DER SPIEGEL



MUSIKINDUSTRIE

Schlager in Trachten

Von Schulz, Thomas

Während das Popgeschäft kriselt, erweist sich ausgerechnet die vielfach verspottete Volksmusik als krisenfest. Sie verspricht ihrem treuen Publikum eine stets heile Welt mit Happy End - in unzähligen Fernsehshows und alljährlich vor rund 50 000 Fans beim Fest der Kastelruther Spatzen.

Genau so müssen sie es sich erträumt haben, all die Fanclubs aus Dessau und Nordthüringen, aus Passau und dem Osnabrücker Land, die schon seit Tagen in immer neuen Reisebussen die Serpentinen hinaufziehen, um nun das zu sehen: Der Kastelruther Hausberg Schlern glüht im Abendrot vor tiefblauem Himmel, Kuhglocken schallen über die selbst im Oktober noch saftigen Wiesen, und Volksmusikanten in einheimischer Tracht spazieren durch gepflegte Gassen.

Weiter den Berg hinauf, ein Stückchen oberhalb ihres Südtiroler Heimatdorfes, haben die Kastelruther Spatzen das größte Festzelt Europas aufbauen lassen. 15 000 Menschen quetschen sich dort hinein, um innerhalb von drei Tagen einen der vier Auftritte der Volksmusikgruppe zu erleben. Sie stören sich nicht an schlichten Texten und noch schlichteren Melodien, im Gegenteil, am Ende singen alle glücklich mit: "Noch größer als der Everest ist das Kastelruther Spatzenfest."

Die Kastelruther Spatzen sind ein Phänomen. Die "Bild"-Zeitung nennt die sieben Südtiroler die "Backstreet Boys der Volksmusik". Aber der Vergleich hinkt. Die Kastelruther Spatzen sind erfolgreicher: 110 goldene Schallplatten haben sie in 25 Jahren erhalten und 16 Millionen Platten verkauft. Einen vergleichbaren Dauerbrenner hat der führende deutsche Musikkonzern Universal kein zweites Mal im Programm, seine deutschen Popgrößen von Tokio Hotel über Juli bis Rammstein können da nicht mithalten.

Die Kastelruther Spatzen zählen zur Kategorie Schlager und Volksmusik. Die ist im deutschen Musikgeschäft mit knapp neun Prozent Marktanteil zwar nur eine größere und dazu verpönte Nische - aber dafür krisenfester, langlebiger und mitunter erfolgreicher als die glamouröse Popbranche. Auch beim zweitgrößten Musikkonzern Sony BMG stehen nicht die Popbands wie die aktuellen Chart-Spitzenreiter Silbermond an der Spitze der deutschen Stars. Das bestverkaufte Album in diesem Jahr stammt von Schlagerstar Andrea Berg. Und wenn nach fast 40 Jahren im Showgeschäft die Schnulzen-Combo "Die Flippers" ihre 42. Platte macht, dann steigt sie wie jüngst noch immer in die Top Ten der Charts ein.

Die Plattenfirmen unterscheiden schon längst nicht mehr wirklich zwischen Volksmusik und Schlager. Hackbrett, Zither oder Akkordeon sucht man bei den Kastelruther Spatzen ebenso vergebens wie bei den meisten anderen als Volksmusikanten eingeordneten Genre-Größen von Hansi Hinterseer bis Marianne & Michael und De Randfichten. Im Jargon der Plattenfirmen wird deswegen lieber von "volkstümlicher Musik" gesprochen. Aber selbst das ist nur ein Etikettenschwindel. Es handelt sich um Schlager in Trachten.

Die Verpackung macht tatsächlich den Unterschied - nicht nur bei den Spatzen, sondern auch bei den anderen Volkstümelnden. "Es geht darum, die Heimatverbundenheit auszudrücken", sagt Norbert Rier, der Sänger der Spatzen. Genauso wie

seine Bandkollegen hat er sich schon lange vor dem Weg ins Festzelt in die Kastelruther Tracht gezwängt: hohe Lederstiefel, bestickte Weste, buntes Krawattentuch. "Das finden die Leute eben gut."

