Von Ramspeck, Sebastian und Schmitt, Jörg
Die Ibiza-Reisen mit integrierter Dienstsitzung waren für viele der geladenen Callcenter-Betreiber der Höhepunkt des Jahres. Auf einem 70 000-Quadratmeter-Anwesen mit Pool und Tennisplatz durften sie sich ein Wochenende lang nach Lust und Laune vergnügen.
Für Spritztouren hätten schon mal Cabrios, Jeeps sowie Motorräder bereitgestanden, erinnert sich ein Gast. Und im alten Hafen von Ibiza-Stadt ankerte für die Ausflügler ein Zweimaster - schwarz, mit Piratenflagge und Totenkopf auf dem Bug.
Der bizarre Pomp sollte die Geschäftspartner von Andreas B. und Eckhard W. bei Laune halten. Schließlich erforderte das Geschäft mit Lotto-Tippgemeinschaften vollen Einsatz. Dutzende Callcenter waren allein damit beschäftigt, neue Kunden zu werben - damit der Quell des Luxus nicht versiegen möge.
Doch die Lustreisen sind erst einmal eingestellt worden. Andreas B., Eckhard W. und eine weitere Person aus ihrem Umfeld sitzen in Untersuchungshaft. Staatsanwälte in München und Steuerfahnder des Finanzamtes Wetzlar ermitteln wegen des Verdachts auf Betrug und Steuerhinterziehung in Millionenhöhe.
Die Ermittler haben es mit windigen Geschäftemachern aus der Telefonmarketing-Branche zu tun. Die hat im vergangenen Jahr 2,6 Milliarden Euro umgesetzt und ist wegen aggressiver Methoden immer wieder in die Schlagzeilen geraten. Erst vergangene Woche warnte die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen vor unseriösen Werbeanrufen für Glücksspiele.
Die Klagen häufen sich. Gerade wird einer Truppe von Telefonabzockern in Frankfurt der Prozess gemacht. Sie soll bei Lotto-Spielern fast 14 Millionen Euro eingesammelt, davon aber nur 30 000 Euro als Spieleinsatz weitergereicht haben.
Die Länderchefs wollen das Treiben nun stoppen. Der neue Staatsvertrag zum Lotteriewesen soll den kommerziellen Spielevermittlern die Telefonwerbung untersagen, verkündete jüngst Niedersachsens Regierungschef Christian Wulff.
Lotto-Tippgemeinschaften funktionieren nach einem durchaus legalen Modell: Von den Konten der Kunden werden regelmäßig Einsätze abgebucht, gebündelt und nach Abzug einer - oft sehr hohen - Verwaltungsgebühr fürs reguläre Lotto-Spiel verwendet. Fallen Gewinne an, werden sie unter den Spielern verteilt.
Im Fall Andreas B. und Eckhard W. dienten die Tippgemeinschaften nach Erkenntnis der Ermittler dazu, noch ganz andere Geschäfte abzuwickeln: Im vergangenen Dezember wurden 366 282 Kontoinhabern bundesweit jeweils 39 Euro abgebucht, angeblich die Jahresgebühr für eine sogenannte Travel-Card.
Diese war ihnen 2004 offenbar unaufgefordert zugesandt worden, nachdem sie von sechs Tippgemeinschaften mit klangvollen Namen wie zum Beispiel Glücksmillion geworben worden waren. Die Travel-Card biete Vergünstigungen und koste eigentlich 99 Euro, stand im Begleitschreiben - freundlicherweise sei sie bereits bezahlt. Nur im Kleingedruckten war zu lesen,
dass vom kommenden Jahr an 39 Euro Gebühr fällig seien.
Doch nachdem die ersten knapp 5 von insgesamt gut 14 Millionen Euro an die Tippgemeinschaften überwiesen worden waren, stoppte die zuständige Bank die Aktion. Denn auffällig viele Lotto-Spieler hatten sich über die unerwünschte Abbuchung beschwert.
Auf der Suche nach den Initiatoren des mutmaßlichen Betrugsversuchs stießen die Fahnder auf ein Geflecht von mehr als 50 Firmen in Deutschland, Österreich, der Schweiz und Spanien. Die eigentlichen Drahtzieher im Hintergrund sollen die beiden Verhafteten Andreas B. und Eckhard W. gewesen sein. Weder die beiden Männer noch sämtliche genannten Unternehmen wollten gegenüber dem SPIEGEL aktuell Stellung beziehen.
