13.11.2006

Eine grausame Welt

Von Blech, Jörg und Bredow, Rafaela von

Der Digitalvisionär Jaron Lanier über seine Zweifel an Wikipedia, den gefährlichen Glauben an die Weisheit der Massen und die mächtige Religion der Computerfreaks

Lanier, 46, gilt als wichtiger Vordenker der digitalen Zukunft. Der Computerwissenschaftler hat den Begriff "Virtual Reality" geprägt und erste Anwendungen dafür in der Chirurgie und der Autoindustrie entwickelt. Heute lebt Lanier als Autor, Berater und Komponist in Berkeley, Kalifornien. In dieser Woche wird er auf dem 2. Dresdner Zukunftsforum über die Auswirkungen der digitalen Technologien auf die Individualität sprechen, so etwa darüber, ob im Internet das Kollektiv weiser und wichtiger ist als der Einzelne. Für Lanier ist dies ein menschenverachtender Irrglaube, den er als "digitalen Maoismus" brandmarkt.

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SPIEGEL: Herr Lanier, war die Welt vor dem Internet eine bessere?

Lanier: Das Internet hat sich als ein recht erfolgreiches Experiment erwiesen. Aber es hat durchaus auch schlechte Ergebnisse hervorgebracht - und davor verschließen viele die Augen.

SPIEGEL: Was wird denn da übersehen?

Lanier: Das Internet hat wunderbare Ideen von Demokratie, Offenheit, von gleichem Recht und gleicher Verantwortung für alle hervorgebracht. Doch auf diese großartigen Ideen werden nun immer neue gestülpt. Viele davon mögen richtig gut sein, aber andere sind nicht so toll und einige schlicht schlecht.

SPIEGEL: Welche zum Beispiel?

Lanier: Die schlimmste ist der Glaube an die sogenannte Weisheit der Massen, die im Internet ihre Vollendung finde.

SPIEGEL: Eines scheint doch unumstritten: Wenn eine sehr große Zahl von Menschen im Internet eine Schätzung zu irgendetwas abgibt, dann kommt sie im Mittel dem korrekten Ergebnis verblüffend nahe.

Lanier: Ja, das funktioniert in Märkten und bei demokratischen Wahlen. Aber derzeit wird die Vorstellung immer populärer, das Kollektiv könne nicht nur Zahlenwerte wie einen Marktpreis ermitteln, sondern verfüge als eine - gern Schwarmgeist genannte - höhere Intelligenz über eigene Ideen, ja sogar über eine überlegene Meinung. Eine solche Denkweise hat in der Geschichte schon mehrfach zu sozialen und politischen Verheerungen geführt. Mir bereitet die Vision Sorgen, nur das große Ganze, das Kollektiv sei real und wichtig - nicht aber der einzelne Mensch. Das war der Fehler in allen totalitären Ideologien, vom Nazi-Regime über Pol Pot bis zu den Islamisten.

SPIEGEL: Wo genau im Internet wollen Sie diese Denkweise denn ausgemacht haben?

Lanier: Nehmen Sie Wikipedia ...

SPIEGEL: ... das beliebte, kostenlose Online-Lexikon, dessen Einträge von über 200 000 freiwilligen Autoren verfasst werden. Das stört Sie?

Lanier: Ein Beispiel: Über mich stand dort, ich sei ein Filmemacher, was schlichtweg unwahr ist. Ich habe das viele Male korrigiert

- und immer wurde es wieder geändert, zurück zur falschen Version.

SPIEGEL: Inzwischen ist der Eintrag über Sie doch richtig ...

Lanier: ... aber erst nachdem ich mich - als nicht ganz unbekannter Autor - darüber öffentlich aufgeregt hatte. Das mag Ihnen unbedeutend erscheinen. Aber was, wenn da etwas Schwerwiegendes über jemanden behauptet wird, und er kann sich nicht so ohne weiteres Gehör verschaffen? Schnell wird der Einzelne Opfer des Mobs; die Gefahr von Wiki-Lynchjustiz halte ich für sehr real. In der Wikipedia-Welt bestimmen jene die Wahrheit, die am stärksten besessen sind. Dahinter steckt der Narzissmus all dieser kleinen Jungs, die der Welt ihren Stempel aufdrücken wollen, ihre Initialen an die Mauer sprayen, aber gleichzeitig zu feige sind, ihr Gesicht zu zeigen.

SPIEGEL: Durch das Engagement Tausender, die Sie mit Graffiti-Schmierern vergleichen, ist immerhin ein aktuelles Lexikon entstanden, dessen englischsprachiger Teil zwölfmal größer ist als die Encyclopædia Britannica. Überdies kann man nachvollziehen, wie die Inhalte zustande kommen: Das lässt sich auf den Diskus-sionsseiten genau nachlesen.

Lanier: Ach, es ist doch lächerlich zu glauben, so könnten substanzreiche Dialoge entstehen. Die Leute verraten ja nicht einmal ihren richtigen Namen. Die verstecken sich hinter falschen, erfundenen Identitäten. Wer unsichtbar ist, ist unangreifbar. Die Wahrheit hingegen bekommen Sie nur mit Verantwortlichkeit.

SPIEGEL: Der Wikipedia-Mitbegründer Larry Sanger denkt inzwischen ebenfalls, dass auf das Wiki-Prinzip allein kein Verlass sei, und will eine neuartige Enzyklopädie gründen - eine letztlich von Profis kontrollierte. Wird nun alles gut?

Lanier: Nicht unbedingt. Leider durchlaufen digitale Strukturen, im Gegensatz zur menschlichen Kultur, keine Evolution. Sie werden gleichsam eingeschlossen.

SPIEGEL: Eingeschlossen? Was meinen Sie damit?