Zwei Stunden später donnert Rier "Viva Montania" von der Bühne, und in der ersten Reihe schwenken zwei Frauen im Dirndl ihr selbstgemaltes Pappschild: "Flensburg grüßt Kastelruth". Ein paar Meter weiter, zwischen all den mit Fanschals und Rosen bewaffneten Damen, berlinert unablässig ein untersetzter Mittfünfziger, von oben bis unten in Kastelruther Tracht: "Dett is janz groß hier, janz groß!"

Die Spatzen wissen sehr genau, was ihre Zielgruppe will: "einfache Klänge", "ein bisschen weg vom oft grauen Alltag", "heile Welt". Und sie wissen genau, wie ihre Zielgruppe aussieht: Es sind nicht nur die Alten, die Rentner, die Heimatverliebten, wie es dem Klischee der Volksmusikfans entspricht, sondern die Verunsicherten, Beunruhigten, einfaches Glück Herbeisehnenden. Die meisten im Festzelt sind deutlich unter 60. "Die Leute kommen zu uns, weil sie hier abschalten können", sagt Rier. "Und weil es den Leuten im Hartz-IV-Land schlechtgeht."

Und so singen die Spatzen nicht nur von glücklichen Romanzen auf der Alm, sondern auch Lieder wie "Glaub an Dich", in denen es darum geht, beim Absturz in die Arbeitslosigkeit nicht aufzugeben, "denn keine Regenwolke bleibt für immer, bald schon gibt es wieder Sonnenlicht". Bei solchen Versen treibt es im längst von Bierdünsten und Gefühlsduselei vernebelten Zelt manchen die Tränen in die Augen.

"Es heißt immer, es ginge nur um heile Welt bei uns, dabei geht es um heilbare Welt, das ist ein großer Unterschied", sagt Franz Selb. Er ist seit 20 Jahren Geschäftsführer von Koch, inzwischen die Volksmusik- und Schlagersparte von Universal Music. Nicht nur die Künstler, auch die Plattenbosse sind im Schunkelgeschäft äußerst veränderungsresistent.

Ganz anders als im oft schnelllebigen Popgeschäft ist die Szene klein, fast familiär und äußerst beständig. Für die Plattenfirmen hat das einen großen Vorteil: Wer es einmal geschafft hat, funktioniert auf lange Zeit. "Einige wie die Flippers oder Roger Whittaker sind seit bald 40 Jahren dabei und bringen immer noch jedes Album nach oben in die Charts", sagt Jörg Hellwig, Chef des für Volksmusik und Schlager zuständigen Sony-BMG-Labels Ariola. Selbst vermeintliche Jungstars wie ARD-Moderator Florian Silbereisen oder Stefanie Hertel sind längst alte Hasen: Sie haben eben schon als Kinder angefangen.

Zickenkrieg gibt es hier nicht, noch nicht mal inszenierten, kein Britney Spears gegen Christina Aguilera, kein Grönemeyer gegen Westernhagen. Schließlich trifft man sich ständig bei den gleichen Veranstaltungen: bei Carmen Nebel, beim MDR, beim Grand Prix der Volksmusik. Oder tingelt gleich wochenlang gemeinsam durch die Mehrzweckhallen, mit dem Frühlingsfest der Volksmusik oder dem Herbstfest, je nach Jahreszeit eben.

"Das ist eine total überschaubare Gruppe, da bringt es nichts, sich das Leben gegenseitig zur Hölle zu machen", sagt Hellwig. Also hilft man sich, wo es geht. Da fahren dann etwa die Kastelruther Spatzen zum Open Air vom Hansi Hinterseer und geben sich als Vorgruppe her, und dafür kommt dann eben der Hansi nach Kastelruth zum Spatzenfest.

Dieses Jahr ist Semino Rossi da. Rossi hatte in diesem Sommer ein Nummer-eins-Album, "Ich denk an Dich", drei Wochen lang führte er die deutschen Charts an.

