30.10.2006

ZEITGESCHICHTEDer Schatten des Herbstes

Vor 30 Jahren protestierten die wichtigsten Künstler der DDR gegen die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann - die Aktion gilt als Anfang vom Ende der DDR. Heute sind viele der Künstler, die damals eng befreundet waren, heillos miteinander zerstritten. Von Susanne Beyer
Eigentlich ist es eine wunderbare Geschichte. Eine Geschichte mit klugen, tapferen und lauteren Helden, die sich einem Schurkenregime widersetzten, um für das Recht auf freie Rede und auf freie Reise zu kämpfen.
Es ist eine sehr deutsche Geschichte, eine Geschichte zwischen Ost und West. Am Anfang überstürzten sich die Ereignisse, Menschen mussten fliehen und sich verstecken. Nur ein Happy End gibt es nicht. Immer noch nicht.
Denn auch wenn die Helden von damals bis heute gerühmt werden für ihre Widerstandstat, weichen viele von ihnen aus, wenn die Rede kommt auf diese Tat. Selbst jetzt im Jubiläumsjahr, genau 30 Jahre später, wollen manche von ihnen nicht sprechen über damals oder nur dann, wenn sie sich sicher sein können, dass sie die Hoheit über ihre eigene Version der Ereignisse behalten. Sie verhalten sich, als müssten sie einen dunklen Untergrund verbergen, als wirke da etwas auf unheilvolle Weise nach.
Die Heldengeschichte, so wie sie bisher erzählt wurde, begann im Herbst 1976. Der Liedermann Wolf Biermann verlor die Staatsangehörigkeit der DDR, nachdem er in einem Konzert vor Tausenden Zuhörern im Westen, in Köln, die DDR-Führung kritisiert hatte.
Daraufhin trafen sich in den Vormittagsstunden des 17. November 1976 die bekanntesten Schriftsteller der DDR, um gegen die Willkür der Staatsmacht zu protestieren. Sie versammelten sich im Haus von Stephan Hermlin in Berlin-Niederschönhausen. Hermlin und sein prominenter Kollege Stefan Heym formulierten gemeinsam eine Petition gegen Biermanns Ausbürgerung. Unter anderem unterschrieben Jurek Becker, Volker Braun, Sarah Kirsch, Günter Kunert, Heiner Müller, Christa Wolf und ihr Mann Gerhard Wolf. Bevor die Schriftsteller auseinandergingen, wurde beschlossen, die Petition auch der westlichen Nachrichtenagentur AFP zu übermitteln.
Und so lief noch am selben Abend der Einspruch der Schriftsteller in den Hauptnachrichten des West-Fernsehens als erste Meldung. Es war eine Sensation. Niemals hatte die DDR-Führung damit gerechnet, dass ihre angesehensten Künstler, die doch wirklich relativ gut behandelt wurden, es wagen würden, den Staat öffentlich zu kritisieren; dass sie sich zu einer Gruppe zusammenschließen und dabei sogar die Westdeutschen als Publikum miteinbeziehen würden.
Und die Aktion schlug Wellen: Die Petition wurde in Künstlerkreisen herumgereicht. Schauspieler, Regisseure, Filmemacher, Maler, Bildhauer, Sänger unterschrieben, auch unbekannte Leute vor allem aus Jena, aber eben auch die ganz bekannten:
Nationalpreisträger wie der Schauspieler Manfred Krug, sein Freund und Kollege Armin Mueller-Stahl und die befreundeten Kollegen Angelica Domröse und ihr Mann Hilmar Thate.
Es war nicht nur ein Aufstand der Künstler, sondern auch ein Aufstand der Freunde.
Die weniger Bekannten wurden sofort bestraft, viele ins Gefängnis gesteckt. Mit den Prominenten konnte man so nicht verfahren, dennoch ließen die Funktionäre ihre Stars spüren, dass sie von ihnen bitter enttäuscht waren. Sie versuchten, sie zu belehren und mit Versprechungen zu locken; manche Kulturfunktionäre gaben sich bei den Gesprächen mit den rebellischen Künstlern wie gekränkte Liebhaber. Aber weil nun einmal der Bruch da war, verließen viele prominente Künstler die DDR, und dieser Künstlerexodus wiederum gilt im Nachhinein als Menetekel, als Anfang vom Ende der DDR.
