13.11.2006

Der letzte Welterklärer

Ortstermin: In Berlin stellt Peter Scholl-Latour sein 27. Buch vor.
Er sitzt da vorn auf dem beigefarbenen Sessel mit dem schönen Rahmen aus dunklem Holz wie auf einem kleinen Thron. Er trägt einen dunkelblauen Anzug, ein hellblaues Hemd, er ist erstaunlich braungebrannt für einen Novembertag in Berlin, im Ohr ein Hörgerät, seine Stimme schnarrt und klingt nach Nase, die Sätze sind vernuschelt und fangen irgendwo an und hören irgendwo auf.
Wolfgang Herles, der Moderator an diesem Abend, hatte ihm vor zehn Minuten die Frage gestellt, ob deutsche Interessen in Afghanistan verteidigt werden. Peter Scholl-Latour antwortet immer noch.
"Ich war ja im August dort, nichwahr", hatte er begonnen. "Lufthansa-Maschine, wir nahmen uns vor Ort zwei Geländewagen." Dann sprach er über die Lage der Frauen in Kabul, die CIA, Osama Bin Laden, Saudi-Arabien, das Gebirge als Kampfgebiet, er machte einen Schlenker zum Algerien-Krieg und Charles de Gaulle, die Antwort führte ihn weiter nach Tschetschenien, zu General Lebed, dann nach Dagestan, schließlich in die autonome Republik Tatarstan, rüber nach Weißrussland und jetzt, dort angekommen, sagt Scholl-Latour: "Ich mag den Lukaschenko natürlich nicht, nichwahr."
Peter Scholl-Latour ist 82 Jahre alt und stellt an diesem Abend im Hotel Adlon sein neues Buch vor, das "Russland im Zangengriff" heißt. Es ist 428 Seiten dick, ein Foto von Scholl-Latour ist wie immer auf dem Cover, weil man seine Bücher kauft, weil sie von ihm sind.
Im August war Scholl-Latour noch in Afghanistan, anschließend saß er in seinem Haus in Südfrankreich, schrieb mit der Hand, so wie immer, sprach das Geschriebene auf Band, und in dieser Woche, sagt der Mann vom Verlag, wird das Buch "auf Platz 8 der Bestsellerliste einsteigen". Es ist das 27. Buch von Peter Scholl-Latour. Das sechste in den letzten sechs Jahren. Es scheint, als wäre in Deutschland die Sehnsucht nach Einordnung der Weltlage nie so groß gewesen wie heute, in den kalten Zeiten der Globalisierung.
Das Seltsame ist, dass man dabei immer noch auf Peter Scholl-Latour vertraut.
Vielleicht, weil er schon immer da war.
Er ist so was wie der Welterklärer der Deutschen. Unser Mann dort draußen. Seit ewigen Zeiten schon. Grzimek und Sielmann waren für Tiere zuständig, Scholl-Latour erklärte Menschen, Außenpolitik und Geostrategien. Wahrscheinlich ist es schwer, einen deutschen Haushalt zu finden, in dem kein Buch von ihm liegt. Man hat sich an ihn gewöhnt, und wenn sich die Welt schon ständig ändern muss, so ist es doch beruhigend, dass wenigstens der Welterklärer immer der Gleiche bleibt.
Seit 56 Jahren ist Scholl-Latour unterwegs. Er fing an, als Vietnam für Deutsche noch ein Land im Nirgendwo war, in einer Zeit, als nur wenige reisten oder Flugzeuge bestiegen, und man Berichte manchmal noch mit der Post an die Redaktion schickte. Heute ist Scholl-Latour eine Art Experte. Ein Experte für alles. Er hat kein richtiges Gebiet, er ist eine Marke, er ist Peter Scholl-Latour, der erfolgreichste deutsche Sachbuchautor, man kann ihn anrufen, zuschalten oder in Talkshows einladen, weil er zu allem etwas sagen kann, weil er überall irgendwann schon mal war, außer, so stand es in einem Interview, in der Antarktis und in Osttimor. Aber auch dazu könnte er etwas sagen. Manchmal dachte man, dass bald ein anderer, jüngerer kommen würde. Ein neuer Welterklärer. Aber da kam niemand. Welterklärer sterben aus. Womöglich ist alles zu kompliziert geworden.
Auch Scholl-Latour hat Probleme. Er weiß zu viel. Er erinnert immer öfter an einen Wissensautomaten, der langsam an sich selbst erstickt. Scholl-Latour ist seit 56 Jahren dort draußen. Scholl-Latour ist seit 56 Jahren überall. Und die ganzen Namen, Kriege, Rebellenkommandeure, Gipfel, Bündnisse und Sprachen, so scheint es, lassen sich jetzt immer weniger zu einer Richtung, einer Schlussfolgerung zusammenschnüren. Außer zu der vielleicht, dass irgendwie alles mit allem zusammenhängt.
Scholl-Latour sitzt dort vorn auf dem Sessel, und die Antworten werden immer länger und vager. Irgendwann versanden sie an einem fernen Ort oder bei einem Despoten oder in einer Anekdote. Wolfgang Herles, der Moderator, kann seinen Fragenzettel verbrennen.
Im Publikum fragt jemand, was aus der Achse Berlin-Paris-Moskau wird, jetzt unter Angela Merkel. Na ja, sagt Scholl-Latour.
Seine Hände liegen ruhig im Schoß, während er spricht. Er gestikuliert nicht. Das Gesicht ist unbeweglich, aber die Stimme hastig, wie unter Druck. Wissensdruck. Erklärungsdruck. Nach vielen Minuten beendet Scholl-Latour seine Ausführungen mit dem Satz: "Man sieht, die Irakisierung Afghanistans ist im vollen Gange, nichwahr."
Man könnte sagen, dass er die Ausgangsfrage nicht beantwortet hat. Man könnte aber auch sagen, dass es darauf gar nicht mehr ankommt. Peter Scholl-Latour ist längst auf dem Weg, ein Denkmal zu werden. Er sitzt dort vorn, und die Leute auf den eleganten Stühlen im "Ballsaal II" schauen ihn an wie ein kostbares Stück Geschichte.
Das ist jetzt seine Mission.
Man kann ihn einladen und bestaunen.
Scholl-Latour steht auf, alles ist gesagt. Er signiert in aller Ruhe ein paar Bücher. Dann geht er hinaus.
Vor dem Saal gibt es einen Empfang vom Verlag und gleich gegenüber, im gläsernen "Kleinen Wintergarten", sieht man plötzlich Helmut Kohl, der dort eine Rede hält. Die Besucher schauen durch die Scheiben. Sie schauen zum alten Kanzler, sie bestaunen das Kohl-Denkmal, nur der Welterklärer schaut nicht hin, er kennt ihn. Er hat mal ein Buch über ihn geschrieben. JOCHEN-MARTIN GUTSCH
Von Jochen-Martin Gutsch

DER SPIEGEL 46/2006
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