13.11.2006

ISRAELDie Revolution der Kinder

An einer Schule in Jerusalem werden Juden und Araber gemeinsam unterrichtet. Sie lernen vor allem eines: Verständnis füreinander.
Wie jeden Morgen bringen die Eltern ihre Kinder durch das bewachte Eingangstor in die Jadbe-Jad-Schule. Auf dem Bolzplatz spielen ein Dutzend Kinder Fußball, unter ihnen zwei Mädchen. Ein Junge mit braunem Pferdeschwanz ruft auf Hebräisch: "Hier, zu mir!" Er bekommt den Ball, dribbelt an einem Jungen aus der anderen Mannschaft vorbei, schießt und schreit auf Arabisch: "Tor!"
Im Untergeschoss der Schule sitzen schon einige Kinder im Klassenzimmer an den sechseckigen Tischen. Eine Frau mit türkisfarbenem Kopftuch winkt ihrem Sohn zum Abschied zu. Hinten links sitzen die Klassenclowns.
Die Schule im Jerusalemer Stadtteil Katamon ist ziemlich ungewöhnlich, denn hier lernen arabische und jüdische Kinder gemeinsam, der Unterricht erfolgt auf Hebräisch und Arabisch. Anderswo wäre so ein Projekt nur bemerkenswert. In einer Gegend, die vor allem Hass, Krieg und Gewalt kennt, ist es fast eine Revolution.
Die 375 Schüler kommen aus Ost- und Westjerusalem, manche sogar aus dem Westjordanland. Die jüngsten gehen in den angeschlossenen Kindergarten, die ältesten besuchen die achte Klasse. Auf dem Lehrplan für die erste Klasse steht: Lesen, Schreiben, die Feiertage von Judentum, Christentum und Islam. Auf dem ideellen Lehrplan der "Hand-in-Hand"-Schule steht: Verständnis füreinander lernen.
Jaffa Schira Grossberg, 37, ist die Lehrerin und begrüßt ihre Erstklässler auf Hebräisch. Neben ihr steht Balsan Asallah, 22, eine Araberin aus dem Norden des Landes, sie ist die zweite Lehrerin der Klasse. Sie übersetzt, was Grossberg sagt. Sobald die Kinder beide Sprachen einigermaßen verstehen, werden die Lehrerinnen sich beim Unterricht abwechseln. Die junge Palästinenserin wirkt nervös: Sie hat gerade erst als Lehrerin angefangen, das ist ihre erste Klasse.
In Ala Chatibs kleinem Büro steht heute das Telefon nicht still. Chatib ist der Direktor der Schule. Das Amt teilt er sich mit Dalia Perez, die jetzt neben ihm sitzt.
Perez?
"Ja, mein Bruder ist der Verteidigungsminister, Amir Perez", sagt sie. Stille. Sie leitet eine jüdisch-arabische Schule, und ihr Bruder befehligte den Feldzug gegen die Hisbollah. Wie passt das zusammen? "Die Sache mit dem Libanon musste die Regierung zu diesem Zeitpunkt tun", sagt sie dann. "Aber ich denke nicht, dass es der Weg ist, Frieden in die Region zu bringen." Auch ihr Bruder sei ein großer Unterstützer der Schule; auch er glaube an den Dialog.
"Die Kinder an dieser Schule denken anders über den Konflikt nach", sagt Ala Chatib. "Es gibt mehr als nur eine Wahrheit. Das lernen sie hier miteinander und voneinander." Jede Klasse wird von zwei Lehrerinnen unterrichtet, einer jüdischen und einer arabischen. Dalia Perez sagt: "Wenn sich zwei Lehrer aus verschiedenen Kulturen gut verstehen, dann liegt darin ein Modell für die Kinder."
Das Telefon klingelt. Die beiden Direktoren müssen wieder an die Arbeit: Kinder begrüßen, Hände schütteln, den Eltern die Angst nehmen.
