13.11.2006

POP

Mein Bruder lügt

Von Dallach, Christoph und Hüetlin, Thomas

Oasis-Chef Noel Gallagher über das neue Album "Stop the Clocks", seine Geldverschwendungsorgien und die ewigen Streitereien mit dem Sänger der Band, seinem Bruder Liam

Oasis zählen zu den erfolgreichsten britischen Rockbands der vergangenen 20 Jahre. Seit Anfang der Neunziger von den Brüdern Liam und Noel Gallagher betrieben, wurden die Mitbegründer des Britpops mit einem melodiösen Gitarrensound und Hits wie "Wonderwall" berühmt, ihr Album "(What's the Story) Morning Glory?" (1995) verkaufte sich 19 Millionen Mal. Als Verfechter des Rock'n'Roll-Lebensstils machten die Brüder immer wieder mit Exzessen und öffentlich ausgetragenen Streitereien von sich reden.

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SPIEGEL: In dieser Woche erscheint "Stop the Clocks", eine Werkschau Ihrer Band Oasis. Ist das die Bilanz Ihrer Karriere oder nur die Quelle für Ihr diesjähriges Weihnachtsgeld?

Gallagher: Es ist einfach die letzte Platte, die wir der Plattenfirma schulden. Nun ist die Pflicht erfüllt, wir sind erlöst. Einen neuen Vertrag werden wir nicht abschließen, sondern unsere Musik künftig auf eigene Rechnung veröffentlichen.

SPIEGEL: Können Sie es sich leisten, ohne einen großen Musikkonzern auszukommen?

Gallagher: Wenn man eine Band startet, geht man zu einer großen Firma, um das nötige Geld geliehen zu bekommen. Aber mit Oasis haben wir längst so viel verdient, dass wir von niemandem mehr Geld annehmen müssen. Deshalb haben wir unsere eigene Plattenfirma gegründet.

SPIEGEL: Auf "Stop the Clocks" ist kein neues Lied. Fällt Ihnen nichts mehr ein?

Gallagher: Wissen Sie, diese Platte interessiert mich überhaupt nicht. Wir haben sie nur zusammengestellt, damit es unsere alte Firma nicht ohne uns tut - denn das hatten sie da angeblich vor. Ich sehe die Platte eher als Oasis-Einstieg für kommende Generationen. Als Teenager hörte ich viel über die Beatles. Also ging ich in einen Laden, um mir etwas von ihnen zu besorgen, und weil ich nur Geld für eine Platte hatte, besorgte ich mir eine Sammlung ihrer besten Lieder. So habe ich auch die Musik von The Who, den Small Faces und den Kinks entdeckt.

SPIEGEL: Sie haben alle Songs für "Stop the Clocks" ausgewählt. Funktioniert die Band Oasis nicht als Demokratie?

Gallagher: Oasis war noch nie eine Demokratie. Ich schreibe nun mal die meisten und besten Songs bei Oasis. Also ist es nur logisch, dass ich auch bestimme, was gemacht wird. Leider sind Oasis eine Demokratie, was das Geld betrifft.

SPIEGEL: Auf Ihrer Retrospektive sind weitaus mehr alte als neue Lieder. Waren Oasis früher besser?

Gallagher: Das weiß doch jeder. Warum um den heißen Brei herumreden? Ich könnte mich jetzt ins Zeug legen, um Ihnen klarzumachen, dass wir von Platte zu Platte besser werden - aber wir wissen alle, dass das nicht wahr ist. Ich habe begriffen, dass ich eine Nummer wie "Live Forever" nicht mehr schreiben kann.

SPIEGEL: Eine bittere Erkenntnis?

Gallagher: Das ist eine Frage des Alters. Ich bin nicht mehr 21, sondern 39. Ich bin ein anderer Mensch geworden, und mein Leben ist sehr viel weniger aufregend. Nehmen Sie die Rolling Stones, die sind seit Jahrzehnten von ihrer Bestform entfernt und haben ihre besten Lieder geschrieben, als sie in den Zwanzigern waren. Die Beatles haben noch viel schneller abgebaut. Eine späte Platte wie "Abbey Road" ist absoluter Schrott.

SPIEGEL: Kann man das Schreiben von Liedern lernen?