Rossi, das klingt kitschig italienisch nach Capri-Fischern und süßlichen Adria-Romanzen - aber Rossi ist Argentinier und auch so eine besondere Geschichte, wie man sie immer wieder in diesem eigenartigen Paralleluniversum des Schlagers findet, aber so gut wie nie im Popgeschäft.

Wenige Stunden vor dem Beginn des Spatzenfestes sitzt er allein in der Bar des Hotels Alpenroyals, es ist nicht weit vom Festzelt und deswegen so was wie der heimliche

Backstage-Bereich. Rossi trägt einen hellbraunen Anzug mit lindgrünem Hemd und ebenso grüner Krawatte, und mit seinen kurzen, schwarzen Locken sieht er irgendwie so aus, als wolle er sich tatsächlich gleich eine Rose zwischen die Zähne klemmen und einen seiner Liedtexte wahr machen: "Komm und küss mich, Corazon". Vor ihm steht ein Koffer voller Autogrammkarten.

Noch vor wenigen Jahren wäre der Koffer leer gewesen, denn die ersten 20 Jahre von Rossis musikalischer Karriere waren wenig glamourös: Zunächst schlug er sich als Straßenmusikant in Spanien durch, später tingelte er durch Hotels in Österreich. Erst vor fünf Jahren fiel er zufällig einem Plattenmanager von Koch-Universal auf. Prompt durfte Rossi ins Tonstudio kommen und für die Plattenmanager "Don't cry for me Argentina" singen. Koch-Universal-Chef Selb war angetan, Rossi bekam tatsächlich einen Plattenvertrag. Nur bekanntmachen musste man ihn noch. Also fuhr Selb nach Salzburg zum "Musikantenstadl"-Impresario Karl Moik, "mit Brezen, Weißwurst und der Rossi-CD". Moik war nicht überzeugt, aber seine Frau rief aus der Küche: "Karl, das ist gut."

Ein Auftritt allein macht aber noch keinen Star, nicht mal im "Musikantenstadl", dazu braucht es große Emotionen, und auch die besorgte Plattenmanager Selb: Er ließ zur Show Rossis Mutter aus Argentinien einfliegen, fünf Jahre hatten sie sich nicht gesehen, ihm sagte er vorher natürlich nichts. Der erwünschte Effekt trat ein: Rossi brach in Tränen aus, das halbe Publikum auch - es war die Geburtsstunde eines Schlagerstars.

Inzwischen hat Rossi über eine Million Platten verkauft. Er ist jetzt ein Star in der Schlagerwelt - aber eben auch nur dort. Eine Million Platten: bis zu doppelt so viel wie die Debütalben der neuen deutschen Popbands Juli oder Wir sind Helden oder Silbermond, die in kürzester Zeit im ganzen Land berühmt wurden. Rossi dagegen kennt niemand, der nicht "Meine Melodie" liest oder eine Schlagerwelle hört.

Diese Abgeschlossenheit ist typisch für das Genre: In dem Mikrokosmos mit eigenen Zeitschriften, Radiosendern und TV-Shows gibt es fast keine Schnittmengen mit der Popkultur. Selbst der Boulevard interessiert sich nur, wenn etwa Patrick Lindner mit seinem Ex-Lebensgefährten um das adoptierte Kind streitet. Es ist das Stigma, das sich alle Volksmusikanten und Schlagerbands teilen, die Strafe für Lieder, die sich meist nur um himmlische Gefühle, großes Verlangen, zärtliche Abenteuer drehen und nach Keyboard-Computer klingen: das ständige Belächeltwerden, die Häme, die fehlende breite Anerkennung. Das Kichern der Popstars und Plattenmanager, das jedes Mal bei der Echo-Verleihung durch den Saal geht, wenn die Kastelruther Spatzen wieder einmal den wichtigsten deutschen Musikpreis verliehen bekommen. Neun Echos haben sie schon. Xavier Naidoo hat sieben.