Und so gibt es heute drei markante Daten in der DDR-Geschichtsschreibung: Der 17. Juni 1953, als der Aufstand der Arbeiter scheiterte. Dann die Novembertage des Jahres 1976. Und der Herbst 1989, als DDR-Bürger anfingen, ihren Staat abzuschaffen.
Nun also, 30 Jahre später, die Frage an Protagonisten von 1976, ob sie erzählen möchten, wie sie zurückdächten und wie es ihnen jetzt ergehe. Viele der Künstler haben ihre Karriere fortgesetzt, heute gehören sie zum gesamtdeutschen Kultur-Establishment.
Ein Brief an Christa und Gerhard Wolf und ein Anruf in Berlin. Die beiden sind seit 55 Jahren verheiratet. Christa Wolf gilt als eine der wichtigsten deutschen Schriftstellerinnen, Gerhard Wolf ist vor allem bekannt als Verleger. Beide gehören zu den sogenannten Erstunterzeichnern der Petition, sie zogen ihre Unterschrift nicht zurück, blieben aber in der DDR.
Gerhard Wolf ist am Apparat und reagiert so, wie von ihm erzählt wird, dass er meistens reagiere: Er holt schnell seine Frau. Christa Wolfs Stimme klingt ruhig, warm, sehr freundlich. "Wir haben lange über Ihren Brief gesprochen", sagt sie. "Sie haben recht, die Ereignisse von damals sind in ihren Wirkungen bis heute nicht aufgearbeitet", fährt sie fort, und schon jetzt ist klar, dass dies nur der Beginn einer Absage ist. "Ich habe mir überlegt, ich werde wohl selber etwas schreiben darüber, etwas Abschließendes, denn wenn andere das machen, bin ich nie zufrieden, nie." - "Bitte haben Sie Verständnis."
Nächster Anruf beim Ehepaar Angelica Domröse und Hilmar Thate. Die Domröse galt als Brigitte Bardot der DDR - wenn es einen weiblichen Superstar des Oststaats gab, dann war sie es. Thate galt in den fünfziger Jahren schon als junger Wilder des DDR-Theaters. Domröse und Thate unterschrieben die Petition, verließen Anfang 1980 mit einem ständigen Ausreisevisum die DDR. Anruf also, wieder in Berlin.
Hilmar Thate ist am Apparat. Der inzwischen 75-Jährige spricht mit einer Stimme so kraftvoll, tief und vergnügt, als sei er immer noch der junge Wilde. Auch er holt seine Frau. Ein paar Tage später dann die Entscheidung: "Es tut mir leid, aber ich komm an das Thema im Augenblick nicht ran", sagt Angelica Domröse und gibt damit eine typische Schauspielerantwort: nicht rankommen an eine Figur, an den Text, an die Gefühle.
Nächster Versuch: Manfred Krug, der männliche Superstar der DDR und 1976 ein besonders eifriger Unterschriftensammler. Sehr früh, schon im Sommer 1977, verließ Krug die DDR. Er wurde auch im Westen ein beliebter Schauspieler. Liebling Kreuzberg. Kommissar Stoever. Briefwechsel also. Frage, ob er bereit sei zum Interview.
Krug schreibt sofort zurück, und man fragt sich, ob er eigentlich alles kann, spielen und singen und schreiben, und ob es vielleicht die eine Begabung ist, die sich auswirkt auf sein Spielen, Singen und Schreiben: dass er bei allem einen so sicheren Rhythmus, einen unverkennbaren Klang hat. Er schreibt: "Die DDR hat Selbstmord getrieben, und Biermann war der Haken, an dem sie sich aufgehängt hat. Was meine Unterschrift angeht, ich war über die eigene Tollkühnheit kurz erschrocken, aber bald danach war ich dem Biermann nur noch dankbar. Er hatte mich, ohne sein Wissen, zur Herstellung eigener
Grundsätze angestachelt, zu denen ich jetzt stehen konnte. Es war eine gefährliche, dennoch wunderbare 'Bis-hierher-undnicht-weiter'-Situation, die ich in meinem Leben nicht missen möchte. Das war's dann aber schon. Nochmals Dank, dass Sie sich meiner erinnert haben und herzliche Grüße" - "Bitte seien Sie nicht enttäuscht."