Gallagher: Kunst kann man nicht lernen. Picasso hätte ja auch keinem Amateur erklären können, wie man geniale Bilder malt. Man muss spüren,

dass man da eine Gabe in sich hat, oder man spürt eben nichts. Keith Richards hat mal gesagt, wer die umfangreichste Plattensammlung hat, schreibt die besten Lieder. Das ist wahr. Ich habe von klein auf endlos Platten angehört, sie immer wieder aufgelegt, bis ich jeden Ton, jeden Akkord auswendig kannte. Mich hat nie etwas anderes als Musik interessiert.

SPIEGEL: Wie lange sind Sie zur Schule gegangen?

Gallagher: Von 5 bis 15. Zehn verschwendete Jahre. Ich hatte keine Lust zu lernen, was sie da anboten, und bin ohne Abschluss abgegangen. Auf einer alten Gitarre meines Vaters habe ich mir dann selber beigebracht, wie man spielt. Irgendwann zeigte mir jemand die Griffe zu "House of the Rising Sun". Als ich die beherrschte, hielt ich mich für ein Genie. Ich hatte den Job als Roadie, schleppte Gitarrenkoffer, baute bei Konzerten die Anlage auf und dachte, ich sei im Rock'n'Roll-Olymp angekommen. Also Drogen nehmen, viel trinken, durch die Welt reisen. Dann schloss ich mich der Band meines kleinen Bruders an. Jetzt sitze ich hier.

SPIEGEL: Zu den Traditionen im Rock'n'Roll gehören auch wilde Streitereien innerhalb der Band. Die Brüder Ray und Dave Davies von den Kinks haben sich auf der Bühne vor Publikum geprügelt. Ihr Verhältnis zu Ihrem Bruder Liam, dem Sänger, galt auch häufig als angespannt. Haben Sie sich mit den Jahren zusammengerauft?

Gallagher: Ich würde es eher als Waffenstillstand bezeichnen. Mick Jagger und Keith Richards mögen sich nicht besonders. Pete Townshend und Roger Daltrey von The Who sind auch keine Freunde. Na und? Wenn es an die Arbeit geht, reißen wir uns zusammen. Fest steht, dass Liam mich nicht ausstehen kann - obwohl er stets das Gegenteil behauptet. Ich bin kein Idiot und kapiere, dass mein Bruder lügt. Ich interessiere mich einfach nicht mehr für ihn. Seine Kinder, seine Freundinnen sind mir gleichgültig.

SPIEGEL: 1997 sind Sie nicht mal auf seiner Hochzeit aufgetaucht.

Gallagher: Ich hatte da nichts ver-loren. Dass ich ihn ignoriere, treibt Liam zur Weißglut. Vor ein paar Jahren hatte ich ihn noch mal zu Weihnachten in mein Haus eingeladen. Ich habe gewagt zu sagen, dass ich Oasis nicht für die beste Band der Welt halte, woraufhin er einen Tobsuchtsanfall bekam. Ich habe ihn rausgeschmissen, und seitdem herrscht überwiegend Funkstille. Falls ich vor ihm sterben sollte, werde ich an der Himmelspforte auf ihn warten und dafür sorgen, dass sie ihn nicht reinlassen.

SPIEGEL: Sie waren dabei, als Tony Blair vor neun Jahren seinen Job als Premierminister antrat. Unter dem Motto "Cool Britannia" versuchte er, populäre Künstler wie Sie für sich einzuspannen. Nun steht sein Abgang bevor. Trauern Sie ihm nach?

Gallagher: Das ist das Ende einer Ära, und ich bereue nicht, ihn damals unterstützt zu haben. Es ist schwer erträglich, wie die britischen Medien seit geraumer Zeit über Blair herfallen: all diese Mittelstandsjournalisten,

die immer einen Hass auf die Labour-Partei hatten. Das bestärkt mich in meinem Grundmisstrauen diesem Berufsstand gegenüber. Die meisten Schreiber können halt wenig anfangen mit Working-Class-Typen wie mir. Menschen, die wie ich keine Bücher lesen, keine Autorenkinofilme schauen und keine tolle Schulausbildung haben. Diese Typen ärgert, dass ich trotzdem einen Rolls-Royce besitze. Und sie wurmt, dass ich in No. 10 Downing Street eingeladen war, und die meisten Journalisten waren es eben nicht.

