13.11.2006

KONZERNEMit brutaler Konsequenz

Ferdinand Piëch verfolgt ein großes Ziel: Der Milliardär, Miteigentümer von Porsche und Aufsichtsratsvorsitzender von VW, will Volkswagen offenbar in ein Familienunternehmen verwandeln - mit sich selbst als Oberhaupt. Konzernchef Bernd Pischetsrieder war eher lästig, nun gibt er auf.
Ferdinand Piëch ist wieder in Salzburg. Am Montag vergangener Woche war er überraschenderweise in Wolfsburg, als in Halle 68 ein Kälte- und Klimazentrum eingeweiht wurde. Das ist eigentlich kein Anlass für den Aufsichtsratsvorsitzenden des VW-Konzerns, eine Stunde lang zusammen mit dem Vorstandsvorsitzenden Bernd Pischetsrieder die neuen Anlagen zu besichtigen. Es ging gerade mal um eine 30-Millionen-Euro-Investition. Aber Piëch hatte seine Gründe. Bei ihm entspringt nichts dem Zufall.
Der Miteigentümer von Porsche wusste zu diesem Zeitpunkt, dass Pischetsrieder einen Tag später seinen Posten verlieren würde. Der VW-Chef selbst muss es geahnt haben. Vielleicht hätte Pischetsrieder seinen Aufsichtsratschef, der ihn schon seit einem Jahr lustvoll demontiert, am liebsten in eine Kältekammer geschubst und die Tür verriegelt. Aber der Bayer ist nicht der Typ für solche Aktionen. Er riss sich, wie fast sein gesamtes Arbeitsleben lang, zusammen. Die Fotografen sollten kein Bild eines zerknirschten VW-Bosses bekommen. Piëch nahm sich viel Zeit. Es war sein Spiel. Er genoss den Auftritt.
Am Dienstag, als sich das Aufsichtsratspräsidium dann im VW-Hochhaus zusammensetzte,
ging alles recht schnell. Die "Vorstandsangelegenheiten", die auf der Tagesordnung standen, waren in Vorgesprächen sorgsam vorbereitet. Die drei Arbeitnehmervertreter erklärten, dass sie Pischetsrieder die Sanierung des Konzerns nicht zutrauen. Porsche-Boss Wendelin Wiedeking widersprach nicht, und Piëchs Meinung ist bekannt. Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff hätte Pischetsrieder unterstützt. Doch der gab auf.
Wenn die überwiegende Mehrheit des Aufsichtsratspräsidiums nicht hinter ihm stehe, sagte Pischetsrieder, dann wolle er vorzeitig zurücktreten. Der einstige BMW-Chef ist damit der erste Manager, der einmal an der Spitze von zwei deutschen Autokonzernen stand - und in beiden vorzeitig gehen musste.
Der plötzliche Abgang Pischetsrieders ist einerseits die Geschichte eines Top-Managers, der in der Branche hohes Ansehen genießt, aber für den Posten an der Konzernspitze erkennbar zu weich ist. Es gab gute Gründe, ihn zu entlassen. Und es ist andererseits die Geschichte des Ferdinand Piëch, der in anderen Kategorien denkt und lebt als angestellte Manager oder gewählte Politiker.
Dem Milliardär und Miteigentümer von Porsche geht es nicht um den nächsten Vertrag oder die nächste Volksabstimmung. Er wird nicht nervös, wenn ihm in der Presse vorgehalten wird, er regiere "nach Gutsherrenart". Piëch erträgt auch mit stoischer Ruhe, wenn auf der Hauptversammlung von VW sein Rücktritt als Aufsichtsratschef gefordert wird.
Er hat ein großes Ziel vor Augen, und das verfolgt er mit brutaler Konsequenz: Der Volkswagen-Konzern, in der Nachkriegszeit ein Staatskonzern, an dem das Land Niedersachsen noch immer rund 20 Prozent hält, soll offenbar in ein Familienunternehmen verwandelt werden - mit ihm selbst als Oberhaupt.
Piëchs Großvater Ferdinand Porsche hatte den Käfer entwickelt, und sein Vater war Werkleiter in Wolfsburg. Piëch selbst hält rund 13 Prozent an der Sportwagenfirma Porsche, die mit über 20 Prozent größter Anteilseigner des VW-Konzerns ist. Porsche will sein Aktienpaket noch auf knapp 30 Prozent aufstocken. Und Investmentbanker berichten, dass derzeit weitere Investoren, die sie dem weiteren Umfeld Piëchs zuordnen, fünf bis sieben Prozent VW-Aktien erwerben.