Christa Wolf, Angelica Domröse und Manfred Krug wollen also nicht reden. Ausgerechnet diese drei, die doch lange nach den Ereignissen Bücher geschrieben haben, in denen sie das Jahr 1976 zum Fix- und Wendepunkt machten. Eine mögliche Erklärung dafür findet sich aber gerade in ihren Büchern. In allen drei Werken geht es um das Zerbrechen von Freundschaften nach 1976.
Christa Wolf schrieb einen Roman, "Sommerstück", darin beschreibt sie andeutungshaft einen Sommer Mitte der siebziger Jahre, wie es war, als die Freunde es noch gut hatten miteinander. Manfred Krug schrieb keinen Roman, er drückte sich in Ton und Sujet so direkt wie möglich aus, verfasste ein dokumentarisches Buch, "Abgehauen", in dem er auch Tagebuchaufzeichnungen veröffentlichte. Darin nennt er den Grund für das Ende der Freundschaften nach 1976 - dass er sich verraten fühlte von den Freunden, dass er entsetzt war über die plötzliche Bereitschaft vieler, sich bald nach der Unterschriftensammlung wieder mit den Mächtigen zu arrangieren. Es geht um Armin Mueller-Stahl, aber auch um Thate und Domröse. Thate , so behauptete Krug, habe nach der Unterschriftenaktion einen unterwürfigen Brief an ein ZK-Mitglied geschrieben, einen "Ringelwurm von einem Brief". Und danach seien er und seine Frau mit Privilegien belohnt worden, hätten auf einmal im Ausland Theater spielen dürfen: "Sie haben sich einen winzigen Hauch geschickter verhalten, dafür gibt's ein feines Zuckerbrot", spottet Krug.
Für diese Vorwürfe hat sich Domröse dann gerächt, in ihrem eigenen Erinnerungsbuch "Ich fange mich selbst ein", das 2003 erschien. Sie rächte sich mit denselben Mitteln, warf Krug vor, er habe selbst einen "großen Deal" gemacht mit der DDR-Führung, habe dem Politbüro sein Tagebuch übergeben, um dafür bei seiner Ausreise in den Westen seine Antiquitätensammlung mitnehmen zu dürfen.
Das also bewegt die Akteure Jahrzehnte nach den Ereignissen: nicht die Heldentat der Unterschriftensammlung, sondern die Zugeständnisse, die darauf folgten, die kleinen und größeren Kompromisse, die manche der Künstler angeblich oder tatsächlich eingingen, um sich mit den Mächtigen wieder gutzustellen, die sich auswirken auf das Bild, das die Freunde von einst nun voneinander haben. Es ist diese Phase zwischen dem Bruch mit der Staatsmacht im Herbst 1976 und der Zeit, in der viele ausreisten, welche die Heldengeschichte relativiert.
Auch heute noch ist Berlin die Hauptstadt der Ereignisse von damals. Viele der Protagonisten leben noch in Berlin oder haben dort ein zweites Haus, eine zweite Wohnung, einen Koffer. Und Berlin ist auch deswegen noch die Hauptstadt der Ereignisse, weil hier die Erinnerung festgehalten wird in kleinen und großen Archiven. Da liegen Gesprächsprotokolle von den Sitzungen zwischen Künstlern und Staatsmächtigen, den Sitzungen, die unmittelbar nach der Unterschriftenaktion einberufen worden waren, da liegen Briefwechsel zwischen den Künstlern und Funktionären, und obwohl die Archivare wirklich peinlich genau darauf achten, dass Privatsphären geachtet werden - schwärzen, versiegeln, zurückhalten -, erschließt sich in den Akten sofort die Dramatik der Zeit nach 1976. Nein, wirklich: Da konnten sich keine Freundschaften halten.