SPIEGEL: Was wollte Blair vom Rockstar Noel Gallagher?

Gallagher: Er wollte sich vor allem pressewirksam mit mir fotografieren lassen. Das habe ich kapiert, so blöd bin ich auch nicht. Ich war von seiner Energie beeindruckt, hatte gehört, dass er nächtelang durcharbeitet. Also fragte ich ihn, wie er das anstellt. Er lachte und meinte, dass er das ganz sicher anderen Mitteln als ich zu verdanken habe. Netter Kerl.

SPIEGEL: Blair wurde immer wieder vorgeworfen, mit seinem "New Labour"-Programm die alte Arbeiterpartei von der traditionellen Basis wegreformiert zu haben. Wählen Sie noch Labour?

Gallagher: Ich habe Blair gewählt, und ich werde mein Leben lang Labour treu bleiben. Egal, wen die ins Rennen schicken. Ich komme aus der Working Class und empfinde es als Pflicht, Labour meine Stimme zu geben; besonders wenn mir irgendwelche Schlaumeier erklären wollen, dass sich die Partei von den Arbeitern wegentwickelt. Und wenn Sie sich das von ihm mitverantwortete Irak-Debakel mal wegdenken, hat Tony Blair eine erstklassige Bilanz vorzuweisen. Weil hier gute Arbeit geleistet wird, zahle ich in England gern Steuern. Pop-Millionäre wie Robbie Williams, die wegziehen, um ihre Millionen zu retten, kann ich nicht ertragen.

SPIEGEL: Und Sie sind der gute Steuerzahler, der noch nie was am Fiskus vorbeigemogelt hat?

Gallagher: Warum sollte ich das tun? Ich bin bereits reich. Oasis haben mehr als 40 Millionen Alben verkauft. Ich habe mehr Geld, als ich jemals ausgeben kann.

SPIEGEL: In welche Hedgefonds haben Sie investiert?

Gallagher: Ich habe super verdient, aber auch viel ausgegeben. Für Frauen, Drogen und den üblichen Mist. Ich habe 107 Gitarren, 200 Paar Schuhe, 4 Autos ...

SPIEGEL: ... aber Sie haben doch nicht mal den Führerschein, oder?

Gallagher: Na und? Ich habe auch einen Super-Pool und kann nicht schwimmen. SPIEGEL: Ihre Heimatstadt Manchester ist in den vergangenen Jahren vom sozialen Brennpunkt zur Vorzeige-Boomtown aufgestiegen. Fühlen Sie sich da noch wohl?

Gallagher: Ich glaube, es war 1996, als die IRA mitten in Manchester eine Autobombe hochgehen ließ. Die Zerstörungen waren enorm, und ich bin sicher, dass die Jungs von der Stadtverwaltung gefeiert haben, dass die ganzen hässlichen Gemäuer endlich weg waren. Denn der Bürgermeister ließ daraufhin fast das ganze Viertel abreißen und durch Stahlglastürme ersetzen. Sehr schick, aber natürlich auch komplett ohne Charme. Ich trauere dem alten Manchester nicht nach. Es war toll da in den achtziger Jahren, aber legendäre Clubs wie die Hacienda sind eben auch Geschichte. Ich bin sehr zufrieden in London, wo ich lebe, und wenn ich da mal weggehe, muss es schon New York sein.

SPIEGEL: Sie sind nun auch fast 40. Wie anstrengend wird Rock'n'Roll im Alter?

Gallagher: Der Körper ist eine natürliche Bremse. Früher habe ich es geliebt, die Puppen tanzen zu lassen. Wenn ich heute am Abend vor einem Konzert ein Bier zu viel trinke, schaffe ich es am nächsten Tag kaum noch auf die Bühne.

INTERVIEW: CHRISTOPH DALLACH,

THOMAS HÜETLIN

* Oben: mit den Brüdern Liam (M.), Noel Gallagher (r.); unten: in Tony Blairs Amtssitz No. 10 Downing Street 1997.

DER SPIEGEL 46/2006
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