30.10.2006

RELIGIONWortsalat im Garten Eden

Eine „Volxbibel“ präsentiert Gott im Schnodderjargon, in einer weiteren neuen Übersetzung ist er sogar weiblich. Wird die Heilige Schrift von Modernisten verhunzt?
Hirtinnen und Hirten" eilen herbei, als im Stall von Bethlehem der kleine Jesus geboren wird. Umgeben von "Nachbarn und Nachbarinnen" wächst der Knabe auf. Später schart er "Jüngerinnen und Jünger" um sich und betet frauenfreundlich das "Vater- und Mutterunser".
Die Zitate vom politisch korrekten Christus ("Liebe deine Nächste und deinen Nächsten") entstammen einer 2400 Seiten dicken "Bibel in gerechter Sprache", mit der diesen Dienstag in Frankfurt die erste Liturgie gefeiert wird**. Die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau stellte 400 000 Euro für die Neuübersetzung bereit.
52 "Theologen" (davon 42 Frauen) waren an dem Bemühen beteiligt, das Buch der Bücher zu verdolmetschen. Nun treten dort "Prophetinnen" und "Apostelinnen" auf. Die Hauptperson heißt wie gewohnt Gott - aber auch "die Lebendige", "die Ewige" oder einfach "Sie". "Ungeheuer
spannend" findet das Margot Käßmann, die Landesbischöfin von Hannover.
Andere sind verwirrt. Seit Wochen schon tobt ein Grundsatzstreit. Gegner versuchen die Ausbreitung des religiösen Spaltpilzes zu stoppen, der aussieht, als wäre er von "Emma"-Redakteurinnen verfasst worden. Der Tübinger Alttestamentler Bernd Janowski spricht von einem "Dokument des sich selbst aushöhlenden Protestantismus".
Doch der Zwist ist nur einer von mehreren philologischen Brandherden, die im Lager der Evangelen schwelen. Fast 500 Jahre ist es her, dass Martin Luther die Mönchskutte ablegte und unter dem Motto "sola scriptura" ("allein die Schrift") die Rückkehr zum strengen Wortlaut der Bibel forderte. Er selbst schritt wuchtig voran.
Für das (in Hebräisch niedergeschriebene) Alte Testament zog er einen großen Mitarbeiterstamm zusammen. Um die Tieropfer-Vorschriften im 4. Buch Mose genau übersetzen zu können, ließ er von einem Schlachter Hammel ausweiden und sich die blutigen Organe benennen. Beim Neuen Testament - das Original entstand zwischen 70 und 120 n. Chr. auf Griechisch - half der Freund Melanchthon.
Im Jahre 1534 kam das Werk in Druck. Es ist ein poetisches Meisterstück, das die deutsche Sprache tief geprägt hat.
Vielen Pfarrern, die heute vor leeren Bänken predigen, sind die sinnlichen Formulierungen des Wittenbergers jedoch zu altbacken. "Museal" sei die Lutherschrift, meint Bischöfin Käßmann.
Ähnlich abschätzig hatte schon im Jahr 1975 eine Gruppe protestantischer Buchstaben-Stürmer argumentiert, die die Heilige Schrift auf flachen Gegenwartsjargon heruntertextete. Statt "unter den Scheffel" stand das Licht nun unterm "Eimer". Eine revidierte Fassung von 1984 nahm die krassesten Modernismen wieder zurück.
Den Neutönern reicht der geltende Status quo nicht. Umfragen ergaben, dass viele Jugendliche bei Ausdrücken wie "Halleluja", "frohlocken" oder "predigen" Reißaus nehmen. Also soll mehr Pepp her:
* Bereits im Jahr 2003 plante Michael Schibilsky, Vizepräsident der Evangelischen Kirche in Deutschland, die Bibel von Spaßmachern wie Harald Schmidt umformen zu lassen. Gestoppt wurde das Projekt nur durch das vorzeitige Ableben des Synodalen.
* Erfolgreicher verlief jetzt der Versuch, die Evangelien computertauglich auf CD-Rom zu bannen. Die Originalsätze wurden dafür verschlankt und vereinfacht. Diesen Monat erscheint die Diskette "Matthäus" ***.
* Weit umstrittener ist die "Volxbibel" des Theologen Martin Dreyer. Statt der Auferstehung erlebt Jesus bei ihm ein "fettes Comeback". Beten wird "Labern mit Gott" genannt.
Über 50 000 Exemplare hat der Autor ("Ich fühle mich berufen") bereits verkauft. Im Internet nimmt er derzeit Vorschläge
für die nächste Auflage entgegen. Einer lautet: "Und Gott chillte am siebten Tag."
Längst nicht alle Protestanten mögen sich mit diesem "Ausverkauf an die Gossensprache" abfinden. Aber auch die neue Frauenbibel, argwöhnte der Hamburger Religionspädagoge Fulbert Steffensky schon vor Monaten, werde "nie aus dem Trockendock der guten Absichten" herauskommen.
Da ist was dran. Dröge holpern die feministischen Testamente dahin. "Törichte Jungfrauen" werden "naiv", die listige Schlange im Paradies hat nun "weniger an, aber mehr drauf". "Der Herr ist mein Hirte", übersetzte Luther Psalm 23, "er erquicket meine Seele." Bei den Geschlechtergerechten heißt es: "Adonaj weidet mich", "meine Lebendigkeit kehrt zurück".