Heiner Müller, Dramatiker und hochmögender Erstunterzeichner der Petition, zog seine Unterschrift zurück, nur acht Tage, nachdem er sie geleistet hatte.
Regisseur Frank Beyer, der in seinen legendären Filmen wie "Spur der Steine" (1966) die DDR-Führung reichlich blamiert hatte, zog zwar nichts zurück, legte aber, wie zumindest ein Schreiben der Stasi nahelegt, "ein Bekenntnis zur Politik der Partei bzw. Staatsführung ab".
Da heißt es wiederum über Stefan Heym, er achte nun darauf, "seine Unabhängigkeit" von Stephan Hermlin "zu betonen", denn selbst Hermlin - immerhin der Initiator der Unterschriftenaktion - war auf seinen Freund Erich Honecker zugegangen, hatte bereits im Dezember 1976 einen "Ringelwurmbrief" an den Staats- und Parteichef geschrieben, in dem er sich auf einmal wünschte, "dass alle Schriftsteller sich um unsere Partei und Regierung scharen". Es sei sein "Fehler" gewesen, die Petition an eine westliche Nachrichtenagentur gegeben zu haben.
Am Ende waren fast alle enttäuscht voneinander, häufig zu Recht, manchmal aber wohl zu Unrecht. Auch besagter "Ringelwurmbrief", der zum Bruch zwischen Krug und dem Ehepaar Domröse und Thate führte, liegt im Archiv, und es zeigt sich, dass er so verkrümmt gar nicht gewesen ist. Der Brief Thates, datiert vom 2. Dezember 1976, ist eine Reaktion auf die Bitte eines Funktionärs, sich schriftlich von der Unterschriftensammlung zu distanzieren. Thate schreibt hellsichtig, dass er nicht verstehe, warum der Funktionär etwas Schriftliches von ihm verlange: "Ich will nicht, dass Leute auseinanderdividiert werden in solche, die geschrieben haben, und solche, die es nicht taten." Und dann heißt es, dass er durchaus zur Unterschriftenaktion stehe, nur die "Ausschlachtung" der Petition "durch westliche Medien" behage ihm nicht.
Im Archiv findet sich sogar ein Schreiben von Angelica Domröse an eben jenen Funktionär, in dem sie sich schlichtweg weigert, "ein schriftliches Bekenntnis" abzulegen.
Vielleicht also hätte es nicht sein müssen, dass sich Krug mit Domröse und Thate derart überwarf, doch es war genau das,
was die DDR-Funktionäre beabsichtigt hatten mit ihren Vorladungen, ihren Versprechungen, ihren Bitten an die Künstler, reuevolle Briefe zu schreiben. Die Vertrauten sollten das Vertrauen ineinander verlieren.
Und so ging 1976 viel mehr kaputt als ein ohnehin schon marodes Gefüge zwischen Kunst und Macht. Obwohl es die DDR nicht mehr gibt, ist der Argwohn unter den Künstlern geblieben - selbst bei denjenigen, die heute bereit sind zu reden über die Ereignisse von damals, beim Schriftsteller Günter Kunert etwa oder beim Schauspieler Armin Mueller-Stahl.
Dass Kunert die Folgen von 1976 nicht überwunden haben könnte, darauf deutet erst einmal nichts hin. Er hat sich tapfer geschlagen damals, hat kühl hingenommen, dass er aus den Reihen der Partei gestrichen wurde. Und doch hinterließ der plötzliche Hass unter Schriftstellerkollegen, der Belauerungs- und Belagerungszustand, seine Spuren. Kunert lebt heute so, als müsse er sich verstecken.
Er, der aufgewachsen ist in einem jüdischen Elternhaus im Berlin der dreißiger, vierziger Jahre, der auch als erwachsener Mann in Berlin blieb und das Berlinerische bis heute nicht verbergen kann, bei jedem Wort, das er spricht - ausgerechnet dieser bekennende Hauptstädter hat sich verkrochen in die Einsamkeit, in die Marschlande bei Itzehoe, wo es außer Windrädern, Kühen und ein paar dahingestreuten Backsteinhöfen kaum etwas gibt. Besuchern schickt er die Kopie einer Landkarte, auf der er dann mit einem dicken Pfeil markiert, wo er in etwa wohnt.