Mohammed Ajjad ist der Vater eines der Jungen. Er sieht aus wie die arabische Version von Tom Selleck. Ständig sagt er "buddy", "damn" und "fuck". In seinem Auto baumelt unter dem Rückspiegel eine kleine US-Flagge. "Ich habe zehn Jahre in den USA gelebt. 1992 bin ich zurückgekommen. Das ist Palästina, das ist meine Heimat, buddy!"
Er lebt in einem Haus in Abu Dis gemeinsam mit seinen beiden Brüdern und deren Familien. Eine 8 Meter hohe Betonmauer verläuft nur 50 Meter vor seinem Haus: der Grenzwall, den Israel zwischen sich und den Palästinensern hochgezogen hat. "Wie hässlich das ist", sagt Ajjad. "Das bricht mir das Herz. Wann hat eine Mauer je Probleme gelöst?" Sein Sohn Abud, 11, geht in die sechste Klasse. "Er spricht fließend Hebräisch. Wenn er redet, würde keiner darauf kommen, dass er Araber ist." Dann sagt er ungewohnt leise: "Er hat doch hier keine Zukunft."
Die Straße ist von Schlaglöchern übersät, Müll liegt an den Seiten. Männer und Jugendliche sitzen auf Bänken vor den Geschäften, verschleierte Frauen überqueren die Straße.
Es sind viel mehr geworden, seit die Regierungspartei Hamas heißt. An den Wänden hängen noch die Fetzen der Wahlplakate.
Von den Leuten im Dorf muss Ajjad sich anhören, dass die Schule aus seinem Sohn einen kleinen Juden machen würde. Abud soll Rechtsanwalt werden, sagt der Vater, dann könne er für die Rechte seiner Landsleute eintreten. "Er kann für Unternehmen auf beiden Seiten als Rechtsexperte arbeiten und viel Geld verdienen, später mal, wenn er erwachsen ist und wenn Frieden herrscht." Zwischen Abud und seinen jüdischen Freunden gebe es heute schon keine psychologische Barriere mehr, sagt Ajjad. "Das ist das Verdienst der Schule."
Die Kinder gehen in dieselbe Schule, ihr Zuhause aber ist unendlich weit voneinander entfernt: politisch. Bettina und Israel Steiner leben mit ihren beiden Kindern drüben in Jerusalem in einer besseren Gegend des Viertels Ir Ganim. Ori, 10, kommt in die fünfte Klasse, Gaja, 5, besucht den Kindergarten. Bettina Steiner, 44, sitzt in dem kleinen Garten, der von einer hohen Steinmauer umgeben ist. Sie kam 1989 nach Jerusalem. Damals studierte sie Medizin in Bonn und Aachen und machte ein praktisches Jahr in Israel. Als sie anschließend ein Stipendium bekam, blieb sie "hier hängen". Heute arbeitet sie als Neurologin in Jerusalems Schaare-Zedek-Krankenhaus.
"Am Anfang haben wir uns gefragt, wie das gehen soll, wenn die Kinder auf Hebräisch und Arabisch unterrichtet werden", sagt sie. "Aber die Idee dahinter, den kulturellen Austausch, fanden wir gut." Denn im alltäglichen Leben habe sie ja kaum Kontakt zu Arabern. Das sei erst durch die Schule anders geworden: "Dort wird auch viel mit den Eltern gemacht. Wir sind zusammen ans Meer gefahren oder wandern gegangen." Ori habe sogar einmal einen Klassenkameraden im Westjordanland besucht. "Das war ein wenig kompliziert", erinnert sich Bettina Steiner. Weil es ihr als Israelin zu gefährlich war, mit dem Auto ins Westjordanland zu fahren, verabredeten sie sich mit den Eltern von Oris Schulfreund am Checkpoint.
"Wirklich problematisch war es bisher nur bei der Frage, wie man den Unabhängigkeitstag gemeinsam begeht." Der ist für die Israelis ein Tag der Freude, für die Palästinenser heißt er "Nakba": der Tag der Katastrophe, der an den Verlust des eigenen Landes erinnert. "Wir haben uns schließlich auf zwei getrennte Zeremonien geeinigt, die mit einer gemeinsamen Veranstaltung enden."