Zugegeben: Neue Erkenntnisse zeigen, dass der berüchtigte Ausspruch des Paulus "Frauen sollen in der Gemeindeversammlung schweigen" wohl erst nachträglich in die Bibel hineingeschmuggelt wurde.
Wichtige Hinweise über die Stellung der Frau im alten Israel liefert der Evangelist Lukas, der um 90 n. Chr. schrieb: Er erwähnt eine Jüngerin Tabita sowie zwei junge Mädchen, die einem Juden aus Korinth privaten Bibelunterricht erteilen.
Im Alten Testament treten eine Richterin Debora auf und eine Prophetin Hulda. Auch wird in der Bibel ein Apostel Junias erwähnt. Der Name könnte weiblich sein.
Aus diesen spärlichen Spuren machen die Übersetzer jedoch einfach einen generellen Trend. "Wir schreiben nur an den Stellen die maskuline Form, an denen definitiv beweisbar ist, dass Frauen nicht anwesend waren", erklärt die Mitarbeiterin Claudia Janssen.
Im Klartext: Das aktuelle Antidiskriminierungsgesetz soll bis ins Gelobte Land zurück verlängert werden.
Entsprechend sieht das Resultat aus: "Pharisäerinnen und Pharisäer" wimmeln neben "Ammoniterinnen und Ammonitern", sowie "Makkabäerinnen und Makkabäern". Jesus ist von "Jüngerinnen und Jüngern" umgeben - obwohl seine zwölf Gefolgsleute allesamt Männer waren.
Sogar "Zöllnerinnen" und amtierende altisraelitische "Königinnen" lässt die Damenriege auftreten - alles Unfug.
Tatsache ist, dass Jesus in einer patriarchalisch geprägten Bauernkultur lebte. Keine Frau konnte dort Priesterin werden. Um einen Gottesdienst ("Minjan") abzuhalten, mussten mindestens zehn Kerle anwesend sein. Der Bielefelder Religionskundler Andreas Lindemann: "Alle Frauen Israels hätten den fehlenden zehnten Mann nicht ersetzt."
"Zwischen Auslegung und Übersetzung wird nicht sauber unterschieden", rügt der Leipziger Neutestamentler Jens Schröter. "Das ist nicht seriös."
Im Garten Eden herrscht ebenfalls Wortsalat. Der Frauenpower-Bibel zufolge lebte im Paradies anfangs ein "Menschenwesen", das, wie im Glossar gemutmaßt wird, "offenbar androgyn" war. Diesem Zwitter teilt Gott nicht eine Rippe ab, sondern gleich eine ganze "Seite", aus der er dann Eva formt. Adam verkümmert so zum "Rest des Menschenwesens".
Die neue Erkenntnis: Die eigentliche Baustelle ist der Mann.
Mit dem alten Himmels-Boss - auch "Vater" "Herr" und "Gebieter" genannt - räumt das Deutungskollektiv gleich ganz auf. Gott verwandelt sich bei ihnen häufig zur transzendenten Mutti.
Nur wieso? Jahwe, der Gott der Juden, trug von Anbeginn maskuline Züge. Ursprünglich war er ein Wettergott, den die Nomaden auf dem Nordsinai verehrten. Noch in der Bibel klingt das nach. Der Donner wird dort "Stimme Gottes" genannt.
Wohl aus Ehrfurcht schrieben die Hebräer den Namen ihres jenseitigen Beschützers etwa ab 300 v. Chr. nicht mehr aus. Stattdessen setzten sie das Kürzel "Jhwh" oder den Ausdruck "Adonaj" (hebräisch: "mein Herr"). Im Neuen Testament steht dann "Kyrios" - die höfliche Anrede für hochgestellte Männer in der hellenistischen Welt.
Den modernen Schriftgelehrtinnen passt das nicht. Bei ihnen hat Gott viele Namen, aber niemals "Herr". Mal heißt er "der Ewige", "die "Ewige", "die Lebendige", dann wieder "Adonaj", "Ichbin-da", "Schechina", "ha Makom" oder "Die Heilige/Der Heilige".
Jesus verknirpst derweil vom "Sohn" zum grammatisch sächlichen "Kind Gottes". Der heilige Geist verweiblicht - Mama Mia! - zu die "Geistkraft".
"Nur der Teufel bleibt männlich", stöhnt der Forscher Schröter. Auch eine Pontia Pilata sucht man in der Frauenbibel vergebens.
Insgesamt "missglückt" sei die Übersetzung, meint Religionskundler Lindemann. Ihn nervt vor allem der ständige Verweis auf die vermeintliche Doppelgeschlechtlichkeit Gottes. Der aber war der christlichen Lehre zufolge vielmehr ungeschlechtlich und unteilbar. Nun jedoch, so der Professor, werde er "hochgradig sexualisiert".
Was also tun? Während die Neuübersetzer derzeit mit Werbeveranstaltungen und Lesungen an die Pfarrämter herantreten, hoffen die Gegner, dass die Chose im Sande verlaufen möge.
Andere verweisen auf den großen Reformator Martin Luther. Der hatte einst gedonnert: "Das Wort sie sollen lassen stahn." MATTHIAS SCHULZ
* Porträt von Lukas Cranach d. Ä., 1528.
** "Bibel in gerechter Sprache". Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh; 2400 Seiten; 24,95 Euro.
*** "Basis B - Die Bibel interaktiv, Matthäus". (CD-Rom mit Begleitbuch). Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart; 14,90 Euro.
* Gemälde von Raffaellino del Garbo, 1505.
Von Schulz, Matthias

DER SPIEGEL 44/2006
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