Hintergrund dieser Aktionen ist das VW-Gesetz, das dem Land Niedersachsen eine einmalige Sonderstellung gewährt: Es begrenzt die Stimmenanteile jedes Aktionärs auf maximal 20 Prozent. Die Europäische Union will dieses Gesetz zwar abschaffen, die Entscheidung dazu wird im kommenden Juni erwartet.
Die nächste Hauptversammlung von VW findet bereits zwei Monate zuvor statt. Auf dieser Aktionärsversammlung verfügt Porsche wie das Land Niedersachsen nur über 20 Prozent der Stimmen. Wenn andere Aktionäre größere Aktienanteile besitzen, dann könnten sie Porsche zu einer klaren Mehrheit auf der Hauptversammlung verhelfen. Und auf ihr muss unter anderem entschieden werden, wer Aufsichtsratsvorsitzender wird und ob Piëch, der dann 70 Jahre alt ist, noch einmal in das Kontrollgremium einzieht.
Bislang stellte Pischetsrieder für Piëch kein großes Hindernis auf dem Weg zur Machtübernahme im VW-Konzern dar. Aber er war lästig.
Kurz nach dem Einstieg von Porsche hatte der VW-Chef bei J. P. Morgan ein Gutachten in Auftrag gegeben, ob es zu Interessenkonflikten komme, wenn Piëch als Miteigentümer von Porsche das Wohl der Sportwagenfirma fördern wolle und als Aufsichtsrat bei VW die Interessen dieses Konzerns vertreten solle. Die Investmentbanker forderten den Rücktritt Piëchs. Pischetsrieder ließ das Gutachten im Kontrollgremium vorlesen. Und damit war seine Zukunft eigentlich entschieden.
Dennoch hielt sich Pischetsrieder erstaunlich lange. Im Mai dieses Jahres wurde sein Vertrag sogar noch einmal um fünf Jahre verlängert. Schon damals wollte Piëch ihn durch seinen Vertrauten Martin Winterkorn, den Audi-Chef, ersetzen. Aber Wulff war dagegen, weil er fürchtete, Winterkorn könnte das Unternehmen wie der verlängerte Arm Piëchs führen. Und Porsche-Boss Wiedeking war von Winterkorn nicht überzeugt, weil der zuvor als Entwicklungschef viele Probleme verursacht hatte, unter denen Volkswagen noch immer leidet. Mehr aus Not denn aus Neigung drückten Wulff und Wiedeking die Vertragsverlängerung für Pischetsrieder durch.
In den Monaten danach unternahm Pischetsrieder alles, um die Vorbehalte gegen sich zu bestätigen. Er zauderte und zögerte. Er ließ Winterkorn als Chef der einen Markengruppe mit Audi, Seat und Lamborghini und Wolfgang Bernhard, den Boss der anderen, mit Volkswagen, Skoda und Bentley weitgehend autonom vor sich hin arbeiten. Die beiden, die sich in herzlicher Abneigung verbunden sind, entwickelten nur für die eigenen Marken. So hat Audi zwar einen neuen Sechs-Zylinder-Dieselmotor. Dennoch wollte Volkswagen ebenfalls einen konstruieren und dafür bis zu 300 Millionen Euro investieren.
Als Konzernchef hätte Pischetsrieder die Bosse der Markengruppen zur Zusammenarbeit verpflichten müssen. Die Macht aber hatte er nicht, oder er nahm sie sich nicht. Der VW-Chef verwies nur auf die
von ihm eingesetzen Generalbevollmächtigten. Sie sollten die Arbeit der einzelnen Marken abstimmen. Bernhard und Winterkorn hörten sich an, was die Generäle vorschlugen - und machten dann, was sie ohnehin geplant hatten.
Die Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat registrierten erfreut, dass Porsche-Boss Wiedeking immer wieder Vergleiche mit Toyota präsentierte. Warum braucht der beste Autokonzern der Welt für sein Modell Yaris nur drei Motorenvarianten, während es für den Polo zehn gibt? Warum verdient Toyota in den USA Geld, während VW dort einen Verlust von einer Milliarde Euro einfährt? Für Gewerkschaftschef Peters und seine Kollegen waren dies Belege dafür, dass im VW-Konzern nicht nur die Lohnkosten für die schwache Rendite verantwortlich sein können.
Porsche-Chef Wiedeking und sein Finanzvorstand Holger Härter fragten im VW-Aufsichtsrat auch nach, ob die Organisation des Konzerns noch passend sei. In den beiden Markengruppen wird zusammengefasst, was nicht zusammengehört: Bentley und Volkswagen, Audi und Seat, Luxus und Masse. Doch Pischetsrieder änderte die Organisation nicht. Er ließ zu, dass sich die beiden Markengruppen weiter auseinanderentwickelten. Und er billigte Entscheidungen, die für viele Aufsichtsräte schwer nachzuvollziehen waren.