Lanier: Nehmen Sie die Geschichte von Midi. Das ist ein technischer Standard, wie der Computer Musik beschreibt. Den hat vor 25 Jahren mein Freund Dave Smith entwickelt, als Wochenendprojekt, gedacht dafür, zwei Synthesizer miteinander zu verbinden. Aber wie es so geht, wurde es der universale Standard für musikalische Klänge. Der steckt auch in Ihren Handys und lässt sie klingeln. Praktisch jeder Musiker findet Midi unangemessen, es gab endlose Kongresse, die es überarbeiten wollten. Aber das geht nun nicht mehr.

SPIEGEL: Ist das so schlimm?

Lanier: Unbedingt! Midi ist einer der Gründe dafür, dass sich unsere Musik heute so mechanisch anhört: Club-Music, HipHop und so weiter - das ist genau das, was Midi gut kann. Viele meiner Kollegen in der Computerwelt wollen die antievolutionären Eigenschaften digitaler Techniken nicht wahrhaben. Sie erliegen dem Trugschluss, Computersysteme entwickelten sich und Software würde besser und besser.

SPIEGEL: Und ebenso, meinen Sie, sei die Wikipedia-Idee eine Falle?

Lanier: Genau deswegen schlage ich ja jetzt Krach. Diese Dinge fangen klein an und werden dann größer und größer. Mir graut vor der Vorstellung, in 15 oder 20 Jahren könnte Erziehung auf dem Wikipedia-Prinzip beruhen: Man ermittelt den Durchschnitt von Meinungen.

SPIEGEL: Übertreiben Sie jetzt nicht?

Lanier: Keineswegs. Nehmen Sie meine Arbeit als Berater. Früher wurde ich gebeten, mir über ein bestimmtes Problem Gedanken zu machen. Seit neuestem gibt es jedoch die seltsame Sitte, nicht einen, sondern einen ganzen Pulk von Experten zu beauftragen. Und die schreiben dann nach dem Wiki-Prinzip zusammen ein Gutachten, das von allen zur gleichen Zeit redigiert wird. Am Ende kommen bizarre Zwischenideen heraus, die kaum einen Wert haben. Eine schreckliche Art der Gedankengleichmacherei.

SPIEGEL: Wenn dabei immer Unsinn herauskommt, wird sich dieses Prinzip kaum durchsetzen.

Lanier: Leider setzen viele in der Elite der Computerwelt auf die Weisheit der Massen. Einer der einflussreichsten Wirtschaftsbosse im Silicon Valley zum Beispiel erzählte mir kürzlich, dass er aufgrund des Erfolgs der Wiki-Methode nun nach Algorithmen suche, mit deren Hilfe sich Musik finden lasse, die viele Menschen gut fänden. In zehn Jahren, so meint er, werde es möglich sein, im Internet Musik zu generieren, die den Leuten besser gefalle als alles, was sich ein einzelner Musiker ausdenken könne. Kinder brauchten dann gar keine Instrumente mehr zu lernen.

SPIEGEL: Vielleicht können Computer ja wirklich manches besser? Vielleicht sind sie besser geeignet, Musik herzustellen?

Lanier: Das kann nur sagen, wer glaubt, die Realität sei eigentlich nur ein gigantischer Computer und unsere Aufgabe sei es, seine Software zu verbessern. Diese Auffassung wird wirklich von manchen vertreten. Der Mensch selbst ist für sie in keinem Sinne wichtig.

SPIEGEL: Halten Sie das für mehr als die Spinnerei von ein paar Computerfreaks?

Lanier: Es ist im Grunde eine neue Religion. Diese Leute glauben an etwas Ewiges, Unsterbliches. Sie haben ihre Rituale, ihre drolligen Überzeugungen, ihre Heiligen. Solange dieses Menschenbild zu einer kleinen Subkultur gehört, mag sich das niedlich anhören. Aber es ist ernst. Computer haben mit jedem Jahr mehr Einfluss darauf, wie wir miteinander in Kontakt treten und wie wir unser Leben denken. Und mit den Computern werden auch die Ideen der Freaks immer mehr Teil des kulturellen Mainstreams. Und diese Ideen als Mehrheitskultur? Das wird eine grausame Welt!

SPIEGEL: Das alles klingt sehr apokalyptisch. Sie sagen doch selbst, alles in allem sei das Internet ein erfolgreiches Experiment.

Lanier: Zugegeben. Aber das System kann einen auch überwältigen. Nehmen Sie das Beispiel Google. Diese Suchmaschine erntet die Früchte des Kollektivs. Da wird eine Menge Geld verdient, obwohl das System gänzlich auf der Arbeit anderer Menschen aufbaut - und die kriegen gar nichts. Wenn Sie das in die Zukunft denken, dann sehen Sie: Der Einzelne wird zum bloßen Zuträger; die Macht hingegen liegt beim Ansammler, beim Aggregator. Wenn das kein Szenario für politische Vorteilsnahme ist ...

SPIEGEL: Angenommen, Sie hätten die Möglichkeit dazu, was würden Sie am Internet verändern?

Lanier: Ich würde eine Technik erfinden, wie man im Internet unmittelbar mit Inhalten Geld einnehmen kann. Das wäre für viele Menschen der Anreiz, anspruchsvolle Dinge im Internet zu veranstalten und zu veröffentlichen. Sofort gäbe es eine Fülle unterschiedlichster ernstzunehmender Stimmen - und dem Kollek-tivismus wäre die Grundlage entzogen.

SPIEGEL: Herr Lanier, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

* Mit den Redakteuren Jörg Blech und Rafaela von Bredow in seinem Haus in Berkeley, Kalifornien.

DER SPIEGEL 46/2006
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