Chef versehentlich mit "Herr Plutin" an.
Plutin klingt wie ein anderes, ebenfalls unmissverständliches russisches Wort. Es heißt so viel wie Spitzbube, Gauner, Betrüger. UWE KLUSSMANN
Von Uwe Klussmann

DER SPIEGEL 43/2006
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