Ihr Mann Israel, 54, kommt in den Garten. Er ist zwei Köpfe kleiner als seine Frau, trägt ein weißes T-Shirt und Shorts. Seine wuscheligen grauen Haare sind nass, er hat sich ein Handtuch über die Schultern geworfen.
Er erzählt von den Orthodoxen in der Stadt, die angefangen hätten, gegen die Schule zu wettern, seit bekannt wurde, dass Jad be-Jad ein neues Schulgebäude für über 800 Kinder bauen will. Die Baustelle befindet sich am Rand des Viertels Katamon: Hier leben arme jüdische Einwanderer, die nach 1948 aus arabischen Ländern gekommen sind. Gegenüber beginnt der Stadtteil Beit Safafa mit seinen arabischen Einwohnern. Das Stadion der Jerusalemer Fußballvereine Beitar und Hapoel ist in Sichtweite.
Das Grundstück hat der damalige Bürgermeister von Jerusalem zur Verfügung gestellt: Ehud Olmert, heute ist er Premier. Von dem großen zweigeschossigen Schulgebäude stehen nur die Grundmauern, Anfang 2008 soll es fertig sein.
Die meisten Bewohner des Viertels haben die neue Schule begrüßt, nur wenige versuchen, Stimmung dagegen zu machen. Unterstützung bekommen sie von den Ultraorthodoxen der Stadt.
"In der Bibel steht, es sollte keine gemischten Schulen geben", sagt Jizchak Bazri. Er spricht für seinen Vater, den Rabbi David Bazri, der eine hochangesehene religiöse Schule, eine Jeschina, leitet. David Bazri ist für seine fanatischen Ansichten bekannt: Vor einem Jahr hat er erklärt, Hurrikan "Katrina", der New Orleans verwüstet hatte, sei eine Strafe Gottes gewesen wegen der amerikanischen Unterstützung des Abzugs aus Gaza. Gegen die Schule und die Araber in Israel polemisierten die Bazris derart bösartig, dass sie sich eine Strafanzeige wegen rassistischer Äußerungen einfingen.
Steht das tatsächlich so in der Bibel, dass Juden und Nichtjuden nicht zusammen lernen dürfen? "Nein. Aber in der Schule könnten jüdische Kinder zum Islam konvertieren, es könnte zu Mischehen kommen." Und wenn dort nur über die Kultur der anderen gesprochen würde und nur Jungen unterrichtet würden? "Das wäre immer noch ein Problem. Islam und Judentum passen nicht zusammen."
"Die Schule ist umstritten, weil sie etwas tut, was in Israel sonst keiner tut", sagt Amin Chalaf. Auf ihn und den Amerikaner Lee Gordon geht die Idee mit den zweisprachigen Schulen zurück. "Als wir vor acht Jahren angefangen haben, hörten wir oft: Wie könnt ihr das machen? Das klappt nie", sagt er. "Die über eine Million Araber in Israel leben vollkommen von den Juden getrennt. Wir wollten einen Weg finden, sie zusammenzubringen. Am Anfang hielt man uns für Verrückte."
Außer dem Vorzeigeprojekt in Jerusalem gibt es noch zwei weitere "Hand-inHand"-Schulen in Israel: eine in Misgav im Norden, eine andere startete vor zwei Jahren in Kfar Kara, einem arabischen Dorf an der Grenze zum Westjordanland.
Chalaf lacht: "Jetzt sind an den drei Schulen über 800 Kinder. Dieses Jahr mussten wir in Jerusalem 60 Kinder abweisen, weil wir nicht genug Plätze hatten."
Es geht voran. Die Schulstunde in der ersten Klasse ist vorbei. Jaffa Schira Grossberg sortiert mit ihrer Kollegin Balsan Asallah bunt bemalte Blätter mit hebräischen und arabischen Schriftzeichen. Sie ist zufrieden mit diesem Tag. Die kleine Revolution, sie geht weiter.
SASCHA ZASTIRAL
Von Sascha Zastiral

DER SPIEGEL 46/2006
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