Ein ehemaliges Schulhaus hat er sich gekauft, ein großes, düsteres Gebäude, und seine Gäste empfängt er im alten Klassenzimmer, eingerichtet mit Antiquitäten, die er in DDR-Zeiten erwarb, um etwas zu haben, was wertvoll ist.
Seit er die DDR 1979 verlassen hat, wohnt er hier, und bei ihm ist, damals wie heute, seine Frau Marianne, der er jedes seiner über 50 Bücher gewidmet hat und die damals, als sich 1976 die Schriftsteller bei Hermlin im Wohnzimmer trafen, im Hintergrund still in einer Ecke dabeisaß.
So still wie an jenem denkwürdigen Vormittag verhält sich Marianne Kunert heute nicht. Sie erzählt viel, und ihr Mann erzählt auch viel von jener Zeit, aber wenn man die Kunerts fragt, mit wem sie diese Erinnerungen teilen, dann sagen sie, dass sie kaum noch Kontakte haben zu den Leuten von damals, nur noch ganz selten zu Sarah Kirsch, der Schriftstellerkollegin. Die riefen sie manchmal an, und da laufe dann immer der Anrufbeantworter. Manchmal rufe Sarah Kirsch zurück, meistens tue sie es aber nicht.
Die Kunerts kommen schnell auf die Zeit unmittelbar nach der Unterschriftensammlung zu sprechen, auf die Zeit der Kompromisse, der Verunsicherungen, des wachsenden Misstrauens und auch auf Christa Wolf, darauf, dass sie in der SED blieb, obwohl zuvor sogar ihr eigener Mann wegen seiner Unterschrift aus den Reihen der Partei ausgeschlossen worden war. Während die Kunerts erzählen, schleichen ein paar ihrer sieben Katzen im Zimmer herum. Und wenn eine der Katzen zu nahe herankommt ans Fenster, ertönt Hundegebell - es ist die Alarmanlage. Denn dafür haben die Kunerts gesorgt, dass sich niemand diesem Haus nähern kann, ohne dass die Besitzer gewarnt werden. Sie wollen die Kontrolle behalten. "Keine Nachbarn, hier gibt es keine Nachbarn", sagt Marianne Kunert und erklärt damit, warum sie sich für die Einsamkeit entschieden haben. Sie klingt erleichtert, wenn sie "keine Nachbarn" sagt.
In der Einsamkeit ist Kunert, der heute 77 Jahre alt ist, viel zum Schreiben gekommen. Auch seine Lebenserinnerungen schrieb er, sie gipfeln in den Ereignissen von 1976 und enden bald danach. Der Ton in seinen Büchern ist insgesamt pessimistisch geblieben, skeptisch, seine Szenarien oft apokalyptisch: "Meine Angst hat sich rapide verringert, aber meine Befürchtungen sind gewachsen", schreibt Kunert.
Anders als Günter Kunert lebt der Schauspieler Armin Mueller-Stahl, 75, nicht im Versteck. Mueller-Stahl verließ kurz nach Kunert 1980 die DDR, doch er ging dann
nach Hollywood und wurde zu einem der wenigen deutschen Weltstars. Heute pendelt er zwischen Los Angeles, Berlin und der Ostsee, dort überall wohnt er. Er spielt, er schreibt, er musiziert und malt, ein Multitalent wie viele der 76er.
Doch auch wenn die Vergangenheit überlagert ist durch enormen Erfolg, lässt die DDR, dieses längst verschollene Land, Mueller-Stahl nicht los. In seinen Lebenserinnerungen "Unterwegs nach Haus" ist die Suche nach den verlorenen Freunden aus der DDR-Zeit das große Thema, und das Resümee klingt erschreckend: "Je mehr ich über meine alten Freunde nachdenke, desto mehr stelle ich fest, dass meine alten Freunde gar keine Freunde waren", schreibt Mueller-Stahl. Er meint damit auch Manfred Krug.
