13.11.2006

VERKEHRUnsicher ist sicher

Sind Straßen ohne Ver- und Gebotszeichen denkbar? Sieben Städte und Provinzen in Europa bauen ihre Ampeln und Schilder ab.
Wir verwerfen jede Gesetzgebung", dröhnte einst der russische Adlige und "Vater der Anarchie", Michail Bakunin. Der Zar verbannte ihn nach Sibirien. Nun kommt der Mann doch noch zu Ehren:
Europas Verkehrsplaner träumen von Straßen ohne Zwangsvorschriften. Frei und menschlich, als Brüder sollen sich Autofahrer und Fußgänger begegnen: durch freundliche Handzeichen, Kopfnicken und Blickkontakte und nicht gegängelt durch Verbote, Limits und Warntafeln.
Sieben Städte und Provinzen stutzen derzeit im Rahmen eines EU-Projekts ihren Schilderwald zurück. Ejby in Dänemark ist dabei, das englische Ipswich und die belgische Stadt Ostende.
In Makkinga (Westfriesland) ist die Utopie bereits Wirklichkeit. "Verkeersbordvrij" steht in großen Lettern am Eingang des Tausend-Einwohner-Dorfs. Gemächlich zockeln Autos über feines Granitpflaster. Nirgendwo sind Stoppschilder oder Abbiege-Befehle zu sehen. Es gibt weder Parkuhren noch Halteverbote. Nicht mal Linien sind auf die Fahrbahn gemalt.
"All die Gebote nehmen uns das Wichtigste: die Rücksichtnahme. Wir verlernen unser Sozialverhalten", lehrt der Groninger Verkehrsweise Hans Monderman, ein Mitbegründer des Projekts. "Je mehr Verordnungen, desto mehr schrumpft das Verantwortungsbewusstsein."
Da könnte was dran sein: 648 Verkehrszeichen sind in Deutschland gültig. Ein buntes Blech-Dickicht wuchert in den Innenstädten. Hier soll man nicht parken, dort den Wildwechsel beachten oder nicht ins Schleudern kommen. Und der Wald der Schilder wird immer dichter. Bundesweit stehen schon über 20 Millionen davon herum.
Psychologen haben diese Überfütterung längst als unsinnig enttarnt. Rund 70 Prozent der Hinweise werden überhaupt nicht wahrgenommen. Zudem entmündigt die Verbotsflut den Fahrzeuglenker und fördert dessen sittliche Verrohung. Er hält zwar vorm Zebrastreifen, fühlt sich dafür aber berechtigt, dem Fußgänger überall sonst das Überqueren der Straße zu verweigern. Jede Ampel lockt ihn mit der Verheißung: Das schaffst du noch bei Gelb.
Resultat: Umstellt von einem Zwangskorsett aus Vorschriften, sucht der Automobilist mit Tunnelblick seinen Vorteil, die Manieren bleiben auf der Strecke.
Für die Verfechter des neuen Konzepts hilft nur mehr Freiheit und Eigenverantwortung aus diesem Teufelskreis heraus. Sie fordern Straßen wie im Mittelalter, als Gespanne, Lastkarren und Menschen noch ungeordnet durcheinanderwuselten. In ihren Szenarios rücken Fahrer und Passanten zu einem buntvermischten, friedfertigen Verkehrsstrom zusammen.
Was nach Chaos klingt, folgt in Wahrheit einer Erkenntnis der Verkehrspsychologie: Nur wo alles geordnet ist, kann der Wagenlenker ohne Skrupel Gas geben. Unübersichtliches Terrain dagegen zwingt ihn zu Vorsicht und Behutsamkeit.
"Unsicher ist sicher" - so lautete das Motto, unter dem sich die Anhänger der neuen Asphalt-Philosophie Mitte Oktober zu einer Tagung in Frankfurt am Main einfanden.
Zwar sind längst nicht alle von dem Ansatz überzeugt. "Der deutsche Autofahrer ist Regeln gewohnt", meint etwa Michael Schreckenberg von der Universität Duisburg. Ohne klare Befehle werde sich der heimische Stoßverkehr in einen orientalischen Reifenbasar verwandeln. Die Idee vom Kuschelverkehr sei höchstens was für kleine Dörfer.
Und doch wagt nun auch eine deutsche Gemeinde den Weg in die Gesetzlosigkeit. 13 500 Menschen leben in dem niedersächsischen Ort Bohmte, der von einer Land- und Hauptgeschäftsstraße durchschnitten wird. Autos hasten hier heran, Lieferanten laden Waren aus, Fußgänger trippeln auf hohen Gehsteigen.
Anfang 2007 soll die Meile mit EU-Zuschüssen umgestaltet werden. "Die Bordsteine fliegen raus, der Teer kommt weg, alles wird einheitlich gepflastert", erklärt Bürgermeister Klaus Goedejohann, "wir heben die Trennung zwischen Autos und Passanten auf."
Beflügelt werden die Planungen durch ein Großexperiment im niederländischen Drachten, einer Stadt mit 45 000 Einwohnern. Dort rattern die Autos schon seit drei Jahren über roten Naturstein dahin; Radler heben artig den Arm zum Richtungswechsel; die Autofahrer verständigen sich durch Fingerzeige, Nicken und Winken.
"Über die Hälfte unserer Schilder ist bereits verschrottet", erklärt der Verkehrsplaner Koop Kerkstra, "von 18 Ampelkreuzungen sind 2 übrig, die anderen haben wir zu Kreisverkehren umgebaut." In Drachten gelten nur noch zwei Regeln: rechts vor links. Und: Wer andere behindert, wird abgeschleppt.
Gleichwohl gingen die Unfälle stark zurück. Experten aus Argentinien und den USA haben Drachten besucht. Sogar London zeigt Interesse an der automobilen Anarchie. Das Modell wird derzeit auch im Stadtteil Kensington erprobt.
MATTHIAS SCHULZ
Von Matthias Schulz

DER SPIEGEL 46/2006
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