Glücksmillion und ähnliche Konstrukte sind Verbraucherschützern schon lange ein Dorn im Auge. Bereits 2003 warnte die Stiftung Warentest, ein Großteil der Spieleinsätze fließe nicht in den Lotto-Topf, sondern in die Taschen der Betreiber.
Auch bei Super 77 aus Wuppertal bedienen sich offenbar die Betreiber. Internen Unterlagen zufolge beliefen sich die Einsätze der Super-77-Spieler 2004 auf immerhin 7,6 Millionen Euro. Doch der Land Brandenburg Lotto GmbH, mit der Super 77 bis heute zusammenarbeitet, wurden 2004 nur 2,3 Millionen Euro überwiesen. Der Rest versickerte bei verschiedenen Firmen - darunter die BvW Management & Services GmbH, die dem B.-und-W.-Imperium zugeordnet wird.
Im vergangenen Jahr ermittelte die Staatsanwaltschaft Wuppertal gegen den Super-77-Geschäftsführer wegen des Verdachts auf Betrug und Steuerhinterziehung, das Verfahren wurde jedoch gegen die Zahlung von 20 000 Euro an wohltätige Vereine "vorläufig eingestellt". Außerdem muss Super 77 gemäß Staatsvertrag zum Lotteriewesen seit Juli 2005 "zwei Drittel der von den Spielern vereinnahmten Beträge für die Teilnahme am Spiel an den Veranstalter" abliefern.
Doch wer die Super-77-Website studiert, kommt erst einmal auf eine andere Quote. Die jeweils 160 Spieler einer Gemeinschaft müssen für jeden der wöchentlich zwei Spieltage sechs Euro bezahlen, dafür werden laut Website pro Woche 264 Tippreihen gespielt. Das entspricht einem Lotto-Einsatz pro Tippgemeinschaft von weniger als 300 Euro pro Woche - bei Einnahmen von 1920 Euro.
Vermutlich durchaus legal: Die Diskrepanz können die Super-77-Betreiber damit rechtfertigen, dass sie als "Zusatzleistung" einen "Hotelscheck im Wert von 100,00 Euro" anbieten - internen Unterlagen zufolge wurden die Gutscheine allerdings für 22 Euro erworben. Nur in den Geschäftsbedingungen findet sich ein Hinweis, wonach die Kunden auf den "Hotelscheck" verzichten können - und dann günstiger spielen.
Um für das lukrative Geschäft zu werben, schmückte sich die Super 77 GmbH auch schon mal mit TV-Prominenz.
2002 stellte sie Alexander Jolig als "Marketingdirektor" ein. Der Ex-"Big Brother"-Star posierte in der Super-77-Werbung mit einer vermeintlichen Lotto-Gewinnerin und vor schnittigen Cabrios. Nach etwa einem Jahr verließ Jolig die Firma wieder.
Die Kunden schienen Super 77 zunehmend zu misstrauen, die Umsätze der Callcenter begannen 2005 zu sinken. Sie nahmen deshalb neue Produkte ins Sortiment auf, etwa Mitgliedschaften bei Children's Help. Das Konstrukt bereite "schon lange Kopfzerbrechen", so Bernhard Wilke vom Deutschen Zentralinstitut für soziale Fragen.
Den Angerufenen werde erzählt, man helfe "Kindern in Not", tatsächlich würden "Clubmitgliedschaften" verkauft. Wie viel in wohltätige Projekte fließt, ist unbekannt. Auch die Children's-Help-Betreiber stehen nach Erkenntnissen der Ermittler in Kontakt mit dem B.-und-W.-Imperium.
Andreas B. und Eckhard W. warten derweil auf ihren Prozess. In Szenelokalen des Düsseldorfer Stadtteils Oberkassel werden die "Männer mit den Callcentern" schon vermisst. "Außergewöhnlich gute Gäste" seien sie gewesen, erinnert sich ein Wirt, sympathisch - und sehr spendabel."
SEBASTIAN RAMSPECK, JÖRG SCHMITT
DER SPIEGEL 45/2006
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