Macht ihnen diese Geringschätzung nichts aus? "Da muss man mit leben", sagt Rier. Doch nach einer kleinen Pause fügt er hinzu: "Es wäre schon schön, wenigstens einmal bei 'Wetten, dass ...?' dabei sein zu dürfen. Aber die Hoffnung stirbt zuletzt."

An Fernsehauftritten mangelt es den Volksmusikanten allerdings nicht, ganz im Gegenteil. Was würden die Plattenfirmen dafür geben, wenn sie ihre Popstars so oft

ins Fernsehen bringen dürften: Es gibt die "Krone der Volksmusik", das "Fest der Volksmusik" und den "Grand Prix der Volksmusik", die Show von Carmen Nebel, den "Musikantenstadl" und "Melodien für Millionen". Alle haben fünf, sechs, sieben Millionen Zuschauer, obwohl fast keine Woche vergeht, in der ARD und ZDF nicht irgendein Volksmusik- oder Schlagerprogramm zur besten Sendezeit ausstrahlen.

Es ist, als könnte ein beachtlicher Bestandteil der Deutschen nicht auskommen ohne diese öffentlich-rechtlichen Tranquilizer mit der immergleichen Bedröhnung von Heimat und Happy End. Kein Zufall ist wohl, dass das Epizentrum der Volksmusik nicht etwa Bayern, sondern ausgerechnet der ostdeutsche MDR ist - in dessen Sendegebiet Arbeitslosenquoten von bis zu 20 Prozent keine Seltenheit sind. Bis zu einem Dutzend musikalische Fröhlichmacher bietet der MDR für die ARD an.

Das große Geld verdienen die Volksmusikanten mit ihrer Dauer-TV-Präsenz allerdings nicht: Mehr als 5000 Euro pro Auftritt gibt es selten, manchmal wird überhaupt keine Gage gezahlt. Aber dafür bleibt bei den Dauertourneen genug hängen, mehr als hundert Auftritte absolvieren etwa die Kastelruther Spatzen jedes Jahr - die Karten kosten bis zu 55 Euro.

Das Geschäft mit der heilen Welt läuft gut, man sieht es hinter dem Bühneneingang des Festzelts, wo die Luxuslimousinen warten. Die Band hat sichergestellt, dass jeder ein Stück heile Welt mit nach Hause nehmen kann: Es gibt Spatzen-Seidenkissen, Spatzen-Wecker, Spatzen-Handcreme ("mit Schlernwasser und Hagebutte"), Spatzen-Duschgel ("mit Spatzen-Wein hergestellt"), neuerdings sogar Spatzen-Käse, natürlich von Südtiroler Bauern. Vor dem Fanshop in Kastelruth stehen die Menschen Schlange. Sogar eine einwöchige Mittelmeerkreuzfahrt hat die Band im Programm, Galakonzert, Frühschoppen und Spatzen-Disco inklusive, "glückliche Stunden mit den Kastelruther Spatzen" sind garantiert.

Gleich unter dem Fanshop haben sich die Spatzen ein Museum eingerichtet, aber eigentlich ist es eher ein Schrein. Dort stehen die Echos, die Fernsehpreise, die goldenen Schallplatten. Dort hängen Fotos mit Carolin Reiber und Karl Moik, sind besonders aufwendige Basteleien, Stickereien, Malereien von Fans ausgestellt, und auch die Plakette vom Tourismusverein Kastelruth für besondere Verdienste im lokalen Fremdenverkehr findet ihren Platz.

In einem Extraraum steht ein Tisch, rund ein halbes Dutzend Gästebücher stapeln sich darauf. Sie sind vollgeschrieben mit immergleichen Einträgen, und wer sie liest, weiß, warum jedes Jahr 50 000 Menschen in ein kleines Bergdorf in den Dolomiten pilgern: "Meine lieben Kastelruther Spatzen, immer wenn ich eure Musik höre, kommt in mir so ein Glücksgefühl auf." THOMAS SCHULZ

* In seiner ARD-Show "Frühlingsfest der Volksmusik" mit Gast Maria Hellwig.

DER SPIEGEL 44/2006
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