So soll der Golf aufwendig neu konstruiert werden, damit er künftig schneller montiert werden kann. Für diese Aktion waren Investitionen von mehr als 530 Millionen Euro vorgesehen. Die Rendite für dieses Investment aber war mit mickrigen 1,9 Prozent angesetzt.
Pischetsrieder merkte offenbar nicht, dass sich da etwas zusammenbraute. Piëch traf sich mit VW-Betriebsratschef Bernd Osterloh und Gewerkschafter Peters zu einem vertraulichen Gespräch am Frankfurter Flughafen. Piëch moderierte ein Zusammentreffen von Winterkorn und Wiedeking. Dabei überzeugte der Audi-Chef den Porsche-Boss davon, dass er als Konzernchef das teure Gegeneinander der Marken abschaffen würde. Damit könnte der VW-Konzern Milliarden einsparen.
Winterkorn ist seit Jahrzehnten ein enger Weggefährte von Piëch, der ihn 1981 von Bosch zu Audi geholt hatte. Die beiden stehen sich nahe, auch wenn sie sich nicht duzen, wie jetzt kolportiert wird. Als Entwickler für VW war Winterkorn nicht nur für Erfolge verantwortlich, sondern auch für den Phaeton. Doch seit Winterkorn als Chef bei Audi agiert, seit 2002, fährt er von Erfolg zu Erfolg: Absatz, Umsatz und Gewinn steigen, und Audi gilt längst als gleichwertiger Konkurrent von BMW und Mercedes-Benz.
Der promovierte Metallphysiker ist in vielem das Gegenteil von Pischetsrieder. Winterkorn kümmert sich ums Detail. Neue Designmodelle sieht er sich möglichst frühmorgens an, weil seine Augen dann noch nicht ermüdet sind von einem langem Arbeitstag. Seine Mitarbeiter fordert er hart. Und wenn sie nicht bringen, was er erwartet, dann brüllt er schon mal, bis sich sein Gesicht vor Erregung rot färbt.
Weil Winterkorn sich schon länger auf den Spitzenposten in Wolfsburg vorbereitet, ist die Nachfolge bei Audi geregelt: Finanzvorstand Rupert Stadler soll, zunächst kommissarisch, den Posten übernehmen. Auch die dringendsten Änderungen in Wolfsburg hat Winterkorn vorbereitet. Er möchte die Marken des Konzerns neu verteilen. Es soll eine Premiumgruppe mit Audi, Bentley, Bugatti und Lamborghini geben und eine Volumengruppe mit Volkswagen, Seat und Skoda. In einem zweiten Schritt wird auch die Arbeit im Vorstand neu verteilt. Es soll wieder einen Entwicklungschef
im Konzern geben, der für alle Marken zuständig ist und verhindert, dass jeder seine eigenen Motoren konstruiert. Auch ein Konzernvorstand für Produktion und einer für Vertrieb sind im Gespräch. So will Winterkorn das Neben- und Gegeneinander der Marken beenden.
Für Sanierungsprofi Bernhard wird die Luft in Wolfsburg damit dünn. Durch die neue Organisation des Vorstands verliert er als Chef der Markengruppe Volkswagen künftig an Macht. Mit Winterkorn kann Bernhard ohnehin nicht. Deshalb dürfte er wohl bald den Konzern verlassen.
Für Bernd Pischetsrieder wird der Abgang bitter. Er muss auf der Aufsichtsratssitzung am kommenden Freitag erst noch eine unangenehme Entscheidung treffen. Im VW-Werk Brüssel sollen 3000 bis 4000 Arbeitsplätze gestrichen werden. Außerdem wird sein Abgang keineswegs mit einer Abfindung von bis zu 14 Millionen Euro versüßt, wie manche vermuteten.
Der Noch-VW-Chef hat zwar einen Fünf-Jahres-Vertrag, der bis 2012 läuft. Das Aufsichtsratspräsidium will ihm das Geld aber auf keinen Fall in einer Summe auszahlen. Schließlich habe er selbst seinen Rücktritt angeboten. Deshalb soll Pischetsrieder weiter für den Konzern arbeiten und sein Geld Monat für Monat verdienen. Er soll die Fusion der Lastwagenhersteller Scania, MAN und des brasilianischen Lastwagengeschäfts von VW vollenden und das daraus entstehende Unternehmen anschließend als Aufsichtsratschef überwachen.
Pischetsrieder muss sich also weiter zusammenreißen. Über seine Lippen wird kein böses Wort über Piëch kommen.
DIETMAR HAWRANEK
Von Dietmar Hawranek

DER SPIEGEL 46/2006
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