Zum Interview ist Mueller-Stahl nach Lübeck gekommen, in die Bar eines Hotels mit Blick auf die Trave und die Türme der Marienkirche - ein Stück Westdeutschland ganz in der Nähe von Mecklenburg, von Ostdeutschland oder von dem, was man heute "ehemalige DDR" nennt.
Mueller-Stahl redet ohne Hemmungen über 1976, doch wenn es um das Ende der Freundschaft vor allem zu Krug geht, zögert er. Er möchte mit Krug nichts über die Medien austragen, was er eigentlich mit ihm unter vier Augen besprechen müsste. Ja, so erzählt er dann doch, sie waren sehr befreundet gewesen, er und Krug und Jurek Becker auch, sie haben einander in ihren Häusern in Berlin besucht, und bei diesen Treffen stritten Krug und Becker voller Lust miteinander, zum Beispiel, ob die Welt nach zehn Metern schon gekrümmt ist oder erst danach, ob der Weg nach Johannisthal über diese oder jene Ecke kürzer ist, "es konnte sein, dass die sich mit dem Zentimetermaß nachliefen, die konnten sich kabbeln über alles, aber auf eine witzige Weise". Er selbst hat eher zugehört. Sich auf diese Weise zu streiten ist nicht sein Stil.
Nach 1976 aber ging es nicht mehr um den Weg nach Johannisthal, sondern um die Existenz. Und als sich Mueller-Stahl auch da anders verhielt als Krug, der mit Verve seine baldige Ausreise forderte, da hatte die Freundschaft keinen Bestand. Mueller-Stahl blieb erst einmal in der DDR und beschloss, ein Buch zu schreiben. "Ich wollte es kompliziert schreiben, weil ich in Filmen meist mit Texten zu tun hatte, die mir nicht gefielen. Als es 1979 fertig war, schrieb ich Honecker einen Brief, dass ich gehen wollte."
Heute ist es egal, wer zu welchem Zeitpunkt und warum ausgereist ist, die Unterschiede zwischen dem einen und dem anderen sind eingeebnet, auch durch die Berichte der Medien, in denen Krug und Mueller-Stahl gleichermaßen als Helden des Widerstands gefeiert werden. Mueller-
Stahl gilt inzwischen als jemand, der nach der Unterschriftenaktion "praktisch Berufsverbot" hatte, obwohl er tatsächlich noch Filmangebote bekam, und sogar als jemand, der - wie es kürzlich in der Laudatio bei einer seiner Ausstellungseröffnungen hieß - "aus der DDR ausgebürgert wurde, nachdem er gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns protestiert hatte". Dass es damals sein eigener Wunsch gewesen war, zu gehen, interessiert nicht unbedingt. Was zählt, ist der dramatische Akt der Petitionsunterzeichnung.
Und das war ja auch die große Tat - dass sie sich alle einmal einer Diktatur widersetzt hatten. Deswegen denkt Armin Mueller-Stahl nicht nur mit Groll, sondern auch mit Wehmut an die Leute von früher, es fällt ihm auf, dass viele nicht mehr da sind. Er erzählt von Stefan Heym, "mit dem ging ich stundenlang durch den Wald spazieren, weil wir nur dort sicher sein konnten, nicht abgehört zu werden".
Stefan Heym lebt nicht mehr, auch Heiner Müller, Stephan Hermlin, Jurek Becker sind schon lange tot. Frank Beyer, der legendäre Regisseur, mit dem Mueller-Stahl seinen letzten Film in der DDR drehte - das von der DDR-Führung so missachtete Meisterwerk "Geschlossene Gesellschaft" -, starb gerade jetzt erst, am 1. Oktober.
Vielleicht sei es Zeit, sich wieder an diejenigen zu wenden, die noch da sind, sagt Mueller-Stahl, kurz bevor er sich aus Lübeck verabschiedet. Er sagt es mehr zu sich selbst: "Vielleicht bald."
* Auf der Glienicker Brücke in Berlin.
* In Margarethe von Trottas neuem Film "Ich bin die Andere".
Von Susanne Beyer

DER SPIEGEL 44/2006
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